„Obwohl die Kritik am amerikanischen Großinvestor George Soros in Ungarn sehr massiv ist, so betrifft sie nicht den Menschen Soros, sondern den Spekulanten und Lobbyisten, der sich massiv in die politischen Angelegenheiten Ungarns einmischt, was dessen politische Vertreter nun mal nicht gutheißen.“ Auf dem Foto: Soros-Kritiker Viktor Orbán im ungarischen Parlament. (Foto: MTI / Noémi Bruzák)

Essay zum Umgang mit dem Begriff „Verschwörungstheorie“

Diskutieren statt brandmarken!

Der österreichisch-britische Philosoph Karl Popper hat nach 1945 wesentlich dazu beigetragen, den Begriff „Verschwörungstheorie“ in der westlichen Welt bekannt zu machen.

In seinem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ spricht er von einer Verschwörungstheorie innerhalb der Gesellschaft, von der fatalen Vorstellung, dass gewisse „böse Gruppen“ im geheimen konspirieren, um die historischen Ereignisse in ihrem Sinne zu lenken. In den sechziger Jahren hat sich dann der amerikanische Geheimdienst CIA bewusst dieses Begriffes bedient, um all jene mundtot zu machen, die hinter dem Mord an dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy einen organisierten Staatsstreich vermuteten.

„Verschwörungstheoretiker“, wohin man schaut

Und auch heute ist es wieder modern, über „Verschwörungstheorien“ und „Verschwörungstheoretiker“ zu lästern. Überall taucht es auf, in Fernsehen, Printmedien, Hörfunksendungen und auf YouTube-Kanälen. Entweder als Hinweis darauf, dass sich bestimmte Gruppen gegen andere verschwören, oder als zu analysierendes Phänomen einer angeblich kränkelnden Gesellschaft, in der immer mehr Menschen paranoid werden.

„Ist Corona eine Verschwörung?“ kann man lesen, aber zur gleichen Zeit auch „Die angebliche Corona-Verschwörung – Was Impfgegner und Rechtsextreme gemeinsam haben.“ Selbst die Bundes­zen­tra­le für politische Bildung hat ihr eigenes Spezial zum Thema Verschwörungstheorien und gibt darin auch gleich eine praktische Anleitung, nämlich „wie man Verschwörungstheorien entlarven kann“.

Die Beispiele, die auf dieser Seite zitiert werden, machen deutlich, was für ein Sammelsurium an Vielfältigkeiten unter die Kategorie Verschwörungstheorie fallen kann. Im Mittelalter wurden Juden verdächtigt, die Pest zu verbreiten. Seit den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 in New York kursieren Verschwörungstheorien darüber, wer die Drahtzieher des unbegreiflichen Terrorakts sein könnten. Die Mondlandung habe es auch nie gegeben, sie wurde in einem US-Studio in der Wüste gefilmt.

Echsenmenschen und getürkte Mondlandung

Inzwischen verbreiten sich Verschwörungstheorien vor allem über das Internet und die sozialen Medien. Vorstellungen wie die Reptiloiden-Theorie, die hinter einflussreichen Persönlichkeiten – wie Angela Merkel – Echsenmenschen vermutet, erscheinen kurios. So weit, so gut, sicher ist das alles skurril, doch horcht man auf, wenn es in diesem Spezial im gleichen Ton weitergeht. „Die Coronavirus-Erkrankung (COVID-19) ist eine Infektionskrankheit, die durch ein neuartiges Virus verursacht wird. In sogenannten Alternativmedien werden Theorien verbreitet: Das Virus stamme aus einem Labor, es gäbe es überhaupt nicht oder dadurch solle die Weltbevölkerung reduziert werden. Dazu gibt es hier eine Übersicht mit Fakten, Methoden und Materialien.“

Ist auch dies eine Verschwörungstheorie und im gleichen Atemzug mit Reptiloiden-Theorien zu nennen? Immerhin haben sich Nobelpreisträger, wie der französische Virologe Luc Antoine Montagnier, öffentlich darüber geäußert, dass dieses Virus durchaus aus dem virologischen Labor in Wuhan stammen könnte. Er selbst hatte lange Zeit mit diesem Institut zusammengearbeitet, er weiß genau, welche Experimente dort durchgeführt wurden und vermutet aufgrund dessen hinter der jetzigen Pandemie einen fatalen Fehler. Das Spezial ist sich da aber ganz sicher, es verfügt über Fakten, Methoden und Materialien und weiß es besser als der Nobelpreisträger, der ja offensichtlich nur wieder mal eine Verschwörungstheorie verbreitet.

