Piroska Nagy: „Der Großteil der Menschen hatte die Freiheit, über die wichtigen Angelegenheiten des Lebens nachzudenken und zu sprechen, gegen ein komfortables Leben eingetauscht." (Foto: BZT / Nóra Halász)

30 Jahre friedliche Revolution: Gespräch mit der Fotografin Piroska Nagy

„Ich fühlte den Beginn des Endes“

Die ungarische Amerikanerin Piroska Nagy (geb. 1962) fing mit ihren Fotos die Umbruchszeit in Budapest ein. Kaum eine oppositionelle Aktion fand von 1988 bis 1990 ohne ihre Linse statt. Heute unterrichtet sie ungarische Kultur an der Amerikanischen Internationalen Schule in Budapest. Seit Anfang der neunziger Jahre ruht ihre Kamera, denn eine Fotojournalistin wollte sie nie werden. Gegenüber der Budapester Zeitung erzählt sie, wie sie zur Foto-Chronistin der revolutionären Ereignisse wurde.

Woher kommt Ihre Beziehung zu Ungarn?

Meine Eltern flohen beide 1956 nach der Revolution aus Ungarn in die USA. Meine Mutter stammte aus Budapest und befürchtete die Rückkehr des sehr repressiven Rákosi-Regimes. Mein Vater war damals als Lehrer in einem sehr kleinen Dorf in Südungarn tätig. Wahrscheinlich war er dort der einzige Intellektuelle und auch einer der wenigen Fremden, deswegen wählten ihn die Menschen im Dorf zum Leiter des revolutionären Rates — im „reifen“ Alter von 22 Jahren. Sollten die Russen einmarschieren, dann würde es Ärger geben. Das war allen klar. So traf es dann den Fremden im Dorf und es blieb ihm keine andere Wahl als die Flucht. Meine Eltern lernten sich in der ungarischen Exilgemeinschaft von New Jersey, in einem lokalen, ungarischen Restaurant kennen, wo sie sich später auch verlobten. Deswegen wurde ich in den USA geboren und bin zweisprachig aufgewachsen.

Wuchsen Sie mit den Erzählungen über den Volksaufstand von 1956 auf?

Absolut. Für die ungarische Gemeinschaft in New Jersey war — wie für viele ungarische Exilgemeinschaften — der 23. Oktober ein Nationalfeiertag zum Gedenken an die Revolution, ganz im Gegensatz zu Ungarn, wo dieser Tag natürlich nicht gefeiert wurde. Eine meiner prägendsten Kindheitserinnerungen knüpft sich an das Gefühl dieses Tages. Jedes Jahr hörten wir eine Schallplatte mit den Mitschnitten der letzten Radiobeiträge der Revolution. Radio Budapest sendete in den Morgenstunden des 4. Novembers den letzten Hilferuf, bevor es wie alle freien Radiosender mit dem Einmarsch der Russen verstummte. Ich erinnere mich, wie schwermütig mein Vater dann immer wurde, als ob er ein anderer Mensch wurde. Da spürte ich schon als Kind, dass dieses Ereignis etwas enorm Wichtiges, Bedeutsames gewesen war.

Wann sind Sie nach Ungarn gezogen und warum?

1980 kam ich nach Budapest. Mit der Familie verbrachten wir oft die Sommer in Ungarn und ich verliebte mich in Budapest. Die Stadt hatte die perfekte Größe. Sie war nicht so riesig wie New York und trotzdem keine Kleinstadt. Nach meinem Schulabschluss beschloss ich, mich für ein Studium an einer hiesigen Universität zu bewerben. Ich studierte Völkerkunde und später noch Kunstgeschichte.

Wie war es damals in Ungarn für jemanden, der in einem westlichen Land aufgewachsen war?

