„Für den Musiker ist der Bogen das „Werkzeug“, mit dem er die Musik umsetzt, dem Streichinstrument den Klang entlockt. “ Foto: Joachim Sinus Dennemann

Besuch bei einem Geigenbogenbauer

Meister Etzler hat den Bogen raus!

Interview mit dem Bogenbauermeister Bernd Etzler, der in seiner Werkstatt nahe Budapest qualitativ hochwertige Bögen für Geigen, Bratschen und Celli fertigt.

Bernd Etzler begrüßt mich mit einem herzlichen „Jó napot kívánok!“ Es freut mich natürlich, dass er ein wunderbares Ungarisch spricht. Dennoch wechseln wir nach einem kurzen Dialog in seine Muttersprache.

Wie verschlägt es einen deutschen Bogenbauer nach Ungarn?

Als Gymnasiast wollte ich unbedingt Gitarrenbauer werden. Nach dem Zivildienst fand ich in Deutschland keine Lehrstelle und jeder wollte mich von meinem Vorhaben abbringen. Aber ich wollte nicht aufgeben und da kam mir der Zufall zu Hilfe: Ich hörte, dass es an der Ferenc-Liszt-Musikakademie in Budapest eine Möglichkeit gibt. Also erkundigte ich mich bei der ungarischen Botschaft, von der ich ans ungarische Bildungsministerium verwiesen wurde und schließlich im September 1986 in Budapest landete.

Hat es denn hier mit der Lehrstelle im Gitarrenbau geklappt?

Leider nicht, auch in Budapest fand ich keine Lehrstelle für Gitarrenbau, jedoch gab es an der Musikhochschule Werkstätten für Streichinstrumente, Holzblasinstrumente und Klaviere. Diese waren vornehmlich für die Instandhaltung der Instrumente der Studenten und Lehrkräfte sowie der Leihinstrumente zuständig.

Bogenbauermeister Bernd Etzler in seiner Werkstatt. Foto: BZ / Rita Solymár

Zum Glück war damals schon eine internationale Geigenbauschule im Aufbau, so dass ich dort als einziger Lehrling in ein Team von sieben Fachleuten aufgenommen wurde. Was soll’s, dachte ich, eine Geige zu bauen, ist viel schwieriger als eine Gitarre, und so würde ich später auch eine Gitarre bauen können.

Konnten Sie damals schon Ungarisch?

Nein, ich konnte nicht einmal guten Tag sagen, als ich hier ankam. In den ersten Monaten habe ich mich aber richtig reingehängt, habe bewusst die Gesellschaft von deutschen oder englischen Muttersprachlern gemieden und jeden Abend stundenlang Sprachbücher gewälzt.

Nach drei Monaten konnte ich schon bruchstückhaft Gespräche verstehen, aber ich merkte etwa noch nicht, wenn ich aufgezogen wurde – was die Ungarn als „cikizés“ bezeichnen. Das gab mir den notwendigen Ansporn, und schon bald konnte ich dann sogar die Witzeleien meiner Kollegen verstehen und darauf reagieren. Die ersten Erfolgserlebnisse beflügelten mich und ich schaffte es, meine sprachlichen Fähigkeiten immer weiter zu entwickeln.

Wie wurden Sie in Budapest aufgenommen?

Zugegeben, am Anfang war ich schon etwas skeptisch, denn die Länder hinter dem berüchtigten Eisernen Vorhang waren für mich damals total fremd. Trotzdem war es für mich eine wirklich spannende Zeit, an die ich gerne zurückdenke.

Selbstverständlich hat mir die Stimmung in der Werkstatt die Eingewöhnung leicht gemacht. Die zumeist jungen ungarischen Kollegen waren eine fröhliche Truppe, eine richtige Partybande, die mich aufgefangen hat, sowohl menschlich als auch fachlich. Ich habe mich von Anfang an gut aufgehoben gefühlt.

Foto: BZ / Rita Solymár

Wir unterhalten uns bei einer Tasse Kaffee in einem kleinen Salon, ge­mütlich eingerichtet mit Sofa, Schreibtisch, Bücherregalen, an den Wänden Stiche und Gemälde – Herr Etzler ist auch Kunstsammler, wie ich von ihm erfahre. Von hier aus kann ich durch die einen Spalt geöffnete Tür schon einen Blick in die Werkstatt erhaschen.

Aus welchem Grund wechselten Sie von der Geige zum Bogen?

