Neue ungarische Filme: Csendes barát (Der leise Freund)
Ein Baum, der zuhört
Man muss nicht an Esoterik glauben, um sich von Ildikó Enyedis neuem Film berühren zu lassen. „Der leise Freund“, der bei den 82. Internationalen Filmfestspielen von Venedig gleich sechs Preise gewann und von Sight & Sound zu den Filmen des Jahres gezählt wurde, kommt ganz ohne große Gesten aus. Hier genügt ein Ginkgo-Baum, um eine ganze Welt von Einsamkeit, Erinnerung und vorsichtiger Annäherung zu eröffnen. Enyedi erzählt keinen Film über Pflanzen – sondern über die Kunst, still zu werden und hinzusehen.
„DER LEISE FREUND“
Regie und Drehbuch: Ildikó Enyedi
Musik: Gábor Keresztes
Schauspieler: Léa Seydoux, Tony Leung Chiu-Wai, Luna Wedler, Rainer Bock, Martin Wuttke, Sylvester Groth, Johannes Hegemann
Drehorte: Deutschland, Frankreich, China, Belgien, Ungarn
Originalsprache: Deutsch
Premiere: 29. Januar 2026
Der Film beginnt ganz unspektakulär: mit einem Baum. Genauer gesagt mit einem Ginkgo, der seit Jahrhunderten in einem botanischen Garten in Marburg steht. Enyedi widmet ihm so viel Zeit und Aufmerksamkeit wie ihren menschlichen Figuren – und macht daraus keinen Gag, sondern eine stille, fast selbstverständlich wirkende Setzung: Auch Pflanzen sind Teil unserer Geschichte. Vielleicht sogar unserer inneren Geschichte.

Drei Menschen, drei Zeiten, ein Ort
1908, 1972 und 2020 kreuzen sich in diesem Garten die Wege von Grete, Hannes und Dr. Wong. Sie verbindet wenig – außer einer eigentümlichen Einsamkeit und der vagen Hoffnung, dass sich jenseits der üblichen Formen von Nähe noch andere Arten der Verbindung entdecken lassen. Und vielleicht der Ginkgo selbst, dieser stumme Zeuge der Jahrzehnte, der in Enyedis Film nicht bloß Kulisse ist, sondern ein stilles Gegenüber wird.
Grete, die erste Biologiestudentin ihrer Universität, kämpft nicht nur um wissenschaftliche Anerkennung, sondern auch um das Recht, überhaupt ernst genommen zu werden. Hannes, der in den frühen Siebzigern zwischen Revolutionsromantik und Liebesverlegenheit schwankt, sucht weniger Antworten als Mut. Und Dr. Wong, ein Neurowissenschaftler aus Hongkong, bleibt während der Pandemie auf dem verlassenen Campus zurück – und findet in der unfreiwilligen Isolation einen Gesprächspartner, der nicht widerspricht.
Enyedi erzählt diese drei Geschichten nicht parallel, sondern wie Variationen eines leisen Themas: Was geschieht, wenn man die Welt nicht nur benutzt, sondern betrachtet? Wenn man nicht sofort Antworten erwartet, sondern auch bereit ist, Fragen auszuhalten?
FINANZIERUNG
Die deutsch-französisch-ungarische Koproduktion wurde aus einem Gesamtbudget von rund 10,5 Millionen Euro realisiert. Diese Summe wurde bereits in Berichten nach der Weltpremiere genannt und bezieht sich somit nicht nur auf geplante Fördermittel, sondern auf die tatsächlich bewilligten und eingesetzten Produktionskosten.
Bereits in der Entwicklungsphase erhielt das Projekt eine Förderung von 500.000 Euro aus dem europäischen Filmfonds Eurimages. Darüber hinaus wurde der Film durch weitere nationale und internationale Filmförderungen sowie durch öffentliche Koproduktionspartner finanziert.
Mit einem Budget von 10,5 Millionen Euro bewegt sich der Film im Bereich einer gehobenen europäischen Arthouse-Produktion: deutlich über dem Durchschnitt vieler Autorenfilme, zugleich aber noch weit entfernt von den Kosten großer Hollywood-Produktionen.
Schwarzweiß, kühl und langsam
Formal ist der Film ebenso fein komponiert wie inhaltlich. Die Epochen unterscheiden sich nicht nur durch Kostüme und Gesten, sondern auch durch das Material selbst: Schwarzweiß, körniger 16-mm-Film, kühle Digitalbilder. Es ist, als hätte jede Zeit ihre eigene Textur, ihren eigenen Atem. Und doch bleibt der Ort derselbe, der Baum derselbe und die Sehnsucht nach Verbindung dieselbe.
Dass Enyedi dabei nie ins Esoterische abgleitet, ist ihrer besonderen Mischung aus Zärtlichkeit und Humor zu verdanken. Wenn Sensoren montiert, Gedichte rezitiert oder vorsichtige Experimente mit Wahrnehmung und Aufmerksamkeit unternommen werden, dann geschieht dies immer mit einem Augenzwinkern. Die Figuren dürfen irren, scheitern und sich lächerlich machen – und bleiben uns gerade deshalb nah.

Besonders berührend ist Tony Leung als Dr. Wong: ein Mann, der in den leeren Räumen der Universität fast selbst zu einer Erscheinung wird und dessen stille Präsenz mehr erzählt, als es lange Dialoge könnten. Seine Einsamkeit ist keine Pose, sondern ein Zustand, und seine vorsichtige Hinwendung zum Baum ist kein symbolischer Akt, sondern ein Versuch, in einer aus den Fugen geratenen Welt Halt zu finden.
Ein Film über Aufmerksamkeit
„Der leise Freund“ ist kein Film über Pflanzen. Es ist ein Film über Aufmerksamkeit. Über das langsame Sehen. Über die Möglichkeit, dass Nähe dort entsteht, wo man sie nicht geplant hat. Und über die tröstliche Vorstellung, dass man vielleicht nicht allein ist, selbst wenn man es glaubt.
Ildikó Enyedi hat schon oft vom Widerstand gegen die Einsamkeit erzählt. Einmal fanden zwei Menschen zueinander, weil sie von Hirschen träumten. Diesmal genügt ein Baum – und die Bereitschaft, ihm zuzuhören. Und vielleicht, ganz leise, auch sich selbst.
ILDIKÓ ENYEDI

Geboren 1955 in Budapest.
• Ungarische Regisseurin und Drehbuchautorin
• Internationaler Durchbruch mit Mein 20. Jahrhundert (1989, Caméra d’Or, Cannes)
• Körper und Seele (2017, Goldener Bär der Berlinale und Oscar-Nominierung)
• Seit 2017 Mitglied der Academy of Motion Picture Arts and Sciences
• Jurymitglied der Filmfestspiele von Venedig (2017) und Berlin (2021)
• Die Geschichte meiner Frau (2021, Wettbewerb um die Goldene Palme in Cannes)
• Der leise Freund (2025, Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig, mehrfach ausgezeichnet, Präsentation beim Toronto International Film Festival, Aufnahme in die Bestenliste von Sight & Sound)
• Markenzeichen: poetischer Realismus, leise Ironie, existenzielle Sensibilität
