„Zirkusartistik muss zum festen Bestandteil der Kultur werden.“

Gespräch mit Péter Fekete, Generaldirektor des Nationalen Zentrums für Zirkusartistik

Zwischen Kunst und Unterhaltung

Péter Fekete, seit Oktober Generaldirektor des Nationalen Zentrums für Zirkusartistik (Nemzeti Cirkuszművészeti Központ), äußerte sich gegenüber der Budapester Zeitung zu seiner Vorstellung von Zirkus und zur Bedeutung von Ungarn auf der internationalen Zirkuslandkarte.

Ihre bereits jahrzehntelange Tätigkeit als Regisseur, Theaterexperte und Kulturpolitiker hat Sie schon vor Jahren zum Zirkus verschlagen. Sie haben diese Arbeit lediglich für vier Jahre im Staatsdienst kurz aufgegeben. Was fasziniert Sie so am Zirkus?

Der Zirkus hat seinen wohlverdienten Platz zwischen Unterhaltung und Kunst. Er sollte dabei immer mehr in Richtung Kunst gelenkt werden. Es ist offensichtlich, dass Kunst immer mit Katharsis verbunden ist. Dies wäre seitens der Unterhaltung zu viel verlangt. Ich verstehe meine Aufgabe als Regisseur von Zirkusproduktionen darin, meine Arbeiten immer auch aus dem Blickwinkel der Kunst zu betrachten.
Zirkusartistik muss zum festen Bestandteil der Kultur werden, genauso wie Bibliotheken, Archive, Musik, Tanz oder Theater. Innerhalb der Künste unterscheidet man zwischen verbalen und nonverbalen Gattungen. Der Zirkus gehört eher zu Tanz und Musik.

Ihre aktuelle Vorstellung greift auf die frühe Novelle „Welchen unter den Neun?“ des ungarischen Dichters Mór Jókai zurück. Was bewog Sie bei Ihrer Wahl?

Unser Zeitalter ist von gravierenden Turbulenzen geprägt, nicht zuletzt auch moralisch. Reichtum, das materiell Greifbare, schneller Erfolg und Ruhm stellen sich gegen Wertschätzung, Familiensinn, Liebe und Vertrautheit. Arm und ehrlich zu sein, ist heutzutage oft dem Gespött preisgegeben. Meine Wahl fiel deshalb auf diese Novelle, weil dieses kurze Werk gerade für das Gegenteil plädiert. Seine starke Symbolik und eindeutige Botschaft sind nicht zu überhören: Familie, Fleiß und Vertrauen sind jene wahren Werte, auf die wir uns immer stützen können.

Die Hauptfigur der Novelle ist ein verwitweter Familienvater mit neun Kindern. Sie leben unter ärmlichen Verhältnissen, Entbehrung ist bei ihnen ein häufiger Gast. In einem entscheidenden Moment, zu Weihnachten, als die ganze Familie ein heiliges Lied anstimmt, taucht ihr wohlbetuchter Nachbar, eine wahre Mephisto-Gestalt, auf, und unterbreitet dem Familienoberhaupt ein, auf den ersten Blick unschlagbares Angebot: Wenn sie mit dem Singen aufhören, dann würde er sie dafür reich entlohnen. Außerdem würde er gern eines der Kinder zu sich nehmen und es großziehen.

Foto: Nationales Zentrum für Zirkusartistik

PÉTER FEKETE (59)
1987–1992:
Zirkuskünstler, München
1994–2002:
Lehrer am Welsh College of Music and Drama, Cardiff (UK)
2002–2004:
Nationaltheater Budapest, Direktor für Bildung und Außenbeziehungen
2007–2015:
Jókai Theater (Békéscsaba, Komitat Békés), Direktor
seit 2017:
Mitglied des Präsidiums der European Circus Association, Präsident der Central European Circus Art Association (CECA)
2015–2018:
Generaldirektor der Haupt­städtischen Zirkusanlagen
2018-2022:
Staatssekretär für Kultur

Sein Anliegen ist aber zum Scheitern verurteilt. Sowohl die Kinder als auch der Vater haben ihr Herz am rechten Fleck, die Einheit der Familie ist nicht käuflich. Die Botschaft ist eindeutig: neben Gesellschaftskritik schimmern auch die wichtigsten Werte durch, die uns zum Menschen, ja zum glücklichen Menschen machen. Auch mit dieser Darbietung ist offensichtlich, das Zirkusartistik durchaus in der Lage ist und das künstlerische Inventar dazu hat, soziale Botschaften zu vermitteln.

