Adrian Matthes zusammen mit dem 102jährigen Ungarndeutschen Michael Kretz. Fotos: Privat

Gespräch mit dem Autor Adrian Matthes

Faszination lebendige Geschichte

Im BZ-Interview erklärt Adrian Matthes, wie er erst zum Schreiben kam und dadurch schließlich den Ungarndeutschen Michael Kretz kennenlernte.

Wie wurden Sie zum Buchautor?

Das Interesse für Geschichte begann in meiner Kindheit mit einer Faszination für Ritterburgen, Piratenschiffe und die alten Römer. Mit dem Zweiten Weltkrieg begann ich mich erst in meiner Jugendzeit zu befassen. Zunächst recherchierte ich meine Familiengeschichte. Die Erinnerung an die Kriegszeit war bei meinen Großeltern und anderen älteren Verwandten stets präsent. Gelegentlich wurde über das Schicksal von Familienangehörigen gesprochen, die im Krieg ihr Leben lassen mussten.

Auf dem heimischen Dorfflohmarkt kam ich schließlich als 13jähriger mit einem älteren Herren aus dem Nachbarort ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass er Panzersoldat der Wehrmacht war. Für mich eine prägende Begegnung, denn er konnte mir auf viele meiner brennenden Fragen eine Antwort geben. Er nahm sich viel Zeit, mir aus seiner Jugendzeit zu berichten. Er hat sich dabei alle Mühe gegeben, mir einen realistischen Blick auf das Geschehen zu vermitteln und dabei auch das unermessliche Leid des Krieges nicht auszusparen.

Wie kamen Sie schließlich zum Schreiben?

Über die Jahre hat sich zwischen uns eine regelrechte Freundschaft entwickelt. Mit etwa 17 Jahren habe ich begonnen, seine Geschichten – die ich zwischenzeitlich nahezu auswendig kannte – stichpunktartig aufzuschreiben. Meine Absicht war es dabei, seine Berichte auch später einmal authentisch und mit seinen Worten wiedergeben zu können. Im Freundeskreis stießen die Notizen, die schon bald zu einem kleinen Heft angewachsen waren, auf Interesse. Schließlich haben wir ein kleines Buch herausgegeben.

Die Nachfrage war überwältigend und innerhalb weniger Wochen haben uns hunderte Bestellungen aus aller Welt erreicht. Bald gab es eine zweite und dritte Auflage. Mit den Einnahmen konnten wir schließlich eine gemeinsame Reise in die Normandie finanzieren. Vor Ort zeigte er mir im Gelände die Positionen ehemaliger Stellungen seiner Einheit. Wir besuchten auch einige Soldatenfriedhöfe, wo er mir die letzte Ruhestätte von Kameraden zeigte.

Durch diese Unternehmung bekam ich Kontakt zu weiteren, noch lebenden Kriegsteilnehmern verschiedenster Waffengattungen. Vom Erfolg des ersten Buches angespornt habe ich neben meinem zwischenzeitlich begonnenen Ingenieurstudium begonnen, weitere Erinnerungen zu dokumentieren. Inzwischen sind 13 Bücher entstanden, die teils auch auf Englisch und Spanisch erschienen sind. Neben Herrn Kretz konnte ich übrigens auch einen weiteren Veteranen portraitieren, der in Ungarn eingesetzt war.

Wie haben Sie den Ungarndeutschen Michael Kretz kennengelernt?

Gelegentlich melden sich bei mir Leser und weisen mich auf ältere Menschen in ihrer Nachbarschaft und Verwandtschaft hin, die noch aus erster Hand Wissenswertes vom Krieg berichten können. Natürlich lässt sich nicht jedes Schicksal als Buch dokumentieren, aber es haben sich auf diesem Weg schon einige interessante Zeitzeugen finden lassen. Ein junger Mann, der Herrn Kretz schon eine Zeitlang besucht hatte, und sich für seinen Lebensweg interessierte, hat mich ihm im August 2023 vorgestellt.

Wie ging es dann weiter?

Herr Kretz war von der Idee, seine Erlebnisse als Buch zu publizieren, sofort angetan, hatte er doch selbst bereits ein umfangreiches Manuskript von seiner Jugendzeit verfasst. Er hat sich über mein Interesse an seinem Leben sehr gefreut und mir bereitwillig auf alle Fragen Auskunft gegeben, auch wenn ihm das manchmal sichtlich schwer fiel. Die Vertreibung und der Verlust der alten Heimat prägen sein Leben bis heute. Es vergeht kein Tag, an dem er nicht daran denken muss, was damals geschehen ist.

Für sein hohes Alter ist er in einer außerordentlich guten gesundheitlichen Verfassung und ich war immer wieder beeindruckt, wie detailreich er sich selbst an Ereignisse von vor über 90 Jahren erinnern konnte. Wir haben bereits bei meinem ersten Besuch mit Gesprächen über seine doch sehr persönlichen Erinnerungen begonnen. Ich bin ihm für die Offenheit und das von Anfang an mir entgegengebrachte Vertrauen sehr dankbar.

