Normalerweise haben die Ateliers von Frederick Haddox kein Dach.

Im Gespräch mit Künstler Frederick Haddox

Die Energie der Anderen

Im Starbucks am Széll Kálmán tér findet man ihn ebenso wie vor dem Wasserfall auf der Budaer Seite der Elisabethbrücke.

Frederick Haddox malt nicht in einem Atelier oder Studio, sondern an eher ungewöhnlichen Orten. Seine Werke entstehen vor den Augen des Betrachters. Dieser außergewöhnliche Schaffensprozess ist nur einer der Wege, die der US-amerikanische Künstler nutzt, um mit seiner Umgebung in Verbindung zu treten.

„Wie wohl jeder habe auch ich im Kindesalter zu malen und zu zeichnen begonnen”, erzählt uns Frederick mit angenehmer Stimme. Schon damals wurden seine Kindergartenlehrer auf sein Talent aufmerksam: „Meine Gruppenerzieherin hatte vorausgesagt, dass ich einmal ein professioneller Künstler werden würde.”

Deutsche Expressionisten

Seine Liebe zur Kunst wurde von da an zu seinem ständigen Begleiter. Während seines Studiums lernte er dann im Rahmen eines Kurses die deutschen Expressionisten kennen. Sein Professor, Egon Veyeren, war es, der Frederick in die Welt eben jener deutschen Künstler einführte, die so farbenprächtig arbeiteten. „Mein Professor führte mich an Künstler wie Marc, Kandinsky, Macke und Dix heran.”

Doch nicht nur der künstlerische Stil war es, der Frederick ansprach: „Mein Professor lehrte mich ihre Geschichten und wie die deutsche Gesellschaft damit kämpfte, eine eigene Identität zu finden. Ich fühlte mich diesen Künstlern auf ganz persönlicher Ebene verbunden, fast wie mit einer Familie.”

Frederick suchte zu dieser Zeit nach einer neuen künstlerischen Richtung. Unter dem Einfluss der deutschen Expressionisten und jahrelanger Erfahrung als Arzthelfer in einer Veterinärklinik mit Schwerpunkt auf exotischen und wilden Tieren fand Frederick seinen neuen Stil: „Ich versuchte, auf den Spuren von Franz Marc zu wandeln, der die Seele der Menschheit in den Tieren sah.”

Suche nach Verbindungen

Zwei Jahre später wandte sich Frederick figurativen Motiven zu. Ab da malte er vor allem Frauen in starken Farben. Obwohl er einige Ausstellungen hatte, musste Frederick die Leinwand zeitweilig an den Nagel hängen: „Rund sieben Jahre habe ich nicht gemalt. Zu unterrichten sicherte mir ein stabileres Einkommen. Erst, als ich als Lehrer in Oman war, entdeckte ich meine Leidenschaft wieder.” Von da an waren Leinwand, Pinsel und Staffelei seine ständigen Begleiter.

Und mit diesen Begleitern hat er vor allem in den vergangenen fünf Jahren fast ausschließlich im öffentlichen Raum gemalt: „Als Expressionist ist es Teil meiner künstlerischen Reise, stets nach Verbindungen zwischen mir und der Welt zu suchen.”

FREDERICK HADDOX wuchs als Sohn eines Arztes und einer Geschäftsführerin in Tennessee auf. Er studierte Anglistik in Fairfax, Virginia. Nach einigen Jahren als Englischlehrer in Washington, D.C. und Japan war es sein größter Wunsch, nach Deutschland zu ziehen. Leider war ihm dies nicht möglich. So zog er 2004 nach Ungarn und begann auch hier zu unterrichten. Der Vater zweier Kinder lehrte von 2012 bis 2015 in Oman, kehrte jedoch danach wieder nach Budapest zurück.

Das Malen in der Öffentlichkeit hat für Frederick aber noch einen weiteren Vorteil: „Wie ich ‚Verbindung‘ definiere, hat sich in den vergangenen Jahren dadurch, dass ich öffentlich male, stark verändert. Heute ist der Prozess für mich auch sehr von der Energie derer abhängig, die um mich herum sind.”

