Ungarn
Michael fand weder in Deutschland noch in Spanien seine Freiheit und startet jetzt in Ungarn mit einer völlig neuen Idee durch. Fotos: Yvonne Cork

Nach Ungarn ausgewandert: Unternehmer Michael Grassl

Vom Bauunternehmer in Deutschland zum Straußenzüchter in Ungarn

Ich besuchte Michael Grassl in Csengőd bei Kecskemét, wo er im Mai 2024 den ersten Campingplatz auf einer Straußenfarm in ganz Europa eröffnen wird.

Warum haben Sie Deutschland verlassen und sind nach Ungarn ausgewandert?

Deutschland habe ich schon zweimal verlassen. Vor ungefähr 20 Jahren bin ich von Deutschland nach Spanien ausgewandert, habe dort etwa fünf Jahre als Küchenmonteur gearbeitet und dann eine kleine Baufirma gegründet. Doch dann brach in Spanien der Immobilienmarkt ein und ich dachte mir, bevor ich alles verliere, gehe ich nach Deutschland zurück und baue mir eine neue kleine Baufirma auf. Allerdings habe ich in Deutschland immer mehr gemerkt, dass mir meine Freiheit genommen wird, vor allem, als das Thema Corona begann. Das war für mich nicht mehr zu ertragen, auch weil ich selbst die Spaltung innerhalb der Familie erlebt habe. Zurück nach Spanien war für mich keine Option. Corona-Politik und Regierung sind weder in Spanien noch in Deutschland optimal.

Warum haben Sie sich letztlich für Ungarn entschieden?

Ich habe mich für Ungarn entschieden, da die hiesige Regierung aus meiner Sicht viel besser ist und man für sein Geld noch viel geboten bekommt. Das, was du hier in Ungarn an einem Haus mit Land bekommst, findest du in Deutschland nicht oder musst Millionen dafür ausgeben und dann gehört es dir noch nicht einmal wirklich.

Wie haben Sie das Haus gefunden?

Ich schaute im Internet nach Häusern in Ungarn und habe dann über eine Maklerin das Haus gefunden. Es hat mir bei der Besichtigung gleich gefallen und ich wusste, das muss es sein, obwohl ich eigentlich nur etwas Kleines kaufen wollte. Doch ich musste ein bisschen länger warten, bis ich Eigentümer werden konnte, denn da ich viel Land besitzen würde, wurde erst einmal ein Aushang gemacht, denn die Ungarn haben ein Vorkaufsrecht. Einen Vorteil gab es allerdings: Da das Haus schon einige Zeit zum Verkauf stand und kein Ungar Interesse zeigte, dauerte es bei mir mit allen dazugehörigen Dokumenten nur etwa acht Monate.

Nun war ich Eigentümer und es konnte mir keiner mehr wegnehmen, anders als in Deutschland. Mein Haus hat eine Wohnfläche von etwa 100 m2. Das dazugehörige Land ist etwa drei Hektar groß. Der Kaufpreis für beides betrug insgesamt knapp 50.000.000 Forint, also rund 135.000 Euro. Dazu kamen noch etwa 10 Prozent für die Grunderwerbsteuer, Bearbeitungsgebühr, Maklerin, Anwältin und Ähnliches. Doch das ist alles in Ordnung. Ich war der Maklerin und der Anwältin für ihre Hilfe sehr dankbar, denn in dieser kurzen Zeit, in der ich in Ungarn bin, spreche ich natürlich noch kein Ungarisch.

Haben Sie es noch vor?

Leider werde ich es nicht mehr schaffen, in meinem Alter Ungarisch zu lernen, aber ich komme mit den Ungarn gut klar. Wir kommunizieren mit Händen und Füßen und es klappt. Ein paar Wörter lerne ich durch meine Nachbarn. Sie sind sehr nett, wir helfen uns gegenseitig. Die Ungarn haben mich und mein Vorhaben sehr gut aufgenommen und ich fühle mich hier echt wohl. Sie stört es auch nicht, wenn ich manchmal zusätzlich den Translator benutze, vor allem beim Einkaufen von Baumaterialien. Und für meine Strauße brauche ich kein Ungarisch. (lacht)

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Erzählen Sie bitte mehr von der Idee mit dem Campingplatz und der Straußenfarm!

Nachdem der Kauf abgeschlossen war, überlegte ich mir, was ich mit dem vielen Land machen sollte, und da kam mir die Idee mit den Straußen und dem Campingplatz. Es soll der erste Campingplatz auf einer Straußenfarm in ganz Europa werden!

Ich informierte mich im Internet über Strauße. Außerdem fuhr ich nach Deutschland zu einer Straußenfarm und sprach mit den Besitzern.

Doch bevor ich auf die Strauße zu sprechen komme, werde ich Ihnen erst kurz mehr vom geplanten Campingplatz erzählen.

Der Campingplatz, den ich komplett neu baue, wird nicht nur für Menschen sein, die mit ihrem Wohnmobil anreisen, ich stelle auch einige Wohnwagen auf, die man mieten kann. Zusätzlich wird es noch einen Platz für Dauercamper geben. Der Campingplatz wird über Sanitäranlagen, Duschen, einen Swimmingpool, einen Beachvolleyballplatz, einen Spielplatz, einen Biergarten, einen Barbecue-Bereich, ein Laufgehege für die Straußenbabys und einen Souvenirshop verfügen. Natürlich können auch Menschen die Straußenfarm besichtigen, die nicht auf dem Campingplatz übernachten.

Ungarn

Kommen wir wieder zu den Straußen!

