Spielplatz, Sportplatz, Ausgrabungsort. Foto: Arne Hübner

Zu Besuch im Bástya Park im 5. Bezirk

Sandkasten neben Stadtgeschichte

Nur ein paar Schritte vom Fővám tér entfernt wurde vor Kurzem der Bástya Park eingeweiht.

Direkt neben der mittelalterlichen Pester Stadtmauer kann man nun Fußball spielen, rutschen, Stadtbaugeschichte studieren oder einfach nur entspannen. Bald wird der Park eine grüne Oase im Häusermeer sein.

Wenn man vom Kálvin tér (Calvinplatz), der stark befahrenen Kreuzung zwischen Nationalmuseum und Reformierter Kirche, in Richtung Fővám tér (Hauptzollplatz) zur großen Markthalle und eisernen Freiheitsbrücke spazieren möchte, nimmt man gewöhnlich den lauten Vámház körút (Zollhausring), umgangssprachlich auch Kleiner Ring genannt. Dabei gibt es parallel zu den trotz gelungener Sanierung recht engen Bürgersteigen eine ruhige, alternative Route, die kleine Bástya utca (Basteigasse), die noch im alten Stadtkern des innerstädtischen 5. Bezirks liegt.

Spuren des Mittelalters

Dass sie parallel zum Vámház körút verläuft, ist kein Zufall: zwischen beiden Straßen verlief einst die mittelalterliche Stadtmauer des alten Pests, deren exakten Verlauf die Rückseiten, sprich Brandwände, der Häuser an Ring und Gasse anzeigen. Den perfekten Startpunkt für die praktische Abkürzung bildet die gläserne Brücke des zweiteiligen Hotels Mercure Budapest Korona, die an das früher hier befindliche Cegléder Stadttor erinnern soll, welches das südliche der drei Stadttore im mittelalterlichen Pest war. Hier zeigt auch eine Tafel den Berührungspunkt der erwähnten Brandmauern an: Häuser zum Kleinen Ring waren demnach noch außerhalb, Häuser zur Bástya utca bereits innerhalb der schützenden Stadtmauer gelegen.

Spaziert man nun die Bástya utca über die Királyi Pál utca hinweg, öffnet sich die Gasse plötzlich platzartig und wird von den drei Rückseiten der Häuser 8, 10 und 12 des Vámház körúts dominiert. Schaut man zur Unterseite der insgesamt 50 Meter langen Brandwände hinab, dann ist das unverputzte Bruchsteinmauerwerk nicht zu übersehen. Nirgendwo sonst in der Pester Innenstadt lässt sich ein so großer Abschnitt der 550 Jahre alten Stadtmauer besichtigen. Das Stück originale Baugeschichte aus der Zeit von König Matthias Corvinus ist 50 Meter lang, über acht Meter hoch und zwei Meter dick.

Insgesamt war die Pester Stadtmauer drei Kilometer lang und schützte die damals 55 Hektar große Stadt – sie war zu der Zeit also nur etwa halb so groß, wie die Margaretheninsel oder das Stadtwäldchen. Nach Westen bot die Donau Schutz, zu den anderen drei Himmelsrichtungen lag je ein Stadttor. Innerhalb der zwei Meter dicken Pester Stadtmauer verlief ein Wächtergang, hier „Mordgang“ genannt, der den Wächtern und Verteidigern einen korridorartigen Weg bot.

Drei übereinander gestapelte Funktionen

All dies ist nicht neu, aber seit Ende März hat sich nun der bis vor Kurzem noch versiegelte „Parkplatz an der Stadtmauer“ in ein begrüntes, kinderfreundliches, offenes Geschichtsbuch verwandelt. Geht man zum Beispiel die Bástya utca einfach weiter, warten drehbare Stühle unter einer Pergola auf den ermüdeten Spaziergänger. Die kantigen, stählernen Elemente sollen in ein paar Jahren grün umrankt und schattenspendend sein.

