Kenner können die Stickereien auf Grund ihrer Ornamente sofort einem entsprechenden Ort zuweisen.

Traditionsbewahrer Ferenc Rácz

Ein Mann, der stickt

Egal, ob in den von Touristen belagerten Straßen der hauptstädtischen Innenstadt oder an heimischen Stars: ungarische gestickte Motive sind überall.

Stellt man sich dann vor, wie die feilgebotenen Tischdecken und Kleidungsstücke gefertigt werden, denken wohl die meisten an ältere Frauen, die gemeinsam im Kreis sitzen und schwatzend sticken. Doch das ist nicht immer der Fall. Ferenc Rácz ist tagsüber Gas-Wasser-Installateur und am Abend passionierter Sticker.

Wir besuchen Ferenc in seinem Zuhause in Bogyiszló. Die Gemeinde in der Nähe von Baja ist ordentlich und hübsch, doch das Haus von Ferenc und seiner Familie sticht hervor. Mit traditionellen Blumenmustern sind Gartentor und Haus verziert. Hier lebt ein Künstler, das ist schon von außen sichtbar. Im Hof begrüßt uns eine fröhliche Schäferhündin, eine grau-getigerte Katze verschwindet im Schuppen. Hier herrscht Harmonie, das wird sofort klar.

Gas-Wasser-Installateur und Sticker Ferenc Rácz mit seiner Familie.

Beinahe 30 Jahre – und immer noch begeistert

Ferenc führt uns ins Wohnzimmer, wo wir neben dem Sofa auch schon sein Nähkästchen entdecken. Dessen Inhalt ist seit mehr als 29 Jahren Teil seines Lebens, wobei er seine ersten Nadelstiche eher durch Zufall machte. Denn alles begann an einem regnerischen Sommernachmittag im Familienurlaub in Harkány: „Ich war 14 Jahre alt und wir waren im Sommerurlaub. Als es an einem Nachmittag regnete, nahm meine Mutter ihr Handarbeitszeug hervor und fing an, zu sticken.“

Der Teenager wurde neugierig und ließ sich von seiner Mutter die ersten Grundlagen zeigen. „Ich habe damals eine kleine Tischdecke gemacht, die war aber nicht sonderlich hübsch”, erinnert sich Ferenc schmunzelnd.

Sticken war schon damals nicht das angesagteste Hobby für Jungen im Teenager-Alter, und so nahm auch Ferenc sein Stickzeug nur hier und da zur Hand: „Ich habe Tischdecken und Gardinen gestickt, aber nicht wirklich fortlaufend. Außerdem vergeht einem irgendwann die Lust, wenn das Endprodukt nicht getragen oder benutzt wird.“ Dieses Phänomen hat sogar einen eigenen Namen, wie Ferenc einst von einer alten Dame hörte: „für die Schublade sticken“.

„Das ging mir halt auch so und deswegen habe ich zu Beginn nur für die Familie gestickt.“ Doch alles änderte sich, als Ferenc das Logo seiner Lieblingsband stickte.

Auf cremefarbenem Grund prangt es noch heute und sieht aus, als wäre es von einer Präzisionsmaschine gefertigt worden. Doch das ist alles Handarbeit und Ferenc ist zu Recht stolz darauf. Mit dem selbstbestickten T-Shirt wurde Ferenc auch mutiger, er begann, mit anderen Kleidungsstücken zu experimentieren.

Schon bald entdeckte er Schuhe. Diese sind bis heute seine beliebtesten Artikel, verrät er uns. Tatsächlich ging sein erstes Paar bestickte Converse nach Deutschland: „Ich hatte mir eine kleine Schablone angefertigt und habe anhand ihrer Löcher gearbeitet und danach die Fäden einfach festgezogen.“ Man sieht Ferenc an, dass ihn seine frühere Arbeitsweise heute amüsiert: „Heute skizziere ich freihändig drauf los und sticke dann einfach.“

Schuhe sind bis heute seine beliebtesten Artikel.

Das ist vermutlich auch einer der Gründe, warum kein Schuh oder Kleidungsstück wie das andere ist. Obwohl auf Schuhen zumeist Rosen, Vergissmeinnicht und Veilchen prangen, achtet Ferenc immer darauf, dass er stets eine kleine Variation einbaut: „Ich erinnere mich, dass ich einmal eine Bestellung hatte, bei der sechsmal das gleiche Motiv gefordert war. Ich habe dann aber mit den Blättern variieren können, sodass am Ende doch kein Schuh wie der andere war.

Doch nicht nur Converse werden von Ferenc verschönert. Auch Stiefel, Kleider, Röcke und T-Shirts. Die Möglichkeiten sind zahlreich und auch die Herausforderungen, mit denen seine Kunden Ferenc gelegentlich überraschen. So erinnert er sich beispielsweise, dass einmal eine Kundin einen Traumfänger auf einen Schuh gestickt haben wollte – und Ferenc erfüllte ihr diesen Wunsch. Es gibt fast nichts, was der geschickte Installateur nicht sticken kann, aber sein Herz gehört den Bogyiszlóer Blumen.

