„Unsere PR- und Projektleiterin hat sich als begabte Näherin erwiesen und zusätzlich über 100 Stoffmasken für unsere Angestellten angefertigt.“ (Foto: Laura Halmaghi)

Interview mit Heilsarmee-Offizierin Regina Wittwer

Ein Prozent für die Heilsarmee

Gerade jetzt ist die ungarische Heilsarmee auf die steuerliche Ein-Prozent-Regelung angewiesen. Die Stellvertretende Leiterin der hiesigen Heilsarmee-Organisation und Offizierin Regina Wittwer berichtet uns über die aktuelle Situation und wie man helfen kann.

Wie meistern Sie in der Heilsarmee die aktuelle Lage?

Die neuen Vorschriften, die in unseren Häusern umzusetzen sind, stellen auf jeden Fall eine Herausforderung dar. Denn sie ändern sich auch ständig, und zudem sind die Häuser auch unterschiedlich. Insbesondere die Leiter der Häuser müssen immer wieder kreative Anpassungen vornehmen und neue Lösungen finden, was oft schwierig sein kann. Manchmal passieren da aber auch wunderbare Dinge. So hat sich unsere PR- und Projektleiterin als begabte Näherin erwiesen und zusätzlich über 100 Stoffmasken für unsere Angestellten angefertigt.

Fallen Teile der sozialen Arbeit momentan ganz weg?

Nein, bis jetzt konnten wir unser Angebot trotz geänderter Vorschriften erhalten. Bei den Essensausgaben müssen wir allerdings Wegwerfgeschirr benutzen, der vorgeschriebene Abstand in der Warteschlange muss eingehalten und das Essen mitgenommen werden. Die Wärmestuben sind weiterhin in Betrieb, natürlich mit dem gebotenen Abstand und nur für Menschen, die wirklich auf der Straße leben, und nicht für Bewohner der anderen Heime. Die Zahl der Essensausgaben ist aber all diesen Umständen zum Trotz eher gestiegen als gesunken. Bis auf wenige Mitarbeitende, die zur Risikogruppe gehören, sind alle Mitarbeiter weiterhin aktiv. In den Gemeinden sieht es anders aus, denn die Gemeindearbeit lebt von Zusammenkünften. Egal ob spezielle Stunden für Frauen, Männer, Kinder oder Gottesdienste – das alles ist so nicht mehr möglich.

„Eine zentrale Frage ist für mich, wie wir alle gestärkt aus der Krise hervorgehen können.“ (Foto: Imre Varga)

Wie haben Sie sich an die Situation angepasst?

Unsere Gottesdienste finden jetzt über das Internet statt. Das hat wiederum auch etwas Gutes, denn so können auch andere Menschen daran teilnehmen.

Hatten Sie schon Krankheitsfälle in der Institution?

Nein, bis jetzt noch nicht. Alle Heime stehen jedoch unter Quarantäne, das heißt, es herrscht Besuchs- und Aufnahmestopp. Nur für dringende Erledigungen und für die Arbeit darf das Heim verlassen werden.

„Was steckt in dieser Krise? Es ist nicht so schlecht, wenn wir auch einmal merken, dass wir nicht alles im Griff haben. Jetzt erkennen wir, dass sich die Dinge schnell verändern können. Die Leute werden auch kreativ.“ (Foto: Regina Wittwer)

Die Heilsarmee ist auch auf zivile Hilfen angewiesen. Wie kann man momentan Ihre Arbeit unterstützen?

Die steuerliche Ein-Prozent-Regelung ist für uns enorm wichtig, um die zusätzlichen Ausgaben für Handschuhe, Masken oder Wegwerfgeschirr decken zu können. Ein Prozent seiner Steuern kann man für kirchliche Zwecke und ein Prozent für soziale Zwecke einsetzen. Die Heilsarmee und ihr Sozialwerk sind eine Kirche, das heißt, jede Privatperson kann in ihrer Steuerklärung das Prozent für kirchliche Zwecke der Heilsarmee zur Verfügung stellen. Aktuell erreichen uns viele Anfragen von Freiwilligen, denn die Leute haben jetzt mehr Zeit, um zu helfen. Leider können wir aber aufgrund der Situation momentan keine neuen Mitarbeiter aufnehmen. Das Einzige, was uns jetzt wirklich hilft, sind Geldspenden, und wir hoffen sehr auf dieses eine Prozent von den Steuerzahlern.

Werden Sie auch zusätzliche Gelder vom Staat erhalten?

Der ungarische Staat hat versprochen, uns zu helfen. Genaueres wissen wir aber noch nicht.

Wie stehen Sie den Menschen derzeit seelisch zur Seite?

In einem Online-Seminar tauchte neulich die Frage auf, wie wir gestärkt aus dieser Krise hervorgehen können. Die Situation ist ja nicht nur negativ. Vielmehr sollten wir fragen, ob wir etwas aus ihr lernen können. Was steckt in dieser Krise? Es ist nicht so schlecht, wenn wir auch einmal merken, dass wir nicht alles im Griff haben. Jetzt erkennen wir, dass sich die Dinge schnell verändern können. Die Leute werden auch kreativ. Man muss neue Wege suchen und sich anpassen. Ich selbst habe schon viel dazugelernt.

Was zum Beispiel?

Die vielen Möglichkeiten des Internets! Für vieles setzen wir nun Videokonferenzen ein. Im Mai hätten wir in der Schweiz an einem Kurs zum Thema Persönlichkeit und Verhalten des Unternehmens persolog teilgenommen, der nun online stattfinden wird. So musste ich mich nun in die entsprechende Online-Software einarbeiten. Je älter man wird, umso wichtiger wird es, sich nicht vor Veränderungen zu drücken. Der Lernaufwand wird mit dem Alter immer höher. Außergewöhnliche Zeiten wie diese können dazu beitragen, sich auf dem Laufenden zu halten und geistig fit zu bleiben.

Wie helfen Sie den Menschen, mit dem Alleinsein und der Isolation umzugehen?

Wir selber bemühen uns sehr, die besonders isolierten Menschen im Blickfeld zu halten. Es wird Essen ausgeteilt, Einkäufe werden erledigt. Doch für uns als Heilsarmee stellen Leib, Seele und Geist eine Einheit dar. Die Seele braucht genauso ihre Nahrung und Pflege. Das Alleinsein ertragen nicht alle gleich. Darum ist es uns ganz wichtig, dass wir auf das Internet zurückgreifen, damit zumindest diejenigen mit einem Internetzugang eine Andacht oder einen Gottesdienst mithören können. Die Beziehung zu Gott ist für uns ausschlaggebend, und wir möchten sie auch fördern. Es gibt viele Gebetsgruppen, die für die Kranken beten, und auch Gebetsketten rund um die Uhr, in die man sich für eine Gebetsstunde eintragen kann. Wir sehen auch, dass viele Leute durch diese Krise offener werden, sich mit Gott zu befassen.

Möchten Sie den Lesern etwas mit auf den Weg geben?

Für uns ist der Glaube an Gott das Zentrum, in dem wir eine Krise lösen. Und das versuchen wir weiterzugeben. Wir wünschen allen, dass sie wach werden und dass sie vielleicht auch gestärkt und mit einem neuen Glauben aus dieser Krise gehen können.

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