AUB-Dozent und Unternehmensberater Dr. Tim Alexander Herberger: „Wir freuen uns, wenn wir mit unserer Expertise Unternehmen helfen können.“ (Foto: privat)

Interview mit AUB-Dozent Dr. Tim Alexander Herberger

Kostenlose Beratung für KMU

Wie bereits am Montag in unserer Tageszeitung BZ heute mitgeteilt, engagieren sich einige Lehrkräfte und Studierende der Andrássy-Universität als Reaktion auf die Coronavirus-Krise seit ein paar Tagen auch als Unternehmensberater. Wir unterhielten uns darüber mit Initiator Dr. Tim Alexander Herberger, dem Leiter des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre.

Wie wurde die Idee zu dieser Hilfsmaßnahme geboren?

Das vollzog sich in zwei Schritten: Als die Corona-Krise ihren Lauf nahm und immer mehr Unternehmen von erheblichen Einschränkungen in ihrem Geschäft betroffen waren und hierdurch in sehr kurzer Zeit in wirtschaftliche Schwierigkeiten, konkret in Liquiditätsschwierigkeiten gerieten, sprachen mich zunächst einige befreundete Unternehmer, insbesondere aus dem Einzelhandel, dem Tourismussektor und auch aus dem Gastronomiebereich an. Sie fragten nach ein paar Tipps, wie man denn auf so etwas Einschneidendes reagieren könnte und ob ich ihnen Hilfestellung bei der Antragstellung für die staatlichen Hilfs- und Fördermaßnahmen geben könnte. Natürlich habe ich hier gerne mit Rat zur Seite gestanden.

Als ich beiläufig in meinem Kollegenkreis davon berichtete, erfuhr ich, dass auch andere Kollegen vermehrt um Rat und ihre Einschätzung gebeten worden sind. So bildete sich schließlich die Idee, die Kompetenzen in einem losen Netzwerk zu vereinen und sich gegenseitig mit Informationen und Ratschlägen zu helfen, um Unternehmen in der Krise unentgeltlich zu unterstützen.

Im zweiten Schritt kam mir dann der Gedanke – nicht zuletzt weil unser Netzwerk durchaus eine gewisse Nachfrage verspürte –, ob wir nicht die bei uns an der Andrássy-Universität beheimatete studentische Unternehmensberatung YDEAS mit ins Boot holen, wo ich quasi die Kontaktschnittstelle zwischen hochmotiverten Studierenden in ihrer Rolle als studentische Unternehmensberater und unserer Universitätsleitung als heimatgebende Institution bin. YDEAS ist zudem sehr bemüht, sich noch stärker einen Namen in Budapest und Umgebung zu machen und sich zu empfehlen. Das war einfach eine perfekte Win-Win-Situation, und die Mitglieder von YDEAS waren ebenfalls sofort Feuer und Flamme für diese Initiative. Ich bin sehr froh, mit ihnen nun gemeinsam das Projekt weiter voranzubringen.

Wie sehen die Hilfsmaßnahmen konkret aus? Welche Themenfelder können Sie abdecken?

Wir bieten ab sofort ein stark operativ ausgerichtetes Themenspektrum im Kontext der aktuellen Krise an und versuchen mit Sofortmaßnahmen den Unternehmen zu helfen. Hierbei unterstützen wir insbesondere klein- und mittelständische Unternehmen, die besonders von der Corona-Krise betroffen sind, darin, ihr bisher eher anlog ausgerichtetes Geschäftsmodell weiter zu digitalisieren, ihr Marketing auf die aktuelle Situation hin anzupassen, vor allem noch stärker mit Social Media-Instrumenten zu arbeiten und auch Arbeitsprozesse im täglichen Büroalltag der aktuellen Situation anzupassen. Das kann so etwas zunächst banal Wirkendes sein, wie zum Beispiel, die Bürokommunikation auf Videokonferenzsysteme umzustellen. Was aber häufig übersehen wird: Virtuell zu kommunizieren ist durchaus anders, als in einem Face-to-Face-Gespräch geschäftliche Dinge zu besprechen. Zudem helfen wir den Unternehmen bei Fragen rund um ihr Liquiditätsmanagement im Zusammenhang mit der Krise und beraten bei einer möglichen Inanspruchnahme von staatlichen Förder- und Hilfsprogrammen.

