Umtausch eines alten deutschen Führerscheins in Ungarn / Ein Erlebnisbericht
Eine Metamorphose mit Überraschungen
Ja, schweren Herzens, schließlich ist es ein Dokument mit Erinnerungswert, welches mich fast fünf Jahrzehnte und über zehntausende Kilometer lang begleitet hat. Auch wenn ich ihn nicht, wie manch einer, im Geldbeutel in der Gesäßtasche getragen habe – der dann mit der Zeit die Form des Allerwertesten annahm –, so war er doch irgendwie ein Teil von mir.
Die Tage des „Lappens“ sind gezählt
Ich bin kein allzu großer Fan von Social Media-Plattformen, trotzdem wollte ich dieses Mal meine Gedanken zu diesem denkwürdigen Tag im Kreise meiner Freunde und Bekannten kundtun. Gesagt, getan, und ….WOW…. es hagelte Kommentare – witzige, nachdenkliche, besorgte sowie private Nachrichten mit Fragen über Fragen. Anscheinend wissen viele meiner aus Deutschland übergesiedelten deutschen und ungarischen Freunde tatsächlich nicht, dass die alten deutschen Führerscheine getauscht werden müssen.

Hier nun die wichtigsten Infos für die interessierten und betroffenen BZ-Leser: Gemäß der EU-Führerscheinrichtlinie müssen alle vor dem 19. Januar 2013 ausgestellten Führerscheine bis zum 19. Januar 2033 umgetauscht werden. Dies geschieht gestaffelt nach dem Geburtsjahr des Inhabers der Fahrerlaubnis, so waren bis 19. Januar 2022 die Geburtsjahrgänge 1953 bis 1958 dran. Die nächste Gruppe der von 1959 bis 1964 Geborenen muss spätestens bis zum 19. Januar 2023 den alten Führerschein gegen ein fälschungssicheres EU-Dokument in Scheckkartenformat getauscht haben. Alle jüngeren Autofahrer können sich noch etwas Zeit lassen.
Bei Führerscheinen mit einem Ausstellungsdatum nach dem 1. Januar 1999 ist das Ausstellungsjahr maßgeblich. Alle Details und Termine sind auf der entsprechenden Internetseite der Bundesregierung sowie der Internetseite des Bundesverkehrsministeriums nachzulesen. Gute Nachricht für diejenigen, die den Termin vom 19. Januar 2022 verpasst haben: Da es coronabedingt zu möglichen Engpässen bei den Führerscheinstellen kommen kann, wird bis zum 19. Juli 2022 kein Bußgeld erhoben.
Eine wundersame Metamorphose
Hier nun mein Erlebnisbericht über die wundersame Metamorphose des grauen deutschen „Lappens“ in eine ungarische Fahrerlaubnis (Vezetői engedély) und über die oft erstaunlich kurzen und geraden Wege der Bürokratie in Ungarn.
Nachdem ich mich schon vor längerer Zeit telefonisch erkundigt hatte, machte ich mich schließlich Mitte Dezember auf den Weg zur Verwaltungsbehörde (kormányablak) von Pannonhalma, ohne Termin, einfach so – ich lebe in einem kleinen Ort südlich von Győr, also in der Provinz (vidék, wie es etwas abfällig auf Ungarisch heißt). Kaum hatte ich Platz genommen, wurde ich zu meinem Erstaunen schon aufgerufen.
Die zuständige, übrigens sehr zuvorkommende Sachbearbeiterin erklärte mir das Vorgehen, kopierte meinen Führerschein, den Personalausweis sowie die Adresskarte (lakcímkártya). Die Dokumente würden via Innenministerium zur Prüfung an die deutschen Behörden weitergeleitet, teilte sie mir mit.
Überraschung!
Ach, du liebe Zeit, das kann dauern, dachte ich mir… Aber schon bald wurde ich eines Besseren belehrt: in der ersten Januarwoche teilte mir die freundliche Dame vom Amt telefonisch mit, dass alles in Ordnung sei und ich nun den Antrag stellen könne.
Also wieder auf ins Amt! Die ärztliche Fahrtüchtigkeitsbescheinigung hatte ich dabei, das Foto wurde vor Ort gemacht (nicht besonders schmeichelhaft, aber bei Weitem nicht so grauenvoll wie das biometrische Foto in meinem Personalausweis). Antrag unterschrieben, die Gebühr von 1.500 Forint entrichtet und das war’s, absolut unkompliziert und reibungslos. In acht bis zehn Tagen könne ich mit der postalischen Zustellung meines neuen ungarischen Führerscheins rechnen.
Nächste Überraschung!
Doch siehe da, schon nach zwei Tagen brachte der Postbote meine neue Fahrerlaubnis in Scheckkartenformat. Ehrlich gesagt, ich war fast sprachlos … Und das bin ich wirklich selten! Auf diese schnelle, korrekte und fast unbürokratische Erledigung war ich wirklich nicht gefasst. Und das bei einer Behörde in einer nordwestungarischen Kleinstadt, unglaublich!
Übrigens gibt es die Möglichkeit, eine Reihe von Verwaltungsangelegenheiten auf elektronischem Wege (ügyfélkapu) zu erledigen, ohne zeitaufwendige Behördengänge.
Zugegeben, als Ungarin, die den größten Teil ihres Lebens im „Westen“ verbracht hat, war ich selbst nach fast 25 Jahren in Ungarn immer noch etwas skeptisch, was Behördengänge hierzulande betrifft, aber dieses jüngste Erlebnis hat meine letzten Zweifel ausgeräumt.
Einziger Wermutstropfen bei der ganzen Sache: Ich durfte meinen alten „Lappen“ nicht behalten. Nun, das konnte ich angesichts der durchweg guten Erfahrungen locker wegstecken, im digitalen Zeitalter sollte man sich ohnehin nicht mit zu viel Papier belasten.
