Tamás Patkás, die ikonische Figur der Győrer Schwimmszene. Foto: Márton Béres

Gespräch mit Tamás Patkás, Ungarns einzigem Freiwasserschwimmer mit Handicap

Ein Ausdruck von Freiheit

Im Sommer ist nicht nur Badesaison, sondern auch Hochsaison für viele Wassersportler, nicht zuletzt für Freiwasserschwimmer. Eine der wohl auffallendsten Persönlichkeiten im Feld dieser eher weniger beachteten Sportler ist der Győrer Para-Schwimmer Tamás Patkás, Spitzname: „Tomi Rocky“.

Auffallend ist er nicht nur wegen seiner extravaganten Tätowierungen, sondern, und das ist bemerkenswert, weil er als zweifach Beinamputierter Spitzenleistungen erzielt und viele gesunde Mitstreiter auf die Plätze verweist.

Mit einer gehörigen Portion Respekt und auch etwas Nervosität mache ich mich auf den Weg ins Aqua Sports Center von Győr, wo mein Interviewpartner täglich seine Trainingsbahnen absolviert. Tamás begrüßt mich mit einem breiten Lächeln und versichert mir, dass er sich sehr über das Interview freue und gerne seine Geschichte erzähle. Durch seine offene freundliche Art sind meine Bedenken auf der Stelle zerstreut. Ich beginne mit der Frage, die sich in Anbetracht seiner Lebensgeschichte als erste aufdrängt.

Ihre Geschichte beginnt mit einem Drama, das sich die meisten Menschen nicht einmal in ihren schlimmsten Träumen vorstellen können. Wollen Sie uns darüber und Ihrem Leben danach erzählen?

Sehr gerne, es macht mir nichts aus, darüber zu sprechen: 1994, im Alter von 23 Jahren, erlitt ich am Rangierbahnhof einen Arbeitsunfall, durch den ich beide Beine verlor. Danach erlebte ich im wahrsten Sinne des Wortes alle möglichen Tiefen des menschlichen Daseins sowohl physisch als auch psychisch. Der einzig positive Aspekt der tragischen Situation war, dass ich in der Folge sehr viel Zeit mit unserem Sohn verbringen konnte, der zum Zeitpunkt des Unfalls acht Monate alt war – wir lernten gemeinsam Gehen, mein Sohn zum ersten Mal und ich zum zweiten Mal. Nachdem mein Sohn erwachsen geworden und meine Ehe in die Brüche gegangen war, fiel ich in ein tiefes Loch, plötzlich hatte ich keine Aufgabe mehr, meine Motivation war weg. Ich ließ mich gehen, hatte keine Ziele, sah keine Perspektive.

Wie ist es Ihnen gelungen, aus diesem tiefen Tal herauszukommen?

In meiner Verzweiflung habe ich eines Tages den spontanen Entschluss gefasst, zum Konzert meiner Lieblingsband, der polnischen Extreme Metal-Band Behemoth nach San Francisco zu fliegen, wo auch ein Freund von mir lebte – dafür habe ich meine bis dahin unbenutzte Kreditkarte belastet, was in meiner damaligen Situation schon ziemlich gewagt war. Als Rockmusikfan wollte ich mir einfach den Traum, einmal in die USA zu reisen, erfüllen, um dort bei einem Livekonzert dabei zu sein.

Foto: István Rajos

Rückblickend kann ich sagen: das war definitiv die beste Entscheidung meines Lebens. Ich hatte eine fantastische Zeit, lernte die Musiker persönlich kennen. Sie luden mich in den Tourneebus ein, wo ich unsagbar herzlich aufgenommen wurde. Ein ganz besonderes Erlebnis war, als ich Rob Flynn von Machine Head traf. Es war einfach unbeschreiblich, mit welcher Selbstverständlichkeit die Menschen mit mir umgingen, wie sie mich als ihresgleichen behandelten.

Irgendwann im Laufe der Gespräche kam auch mein Schicksal zur Sprache und einer meiner neuen Freunde sagte plötzlich – ganz direkt und unverblümt – wie siehst Du denn aus, lass’ Dich doch nicht so hängen, treib’ doch Sport! Auch wenn Du keine Beine hast, kannst Du auf Deinen Körper und Deine Gesundheit achten. Das war zunächst wie ein Schlag ins Gesicht, doch dann gab mir diese kurze Aussage den nötigen Tritt in den Allerwertesten. Die dort verbrachten vier Wochen und die vielen positiven Eindrücke veränderten meine Einstellung zu meinem Schicksal und markierten schließlich einen Wendepunkt in meinem Leben.

