Kettenbrücke
Zuletzt kurz vor der Wende erneuert. (Foto: BZT / Nóra Halász)

Problemfall Kettenbrücke

Bröckelndes Budapester Wahrzeichen

Es ist ein bekanntes Phänomen in der Politik, dass manche Probleme von der Oppositionsbank aus betrachtet viel dringlicher wirken, als sie es sind, wenn man sich in Regierungsverantwortung befindet. In Budapest lässt sich dies aktuell am Fall der Kettenbrücke beobachten.

Bereits im Mai 2013 titelte das linksliberale Nachrichtenportal index.hu: „Die Kettenbrücke verrottet.” Damals begann es selbst für Sachunkundige offensichtlich zu werden, dass das symbolträchtige Budapester Monument dringender Reparaturen bedarf. Seitdem sind sieben Jahre vergangen, an vielen Stellen ist die Fahrbahn aufgebrochen und wellig, Teile der Eisenkonstruktion sind vom Rost zerfressen.

Erster Alarm bereits 2011

Tatsächlich stand eine mögliche Renovierung sogar schon viel früher zur Debatte. Erstmals rückte der Pro­blemfall Kettenbrücke 2002, noch unter SZDSZ-Oberbürgermeister Gábor Demszky, in den Fokus. Damals hieß es, binnen fünf bis sechs Jahren seien umfangreiche Rekonstruktionsarbeiten dringend erforderlich, da die Brücke zuletzt zwischen 1986 und 1988 erneuert worden war.

Auch 2011 ergab eine Untersuchung im Auftrag der Stadt, nunmehr unter dem vom Fidesz nominierten Oberbürgermeister István Tarlós, dass sowohl die Fahrspuren als auch die Eisenträger der Brücke verstärkt und teils erneuert werden müssten. Schon damals stand fest, dass wegen der zentralen Lage der Brücke und ihrer touristischen Bedeutung – verbindet sie doch das Burgviertel mit der Pester Innenstadt – bei einer Renovierung zugleich ein neues Verkehrskonzept hermüsse. Fußgänger und Radfahrer sollten dabei Vorrang genießen. Zeitgleich wollte man auch den Burgtunnel renovieren und dem Clark Adam tér ein neues Angesicht verpassen.

Wie dringend eine Renovierung der Kettenbrücke bereits 2011 nötig war, zeigte sich im selben Jahr, als größere Betonstücke aus der Fahrbahn brachen und in die Donau fielen.

Foto: BZT / Nóra Halász

Erste ambitionierte Schritte, tatsächlich etwas in Bewegung zu setzen, gab es 2013, als das renommierte Ingenieurbüro Céh den Zuschlag erhielt und noch im selben Jahr die Pläne für die Renovierungsarbeiten erstellte. Mehr als dreieinhalb Jahre plante man für den aufwendigen Prozess ein. Im Dezember 2013 begannen die Planungsarbeiten, im April 2014 wurden sie fertiggestellt.

Im August 2014 veröffentlichte das Budapester Verkehrszentrum BKK (damals für solche Arbeiten zuständig) eine Pressemitteilung, in der Konkretes veröffentlicht wurde: So sollten aufgrund des gewachsenen Fußgängerverkehrs die Gehwege auf beiden Seiten um je 40 Zentimeter verbreitert, der Radverkehr jedoch – gesichert – auf die Fahrbahn umgeleitet werden. Schon damals schrieb das BKK: „Der immer bedeutender werdende Fußgänger- und Radverkehr erfordert dringend fachliche Schritte.“ Über alle geplanten Änderungen und Eingriffe sollte voraussichtlich 2015 entschieden werden.

Tender erst 2018 ausgeschrieben

Allerdings tat sich in Sachen Kettenbrücke in den nächsten Jahren nur sehr wenig. Zumindest seitens der Stadtverwaltung. Zivile Organisationen und Radfahrerverbände bemühten sich hingegen, die Aufmerksamkeit immer wieder auf das Thema zu lenken und sich für eine fußgänger- und radfahrerfreundliche Alternative zur bisherigen Verkehrslösung einzusetzen.

Wie das Wirtschaftsportal Menedzs­ment Fórum im Januar dieses Jahres in einem Überblicksartikel berichtete, wurde der Tender für die Rekonstruktion der Kettenbrücke, des Burgtunnels und des Clárk Ádám tér erst 2018 ausgeschrieben. Zuvor hatte die Hauptstadt 2017 einen ersten Entschluss gefasst, die Arbeiten nun endlich anzugehen. Damals plante man für Kettenbrücke und Burgtunnel mit Kosten in Höhe von 22,3 Milliarden Forint und eineinhalb Jahren Bauzeit. Das Vorhaben wurde jedoch im April 2018 teilweise verworfen. Nun sollte nur die Kettenbrücke erneuert werden. Dafür veranschlagte die Stadt neben 16,3 Milliarden Forint rund drei Jahre Bauzeit.