Nichts als Theorie!

Auch die linke Wochenzeitung DIE ZEIT widmet sich immer wieder gerne diesem Thema. Schon in ihrer Ausgabe vom 5. März 2013 berief sie sich auf eine Studie des amerikanischen Historikers Richard Hofstadter, der angeblich schon in den sechziger Jahren nachweisen konnte, dass mindestens die Hälfte aller Amerikaner an Verschwörungstheorien glaube, wobei, so die Zeitung, angeblich keine einzige der Verschwörungstheorien sich je bewahrheitet hätte, angefangen bei den Weisen von Zion, über die Illuminaten, die Ermordung Kennedys oder die Anschläge auf das World Trade Center.

Inzwischen zählt auch die Kritik an der Klimaerwärmung zu den Verschwörungstheorien, obgleich diese von seriösen Wissenschaftlern ausgeht, die im Grunde nichts weiter tun, als die Vorstellung in Frage zu stellen, der Klimawandel sei durch den Menschen verschuldet.

Hinter dem Vorwurf „Verschwörungstheorie“ steckt also sofort der Vorwurf der Abstrusität. Verschwörungstheorien im Sinne der Bundeszentrale für politische Bildung und im Sinne der deutschen öffentlich-rechtlichen Medien sind somit gleichzusetzen mit Fantastereien und grundlegend falschen oder erfundenen Vorstellungen. Sie wären demnach nur ein buntes Potpourri aus populistischer Medien- und Wissenschaftskritik, UFO-Ideologien, aus esoterisch interpretierten historischen Begebenheiten, emotional geladenen, geostrategischen Wahnvorstellungen und Geheimdienstgeschichtchen, alles bunt durcheinanderwürfelt.

Bedauerlicherweise, so das Spezial der Bundeszentrale für politische Bildung, gäbe es keine wissenschaftliche Definition für den Begriff „Verschwörungstheorie“. Das erlaubt dem Verfasser dieser Seite denn auch, schnell über einen Definitionsversuch hinweg zu huschen und einfach so zu tun, als wüsste jedermann, was der Begriff bedeute, den er bereits mit diversen Vermutungen gefüllt hat.

Verschwörungen? Ein vollkommen normales menschliches Phänomen!

Dabei ist es so einfach, sich erst einmal mit der präzisen Bedeutung dieses Wortes auseinanderzusetzen. So findet man im Duden unter sich „sich verschwören“ die Gleichsetzung mit „ein Komplott schmieden“ – „gemeinsame Sache machen“ – „sich heimlich hinter verschlossenen Türen treffen und etwas planen.“ In diesem Sinne wären Verschwörungen zunächst einmal ein vollkommen normales menschliches Phänomen.

Es gibt sie auf privater Ebene, auf beruflicher Ebene, auf politischer, wirtschaftlicher und sozialer Ebene. Es hat sie immer gegeben: Sei es im Büro, in Form einer Gruppe von Menschen, die einen Kollegen mobben, und auch weltpolitisch, etwa 44 v. Christus, in der Verschwörung gegen Julius Caesar, 1933 beim Reichstagsbrand in Berlin, dessen Hintergründe bis heute nicht ganz aufgeklärt wurden, oder mit Blick auf die Watergate-Affäre 1972, als Mitglieder der US-Regierung unter Missbrauch ihrer Vollmachten die Opposition mit illegalen Mitteln bekämpften und dieses dann vertuschen wollten. Diese Verschwörungen haben sich im Laufe der Geschichte leider bewahrheitet und sie zeigen auch genau, was genau Verschwörungen sind, nämlich konzertierte Aktionen von Machthabern gegen andere Machthaber.