Wann und warum haben Sie gerade Schwimmen gewählt?

Nach meiner Heimkehr aus den USA dachte ich mir, jetzt muss ich etwas unternehmen. Ich entschied mich fürs Schwimmen, da ich Wassersport schon als Jugendlicher gerne mochte. Natürlich war es am Anfang nicht einfach, ich hatte keine Kondition, die Koordination fiel mir schwer, und ich musste mir die Schwimmtechnik ohne Beine mühsam erarbeiten. Trotzdem fühlte ich mich im Wasser wohl, dieses Element verlieh mir eine gewisse Bewegungsfreiheit.

Ein Schwimmmeister im alten Győrer Schwimmbad unterstützte mich nach Kräften und motivierte mich. Ihm habe ich viel zu verdanken. Er machte mir klar, wie wichtig es ist, sich Ziele zu setzen. Mein erstes Ziel war die Durchquerung der Bucht zwischen Balatonfüred und Tihany. Dafür trainierte ich wie besessen, bis zu sechs Mal die Woche. Die Vorbereitung lief so gut, dass ich mich 2015 gleich für die längere Strecke entschied und zum ersten Mal beim klassischen Balaton-Durchschwimmen von Révfülöp nach Balatonboglár teilnahm, noch dazu unter erschwerten Bedingungen, denn in der Nacht davor hatte ich mit einer Nierenkolik zu kämpfen. Aber ich wollte unbedingt mitmachen. Ich war unsagbar stolz, dass ich es schaffte. Die Zeit war völlig unerheblich, einzig und allein das gegenüberliegende Ufer zu erreichen zählte. Im Ziel wurde ich wie ein Star empfangen, die Medien rissen sich um mich, es war einfach überwältigend.

Mittlerweile haben Sie diese Strecke von 5,2 km schon mehrmals absolviert – ist das immer noch eine Herausforderung?

Ja, natürlich! Inzwischen schwimme ich im Para-Kraulstil. Dadurch bin ich auch schneller und habe nach sieben Teilnahmen auch einen gewissen Ehrgeiz entwickelt, besser, also immer schneller zu werden. Im vergangenen Jahr habe ich das Ziel mit einer persönlichen Bestzeit von 2 Stunden 47 Minuten erreicht. Abgesehen davon habe ich bei dieser größten Breitensportveranstaltung Ungarns (vor der Pandemie knapp 10.000 Teilnehmer, Anm.d.Red.) meinen ersten großen Erfolg gefeiert. Das stellt eine emotionale Bindung dar. Seitdem gehören Politiker, Sportler, Schauspieler und andere Berühmtheiten zu meinen Gratulanten, die Anerkennung tut richtig gut.

Wie bereiten Sie sich auf geplante Wettbewerbe vor, wer unterstützt Sie dabei?

Im Juli 2020 hatte ich einen Durchhänger, ich verspürte keine Motivation, keine Herausforderung mehr und wollte schon fast aufgeben, da ich keine Perspektive mehr für eine Weiterentwicklung sah. Trotzdem wagte ich mit Hilfe meines jetzigen Trainers, István Rajos, einen Neustart. Seitdem arbeiten wir eng zusammen. Er unterstützt mich bei der Verbesserung meiner Schwimmtechnik und trainiert mich für die Bewältigung von schwierigen und langen Strecken. Er versteht es hervorragend, mich aufzubauen, wenn es nötig ist, und ist ein echter Freund, der mir in Anbetracht meiner körperlichen Defizite auch auf dem Trockenen hilft.

Wieder einmal geschafft! 2021 am Ziel in Balatonboglár. Foto: Márton Béres

Mein normales Trainingspensum sind täglich 1.500 bis 3.000 Meter im Schwimmbad, dazu kommen noch Kraft- und Ausdauertraining sowie Stretching. Im Jahresdurchschnitt komme ich auf eine geschwommene Strecke von ungefähr 450 bis 500 Kilometern. Mein Trainer stellt für mich einen, auf den anstehenden Wettbewerb zugeschnittenen Trainingsplan zusammen. Dazu gehört auch eine Wettkampfdiät. Mit dieser habe ich im Laufe der letzten 11 Wochen 12 kg an Gewicht verloren, was nicht bedeutet, dass ich eine Schwimmerfigur erreicht habe, wie man sehen kann. (Tomi Rocky lacht, er ist mit einem gesunden Humor gesegnet und kann durchaus auch Witze über sein Handicap machen.)