Wie gesagt, ich sprach mit Besitzern von einer Straußenfarm und als ich zurück in Ungarn war, schaute ich, ob ich hier Strauße kaufen kann. Und ja, es hat geklappt, noch dazu sind die Strauße in Ungarn viel günstiger als in Deutschland. Während ich in Deutschland für einen Strauß rund 2.000 Euro hätte bezahlen müssen, habe ich hier in Ungarn nur um die 30.000 Forint, also nicht einmal 100 Euro für ein Jungtier bezahlt. Nun hatte ich meine ersten fünf Strauße und begann sogleich damit, sie selbst zu züchten. Ich nehme einem Weibchen immer die Eier weg, damit sie weiter Eier legt. So kommt es auf etwa 30 bis 40 Eier pro Jahr. Normalerweise legt ein Weibchen nur etwa 10 Eier und beginnt dann zu brüten.

Das Problem bei der Natur ist allerdings, dass aus diesen 10 Eiern insgesamt nur etwa zwei bis drei Küken schlüpfen. Somit helfe ich mit, dass mehr Straußenbabys die Möglichkeit haben, das Licht der Welt zu erblicken. Mittlerweile habe ich 24 dieser schönen Tiere und möchte das Ganze auf rund 100 Strauße erweitern.

Mit Brutkästen wird der Natur etwas nachgeholfen.

Was fasziniert sie an Straußen so sehr?

Es sind robuste Tiere. Ihre Haltung ist einfach und preiswert. Außerdem halten ausgewachsene Strauße eine Temperatur von bis zu minus 20 Grad aus. Sie fressen, was sie finden, ich muss natürlich aufpassen, dass kein Unrat im Gehege liegt, denn sie können eine Plastikflasche komplett verschlucken, was für sie natürlich ernste gesundheitliche Folgen hätte. Gerne picken sie – ähnlich wie Hühner – kleine Steine auf, um ihre Nahrung im Magen besser zu zerkleinern. Im Winter füttere ich Mais, Getreide und Minerale hinzu. Jungtiere bekommen die Körner gemahlen. Die Strauße sehen vielleicht nicht so aus, aber die Männchen können bis zu 140 kg und die Weibchen bis zu 120 kg schwer werden.

Interessant bei den Straußen ist auch, dass alles verwertbar ist. Die Federn, das Leder, das Fleisch, die Eier und sogar die Eierschalen. Aus den Federn und den Eierschalen lassen sich tolle Dekorationsartikel herstellen und aus dem Leder beispielsweise Gürtel oder Handtaschen. Das Fleisch und die Eier enthalten viel weniger Cholesterin als das von anderen Tieren.

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Bis im Frühjahr die ersten Camping-Freunde kommen können, ist noch einiges zu tun.

Wenn es zu heiß ist, dann dusche ich die Strauße immer mit kaltem Wasser ab, was ihnen ziemlich gut gefällt, auch den Zuschauern. Ein Hingucker ist auch das Tanzen. Sobald ein Strauß zu tanzen beginnt, tanzen die anderen mit.

Derzeit suche ich Menschen, die sich mit Leder auskennen und das Straußenleder verarbeiten können. Weiterhin suche ich Leute, die kreativ sind und die Eierschalen künstlerisch gestalten können und vielleicht noch weitere Ideen für die Federn haben.

Wie sehen Ihre Ziele für die Zukunft aus?

Mein Ziel ist es, dass ich es schaffe, den Campingplatz auf der Straußenfarm fertigzustellen, und dass er von den Menschen gut angenommen wird. Natürlich ist mein Wunsch, in der Zukunft auch etwas Geld damit zu verdienen, da meine Ersparnisse natürlich nicht ewig reichen.

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Straußenmännchen bringen bis zu 140 Kilogramm auf die Waage.

Was möchten Sie den Menschen mit auf den Weg geben?

Es ist ganz wichtig, sich selber vor Ort einen Eindruck von Ungarn zu verschaffen. In Deutschland redet man leider ganz anders über Ungarn, insbesondere in den Mainstream-Medien. Das ist sehr schade, denn Ungarn ist ein wirklich tolles Land, nicht zuletzt für Familien.

In diesem Video gibt es einige Eindrücke von der Straußenfarm und dem entstehenden Campingplatz.

Weitere Teile der BZ-Serie „Nach Ungarn ausgewandert“:

BZ Magazin 06/2021: Kabarettist Detlev Schönauer

BZ Magazin 18/2022: Ehemalige Kommunalpolitikerin Christiane Wichmann

BZ Magazin 19/2022: Webdesignerin und Biografin Emily Paersch

BZ Magazin 20/2022: Gesundheitsberaterin Dorothea Heinzel

BZ Magazin 21/2022: Zweifache Mutter Conny S.

BZ Magazin 22/2022: Ehemaliger Polizist Klaus Kauder

BZ Magazin 01/2023: Marketingexperte Viktor Végh

BZ Magazin 03/2023: Einwanderungsberaterin Diana Bednar

BZ Magazin 06/2023: Die Handwerkerfamilie Kittel

BZ Magazin 09/2023: Ungarisch-Lehrerin und Übersetzerin Anna Berg

BZ Magazin 11/2023:  Die Familie Scherer

BZ Magazin 12/2023: Die Pferdeliebhaber Petra und Wilfried Böske

BZ Magazin 13/2023: Finanzdienstleister Jürgen Schwarz

BZ Magazin 13/2023: Violinist Erwin Lindenbaum

BZ Magazin 14/2023: Ferienwohnungsanbieter Raquel und Philipp Wiech

BZ Magazin 15/2023: Bürgerrechtler Martina und Mick Schmidt

BZ Magazin 16/2023: Autorin, Designerin und Bloggerin Yvonne Cork

BZ Magazin 18/2023: Heilpraktikerin Katrin Staffhorst

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BZ Magazin 01/2024: Messebauingenieur Konrad und Ilona Ober

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