„Es sollte sich mit allen Theorien inhaltlich auseinandergesetzt werden.“

Grundsätzlich alle Entscheidungen aus der politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Ebene finden nun mal hinter den Kulissen statt. Was dann als Information rausgegeben wird, ist meist etwas vollkommen anderes. Jede Firma, die plant, neue Strategien oder neue Produkte zu entwickeln, ist gut beraten, dies nicht an die große Glocke zu hängen. Und dann ist das, was von einer Besprechung als Pressemitteilung aus dem Meetingraum der Vorstandssitzung kommt, oftmals etwas vollkommen anderes, als das, was bei diesem Treffen besprochen wurde. Wenn man so will, kann man auch dies als kleine Verschwörungen betrachten. Demnach sind alle Geheimdienstaktionen, alle politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen, die ja grundsätzlich zunächst einmal alle hinter verschlossenen Türen getroffen werden, nichts anderes als Verschwörungen. Man kann sie als gute oder als böse betrachten, je nachdem, auf welcher Seite man gerade steht.

Kritisch hinterfragende Bürger

Es liegt von daher auf der Hand, dass die heutigen Bürger all dies wissen, denn sie sind informiert. Sie wissen, dass das, was die Nachrichten und Medien berichten, oft mit der Politik abgesprochen wurde, und dass dahinter noch ganz andere Interessen, Direktiven und Projekte stecken können, die zunächst einmal teilweise oder sogar ganz zurückgehalten werden.

Das hat wiederum zur Folge, dass die Bürger bestimmte Entscheidungen und Ereignisse hinterfragen und dass sie dies im Zeitalter des Internets öffentlich über die sozialen Medien tun. Dabei äußern und verbreiten sie laut und deutlich ihre Vermutungen und Ängste. Das ist kein Phänomen einer paranoiden Gesellschaft, das ist das Phänomen einer grundlegend basisdemokratisch ausgerichteten Gesellschaft, in der die Bürger keine Angst mehr davor haben, ihre Meinungen öffentlich auszusprechen, was ja das erklärte Ziel der demokratischen Erziehung nach 1945 gewesen war.

Das Problem sind darum nicht die Theorien selbst, sondern die Angst der meinungsbildenden Institutionen vor dem Verlust ihres Monopols. Sicherlich gab und gibt es immer wieder Verschwörungstheorien, die gerne bestimmte Religionen oder soziale Gruppen zu Feinden stilisieren, um den Hass gegen diese Menschen zu schüren, und um, wie im Stalinismus oder Nationalsozialismus, den Mob für Verfolgung und Krieg zu mobilisieren.

Was ist nun eine „Verschwörungstheorie“ und was nicht?

Doch die Frage, ob die amerikanische Mondlandung nun wirklich auf dem Mond stattfand, oder ob das Corona-­Virus aus einem chinesischen Labor stammt oder nicht, hat nichts damit zu tun, ebenso wenig, wie die in Ungarn immer wiederkehrende Kritik am amerikanischen Großinvestor George Soros. Auch sie ist keine frei erfundene, abstruse Verschwörungstheorie. Obwohl diese Kritik in Ungarn sehr massiv ist, so betrifft sie nicht den Menschen Soros, sondern den Spekulanten und Lobbyisten, der sich massiv in die politischen Angelegenheiten dieses Landes einmischt, was dessen politische Vertreter nun mal nicht gutheißen.

Die Wächter der Meinungsfreiheit täten also gut daran, mit dem Begriff „Verschwörungstheorie“ vorsichtig umzugehen und ihn nicht zu missbrauchen, um damit alles niederzuwalzen, was nicht von den öffentlich-rechtlichen Medien stammt. Problematisch wird es nämlich, wenn laut dem Spezial der Bundeszentrale für politische Bildung auch jedwede Medienkritik zu den Verschwörungstheorien gezählt wird. Denn Kritik an den Medien muss erlaubt sein. Ist sie nicht fundiert, dann kann sie ja widerlegt werden.

Darum geht es letztendlich bei allem. Bestimmte Theorien werden auch weiterhin von Ohr zu Ohr, von Facebook zu Facebook, von Instagram zu Instagram und von Mund zu Mund getragen werden. Das wird niemand verhindern können, und das sollte auch niemand verhindern. Es sollte sich stattdessen mit allen Theorien inhaltlich auseinandergesetzt werden. Das ist aber nicht möglich, wenn gewisse Ansichten von vorn herein als „Verschwörungstheorie“ gebrandmarkt und vom Tisch gewischt werden.

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