Während der Wettkampfsaison fahren wir zusammen ins Trainingslager, wie vor einigen Wochen an die kroatische Adria, wo die größte Herausforderung das Hinabsteigen von unserer Pension zum Meer darstellte. Dort war danach kein Aufwärmtraining mehr notwendig.

Wir absolvieren regelmäßig Trainingseinheiten am Balaton sowie in verschiedenen anderen Seen oder Flüssen.

Das hört sich nach richtig viel Arbeit an! Wie vereinbaren Sie den Amateursport auf so einem hohen Niveau mit ihrer beruflichen Tätigkeit?

Ich habe einen Job beim Győrer Leichtathletik-Club, der unter anderem repräsentative Aufgaben im Auftrag der Stadt umfasst – so bin ich zum Beispiel Para-Sport-Botschafter von Győr. Der Club stellt mich dankenswerterweise für Wettkämpfe und die Vorbereitungszeit frei.

Zu meinen Aufgaben gehört außerdem eine besonders wertvolle Mission: Ich besuche Győrer Schulen, wo ich Motivationsvorträge für Schüler halte. Mit meiner Präsentation bezwecke ich, den Teenagern zu zeigen, dass man auch mit einer Behinderung ein vollwertiges Leben führen kann – ja sogar erfolgreich Sport treiben kann. Ich möchte sie sensibilisieren und sie animieren, mehr Toleranz gegenüber Menschen mit körperlichen Defiziten zu entwickeln, des Weiteren nicht gleich die sprichwörtliche Flinte ins Korn zu werfen, wenn sich im Leben schwierige Situationen ergeben. Zahlreiche positive Rückmeldungen bestätigen, dass diese Vorträge wichtig sind und von den jungen Leuten dankend angenommen werden. Dafür wende ich sehr gerne Zeit auf.

Als Amateur sind Sie auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Gibt es Sponsoren, die Sie regelmäßig unterstützen?

Ja, selbstverständlich. Mein Hauptsponsor ist die Stadt Győr, daneben bekomme ich Unterstützung vom Győrer Leichtathletik-Club, dem Győrer Schwimmverein und der Rába Rehab Kft., außerdem unterstützen mich wechselnde Sponsoren im Rahmen bestimmter Projekte oder Wettkämpfe. Mein Vorhaben, am Alcatraz-Schwimmen teilzunehmen, wird beispielsweise durch eine Aktion des Réti Pálinkaház und dessen limitierter Ausgabe eines „Tomi-Rocky’s Gins” unterstützt. Mit diesen Spenden können wir die Flugtickets finanzieren. Derzeit läuft noch eine Spendensammlung des Bio-Energy-Drink-Herstellers Allrys. Beim Kauf von bestimmten Produktpaketen wird eine gewisse Summe gespendet.

Wenn Sie aus der Vielzahl Ihrer Erfolge einige hervorheben müssten, welche wären das? Worauf sind Sie besonders stolz?

Als ich vom Schwimmbecken in offene Gewässer wechselte, war nach der ersten Balaton-Durchquerung vielleicht mein bedeutendster Wettkampf das Bosporus-Durchschwimmen, an dem ich als einziger Ungar teilnahm. Ich war irrsinnig stolz auf meine Leistung. Obwohl ich die gesetzte Mindestzeit nicht geschafft hatte, war ich dabei und kam am Ziel an.

Mein jüngster Erfolg ist erst einige Wochen alt: Beim 24-Stunden-Marathon-Freiwasserschwimmen in Bratislava legte ich 15,6 km zurück. Damit landete ich im Feld der „gesunden“ Sportler auf Platz 7, in der Kategorie der Para-Schwimmer gewann ich die Goldmedaille.

Ein besonders spannendes Erlebnis hatte ich, als ich im Kühlwasserbecken des russischen Atomkraftwerkes Smolensk schwam, das war wirklich cool.