Wie sehen Ihre ersten Erfahrungen mit dem Hilfsangebot aus? Wie wird es angenommen?

Bisher war das Netzwerk vor allem auf dem deutschsprachigen Markt helfend unterwegs und hatte hier eben aus dem Kollegenkreis heraus Anfragen. Wir wollten insbesondere klein- und mittelständische Unternehmen mit wenigen Mitarbeitern unterstützen, die zum Teil kaum Ressourcen haben, um mit einer solchen komplexen Situation umzugehen. Wir machen das neben unserer normalen beruflichen Tätigkeit; wir ersetzen daher keine hauptberuflichen Unternehmensberater oder entwerfen langfristige strategische Geschäftsstrategien.

Meine Idee ist aber, diese unentgeltliche Unterstützungsmaßnahme in der aktuellen Ausnahmesituation nun auch nach ungarischsprachigen Auftraggebern hin zu erweitern, wo jetzt durch YDEAS auch die Ressourcen vorhanden sind, um das zu leisten. Natürlich ist hier eventuell am Anfang mit einer gewissen Sprachbarriere an manchen Stellen zu rechnen, aber ich denke, das bekommt man schnell in den Griff und bei YDEAS haben wir einige Muttersprachler, die hier eine große Hilfe sein werden. Besonders häufig wurde bisher unternehmensseitig die Unterstützung beim Liquiditätsmanagement sowie bei der Digitalisierung von einzelnen Verwaltungsprozessen im Zusammenhang mit der Krise von den Unternehmen erbeten. Häufig wurde nach Tipps gefragt, wie man digitale Hilfsmittel möglichst schnell in betriebliche Abläufe integrieren kann. Aber mit dem Aufkommen der ersten Förder- und Hilfsprogramme nahmen auch hier Anfragen zu, etwa wie man sich in diesem „Antrags-Dschungel“ zurechtfindet.

Leider sind jedoch viele der anfragenden Unternehmen nicht wirklich erst durch die Corona-Krise in große wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, sondern hatten schon vorher strukturelle Probleme, die durch die Krise nur exponentiell verstärkt wurden. Insbesondere kleinen Unternehmen fehlt neben dem operativen Geschäft und dessen Finanzierung häufig die Möglichkeit, Mittel für den Aufbau einer finanziellen Notreserve bereit zu halten, um solche unvorhersehbaren Situationen wirtschaftlich manövrierfähig zu überstehen.

Häufig beobachten wir, dass die Unternehmen in vielen Bereichen die Digitalisierung und die Digitale Transformation in der Vergangenheit nur sehr verhalten in Angriff genommen haben – beziehungsweise zum Teil auch mangels finanzieller Möglichkeiten mussten – und nun bei der aktuell starken Einschränkung persönlicher Kontakte große Schwierigkeiten haben, ihr ursprünglich vor allem analogzentriertes Geschäftsmodell aufrecht zu erhalten.

Wo sehen Sie konkret den Mehrwert für die einzelnen Interessengruppen, wenn nicht nur Professoren, sondern auch Studenten bei der Initiative als beratendes Element mitwirken?

Ein konzeptorientiertes, aber doch stets flexibel gehaltenes unternehmerisches Handeln, bereichert durch moderne, dynamische sowie praktisch orientierte Sichtweisen und konkrete Handlungselemente ist meiner Erfahrung nach der Schlüssel zu einer erfolgreichen Geschäftsstrategie. Ich denke, genau dieser erforderliche Mix wird von einem Team aus Wirtschaftswissenschaftlern und hoch motivierten Studierenden der Wirtschaftswissenschaften perfekt bereitgestellt. Auf der einen Seite können die Wirtschaftswissenschaftler ihre eher generalisierten Theorien in der unternehmerischen Praxis erproben, auf der anderen Seite begleiten Studierende den Transfer von eher abstrakten Modellen hin zum „lebenden Objekt“ und erfahren die damit verbundenen Herausforderungen bei der Implementierung. Die beratenen Unternehmen erhalten wiederum einen hoffentlich passenden Lösungsansatz, um die aktuelle Krise besser zu überstehen, und müssen keine zusätzlichen finanziellen Ressourcen für die Hilfestellungen aufwenden.

Wie lange, glauben Sie, wird Ihre neuartige Dienstleistung noch benötigt?

