Traditionelle Ostereier in einfacher Wachsbatiktechnik aus Zengővárkony. Foto: Eiermuseum

Osterbräuche

Kunst am Ei

Im Einzelhandel herrscht schon seit vielen Wochen Osterstimmung – die Regale der Supermärkte sind voll mit bunten Ostereiern aus Schokolade, Marzipan, mit und ohne Füllung, in den verschiedensten Ausführungen.

Geht es um die Vorbereitung auf die Ostertage, so darf natürlich auch die festliche Dekoration im Zeichen des Frühlings nicht fehlen; im Angebot finden sich überall Blumenschmuck, Palmkätzchen, Spielsachen, Geschenkartikel und natürlich bunt verzierte Ostereier.

Das Osterei oder auch das Ei als solches aus einem anderen Blickwinkel beleuchtet ein winziges Museum im kleinen Ort Zengővárkony in der Nähe von Pécsvárad, unweit von Pécs. In diesem Schmuckkästchen befindet sich eine außergewöhnliche Sammlung von kunstvoll verzierten Eiern.

Wir sprachen mit der Gründerin des Museums und Eigentümerin der Sammlung, Frau Dr. Rózsa Nienhaus, die hier in malerischer Umgebung, am Fuße des Zengő, der höchsten Erhebung des Mecsek-Gebirges, ihren Traum verwirklicht hat.

Dr. Rózsa Nienhaus, Gründerin des Museums, Eigentümerin der Sammlung. Foto: Eiermuseum

Das Ei ist ein symbolträchtiges Objekt, welche Bedeutung hat es, insbesondere zu Ostern?

Das Ei ist untrennbar mit dem Osterfest verbunden, es gilt aber in vielen Kulturen als Symbol des Lebens und des Neubeginns. Im christlichen Glauben steht das Sinnbild der Fruchtbarkeit für die Auferstehung Christi und das ewige Leben. Bereits im frühen Ägypten wurde das Ei als Ursprung der Welt betrachtet und in China wurden schon vor 5000 Jahren zu Frühlingsbeginn bunt bemalte Eier verschenkt.

Auch im antiken Rom und Griechenland symbolisierte das Ei den Neubeginn im Frühling. Bei Ausgrabungen fand man sogar Eier als Grabbeigaben in römisch-germanischen Gräbern des 4. Jahrhunderts. Interessant ist, dass in Szeged bei Ausgrabungen unter Leitung von Ferenc Móra in den 1930-er Jahren in Awarengräbern Überreste von verzierten Eiern in Kratztechnik gefunden wurden. Aus diesen Bruchstücken rekonstruierten die Mitarbeiter des Museums Reproduktionen, die in unserer Sammlung zu sehen sind.

Allerdings gibt es auch ganz praktische Gründe für die Bedeutung von Ostereiern: Während der Fastenzeit durften neben Fleisch auch keine Eier verzehrt werden, dadurch sammelten sich auf den Bauernhöfen viele Eier an, die dann zu Ostern aufgebraucht werden mussten, verziert und verschenkt wurden.

Wie kamen Sie auf die Idee, ein Museum für verzierte Eier zu gründen?

Nun, das ist eine lange Geschichte. Als Mathematikerin war ich schon immer fasziniert von der Form des Eis – eigentlich ist es unendlich, es hat keinen Anfang und kein Ende, es konnte geometrisch nicht umfassend beschrieben werden. Übrigens entwickelten mittlerweile Forscher eine Universalformel, mit deren Hilfe jedes Ei mathematisch exakt vermessen werden kann.

Foto: Eiermuseum

Alles begann mit Besuchen auf Handwerkermärkten, wo ich verschiedenste kunstvoll verzierte Eier erstand. Mit der Zeit entwickelte ich eine regelrechte Passion für Eier, so dass meine Sammlung einen immer größeren Umfang bekam. Nachdem ich 1998 bei der letzten Auktion aus dem Wiener Pollak-Nachlass eine größere Anzahl von Eiern ersteigern konnte, hat meine Sammlung an Bedeutung gewonnen. Die aus vielen verschiedenen Ländern stammenden Exponate ergänzten meine Sammlung und verliehen ihr einen Hauch von Internationalität. Damals fasste ich den Entschluss, ein Heim für die vielen Kunstwerke zu schaffen und sie auf diese Weise auch anderen Liebhabern zugänglich zu machen. Ich begann gezielt nach einem geeigneten Ort zu suchen.

Warum wählten Sie gerade Zengővárkony als Standort für Ihr Museum?