Das Geigenbauen war zwar interessant, aber es ging mir einfach nicht schnell genug, diese diffizile, lang andauernde Arbeit an einem Stück entsprach nicht meinem Naturell. Ein Kollege, der sowohl Geigen- als auch Bogenbauer war, gab mir einen Einblick in die Technik des Bogenbauens, die mich sofort faszinierte. Innerhalb weniger Wochen stand mein Entschluss fest: Das ist mein Ding, das will ich machen! Diese Entscheidung habe ich bis heute nicht bereut. So blieb die Geige, die ich für die Gesellenprüfung angefertigt hatte, meine einzige. Bis heute hüte ich sie wie einen Schatz.

Gab es Kollegen, die Sie bei Ihrer beruflichen Entwicklung maßgeblich beeinflusst haben?

Ja, natürlich. Von meinem damaligen Meister Ferenc Kőrössy habe ich auf fachlichem Gebiet unheimlich viel gelernt. Darüber hinaus verbindet uns eine bis heute andauernde tiefe Freundschaft, wir haben ein fast familiäres Verhältnis. Wir teilen uns dieses Haus, wo jeder seine eigene Werkstatt hat, und wir unterstützen uns gegenseitig.

Dann natürlich Géza Sáli, der meine ersten Schritte im Bogenbau begleitete und mich in die Geheimnisse des Bogenbauens einweihte. Ihm habe ich sehr viel zu verdanken.

Foto: BZ / Rita Solymár

Während der kurzen Zeit meiner „Wanderjahre“ konnte ich mit verschiedenen großen Meistern, wie Pierre Guillaume und Dirk Löscher, zusammenarbeiten und wertvolle Erfahrungen sammeln.

Der Beruf des Bogenbauers ist ein absolut eigenständiges Handwerk, was ist daran so faszinierend?

Für den Musiker ist der Bogen das „Werkzeug“, mit dem er die Musik umsetzt, dem Streichinstrument den Klang entlockt. Künstler, Geige und Bogen müssen hundertprozentig aufeinander abgestimmt sein, sie bilden ein harmonisches Miteinander, das bestimmt die musikalische Qualität. Dabei spielen unter anderem auch der Geschmack und die Anatomie des Musikers eine Rolle, der Bogen muss zu ihm passen, denn sie verbringen sehr viel Zeit miteinander, sie arbeiten gemeinsam an einem musikalischen Projekt, dessen Erfolg vom Zusammenwirken abhängt. Aufgrund seiner bedeutenden Rolle würde der Bogen eine viel größere Aufmerksamkeit verdienen, von Außenstehenden wird er zumeist jedoch lediglich als Zubehör gesehen.

Das Bogenbauen ist tatsächlich eine Handwerkskunst – wie lange arbeiten Sie an einem Bogen?

Das ist unterschiedlich. Im Allgemeinen dauert es ein bis zwei Wochen, bis ein neuer Bogen fertig ist. Vor 20 Jahren habe ich im Schnitt 60 Bögen pro Jahr hergestellt, heute nur noch etwa halb so viel. Der Grund dafür ist einfach, ich nehme mir mehr Zeit, feile im wahrsten Sinne des Wortes viel mehr an einem Stück.

Endlich bittet mich der Meister in seine Werkstatt, ich lasse kurz meinen Blick schweifen und merke sofort, dass dies die Wirkungsstätte eines Fachmanns vom alten Schlag ist. Hier sind Bögen in verschiedenen Stadien, selbst angefertigtes Spezialwerkzeug sowie unterschiedliche Materialien, wie Ebenholz, Perlmutt, Silber und Leder, zu sehen. Er erklärt mir detailliert, welches Material für welchen Teil des Bogens gebraucht wird und welche Arbeitsschritte zum fertigen Produkt führen.

Was macht eigentlich einen guten Bogen aus?

Für die Qualität ist größtenteils die Wahl des richtigen Materials verantwortlich. Das wichtigste Element hierbei ist das Holz, dessen Auswahl und Beschaffung ein komplizierter Prozess ist. Bögen für Streichinstrumente werden traditionellerweise aus Fernambukholz gefertigt. Leider ist der Fernambukbaum (portugiesisch Pao Brasilia) eine stark bedrohte Art, die in der Küstenebene Brasiliens beheimatet ist. Um eine weitere Abholzung zu verhindern, darf heute nur noch mit Fernambukholz aus Altbeständen gehandelt werden.

Gibt es keine Alternativen für dieses Holz?

Fernambukholz ist ein einzigartiges Material, es besitzt ideale Eigenschaften, die für den Bogenbau unerlässlich sind: einerseits die Festigkeit, andererseits die Fähigkeit der Biegung. Das Holz wird zum Biegen über einer Flamme erwärmt, dabei werden die Holzfasern flexibel und die Bogenstange kann entsprechend gebogen werden – das geschieht selbstverständlich in mühevoller Handarbeit. Einzigartig ist, dass das Holz nach dem Erkalten exakt die gewünschte Biegung beibehält. Nein, dieses besondere Holz ist leider durch nichts zu ersetzen.