Die Frage kann Ihnen heute keiner seriös beantworten. Unsere Hilfsinitiative hat nun erstmal kein heute bereits festgelegtes Ende, ist aber letztlich auf akute Fälle im Zusammenhang mit der aktuellen Krise begrenzt. Ich persönlich gehe zwar davon aus, dass wir als Bürger das nach außen hin wahrnehmbare gesellschaftliche Leben wieder schnell hochfahren werden, sobald es die Situation seriös und nachhaltig zulässt. Wir werden als Individuen wieder Konzerte besuchen, in Restaurants gehen und Urlaubsreisen ins Ausland unternehmen: Jedoch bin ich der festen Überzeugung, dass wir die Auswirkungen der Corona-Krise auf die globale Wirtschaft und den fiskalischen Entscheidungsspielraum noch mehr als ein Jahrzehnt spüren werden. Ich vermute zudem sehr stark, dass uns die sozialen Auswirkungen der Corona-Krise und deren nachhaltige Verarbeitung – insbesondere des Lockdowns – sowohl auf einer tieferliegenden gesellschaftlichen als auch individuellen Ebene ebenfalls noch Jahre beschäftigen werden.

Wenn man Sie um ein Patentrezept bitten würde, wie ein Unternehmen in solch einer Ausnahmesituation reagieren kann, was würden Sie raten?

In jeder Krisensituation liegt letztlich auch eine Chance, Veränderungen in einem Unternehmen schneller umzusetzen, als dies in ruhigem geschäftlichen Fahrwasser durch Trägheit von Entscheidungsprozessen und divergierender Motivations- und Interessenlagen aller Beteiligter möglich wäre. Eine solche Situation bietet die Chance, alle Interessengruppen auf ein Ziel einzuschwören und Entscheidungsprozesse in einem so dynamischen Umfeld erheblich zu beschleunigen. Wichtig ist immer, sich bewusst zu machen, dass es unabdingbar ist, Entscheidungen zu treffen und damit auch unternehmerische Risiken einzugehen, will man als Unternehmen auf lange Sicht hin wettbewerbsfähig und somit überlebensfähig bleiben. Diese ökonomische Grundregel bewahrheitet sich in der jetzigen Krisensituation einmal mehr.

Wie können interessierte Geschäftsleute mit Ihnen in Kontakt treten?

Das funktioniert in solchen Zeiten zunächst am besten digital. Also gerne eine Mail am besten gleich mit einer Skizzierung des konkreten Unterstützungsbedarfs und den Kontaktdaten des Ansprechpartners im Unternehmen. Die Anfragen können an tim.herberger@andrassyuni.hu oder kontakt@ydeas.eu gerichtet werden. Wir freuen uns, wenn wir mit unserer Expertise Unternehmen helfen können.

Schreibe einen Kommentar

Weitere Artikel

Interview mit Heilsarmee-Offizierin Regina Wittwer

Ein Prozent für die Heilsarmee

Gerade jetzt ist die ungarische Heilsarmee auf die steuerliche Ein-Prozent-Regelung angewiesen. Die Stellvertretende Leiterin der hiesigen Heilsarmee-Organisation und Offizierin Regina Wittwer berichtet uns über die aktuelle Situation und wie man helfen kann.
BZ+

Gespräch mit Kammersänger Johannes von Duisburg über ein unangenehmes Reiseerlebnis

Grenzschließung mit Kommunikations­problemen

Bei der Grenzschließung im Rahmen der Corona-Krise kam es am Anfang zu einem kommunikativen Fehlgriff, der für etliche Reisende aus EWR-Ländern unangenehme Folgen hatte. Für mehrere Stunden wurde – abweichend vom tatsächlichen Gesetzestext – kommuniziert, dass nur noch ungarischen Staatsangehörigen die Einreise nach Ungarn ...

Gespräch mit der neuen Leiterin des Goethe-Instituts Ungarn Dr. Evelin Hust

Neue Akzente bei Zukunftsthemen

Im September 2019 übernahm die gebürtige Mainzerin Dr. Evelin Hust die Leitung des Goethe-Instituts Ungarn. Die Budapester Zeitung traf sie, um mit ihr über ihr erstes halbe Jahr in Ungarn, anstehende Projekte sowie inhaltliche Schwerpunkte zu reden.