Planstudie: Snøhetta

Budapest / Städtebauliches Großprojekt Studentenstadt

Venedig der Donau

Viel war in den letzten Wochen vom neuen Campus der Fudan-Uni und der sogenannten Studentenstadt zu hören. Vertragen sich beide Projekte im Norden der Insel Csepel oder schließen sie sich etwa aus? Was soll wo genau und wie entstehen? Wir schauen zurück und nach vorn, um etwas Klarheit rund um die Planungsgeschichte zu schaffen.

Es ist gerade einmal vier Jahre her, als Anfang Januar 2017 Ideen präsentiert wurden, wie im Sommer 2024 das Olympische Dorf an der Nordspitze der Insel Csepel hätte aussehen können: das futuristisch anmutende Olympiastadion sollte direkt an der Donau und ihrem Nebenarm, der Rác­keve-Donau liegen.

Olympiapläne

Zu den Uferseiten wäre das Stadion von einem Park umgeben gewesen, in Richtung Soroksári út hätten riesige Parkplätze den Sportlern und Zuschauern eine bequeme Anreise garantiert. Auch weiter südlich, in Richtung Olympisches Dorf, hätten großzügige Parkplatzflächen das wertvolle Areal dominiert. Die denkmalgeschützte Großmarkthalle von 1932 wäre beidseitig von temporären Bauten umgeben gewesen, und daran anschließend hätten die Unterkünfte der Sportlerinnen und Sportler liegen können, für die als Nachnutzung Studentenwohnungen angedacht waren.

Doch dann, nur einen Monat später, zog man Budapests Olympiabewerbung zurück, da ausreichend Unterschriften für eine Volksabstimmung darüber zusammengekommen waren. Plötzlich war im Norden von Csepel alles wieder offen, oder möglich.

Trotz Absage von Olympia 2024 versprachen die Verantwortlichen, alle geplanten Bauten zu errichten und der Öffentlichkeit in naher Zukunft zugänglich zu machen. Aus dem ursprünglichen Olympischen Dorf entstand so die Idee einer Studentenstadt (Diákváros) als Bestandteil des Stadtentwicklungsgebietes Südliches Stadttor (Déli város­kapu) auf einer Gesamtfläche von 135 Hektar, also auf einem Areal, das größer als die Margarethen-Insel oder das Stadtwäldchen ist.

Bereits 2023 soll in diesem Stadion die Leichtathletik-WM stattfinden. Planstudie: NAPUR architects

Für das von Donau, Rákóczi-Brücke und Soroksári út begrenzte Gebiet wurde im Sommer 2018 ein internationaler städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben und somit der Weg geebnet zum ambitioniertesten Städtebauprojekt der ungarischen Hauptstadt seit Jahrzehnten. Nicht nur die Größe des Geländes ist beeindruckend, sondern auch die verschiedenen Aspekte einer Stadt des 21. Jahrhunderts, die hier zusammenfinden sollen: es geht um die Nutzung riesiger, brachliegender Flächen, ihre Umwidmung in Erholungsgebiete, die Sanierung und Neunutzung denkmalgeschützter Bausubstanz, die weitergehende Öffnung der Stadt zum Wasser, die Gleichzeitigkeit von Spitzen- und Breitensport und die Schaffung von Wohnraum für Studenten, die sich seit Jahren mit steigenden Mieten konfrontiert sehen.

Der Masterplan

Umso erfreulicher war es für alle Beteiligten, als jenes Büro den internationalen Wettbewerb gewann, welches mit seiner neuen Norwegischen Nationaloper in Oslo oder dem 2020 fertiggestellten Hauptquartier für Le Monde in Paris international einen guten Namen hat und zu den gefragtesten Architektur- und Stadtplanungsbüros überhaupt gehört: Snøhetta aus Norwegen.

Die Innsbrucker Snøhetta-Filiale um Patrick Lüth erdachte gemeinsam mit ihren Budapester Partnern von sporaarchitects einen Masterplan, der einem Paukenschlag gleichkam: kurz hinter der Galvani-Brücke soll neben der Ráckeve-Donau ein neuer, grachtenartiger Wasserarm in Richtung Großmarkthalle geschaffen werden und kurz vor ihr wieder in den Donaunebenarm münden. So soll eine künstliche Wohninsel entstehen.