Meine Übersiedelung nach Ungarn verwunderte die hiesigen Menschen sehr. Ich hörte oft den Spruch, dass die Leute normalerweise die umgekehrte Richtung wählen. Für mich war es sehr interessant und sehr fremd hier, insbesondere die sozialistische Wirtschaftsstruktur und die ganze Wesensart der Kádár-Ära. Was mich am meisten überraschte war, dass die Menschen glücklich waren.

Warum überraschte Sie das?

Bisher kannte ich ja die Geschichten meiner Eltern über 1956 und hatte auch gelernt, was eine Diktatur ausmacht. Ich erwartete folglich, dass die Menschen sich durch eine konstante und offenbare Unterdrückung in einem Zustand dauerhaften Leidens befinden würden. Dem war aber nicht so. Sie waren glücklich und es ging ihnen ja auch gut! Manchmal murrten sie schon, hin und wieder beschwerten sie sich sogar mehr, als ich für erlaubt hielt. Aber eher darüber, dass sie keine Bananen kaufen konnten, und nicht etwa über fehlende Redefreiheit.

Mussten Sie sich dann selbst zensieren, weil Sie ja in einem politisch freizügigeren Land aufgewachsen waren? Etwa, wenn Sie über ihre Eltern und 1956 sprachen?

Mit 18 Jahren zensiert man sich nicht wirklich. Um ehrlich zu sein, gab es auch nicht viel Grund, um über die Revolution zu reden, weil meine Generation hier über solche Dinge einfach nicht sprach. Für sie war 1956 nicht existent. Offiziell wurde 1956 als Konterrevolution gegen Lenins Revolution des Proletariats angesehen. Die Revolutionäre waren folglich Kriminelle. Meine Generation wusste zwar, dass das nicht ganz stimmte, aber niemand wusste Genaueres. Ein paar wenige fragten mich nach den tatsächlichen Geschehnissen, und sie waren wirklich perplex, als sie die wahren Geschichten hörten. Der Mehrzahl aber war es egal, denn es war unwiederbringlich vorbei und man sollte sich lieber auf die Zukunft konzentrieren. Solange man alle drei Wochen ein gutes Stück Fleisch vom Metzger, in zwei Jahren einen Fernseher und ein Ferienhäuschen am Balaton bekommen konnte — warum sich überhaupt damit abgeben? Das war die Kádár-Ära.

Die großen Demonstrationen der Vorwendezeit begannen in Ungarn am 15. März 1988. Zum ersten Mal versammelten sich in so großer Anzahl Menschen, um der Revolution von 1848 nicht auf der offiziellen Regierungsveranstaltung, sondern auf einer oppositionellen Kundgebung zu gedenken und dabei mehr Freiheit zu fordern. (Foto: Piroska Nagy)

Was machte das Wesen der Kádár-Ära aus. Was meinen Sie konkret damit?

Das Motto lautete: „Ignorieren! Unter den Teppich kehren! Wir können die Zeit nicht zurückdrehen! Let’s move on!“ Ich halte diese Prägung der Psyche für eines der größten Verbrechen des Kádár-Regimes. Der Großteil der Menschen hatten die Freiheit, über die wichtigen Angelegenheiten des Lebens nachzudenken und zu sprechen, gegen ein komfortables Leben eingetauscht. Und sie genossen es. Sie waren sicher im System, passten sich an die Strukturen an, fanden sich größtenteils mit den Einschränkungen ab. Wenn sie in einem Jahr keinen Reisepass bekamen, versuchten sie es im nächsten Jahr halt noch einmal. Die Logik des Regimes besagte: „Schweigen ist besser. Es ist gesünder für dich. Man muss nicht über alle Dinge sprechen, das ist nicht so wichtig. Was zählt, ist, dass der Lebensstandard hier höher ist als in den anderen sozialistischen Nachbarländern. Es geht euch doch gut! Ihr könnt hier Westfilme schauen! Wir drücken auch mal ein Auge zu, wenn ihr schon früh am Nachmittag von der Arbeit nach Hause geht …“

Wie kamen Sie damit klar, konnten und wollten Sie sich in die Strukturen einfügen?