Dabei stellt Frederick seine Staffelei an ganz unterschiedlichen Plätzen auf: In Cafés oder Parks, aber auch am Rande der Bühne einer Open-Mic-Veranstaltung hat er schon gemalt. Doch warum geht Frederick zum Malen überhaupt in die Öffentlichkeit? „Schon während meines Studiums und eines Aufenthalts in Deutschland, bei dem ich die deutschen Expressionisten besser kennenlernen wollte, habe ich viel in Cafés gezeichnet. Ich habe Cafés immer gemocht.” Doch der entscheidende Grund war schließlich ein viel persönlicherer: „Ich wollte einfach weniger schüchtern sein und wollte mich davon freimachen, was andere über mich denken.”

Da er vor allem nackte Paare malte, fühlte er, dass dies wichtig war. „Nach einer Weile merkte ich dann, dass die Menschen um mich herum zum Teil meines Schaffensprozesses wurden. Ich konnte mehr und mehr Energie in meine Werke stecken, Energie, die ich von Passanten und Zuschauern bekam.” Und auch die von ihm so sehnsüchtig gesuchten Verbindungen fand Frederick auf diesem Weg.

Ansprechen erwünscht!

Obwohl der hochgewachsene Künstler zumeist mit Kopfhörern und Musik am Ohr malt, liebt er es doch, wenn Passanten verweilen oder ihn gar ansprechen. Gerade dies sind die Momente, in denen für ihn ganz einzigartige Verbindungen zustandekommen: „Ich verstehe genug Ungarisch, um positive Reaktionen mitzubekommen. Das kann enorm ermutigend wirken.”

Diejenigen, die seine Arbeit nicht mögen, ignorieren ihn zumeist, wofür Frederick heute ausgesprochen dankbar ist: „Früher fand ich das manchmal verletzend, aber heute verstehe ich, dass Menschen ihre eigenen Leben leben und einfach nicht jeder an Kunst interessiert ist.”

Foto: BZT/ Theo Mainka

Der öffentliche Schaffensprozess ist für Frederick jedoch keine Einbahnstraße: „Ich bin froh darüber, dass ich kunstinteressierten Menschen mit meiner Präsenz Zugang dazu gewähren kann, wie Kunst entsteht.” Künstler sind oft eher zurückhaltend, wenn es um die Präsentation ihres Prozesses geht, weiß der US-Amerikaner aus eigener Erfahrung: „Oft ist Malen eine Art Flucht für den Künstler. Ich denke, wenn jemand mutig genug ist, mich anzusprechen und mich nach meiner Arbeit zu fragen, dann sollte das gefeiert und nicht negativ behandelt werden.”

Doch auch die Musik ist ein elementarer Teil von Fredericks Prozess: „Ich entscheide je nach Stimmung, was ich höre. Früher waren es vor allem Balladen oder Musik, die mich an glückliche Zeiten erinnert. Heute höre ich oft RnB, Pop, Alternative Rock, Hip Hop oder Reggae. Aber neuerdings auch öfter elektronische Musik wie Trance.”

So vielfältig wie sein Musikgeschmack, so vielschichtig sind seine Werke. Während Fredericks frühere Werke ausgesprochen explizit waren, hat sich sein Schaffen mittlerweile gewandelt: „Es dauerte einige Zeit, aber ich habe verstanden, dass es viele Wege gibt, um Leidenschaft darzustellen. Kinder und Erwachsene sind gleichermaßen interessiert an dem, was ich tue.”

Und so kam der Punkt, an dem der Pädagoge und Künstler erkannte, dass nackte Paare nur für eine bestimmte Gruppe von Menschen interessant sind. „Indem ich meine Paare in Tierformen ‚verstecke‘, sind meine Werke heute für Kinder und Erwachsene gleichermaßen intellektuell zugänglich und können auch bei einer Familie an der Wand hängen.”