Direkt vor der Großmarkthalle soll nach dem Entwurf nicht nur der Hauptplatz des zukünftigen Stadtviertels entstehen, sondern dank einer neuangelegten trapezförmigen Wasserbucht ein Ort, den es in dieser Qualität in Budapest bislang nicht gibt. Weiter Richtung Stadion beziehungsweise Donau schafft eine weitere Gracht mit Fußgängerbrücken venezianisches Flair: Venedig kommt nach Csepel.

Der kurz vor Weihnachten 2018 präsentierte und prämierte Masterplan wurde mittlerweile weiterentwickelt und präzisiert. An der Spitze der künstlichen Insel soll ein Kulturbau den Auftakt zur Studentenstadt bilden, und als jüngst Töne laut wurden, dass auch die Széchenyi-Nationalbibliothek in das neue Stadtviertel ziehen könnte, mutmaßten einige, dass dies ein passender Standort sein könnte. Auf der gegenüberliegenden Seite der Studentenstadt bildet der nun Athletikstadion getaufte Bau den Schwer- und Anziehungspunkt in Richtung Rákóczi-Brücke.

So soll es auf der neugeschaffenen Wohninsel bald aussehen. Planstudie: Snøhetta

Das vom Budapester Büro Napur entworfene Stadion soll 2023 Heimstätte der Leichtathletik-WM werden und folgt dem gleichen, nachhaltigen Konzept der Duna Aréna, erbaut zur Schwimm-WM 2017 und vom gleichen Team entworfen. Nur während der WM soll es 40.000 Zuschauern Platz bieten, anschließend aber für 15.000 Zuschauer auf ein lokal verträgliches und finanzierbares Maß zurückgebaut werden.

Gelobt wird der Sportbau vor allem für seine Integration von Wasser, Park und Architektur. Sollten die in den Bildern gezeigten Simulationen Wirklichkeit werden, könnten nach der WM Anwohner durch das Stadion geradezu hindurchjoggen.

Großer Schreck und große Halle

Kurz vor Weihnachten 2020 startete die nächste Etappe am Südlichen Stadttor: dem städtebaulichen folgte nun der Architekturwettbewerb für den zentra­len Bereich von „Klein-Venedig“, die Bauten am Wasserplatz. Von den Wettbewerbsteilnehmern wurden Ideen und Entwürfe für die Großmarkthalle, den direkt daran anschließenden backsteinernen Bürobau und ein erstes Studentenwohnheim auf der anderen Seite der fast 250 Meter langen Halle erwartet.

Für Überraschung und auch Unverständnis sorgte dann vor wenigen Wochen die Nachricht, dass auf dem 135 Hektar großen Areal immerhin 26 Hektar – also fast 20 Prozent – für die Fudan-Universität aus Shanghai vorgesehen seien. Pikant für alle beteiligten Architekten und Landschaftsplaner war vor allem der Punkt des Protokolls, wonach chinesische Firmen mit chinesischem Know-how und ohne weitere Ausschreibungen die Gebäude des Fudan-Campus mit einer Gesamtfläche von 520.000 Quadratmeter bauen dürften. War dies das Ende von Venedig in Csepel?

Planstudie: Snøhetta

Die Wellen der Empörung und Fragen schlugen dermaßen hoch, dass der für die Budapester Stadtentwicklung zuständige Staatssekretär Balázs Fürjes und der Direktor des Budapester Entwicklungszentrums Dávid Vitézy vor die Presse traten, um die Wogen zu glätten: Fudan und Studentenstadt hätten nebeneinander Platz, hieß es. Die präsentierten Pläne konnten jedoch letzte Zweifel über den genauen Standort des gewaltigen Campus nicht ganz ausräumen. Und als nur 24 Stunden später Fürjes die Verantwortung für das von ihm seit der Olympiabewerbung betreute Projekt entzogen und Minister László Palkovics übergeben wurde, der die Verhandlungen mit der Fudan-Uni führt, schien klar, dass die so grandios vorgezeichnete Zukunft der Studentenstadt auf wackligen Beinen steht.