Ich war sehr ungeschickt darin. Zwar stellten sich die Menschen hier – wie gesagt – meist nicht öffentlich gegen das System, sie erkannten und nutzten dafür jedoch jede noch so kleine Gelegenheit, um das Regime auszutricksen. Sie sahen unsichtbare Dinge und konnten zwischen den Zeilen lesen! Ich konnte das nicht, auch heute tue ich mich immer noch schwer damit. Manchmal zeigte mir jemand einen Artikel, in dem sich hintergründige Botschaften verbargen. Ich aber sah sie nicht. Für mich stand etwas schwarz auf weiß in einem Artikel oder eben nicht! Entweder man hat etwas oder man hat es nicht! Hier aber hatten die Läden offiziell bestimmte Dinge nicht, aber „unter dem Ladentisch“ bekam man sie trotzdem. Im Gegensatz zu meinen Bekannten stellte ich mich sehr ungeschickt an, etwas „zwischen den Zeilen“ zu erkennen und zu sagen, denn ich war in einem direkteren und ehrlicheren System aufgewachsen.

Gibt es diese Prägung durch das Kádár-Regime auch heute noch?

Ja, ich glaube, diese Einstellung wurde und wird noch von Generation zu Generation weitervererbt. Auch Viktor Orbán weiß das und zählt darauf, dass die Menschen hier nichts unternehmen werden, weil sie seit 1956 kaum etwas unternommen haben. Aufgrund dieses Kádár-Trade-off, Freiheit gegen Komfort, konnte Orbán in Ungarn viele seiner Änderungen durchsetzen.

Standen Sie als Ausländerin unter Beobachtung?

Bestimmt. Anfangs wahrscheinlich aufgrund meines Vaters, der die „Muttersprachenkonferenz“ begründete. Diese Konferenz wurde dann von der „Weltorganisation der Ungarn“, einer ungarischen Regierungsorganisation veranstaltet. Die ungarische Regierung versuchte natürlich, oppositionelle Tätigkeiten zu unterbinden und alles unpolitisch zu halten. Trotzdem wurden dort natürlich nicht nur zeitgenössische Textbücher für den Unterricht der Auslandsungarn verfasst. Mein Vater pflegte dadurch Kontakt zu vielen prominenten Mitgliedern der ungarischen Intelligenz. Als ich später mit dem Fotografieren begann, bekam ich mit ziemlicher Sicherheit auch eine eigene Akte. Sie wurde allerdings nie gefunden. Das Innenministerium verbrannte in seinen letzten Tagen 1989 viele Akten und vermutlich begannen sie mit denen, die noch offen auf dem Schreibtisch lagen. Meine gehörte bestimmt dazu, denn ich besuchte zu dieser Zeit fast alle oppositionellen Aktionen.

Fühlten Sie sich damals frei?

Ich fühlte mich wahrscheinlich freier, als irgendjemand, der hier lebte, denn ich wusste, dass ich immer nach Amerika zurückgehen konnte. Das hatte ich in der Rückhand. Außerdem hielt ich es für unmöglich, dass diese kommunistische Diktatur für immer bestehen würde. Man konnte diesen Druck nicht ewig aufrechterhalten. Ich hoffte auf ein baldiges Ende. Meine Altersgenossen hielten das kaum für möglich. Alles in allem erlebte ich diese Jahre als eine sehr kathartische und euphorische Zeit. Wenn ich manchmal davon erzähle, wie wir gemeinsam für etwas gekämpft haben, werden meine Kinder neidisch.

Im Vergleich zur amerikanischen Bürgerrechtsbewegung oder dem Terror des Rákosi-Regimes war die Polizeigewalt eher harmlos, und die Beziehung zwischen Polizisten und Oppositionellen ähnelte meist eher einem Katz-und-Maus-Spiel. (Foto: Piroska Nagy)

Warum haben Sie 1988 mit dem Fotografieren der oppositionellen Aktionen angefangen?