Da muss ich wieder weit ausholen: Nach dem Studium kam ich durch meine Heirat nach Deutschland, wo ich bis zur Rente an der Universität Münster beschäftigt war. Trotz der Entfernung fühlte ich mich meiner ungarischen Heimat immer eng verbunden. Mein Interesse galt zunächst der Volkskunst allgemein, daraus entwickelte sich dann die Leidenschaft für verzierte Eier. Ich besuchte regelmäßig Märkte in Ungarn, immer auf der Suche nach besonderen Exemplaren.

Im Frühling 1998 reiste ich nach Budapest, um bestellte Eier aus dem Volkskundemuseum abzuholen. Dort erzählte ich der Eiermalerin von meinem Vorhaben, sie lud mich spontan nach Pécsvárad ein. Es war Ostern und in der Nacht auf Ostermontag hatte ich einen Traum: Ich sah mein Museum in einem kleinen Bauernhaus in ländlicher Umgebung. Das war für mich ein deutliches Zeichen. Am Tag darauf nahm sie mich mit ins malerische Dorf Zengővárkony und zeigte mir ein wunderschönes altes Bauernhaus mit einer dazugehörigen leer stehenden Scheune. Als ich das sah, war ich wie vom Blitz gerührt, das war das Haus aus meinem Traum: Rundherum herrliche Natur, die Vögel zwitscherten, ein Bach plätscherte – ich war verzaubert und wusste, das ist der Ort, wo meine Sammlung ein Zuhause bekommen sollte.

Foto: Eiermuseum

Wann wurde das Museum schließlich eröffnet?

Das dauerte noch eine ganze Weile, denn es gab selbstverständlich eine Menge Arbeit, aber mit Hilfe der Gemeinde und der staatlichen Unterstützung anlässlich der Tausendjahrfeier der Staatsgründung Ungarns ist es schließlich gelungen, die Renovierungsarbeiten rechtzeitig zu Ostern 2000 abzuschließen. Am Palmsonntag öffnete das Museum seine Pforten – dies war für mich ein bewegendes Ereignis, mein Traum wurde wahr und es begann eine neue Epoche für die vielen unbekannten Handwerkskünstler, deren Werke hier ein Zuhause bekamen. In diesem Zusammenhang möchte ich die Arbeit eines befreundeten Innenarchitekten hervorheben, der es möglich gemacht hat, die vielen verzierten Eier auf relativ engem Raum optimal zu präsentieren – im Zentrum des Ausstellungsraumes steht eine kreuzförmige Vitrine, diese ist selbst schon sehenswert.

Wieviele Exponate sind im Museum zu sehen, aus welchen Ländern stammen sie?

Insgesamt beherbergt das Museum rund 5.000, mit verschiedenen Techniken verzierte Eier – von Wachteleiern über Hühner-, Enten-, Gänseeier bis zu Straußeneiern. Ungefähr die Hälfte der Sammlung ist in Vitrinen ausgestellt, die übrigen Exponate verwahren wir in den Schubladen von Spezialschränken.

Von Zeit zu Zeit tauschen wir die Ausstellungsstücke. Eine gesonderte Sammlung steht als Leihgabe für temporäre Ausstellungen zur Verfügung, auf diese Weise war unser Museum bereits auf über 100 Ausstellungen präsent. Dieses Jahr sind wir zum ersten Mal beim Budapester Frühlingsfest vertreten.

Unsere Exponate stammen aus 25 Ländern. Beim Museumsbesuch kann man die Welt quasi auf Eierschalen bereisen – so schrieb es ein Besucher in unser Gästebuch. Das hat mich besonders gefreut, denn es war mir immer wichtig, dass unsere Einrichtung eine internationale Atmosphäre ausstrahlt.

Sie erwähnten verschiedene Verzierungstechniken, welche sind das?

Es gibt die einfache Wachsbatiktechnik, die Ätztechnik, die Ätz-Wachsbatiktechnik, die Wachsbossiertechnik, die Pflanzenbatik, die Kratz- und Ritztechnik, die Gravurtechnik, die Perfora­tionstechnik und die Bemalung sowie die Applikationstechnik.

Osterei in Wachsbatiktechnik aus Hessen. Foto: Eiermuseum

Auf unserer neuen Homepage sind Beispiele für jede Verzierungstechnik zu finden und es gibt eine Seite, auf der die Entstehung eines verzierten Eis Schritt für Schritt gezeigt wird. Dort kann man den Künstlern sozusagen über die Schulter schauen.

