Filmregisseur Béla Tarr (1955–2026)
Der Meister der Entschleunigung
Mit seinem Tod verliert das europäische Kino eine seiner radikalsten und unbeirrbarsten Stimmen. Der ungarische Regisseur, dessen monumentaler Film „Satanstango” 1994 im Forum der Berlinale uraufgeführt wurde und dessen letztes Werk „Das Turiner Pferd” 2011 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, hat das Kino der Zeit und der Geduld neu definiert.

Béla Tarr hat nie Geschichten erzählt. Er hat Zustände gezeigt. Wer seine Filme gesehen hat, erinnert sich weniger an Handlungen als an Bilder: an Menschen, die minutenlang gegen den Wind ankämpfen; an Körper, die sich durch Schlamm bewegen; an Gesichter, die warten, ohne zu wissen, worauf. Man erinnert sich an Schritte, die kein Ziel mehr kennen, und an Wege, die nicht zu einem Ende führen, sondern in sich selbst zurückzukehren scheinen.
Sein Kino war kein Kino des Geschehens, sondern des Verbleibens. Man betrat es wie eine Landschaft, in der die Zeit ihre Eile längst verloren hatte. Tarr widersetzte sich der Beschleunigung der Welt nicht aus Nostalgie, sondern aus Überzeugung. Seine Filme wollten nicht verführen, nicht trösten, nicht versöhnen. Und gerade in dieser Weigerung lag die Würde seines Blicks.
Geduld als Ethik
In Tarrs Welt zeigt sich das Geschehen nicht im Ereignis, sondern in der Dauer. Die berühmten, minutenlangen Kamerafahrten sind keine formalen Demonstrationen. Sie sind Akte der Beharrlichkeit. Es ist, als wolle der Film selbst sagen: Man versteht die Welt nur, wenn man bei ihr bleibt – selbst dann, wenn sie nichts mehr zu bieten hat. Wenn sie unerquicklich, unerquicklich lang und unerquicklich leer ist.
Ästhetisch steht Tarr in einer Linie, die im deutschen Sprachraum gut verstanden wird. Er wurde mit Beckett, Bernhard oder Kafka verglichen, mit jener großen Tradition einer Kunst, die nicht tröstet, sondern präzise hinsieht. Seine Landschaften sind innere Landschaften. Seine Ruinen sind nicht nur gebaut, sondern auch gedacht.
In „Werckmeister Harmonien” zieht eine namenlose Unruhe durch eine Provinzstadt. Erschütternd ist dabei jedoch nicht die Gewalt, sondern ihre Sinnlosigkeit. In „Das Turiner Pferd” schrumpft die Welt auf wenige Gesten: essen, sich anziehen, hinaussehen, den Wind hören. Und irgendwann nicht einmal mehr das. Es ist, als würde die Existenz selbst den Dienst quittieren.

Der Film, der sich auf Nietzsches Zusammenbruch in Turin bezieht, wurde im deutschsprachigen Raum nicht ohne Grund besonders intensiv rezipiert. Er berührt einen zentralen Nerv der mitteleuropäischen Kultur, nämlich die Frage, was nach dem Ende großer Gewissheiten bleibt.
„Das Turiner Pferd” wurde 2011 im Wettbewerb der Berlinale mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet – ein spätes, aber symbolisches Zeichen dafür, wie sehr dieses Kino längst zur eigenen geistigen Landschaft gehört. Seit 1990 war Tarr zudem als Gastdozent an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin präsent und prägte Generationen von Filmemachern.
Der Blick ohne Urteil
Was Tarr von vielen anderen unterscheidet, ist die Abwesenheit von Zynismus. Er blickt auf seine Figuren nicht wie ein Ankläger, sondern wie ein Zeuge. Er verurteilt sie nicht. Er erklärt sie nicht. Er bleibt bei ihnen. In dieser Treue liegt etwas zutiefst Moralisches. Vielleicht ist Béla Tarr der große Chronist eines müde gewordenen Europas, das nicht weiß, wovon. Seine Filme sind keine politischen Pamphlete, sondern Bestandsaufnahmen. Sie fragen nicht: Was sollen wir tun? Sondern: Was ist aus uns geworden?
Wer aus einem Film von Béla Tarr kommt, ist nicht erleichtert. Aber vielleicht klarer. Und fast immer langsamer. In einer Welt, die sich unaufhörlich beschleunigt, war dieses Kino ein Akt des Widerstands. Béla Tarr hat uns nicht beigebracht, die Welt zu retten. Aber er hat uns gelehrt, sie auszuhalten.