1986 hörte ich durch Mundpropaganda von einer Demonstration zum 30. Jahrestag der 56er Revolution, bei der auch Imre Mécs einen Vortrag an der Technischen Universität halten sollte. Dort konnte ich kaum glauben, was ich hörte. Es hat mich stark beeindruckt. Es glich einem frischen Wind: Endlich erzählte jemand die Wahrheit über 1956! Die Revolutionäre waren bereits meine großen Kindheitshelden gewesen. Nun stand dort so ein heroisches Wesen leibhaftig vor mir! Ich schwebte förmlich im siebten Himmel! Anschließend konnte ich mich sogar noch mit ihm unterhalten. Wir schafften es sogar, seine Rede für mich zu vervielfältigen – was damals angesichts der spärlichen Kopiermaschinen, die auch noch streng beaufsichtigt wurden, gar nicht so einfach war. Die Rede schickte ich dann, wie viele Materialien, an meinen Vater, damit er sie im Ausland veröffentlichen konnte. Für mich begann hier ein Prozess, der versuchte zu vollenden, was die Revolution damals nicht hatte zu Ende bringen können. Sie war damals in den Kinderschuhen stecken geblieben. Nun arbeiteten Menschen quasi hinter den Kulissen daran, sie erwachsen werden zu lassen.

Ich entschied mich, diesen Leuten zu helfen. Ich wusste, dass ich keine Intellektuelle war, die dem bereits Gesagten etwas Eigenes hinzuzufügen hatte. Das Beste, was ich tun konnte, bestand darin, ihre Aktivitäten zu dokumentieren. Zu meinen Studienabschluss 1988 wünschte ich mir also von meinen Eltern eine Kamera und begann alle Veranstaltungen abzulichten. Ich war überzeugt davon, dass Geschichte geschrieben wurde, egal wie sie ausging. Es musste ein historischer Moment sein und er fühlte sich wie der Beginn des Endes an. Bei den oppositionellen Veranstaltungen versuchte ich oft, die „normalen“ Teilnehmer, und nicht die prominenten, auf meinen Fotos abzulichten. Dabei fragte ich mich oft: Warum nehmen diese Leute teil? – Warum gehen sie dieses Risiko ein? – Was motiviert sie? und Ähnliches.

Was gab es damals für Demonstrationen?

Umweltproteste setzten viele Menschen in Bewegung. Genauer gesagt, die Proteste gegen eine geplante Staustufe an der Donau in der Nähe der slowakischen Grenze. Die Demonstranten stellten fest, dass die Regierung nichts gegen solche Umweltdemonstrationen unternahm. Denn diese wiederum wusste, dass so ein Ventil nötig war, um den Druck abzulassen. Solange die Menschen dort aktiv waren, demonstrierten sie nicht für Imre Nagy! Es gab Zeiten, in denen jedes Wochenende gegen das Wasserkraftwerk demonstriert wurde. (Lacht) Für mich waren natürlich die interessanten Aktionen diejenigen, die mit 1956 in Verbindung standen. Große Demonstrationen fanden auch gegen die geplante Umsiedlung der Ungarn in Rumänien statt, und natürlich gab es große Demonstrationen am 15. März, dem 1848er-Revolutionsgedenktag.

Die Umweltproteste gegen das geplante Staudammprojekt mobilisierten 1988 und 1989 Bevölkerungsmassen, und zwar erfolgreich, denn das Projekt wurde im Frühjahr 1989 gestoppt. (Foto: Piroska Nagy)

War es gefährlich auf den Veranstaltungen?