Die Pergola an der Bástya utca: Noch ohne Begrünung. Foto: Arne Hübner

Kaum war die Anlage eingeweiht, nutzten bereits die ersten Schülergruppen eines nahen Gymnasiums die Pergola-Ecke für ihren Englischunterricht im Freien. Man wird aber wahrscheinlich eher vom diagonal den früheren Parkplatz durchquerenden Weg in die archäologische Anlage gesogen: das Tor des umzäunten Areals steht tagsüber offen, am gegenüberliegenden Ende des Weges macht ein turmartiger Treppenbau neugierig. Betritt man die offiziell Bástya Park genannte Freifläche, genügt ein kurzer und überraschungsreicher Rundumblick, um die verschiedenen Schichten und Funktionen des Ortes zu erkennen.

Etwas verdreht erhebt sich in der günstig gelegenen Ostecke ein hoch aufgeständerter Fußballplatz, dessen seitliche, schlanke Metallstabreihen nicht nur Schutz beim Spiel bieten, sondern durch ihr flirrendes, transparentes Design dem neuen Park ein visuelles Markenzeichen verpasst haben.

Die nächste Überraschung liegt direkt unter dem metallschimmernden Kubus: geschützt vor Regen, Schnee und Sonnenschein findet ein Spielplatz unterm Sportplatz seinen idealen Ort. Dank einer Absenkung des Geländes fällt ausreichend Tageslicht in den Spielbereich, die daraus resultierenden ansteigenden und abfallenden Wege machen die Ecke zum kleinen Abenteuergelände mitten in der Innenstadt.

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Bereits unter Geländeniveau fand als weiteres Geschoss ein Servicebereich mit WC, Wickel- und Aufsichtsraum Platz. Der in einer sympathischen Mischung aus Beton- und Holzarchitektur gestaltete Raum ist das, was vielen Eltern auf Spielplätzen oft fehlt, darüber hinaus aber auch das unterste „Geschoss“ dieses einzigartigen Schichtenbaus: durch die horizontale Schichtung der Funktionen konnte wertvoller Freiraum erhalten bleiben. Der diagonale Weg teilt nämlich den Park in einen bespielten und einen nicht betretbaren, komplett begrünten Bereich.

Zweigeschossige Geschichtspromenade

Erreicht und besteigt man dann den offenen Treppenturm, kann man in zeitgenössischer Architektur den mittelalterlichen Wächtergang entlangspazieren. Über die komplette Länge der drei Brandwände erstreckt sich der „Mordgang des 21. Jahrhunderts“ – vom Architekturbüro V-Teampannon bewusst in Metall und Glas gestaltet, um das 550 Jahre alte Bruchsteinmauerwerk nicht zu verdecken.

Von hier aus lässt sich aber nicht nur der kleine Park überblicken, sondern auch das ursprüngliche Geländeniveau an der alten Stadtmauer ablesen, denn bis zu diesem Punkt wurde – erstmalig – das stadthistorische Zeugnis ausgegraben. Fußball spielen, im Sandkasten buddeln und Stadtgeschichte lesen: all dies passiert nun gleichzeitig im Bástya Park.

Der 5. Bezirk und V-Teampannon haben aber auch einen Stadtpark für die Zukunft geplant und gebaut. Das Servicegebäude zum Beispiel wird durch eine Wärmepumpe emissionsfrei beheizt, die komplette Bewässerung der Grünflächen erfolgt durch vor Ort aufgefangenes Regenwasser. Sollte es sehr trocken werden, steht ein Brunnen bereit: etwa an der Mitte des diagonalen Weges erkennt man die Brunnenabdeckung, wegen der nahen Donau liegt der Grundwasserspiegel günstig hoch.

23 (!) Bäume wurden im Park neugepflanzt, auf der Straße weitere sieben, wovon einige fast 30 Jahre alt sind und somit schon in diesem Sommer schattigen Schutz spenden werden. Der Grünflächenanteil hat sich hier, wo jüngst noch Autos parkten, von weniger als fünf auf mehr als fünfzig Prozent erhöht. Rechnet man in einigen Jahren die 600 Quadratmeter vertikale Begrünung an den Brandwänden – momentan als zarte Pflänzchen oberhalb der Stadtmauerkrone zu erkennen – hinzu, wird der Bástya Park zu über 90 Prozent grün sein.

Weitere Fotos in unserer Galerie.

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