Fotos: Joachim Sinus Dennemann

Herr Etzler zeigt mir die Rohlinge, aus denen die Bogenstäbe gebogen werden, und wie er mit verschieden großen, beziehungsweise eher kleinen Hobeln, die er selbst anfertigt, den Stab auf die vorgegebene Stärke bringt.

Woher beziehen Sie das Fernambukholz?

Alle paar Jahre reise ich nach Brasilien und suche dort bekannte Händler auf, bei denen ich das qualitativ beste Holz auswähle. Dafür prüfe ich meistens mehrere Tonnen Holz und kaufe letztendlich ca. 25 kg, damit komme ich zwei bis drei Jahre lang aus. Inzwischen wird verstärkt eine Neuanpflanzung von Fernambukbäumen betrieben, was sich auf dem Markt jedoch erst in Jahrzehnten bemerkbar machen wird.

Was ist für die Qualität eines Bogens noch wichtig?

Natürlich die Bespannung mit Rosshaar. Hierfür kaufe ich mehrfach sortierte Bündel, die wir hier nochmals prüfen, damit nur einwandfreies Haar zum Einsatz kommt. Das Rosshaar sollte von freilebenden sibirischen oder mongolischen Pferden stammen. Nur eine Bespannung mit hochwertigem Rosshaar garantiert eine erstklassige Klangqualität.

Insgesamt muss man beim Bogenbau ein Gleichgewicht zwischen Ästhetik und Funktionalität finden, das macht die Qualität eines Bogens aus.

Wie prüfen Sie, ob ein Bogen gut geworden ist, spielen Sie selber Geige?

Ich kann nicht Geige spielen, leider. Die fertigen Bögen lasse ich von Musikern testen. Deren Meinung ist mir sehr wichtig, anhand ihrer Rückmeldungen kann ich mich weiterentwickeln. Die Ansprüche der Künstler verändern sich, darauf muss ich mich einstellen, aber das funktioniert nur, wenn mir die Musiker ihre Erfahrungen mitteilen.

Woraus schöpfen Sie noch Motivation nach so vielen Jahren des Bogenbauens?

Mein oberstes Ziel ist es, die Musiker zu bedienen, sie mit gutem Werkzeug zu versorgen. Wenn ich sehe, dass ein Künstler zufrieden oder gar verzaubert ist von seinem neuen Bogen, dann macht mich das sehr glücklich. Dafür lohnt es sich zu arbeiten.

Foto: Joachim Sinus Dennemann

Ich sehe es als meine Pflicht an, einen guten Bogen zu bauen, der einwandfrei funktioniert und eine entsprechend schöne Klangqualität garantiert. Beim Design habe ich gewisse Freiheiten, kann quasi mit individuellen Stilelementen spielen und etwas Eigenes schaffen, das hält die Spannung meines Berufes aufrecht.

Als Bogenbauer kann ich mich nicht zurücklehnen und einen Bogen aus Routine bauen, ich lege in jedes einzelne Stück all mein Können hinein, aber auch Einfühlungsvermögen und Demut, denn nur so kommt etwas Gutes dabei heraus. Und auf diese Weise wird es nie langweilig. Obwohl ich im Laufe der Jahre schon ungefähr 1.700 Bögen angefertigt habe, ist der Herstellungsprozess jedes Mal aufs Neue spannend für mich.

Wer kauft bei Ihnen ein?

Meine Kundschaft setzt sich hauptsächlich aus ungarischen Musikern und Orchestern zusammen, nur vereinzelte Kunden kommen aus dem Ausland. Ich habe immer eine gewisse Anzahl von Bögen zur Auswahl, so dass die Künstler sie ausprobieren können.

Was macht ein Bogenbauer, wenn er keine Bögen baut, haben Sie so etwas wie ein Hobby?

Die Nähe zur Natur ist mir sehr wichtig, deswegen lebe ich mit meiner Familie hier in dieser eher ländlichen Umgebung. Ganz in der Nähe unseres Hauses haben wir unser eigenes Moor, das ist mein Steckenpferd. Wenn ich dort an der frischen Luft körperlich arbeite, gibt mir das ein Gefühl der Zufriedenheit, das trägt zur Erhaltung meines inneren Gleichgewichts bei, damit ich meinen eigenen Bogen nicht überspanne.

Daneben höre ich gern klassische Musik. Bartók hat es mir besonders angetan, aber auch die ungarische Volksmusik ist mir lieb geworden, denn meine Kinder tanzen in Volkstanzgruppen und wir Eltern sind natürlich ein begeistertes Publikum.

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