Es gab Polizeigewalt, aber ich war in Amerika mit den Bildern der Bürgerrechtsbewegung aufgewachsen. Dagegen ging es hier harmlos zu! Es glich eher einem Katz-und-Maus-Spiel als einer Art Terror, wie er unter dem Rákosi-Regime geherrscht hatte. Ich hatte maximal davor Angst, über Nacht ins Gefängnis zu kommen oder des Landes verwiesen zu werden. Als 56er Flüchtlingskind verfügte ich ja nicht über die Staatsbürgerschaft. Wenn sich mir Polizisten näherten, begann ich übrigens bewusst Englisch zu sprechen. Das irritierte sie in der Regel, denn sie wollten keinen internationalen Skandal und ließen von mir ab.

Was machten Sie mit den Fotos?

Am Anfang hatte ich keine Ahnung, wie oder wo ich sie entwickeln lassen konnte. Glücklicherweise traf ich bei einer Demonstration 1988 einen Fotografen, der als Student der Naturwissenschaft ein Fotolabor im Institut benutzen konnte. Er lud mich dorthin ein und half mir, die Filme zu entwickeln. Die Atmosphäre war schaurig, denn die Dunkelkammer lag im Keller des Instituts, wo auch die Tiere für Experimente gehalten wurden. Während wir die ganze Nacht hindurch Fotos entwickelten, bellten und heulten nebenan ununterbrochen die Hunde. Später entdeckte ich ein kleines privates Fotolabor am Platz des Ewigen Lichts von Batthány (im 5. Bezirk), wo auch sehr viele Demonstrationen stattfanden. Ich wagte mich hinein, und hatte Glück, denn der Besitzer entwickelte meine Fotos ohne einen Kommentar über ihren Inhalt zu verlieren. Wir wurden geheime, wortlose Komplizen. Die Fotos wurden oft in der Samisdat-Presse benutzt. Dann lernte ich meinen späteren Ehemann kennen, der zu Hause ein Labor hatte. Auch arbeitete ich Ende der 80er bei Filmdrehs von HBO als Übersetzerin. Dabei bat ich die Standbildfotografen um Filmrollen und manchmal schickte ich über sie auch Umschläge mit Fotos nach Amerika, damit sie dort von meiner Familie veröffentlicht werden konnten. Die bekannte Fotojournalistin Mary Ellen Mark half mir auch oft aus. Man verschwor sich, mit wem man nur konnte.

Das emblematischste Ereignis von 1989 war zweifelsohne die Beerdigung (oft Wiederbeerdigung genannt, obwohl es vorher kein Grab gab) des 56er-Revolutionshelden Imre Nagy und seiner Gefährten, die gleichzeitig auch die Legitimierung des Kádár-Regimes begrub. (Foto: Piroska Nagy)

Waren Sie sonst noch oppositionell tätig?

Noch heute verknotet sich mein Magen am Flughafen bei der Einreise nach Ungarn! Denn meine Schwester, die ebenfalls in Ungarn zu studieren begann, und ich wurden immer durchsucht. Jede Sommerferien brachte ich aus den USA illegale Literatur mit, insbesondere über die Revolution von 1956, die dann hier teilweise vervielfältigt oder im Eigenverlag verlegt wurde. Wenn wir Glück hatten, lief die Kontrolle nicht so gründlich ab. Wenn wir Pech hatten, dann nahmen sie uns die Bücher weg. Der schlimmste Moment ereignete sich 1986, als ich eine VHS-Kassette mit einer amerikanischen Doku über 1956 ins Land bringen wollte. Man fand die Kassette bei uns und wir wussten, dass es nun vorbei war. Bye bye Unistudium! Doch die Frau, die mir die Kassette abnahm, brachte sie mir wieder zurück und wir konnten weitergehen. Ich wusste damals noch nicht, dass Europa und Amerika zwei verschiedene Videosysteme besaßen, sodass sie das Video nicht abspielen konnte.

Was änderte sich 1989 in Ungarn?