Michael Kretz beim Signieren seines Lebensberichtes.

Wie viele Stunden Gespräch stecken in dem Buch?

Das ist schwer zu sagen, besonders zeitaufwendig war neben den eigentlichen Gesprächen zur Informationssammlung, die vielleicht insgesamt 30 Stunden gedauert haben, die Korrektur. Herr Kretz hat mit eingeschränkter Sehfähigkeit große Mühe selbst zu lesen. Ich habe ihm deshalb das von mir ausgearbeitete Buch langsam vorgelesen und er hat mich immer unterbrochen, sobald er eine Anmerkung hatte. Wir haben dann über die betreffende Stelle gesprochen und uns eine bessere Formulierung überlegt. Ich denke, das war der beste Weg, um ein gemeinsames Buch zu erstellen, das mit seinen Worten seine Geschichte dokumentiert – es war aber auch eine sehr zeitintensive Prozedur.

Wie verlief die Niederschrift des Buches?

Zunächst hatte ich damit begonnen, mir eine Übersicht über das bereits von Herrn Kretz verfasste Material zu verschaffen und die vielen, teilweise als Kurzgeschichten abgefassten Berichte in eine chronologische Reihenfolge zu bringen. Ich würde sagen etwa 70 Prozent des Endergebnisses beruhen auf seinen vorangegangenen Ausarbeitungen, die ich nur im Wortlaut etwas verändert und teils um weitere interessante Informationen von ihm ergänzt habe. Ohne dieses Manuskript wäre es unmöglich gewesen, sein Buch innerhalb nur weniger Monate fertigzustellen.

Parallel dazu habe ich die zu den verschiedenen Lebensabschnitten verfügbare Literatur gelesen und die Informationen von Herrn Kretz mit dem vorhandenen Wissenstand aus anderen Werken abgeglichen. Was regionalgeschichtliche Vorgänge in Ungarn betrifft, so hatte ich einige freundliche Helfer, die mir Quellen zur Verfügung gestellt haben, und mir bei der richtigen Schreibweise ungarischer Eigennamen geholfen haben. Was die Belagerung von Budapest betrifft, haben wir uns vor allem an dem Werk des Historikers Krisztián Ungváry orientiert, beziehungsweise Informationen aus diesem Buch gezielt in unseren Gesprächen diskutiert. Herr Kretz hatte schon vor Jahren Kontakt mit Herrn Ungváry, der sich bereits seit Jahrzehnten mit dem Zusammentragen von Augenzeugenberichten und Daten zur Schlacht um Budapest befasst.

Wie hat Herr Kretz auf das fertige Buch reagiert?

Als ich Herrn Kretz ein erstes Musterexemplar vorbeibringen konnte, war das für ihn ein sichtlich emotionaler und besonderer Moment. Das eigene Jahrhundertleben in einem gebundenen Buch in den Händen zu halten, ist eine Erfahrung, die sicherlich nur wenigen Menschen vergönnt ist. Als der Verkauf begonnen hat, habe ich ihm regelmäßig unter anderem berichtet, aus welchen Ländern mich Bestellungen erreicht haben.

Unter meinen Internet-Verkaufsbeiträgen haben sich Kommentare mit Zuspruch und Lob gesammelt, die ich ausdruckte und ihm vorlas. Das hat ihn beeindruckt und sichtlich glücklich gemacht. Einige Leser haben uns um ein Autogramm gebeten. Herr Kretz hat sich stets die Zeit genommen, etliche Bücher und Karten zu signieren. Ich denke, ihm war bewusst, dass sein Buch auf eine gewisse Nachfrage stoßen wird, wie groß sie dann aber letztlich wurde und wie viele positive Rückmeldungen ihn erreichten, hat ihn dann aber doch etwas überrascht.

Wie geht es mit dem Buch weiter?

Nachdem eine erste Welle an Bestellungen nach der Veröffentlichung abgeklungen war, hat uns nochmal im Februar eine größere Nachfrage rund um den Jahrestag des Ausbruchs erreicht. Ich denke, das wird sich so in den folgenden Jahren weiter wiederholen, insbesondere wenn sich das Ende der Schlacht um Budapest im kommenden Jahr zum 80. Mal jährt.

In den vergangenen Wochen haben wir an einer ungarischen Übersetzung des Buches gearbeitet, welche wohl Anfang Juni erscheinen wird. Ein junger, in den Niederlanden lebender Ungar hatte sich an uns gewendet und angeboten, das Buch unentgeltlich zu übersetzen. Auch die ungarische Version wurde Herrn Kretz laut vorgelesen und ich war überrascht, wie gut er sich nach so langer Zeit in – wie man mir nach dem Gespräch sagte – fehlerfreiem Ungarisch unterhalten konnte.

Herr Kretz und ich stehen weiterhin in Kontakt. Ich besuche ihn alle paar Wochen, er signiert Bücher und ich berichte ihm von Leserrückmeldungen. Wir sehen dem Verkaufsstart der ungarischen Ausgabe mit Spannung entgegen.

Hier finden Sie die Rezension des Buches.

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