Welche Bedeutung hat Ungarn auf der internationalen Zirkuslandkarte?

Es mag verwundern, aber es ist keinesfalls gewöhnlich, dass wir im Herzen Europas in einer festen Zirkusanlage, also nicht in einem Zelt, residieren dürfen. Lediglich in Bukarest, Paris, England, und in München (privat), außerdem in einigen postsowjetischen Staaten existieren feste Zirkusgebäude. Weltweit sind wir neben China, Russland, der Ukraine und Kanada eine starke Zirkusnation. In unserer Branche besitzt der Budapester Zirkus einen guten Ruf, seinem Programm wird international Beachtung geschenkt.

„Wir sind kein Wanderzirkus, wir sind an unser Gebäude gebunden. Daher muss unserem Publikum immer etwas Neues geboten werden.“ Foto: Nationales Zentrum für Zirkusartistik

Für diesen Ruf müssen wir aber auch viel tun: das erweiterte Zirkusorchester und Tanzensemble, international wettbewerbsfähige Produktionen, eine versierte Dramaturgie, moderne Technik und einiges mehr müssen vorhanden sein. Auch bahnbrechende Ideen sind gefragt. Diesmal griff ich beispielsweise zu Mitteln, die den gewohnten Zirkusrahmen bei weitem sprengen. Eine belletristische Grundlage, reichlich musical-trächtige Elemente, ein Orgelspiel für das Weihnachtslied, eine gesellschaftskritische Aussage mussten mit den klassischen Zirkus-Genres in Einklang gebracht werden.

Wir sind kein Wanderzirkus, wir sind an unser Gebäude gebunden. Daher muss unserem Publikum immer etwas Neues geboten werden.

Sie bieten nicht nur ein klassisches Programm an, sondern kooperieren auch mit Schulen. Was bezwecken Sie damit?

Für Schüler jeder Altersklasse besteht die Möglichkeit, an diversen speziellen Unterrichtseinheiten teilzunehmen. Gefragt sind in erster Linie Erläuterungen bezüglich Literaturwissenschaft und Dramenpädagogik. Speziell Mathematik- und Physiklehrer können den Schülern bereits bekannte Phänomene im Zirkuskontext vermitteln. Nicht zuletzt werden Kinder bei uns in spielerischer, interaktiver Form hinsichtlich des verantwortungsvollen Umgangs mit Tieren geschult.

Foto: Nationales Zentrum für Zirkusartistik

Der Hauptstädtische Zirkus ist sich auch über die Rolle der Bildung im Klaren. Sein Fortbestehen wäre ohne ein wissenschaftliches Hinterland, derzeit ein Forschungszentrum, ein Museum und eine Bibliothek undenkbar. Mittlerweile zählt unsere Spezialbibliothek über Tausend Bände, die auch online zugänglich sind. Wir kooperieren mit zahlreichen Hochschulen.

Ihr Augenmerk richtet sich auch auf behinderte Personen. Wie kann beispielsweise Sehbehinderten das Zirkusgeschehen näher gebracht werden?

Wir möchten auch ihnen unsere Vorstellungen zugänglich machen. Diesen Sommer haben wir die Audionarration eingeführt und beim Programm „RAIN – Regenzirkus” getestet. Vor der Aufführung haben wir unsere Gäste durch die Kulissen geführt, wobei ihnen die Gelegenheit geboten wurde, durch taktile Wahrnehmung sich mit den Künstlern sowie den Requisiten vertraut zu machen. Unser Haus ist auf dem Gebiet der Zirkusnarration weltweit sehr weit.

Stichpunkt Krieg in der Ukraine. Inwiefern ist Ihr Zirkus davon betroffen?

Seit dem Ausbruch des Krieges unterstützt unser Zentrum zusammen mit mehreren anderen Institutionen unserer Branche insbesondere ukrainische Zirkuskollegen. Außer mit Lebensmitteln, medizinischer Versorgung und Unterkünften, helfen wir ihnen auch mit Arbeitsmöglichkeiten und sogar Unterricht.

Weitere Bilder in unserer Galerie.

Der Hauptstädtische Zirkus in Zahlen:
147 Angestellte
jährlich: 300.-320.000 Zuschauer
300-350 Vorstellungen
8-9 neue Produktionen

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