Es war dann aber derselbe Minister, der am 27. April die Sieger des aktuell laufenden Architekturwettbewerbs präsentierte. Das junge Budapester Büro BIVAK hatte die überzeugendste Antwort zur Umnutzung der fast 90 Jahre alten Großmarkthalle und ihrer beiden Nachbarbauten gefunden.

Die 1932 eröffnete und von Aladár Münnich geplante Riesenhalle ist mit ihren 42 Metern Spannweite exakt genauso breit wie die etwas älteren Hallenkonstruktionen des West- und Ostbahnhofs, aber mit 247 Metern anderthalb Mal so lang. 20 Gleise endeten damals an der „größten Speisekammer“ der ungarischen Hauptstadt, in deren 17 Meter hohen Halle locker ein vierstöckiges Wohnhaus gepasst hätte. Als Vorbild der Budapester galt übrigens die Frankfurter Großmarkthalle mit nahezu identischen Maßen, Konstruktion und Stil: die gebogenen großen Fenster der Großmärkte geben beiden bis heute ihr unverkennbares Gesicht. Der Bau in Frankfurt ist seit 2005 Teil der EZB-Zentrale und beherbergt heute eine Kantine sowie Presse- und Konferenzräume.

Klinker, Beton und Klinker

Nach den Ideen des Studios BIVAK sollen auf der Seite des bestehenden Bürohauses ebenfalls eine Kantine und Besprechungsräume in die Großmarkthalle einziehen, auf Seite des Wohnheims hingegen mehrere teils offene, teils geschlossene Sportflächen.

Der Clou des Entwurfs ist eine Laufstrecke auf halber Hallenhöhe mit exakt 500 Metern Rundenlänge. Der eigentliche Kern des Entwurfskonzepts ist jedoch die großzügige und ganztägige Öffnung der Halle, womit der von Snøhetta erdachte Wasserplatz seine würdige Fortschreibung in einer überdachten Agora inmitten denkmalgeschützter Industriearchitektur finden wird.

Das flankierende, ebenfalls denkmalgeschützte Bürohaus in wunderschönem backsteinernen Expressionismus beherbergte ursprünglich Post-, Bahn- und Zollamt und sogar Hotelzimmer, die mittels Paternoster erreichbar waren. Die Grundkonstruktion des Gebäudes erlaubt zum Glück eine flexible Anpassung an die Ansprüche für Büro- oder Unterrichtsräume im 21. Jahrhundert.

 

Südlich wird mit dem Studentenwohnheim der erste Neubau der Studentenstadt an die Großmarkthalle anschließen. Nicht nur wegen der geschickten Integrierung der geforderten Sportanlagen und der freundlichen Gestaltung der Studentenzimmer, die alle über einen Balkon verfügen werden, sondern vor allem aufgrund der Wiederholung der Klinker-Materialität des bestehenden Bürohauses konnte der Entwurf die Jury überzeugen, stellt er doch den ersten architektonischen Baustein für ein neues Stück Stadt im Süden Budapests dar.

Wenn das bisherige Planungstempo auch beim Bauen des Ensembles am Wasserplatz gehalten wird, dann könnten hier in drei bis vier Jahren die ersten Studenten einziehen, ihre Runden in der Halle drehen und an den neugeschaffenen Ufern entlangschlendern. Sicher ist auf jeden Fall, dass die Leichtathletik-WM 2023 im Athletikstadion stattfinden wird und die erste Phase der Budapester Fudan-Uni bis 2024 fertiggestellt sein wird.

Sollte alles gut laufen, dann wird mit der Studentenstadt und dem BudaPart-Viertel am anderen Flussufer die Donau bald an Abschnitten zugänglich sein, an denen sie für die meisten Buda­pester und ihre Gäste seit Jahrzehnten weitgehend im Verborgenen floss.

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