Außerdem arbeitet Frederick mit zahlreichen Symbolen in seinen Werken, Symbole, die seiner Kunst, wie er sagt, „einen universellen Reiz verleihen”. Wenn er sich einen perfekten Käufer für seine Werke aussuchen könnte, wäre es jemand, der die Energie, die Frederick in jedes Werk steckt, spürt und weiterträgt: „Meine Werke sollen heilen und die Seele nähren”, sagt der Künstler.

Bewegung in Standbildern festhalten

Heute malt Frederick vor allem Paare in expliziter Pose. Diese sind jedoch auf den ersten Blick in Tieren verborgen. Das prägt auch seine Herangehensweise an ein neues Werk: „Zuerst sehe ich immer das Tier, denn dies ist auch das erste, was der Betrachter letztlich sehen wird. Danach passe ich das Paar in die Form des Tieres ein.” Seit einiger Zeit sind es nicht mehr komplette Körper, die Frederick in seinen Werken „versteckt”, sondern nur noch Impressionen des Paares.

Die verschiedenen Ebenen seiner Werke kommen durch eine ganz spezielle Technik zustande. Linien in verschiedenen Farben oder nur Nuancen sind dabei sein Werkzeug: „Ich war schon immer fasziniert von der Idee, Bewegung in Standbildern festzuhalten. Während ich mehrere Jahre in Oman lebte, beeinflusste mich die arabische Schrift stark.” Die fließenden Ornamente wurden schnell Teil seines Schaffens. Fließende, wellenartige Linien wurden für Frederick zum Symbol strömender Energie. „Mit der Zeit verstand ich auch, wieviel Kraft einer geschwungenen Linie innewohnt und wie stark so ein Pinselstrich Emotionen beeinflussen kann.” Diese Emotionen und diese Kraft vereint Frederick heute in seinen Werken.

Warum es vorrangig Paare sind, die er malt, hat einen persönlichen Hintergrund: „Es gab einen Zeitpunkt in meinem Leben, an dem ich beschloss, dass ich mehr Leidenschaft in meinem Leben wollte. Kunst war der beste Weg für mich, dies zu manifestieren.” Heute kann er seine Leidenschaften vereinen und selbst seine Tierliebe kann er nun in seinen Werken verewigen: „Dies schafft eine Verbindung zu meiner Vergangenheit. All das hilft mir dabei, mich der Welt so zu präsentieren, wie ich mich selbst sehe. Als jemand, der lebt, um Gemeinsamkeiten zu zelebrieren, statt Unterschiede hervorzuheben.”

Den Prozess mit anderen teilen

Doch Fredericks Suche nach Verbindungen geht noch weiter. Mit Vorliebe lehrt er das Malen: „Für mich hat Kunst, wie ich sie unterrichte, einen eher therapeutischen Wert. Ich würde mich freuen, wenn Menschen Kunst als Werkzeug nutzen würden. Ein Werkzeug, um sich selbst besser zu verstehen und um in Verbindung mit dem eigenen Leben zu treten. So, wie es auch all jene Expressionisten, die ich so schätze, taten.”

Seine Leidenschaft teilt der Künstler gerne mit Schülern und Interessierten.

Wichtig für Frederick ist außerdem, dass Menschen sich von selbstauferlegten Zwängen befreien können: „Wer malen will, soll malen! Wir sollten uns freimachen von den Beschränkungen, die wir uns selbst auferlegen, und von der Vorstellung, was andere Menschen als ‚wahre Kunst‘ definieren.”

Am liebsten führt Frederick Interessierte im Rahmen von Workshops an Kunst heran. In einer Mischung aus geleiteter Meditation und Zeichenstunde – und in Begleitung eines guten Weins – können Kunstneulinge mit der Hilfe von Frederick erste künstlerische Schritte wagen. Dabei ist keinerlei Vorerfahrung notwendig, viel wichtiger sei eine Offenheit für neue Erfahrungen, so der erfahrene Lehrer.

Mehr Informationen zu den Werken von Frederick Haddox und dazu, wie sie diese bestellen können, finden Sie hier und hier.

Weitere Fotos in unserer Galerie.

Schreibe einen Kommentar

Weitere Artikel