An welchen Wettbewerben werden Sie in dieser Saison noch teilnehmen?

Für dieses Jahr haben wir die Teilnahme an einer Reihe von Wettbewerben in Ungarn (Balaton und Theiß-See) und auch im Ausland, so zum Beispiel am Alpen-Adria-Cup (Ossiacher und Hallstatter See) geplant. Leider können die Wettbewerbe der X-Waters-Weltmeisterschaftsserie in Russland aus bekannten Gründen nicht stattfinden, das ist sehr schade. Das bedeutendste und spannendste Ereignis wird aber das Alcatraz-Schwimmen Ende August sein. Darauf konzentrieren wir jetzt all unsere Energie. Im Herbst stehen dann noch Wettbewerbe am Wörthersee und in Novigrad an.

Was macht das Alcatraz-Schwimmen so besonders?

Dieser Wettbewerb ist eine riesige Herausforderung, wobei nicht die Länge, sondern die wechselnden Strömungsverhältnisse die Schwierigkeit ausmachen, und natürlich die Wassertemperatur, die auch im Sommer selten mehr als 15-16°C beträgt. Außerdem muss man sich unter Umständen auf die Begegnung mit Haien gefasst machen, so sagt man jedenfalls… Selbstverständlich ist das Rennen ausgezeichnet organisiert und abgesichert. Es wird tagsüber während der Ebbe abgehalten, wenn sich die Strömungen überwiegend auf das Meer hinaus verlagern. Ein Team von erfahrenen Coaches begleitet die Schwimmer, wodurch die Gefahr von Zwischenfällen gering gehalten wird. Trotzdem ist dieser Wettbewerb mit einem gewissen Nervenkitzel verbunden. Auch wenn das angeblich ausbruchssichere Gefängnis von Alcatraz vor über 50 Jahren geschlossen wurde, lebt sein Mythos weiter. Es ist nicht bekannt, wie viele Gefangene den gefährlichen Fluchtweg über die Bucht gewagt haben, angeblich hat es niemand geschafft.

Tamás Patkás beim Alpen Adria Cup 2021, im Klopeiner See in Österreich. Foto: Márton Béres

Ich werde mit meinem Trainer zehn Tage vor dem Schwimmwettbewerb nach San Francisco fliegen, um genug Zeit zum Akklimatisieren zu haben und vor allem, um mich mit dem Pazifik anzufreunden.

Gibt es einen Sportler, der für Sie ein Vorbild war oder noch ist?

Selbstverständlich: Attila Mányoki, Ungarns hoch dekorierter und gleichzeitig bester Langstreckenschwimmer ist mein Vorbild, außerdem ein wahrer Freund und Mentor. Er hat als 18. Mensch überhaupt die „Ocean’s Seven“ absolviert, das heißt, er hat die sieben schwierigsten Querungen weltweit geschafft und zwar in der bisher besten Zeit. Er ist ein beeindruckender Sportler und toller Mensch. Seine Leistung ist für mich Inspiration und Motivation zugleich.

Hat ein Spitzensportler wie Sie Zeit und Energie für ein Hobby? Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Ja, durchaus. Schon von Kindesbeinen an habe ich mich fürs Kochen interessiert, meine Mutter hat mir alles beigebracht – aus diesem Grunde koche ich liebend gerne, vor allem zu Hause für meine Lebenspartnerin und mich, aber auch oft im Freundeskreis. Darüber hinaus höre ich gerne Musik, vor allem Black und Death Metal – davon zeugen auch meine zahlreichen Tattoos –, aber auch Klassik. Mit Musik kann ich mich am besten entspannen.

Haben Sie noch einen Traum, den Sie sich unbedingt erfüllen möchten?

Ja, ich möchte gerne einmal eine Reise nach Japan machen. Ich bewundere das Land, die Menschen und deren Kultur, ihre kulinarischen Spezialitäten. Ich würde gerne Land und Leute persönlich kennenlernen, nicht nur aus Büchern und Filmen.

Welche persönlichen Wünsche haben Sie für die Zukunft?

Ich bin jetzt 51 Jahre alt und wünsche mir vor allem Gesundheit, damit ich noch lange das tun kann, was ich derzeit mache, um dadurch ein Vorbild für andere zu sein. Alles nach meinem Motto: „Sportlich trotz Handicap!“

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