Am spannendsten ist vielleicht die Perforationstechnik, denn die Verzierung der ausgeblasenen Eier erfolgt mit einem zahnmedizinischen Bohrer. Dies erfordert außerordentliches Fingerspitzengefühl, um die Spannungsverhältnisse des Eis nicht aus dem Gleichgewicht und die Oberfläche nicht zum Platzen zu bringen.

Welches sind die wichtigsten Meilensteine der Geschichte des Museums?

Die wichtigste Station war das 20-jährige Jubiläum unserer Einrichtung im Jahr 2020, das wir zwar pandemiebedingt nicht gebührend feiern konnten, aber dem wir mit dem Erwerb von Gänseeiern in Kratztechnik, auf denen die 14 Kreuzwegstationen abgebildet sind, ein Denkmal setzen konnten. Diese Eier haben eine besondere Bedeutung für unser Haus.

Im vergangenen Jahr sind wir in der Kategorie kleine Museen für den Wettbewerb „Museum des Jahres” nominiert worden. Das ist eine große Ehre und macht uns wirklich stolz.

Neben der fachlichen Anerkennung freut uns besonders, dass wir 2007 aufgrund von Besucherstimmen den Titel „Besucherfreundliches Museum des Jahres” erhielten.

Gibt es persönliche Lieblingsstücke in der Sammlung?

Mein persönlicher Favorit ist das Straußenei in Perforationstechnik, auf dem die erste Strophe der ungarischen Hymne mit den Noten der Melodie verewigt ist, aber die klassischen ungarischen Muster, so etwa die Girlandenmotive stehen mir ebenfalls sehr nahe. Ganz spektakulär ist auch die Verzierung von Eiern mit kleinen Hufeisen.

Straußenei in Perforationstechnik mit der ersten Strophe der ungarischen Hymne und den Noten der Melodie. Foto: Eiermuseum
Osterei mit traditioneller Hufeisen-Applikation. Foto: Eiermuseum

Welche Art von Programmen bietet das Museum?

In der Karwoche sowie am Ostersonntag bieten wir täglich vormittags und nachmittags Vorträge und Workshops sowohl für Kinder als auch für Erwachsene an. Hier können Interessierte die verschiedenen Techniken erlernen. Das detaillierte Osterprogramm ist auf unserer Facebook-Seite zu finden.

Sehr beliebt ist auch der nationale Wettbewerb für jugendliche Eierschreiber. Besonders gut besucht ist auch die Veranstaltung mit dem Titel „Ostereier für unsere Lieben”, hier können alle Teilnehmer unter Anleitung geübter Eierschreiber selbst gestaltete Ostereier als Geschenk anfertigen.

Am Tag des ungarischen Kulturerbes veranstalten wir jedes Jahr eine Fortbildung, an der Kunsthandwerker aus ganz Ungarn teilnehmen.

Was würden Sie als Leitbild des Museums bezeichnen?

Mein oberstes Ziel war und ist es, unseren Besuchern zu zeigen, wie vielfältig die Möglichkeiten der Eierverzierung sind, sei es traditionelle Volkskunst oder hochwertige Handwerkskunst. Wir möchten verdeutlichen, dass jedes Exponat einzigartig ist und durch seine individuelle Harmonie und Schönheit den Betrachter in seinen Bann zieht.

Als ich Ungarn und das ganze Karpatenbecken bereiste, immer auf der Suche nach unterschiedlichen Arten der Verzierung und den Menschen, die mit traditionellen Techniken arbeiten, wurde mir bewusst, dass sich diese Menschen nach einem Treffpunkt, einer Plattform zum Kennenlernen und Erfahrungsaustausch sehnen. Hier in unserem Museum bieten wir ihnen die Möglichkeit dazu. Es ist ein gutes Gefühl, dieser zerbrechlichen Handwerkskunst ein Heim bieten zu können.

Möchten Sie unseren Lesern noch etwas ans Herz legen?

Ja, natürlich! Wir laden alle interessierten Besucher ein, unsere Sammlung zu bestaunen, nicht nur zu Ostern, denn wir haben ganzjährig geöffnet.

Die Beschreibung der einzelnen Exponate ist dreisprachig (Ungarisch, Deutsch und Englisch).

In unserem Museumsshop sind museumspädagogische Broschüren, Musterblätter mit traditionellen ungarischen Motiven und Spiele, wie etwa Ostereier-Memory oder Ostereier-Sudoku, erhältlich, und sogar ein komplettes Ostereier-Kit zum Selbermachen. Reproduktionen unserer Exponate sind ein beliebter Geschenkartikel.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Weitere Infos über das Eiermuseum finden Sie hier:

www.facebook.com/mivestojasmuzeum

www.tojasmuzeum.hu/de/kunst-am-ei/

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