Anfangs dachte ich noch – naiv wie ich war – dass, wenn die Demokratie erst einmal da sei, die Menschen schon wissen würden, was zu tun sei. Stattdessen brach ein totales Chaos aus! Nach dem Ende des Kommunismus schwebten die Menschen ohne Struktur im luftleeren Raum: Plötzlich war der gesicherte Arbeitsplatz weg, man konnte zwar in den Westen reisen, hatte aber gar kein Geld dafür. Die Fürsorge durch die Regierung fiel weg und das brachte alle durcheinander. Auch ökonomisch gesehen herrschte mit einem Mal ein absolut Wilder Westen! Die große Gruppe der gut belesenen und versierten oppositionellen Intellektuellen zerfiel plötzlich in sich bekriegende Kleingruppen. Einerseits gehört das zur Demokratie dazu, andererseits überblickte niemand das größere Ganze, es ging nur um das Jetzt. So wurden die Archive der Geheimpolizei nicht geöffnet, denn das war eine zu komplizierte, verwickelte Geschichte. Für mich war das damals völlig unverständlich! Wie kann man weitermachen, wenn nicht zuerst reiner Tisch gemacht wurde?! Niemand wollte mit dem Finger auf die Verantwortlichen zeigen – auch so ein Kádár-Reflex. Ich hingegen, hielt es für fragwürdig, dass beispielsweise frühere Informanten jetzt in die Politik gingen. Ich habe damals angesichts der Ereignisse ziemlich oft erstaunt meine Augenbrauen hochgezogen. Dann bekam ich Kinder und hatte erst einmal keine Zeit mehr, um mich intensiver mit der Politik zu beschäftigen.

Die aktivistische Künstlergruppe erinnert in ihrer Aktion an die Revolutionshelden von 1956 und bekommt unerwartet Hilfe von Csepeler Arbeitern. (Foto: Piroska Nagy)

Und wie empfinden Sie die Situation heute?

Es gibt klare Parallelen zwischen heute und den Achtzigern. Es ist unglaublich, dass sich die Leute dreißig Jahre nach dem Ende der Diktatur teilweise genauso verhalten wie in der Kádár-Ära. Sie üben Selbstzensur aus und sogar Formulierungen wie „das ist kein Telefonthema“ kehren langsam zurück. Solche Worte habe ich seit 1989 nicht mehr gehört. Jetzt kommen sie wieder vor, weil manche Menschen erneut Angst haben.

Finden Sie das übertrieben oder denken Sie, dass es wirklich Konsequenzen gibt?

Die Konsequenzen sind andere. Man wird nicht ins Gefängnis geworfen. Allerdings gibt es Leute in meinem Bekanntenkreis, die in einer öffentlichen Institution arbeiten und deswegen keine politischen Posts mehr auf Facebook stellen. Das ist eine Variante des „Telefonthemas“, nur in den sozialen Medien. Möchte man seinen Job behalten, dann spricht man besser nicht über seine politische Einstellung, zumindest, wenn sie von der Regierungslinie zu sehr abweicht.

Was war für Sie der ergreifendste Moment der damaligen Zeit?

Etwas bleibt mir besonders in Erinnerung: die größte Aktion der aktivistischen Künstlergruppe Inconnu im Juni 1989. Sie wollten an all die Menschen erinnern, die außer der Imre-Nagy-Regierung noch am Volksaufstand 1956 teilgenommen hatten. Deswegen stellten sie in der Parzelle 301, wo die Leichname der Revolutionäre verscharrt worden waren, selbstgeschnitzte Pfähle auf, die ein typischer ungarischer Grabschmuck sind. Das Ereignis wurde live im Radio übertragen. Plötzlich tauchte wie aus dem Nichts eine Gruppe Arbeiter aus Csepel auf, die keiner kannte. Sie hatten im Radio die Übertragung gehört, sich Schaufeln und andere Werkzeuge geschnappt und waren gekommen, um den Künstlern zu helfen, was sie auch sofort taten. Diese unerwartete Hilfe war einer der ergreifendsten Momente des ganzen Prozesses. Fabrikarbeiter und Intellektuelle kämpften Hand in Hand.

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