Blaue Blumen als Erkennungsmerkmal

Obwohl viele Kunden mit einer konkreten Idee zu Ferenc kommen, gibt es auch immer Menschen, die ihn um Inspirationen bitten. Und in diesen Momenten gibt es für Ferenc nur eine Antwort: „Blumen aus Bogyiszló“.

Dem ungeübten Auge mag der Unterschied zwischen den Blumenmustern nicht auffallen, aber Ferenc erklärt, worauf man achten muss: „Oft werde ich angerufen und Menschen hätten gern Schuhe mit Mustern aus Kalócsa. Einfach, weil sie das kennen. Dabei gibt es so viel mehr! Bogyiszló, mein Heimatdorf, hat beispielsweise eine eigene Motivwelt, in der blaue Blüten Teil des Bildes sind.“

Aus Lokalpatriotismus empfiehlt Ferenc Unentschlossenen deswegen immer „sein“ Muster. Inzwischen ist Ferenc vermutlich der letzte Mensch, der diese Motive noch stickt.

Jede Region hat ihre Motive

Denn Ferenc machte sich auf und besuchte die alten Damen im Dorf, um von ihnen zu lernen. Dabei erfuhr er, dass Bogyiszló tatsächlich eine eigene Motivwelt hat, ganz wie Kalócsa oder Matyó: „Obwohl es auf den ersten Blick den beiden gleicht, besticht es durch die Reinheit der Motive. Die blauen Blüten werden ausschließlich hier in Bogyiszló gestickt. Und mittlerweile vermutlich leider nur noch von mir.“

Bei Stickmotiven gibt es ebenso regionale Unterschiede wie bei der Sprache oder in der Küche: „Manchmal reicht es schon, nur 30 Kilometer weiter zu gehen, und schon findet man ganz andere Muster und Motive“, erklärt Ferenc. Muster aus Kalócsa und die Matyó-Stickerei sind eben nur am bekanntesten.

Alles, was aus Stoff ist, kann Ferenc mit Stickereien verzieren.

Dazu hat sicherlich auch Luis Hamilton beigetragen, als er einmal in traditionell ungarisch-besticktem Overall beim Großen Preis von Ungarn antrat.

Ferenc ist über so etwas nicht immer glücklich: „Natürlich kenne auch ich nicht alle Motive und regionalen Eigenarten, aber gerade Matyó und Kalócsa werden manchmal sehr oberflächlich benutzt. Ich habe beispielsweise mal eine Tätowierung gesehen, bei der Blüten aus Kalócsa mit Elementen der Matyó-Stickerei gemischt waren.“

Auch Ferenc hatte schon Anfragen, bei denen Menschen verschiedene Regionen oder Stile mischen wollen. „Aber das mache ich einfach nicht, das gehört nicht zusammen.“

Geduld und Selbstbewusstsein

So entschlossen er bei der Reinheit der Motive ist, so geduldig ist er beim Sticken. Mehr noch, seine Geduld verleiht ihm eine ganz einzigartige Selbstsicherheit: „Auch wenn ich sonst vielleicht eher der Macher bin, aber beim Sticken bin ich unheimlich geduldig.“

Seine Leidenschaft versteckt er nicht, ganz im Gegenteil: „Bei der Firma, bei der ich vorher als Installateur gearbeitet habe, haben sich meine Kollegen am Anfang sehr über mich gewundert. In der Mittagspause habe ich gegessen und dann gestickt.“

Doch das Wundern schlug schnell in Bewunderung um, als sie sahen, wie wunderschön die fertigen Produkte sind: „Nach ein paar Tagen hatten sie sich daran gewöhnt und waren dann sogar stolz auf ihren Kollegen, der stickt.“ Seine Kollegen haben sein Hobby zwar nicht übernommen, doch Ferenc kann es jedem nur wärmstens empfehlen: „Sticken kann man relativ leicht einfach anfangen. YouTube-Tutorials bieten heute eine tolle Grundlage.“

Sogar in New York interessieren sich Leute für die Stickereien aus Bogyiszló.

Ansonsten arbeitet man sich einfach Schritt für Schritt vor: Nadel einfädeln und vor allem immer darauf achten, den Stoff nicht zu stark zusammenzuziehen – das sind laut Ferenc die ersten und wichtigsten Regeln.

Arbeiten für den Weltmarkt

Die außergewöhnlichen Kreationen aus Bogyiszló haben mittlerweile Berühmtheit weit über das Heimatdorf von Ferenc hinaus erlangt. Nicht nur in Budapest und Baja kann man seinen Stücken begegnen.

Der „Mann, der stickt“ versendet regelmäßig Bestellungen in alle Welt, von New York bis Australien. Ferenc freut es sehr, dass seine Arbeiten getragen werden. Bei all der Liebe und Hingabe, die er in seine Handarbeit steckt, ist es auch kaum verwunderlich, dass seine Kreationen nicht mehr „für die Schublade gestickt“ werden.

Wer selbst ein Paar Schuhe mit Muster aus Bogyiszló möchte oder vielleicht eine eigene Idee hat, der kann diese ganz einfach verwirklichen lassen. Ferenc nimmt Auftragsarbeiten an. Auch Workshops können gebucht werden.

Mehr Informationen und Muster seiner Arbeiten hier.

Schreibe einen Kommentar

Weitere Artikel