Der Tender wurde letztlich ausgeschrieben, musste aber zurückgezogen werden. Eine offizielle Begründung gab es nicht, doch hinter vorgehaltener Hand vermuteten viele, die Mehrkosten für die Gehwegsverbreiterung könnten den Ausschlag gegeben haben.

Im Oktober 2018 gab es dann den nächsten Anlauf: Es gab eine Projekt­ausschreibung, die nun doch wieder vom Burgtunnel bis hinüber zum Pester Ufer reichte. Dabei sollte auch der Széchenyi István tér teilerneuert werden, insbesondere die Straßenbahnhaltestellen und der Fußgängertunnel unter der Brücke. Daneben sollten sowohl Beleuchtung als auch Gehwege modernen Ansprüchen entsprechend erneuert werden. Der Bau sollte im Herbst 2019 beginnen. Für 24 Monate wäre der Bereich für Fußgänger und Autoverkehr gesperrt gewesen.

Noch im Mai 2019 sah es so aus, als würde das Großprojekt nun endlich an den Start gehen. Oberbürgermeister István Tarlós und Kanzleramtsminister Gergely Gulyás traten damals gemeinsam vor die Presse, um über neueste Entscheidungen und Entwicklungen zu informieren: Aufgrund erheblicher Mehrkosten war die Verbreiterung der Gehwege nun doch vom Tisch, Fußgänger sollten auch weiterhin dicht gedrängt auf der Kettenbrücke verkehren. Dafür sollten mittels der zusätzlichen 7 Milliarden Forint, die die Regierung der Stadt für die Rekonstruktionsarbeiten zur Verfügung stellte, nun die Plätze an beiden Enden der Brücke erneuert und umgestaltet werden. Insgesamt wollte man das Projekt für 23,4 Milliarden Forint verwirklichen.

Alle Angebote überstiegen die budgetierten Kosten

Doch bevor die Bauarbeiten beginnen konnten, wechselte die Führung im hauptstädtischen Rathaus. Die nunmehr von der Opposition geführte Hauptstadt sah sich beim – inzwischen über drei Oberbürgermeister vererbten – Problemfall Kettenbrücke gleich in einer Situation, in der sie ohne den Staat fast aussichtslos verloren war. Denn noch kurz vor der Wahl waren die Angebote für das Großprojekt eingegangen: Selbst das niedrigste Gebot überstieg die veranschlagten 23,4 Milliarden Forint um mehr als zwölf Milliarden.

In einem ersten Anlauf schien es so, als sei die Regierung bereit, für die Mehrkosten aufzukommen. Kanzleramtsminister Gulyás sagte, die Regierung sei bereit, erneut über diese Frage zu verhandeln.

Aufseiten der neuen Stadtverwaltung sucht man aktuell nach Wegen, um die Kosten zu verringern. Der gangbarste Weg scheint zu sein, die Arbeiten an Brücke und Burgtunnel zu trennen. Da die Kettenbrücke dringender erneuert werden muss, würde Oberbürgermeister Karácsony dieser den Vorrang einräumen.

Wunden, wohin man schaut. (Foto: BZT / Nóra Halász)

Wie dringend notwendig die Bauarbeiten mittlerweile zu sein scheinen, zeigen zwei Maßnahmen: Zum einen führte Gergely Karácsony noch im Januar dieses Jahres auf der Kettenbrücke eine Gewichtsbeschränkung für Fahrzeuge ein. So dürfen Touristenbusse die Brücke seitdem nicht mehr passieren. Zudem wird seit Mai der Zustand der Brücke täglich überprüft. Es werden wöchentliche Berichte angefertigt und auch kleinere Arbeiten zur Instandhaltung fortlaufend durchgeführt.

Politische Dimension

Mit dem Führungswechsel in der Hauptstadt wurde dem ohnehin schon komplexen Problem eine neue Dimension hinzugefügt. Oberbürgermeister Gergely Karácsony sieht sich seitens regierungsnaher Medien harscher Anschuldigungen ausgesetzt. So titelte beispielsweise das regierungsnahe Nachrichtenportal Origo.hu vergangene Woche: „Die Renovierung der Kettenbrücke verteuert sich um Milliarden, weil Gergely Karácsony diese verzögert.”

Autor Bálint Bordács sieht den derzeitigen Oberbürgermeister in der Verantwortung, dass die Renovierungsarbeiten noch immer nicht begonnen haben. Zwar gesteht das Portal ein, dass noch unter Oberbürgermeister Tarlós eine Fachmeinung über den Zustand der Brücke in Auftrag gegeben wurde, diese wäre jedoch erst nach den Kommunalwahlen fertiggestellt worden. Bordács behauptet zudem, dass die Kettenbrücke zuletzt zwischen 1913 und 1915 einer umfassenden Renovierung unterzogen wurde.

Derweil ging auch Balázs Fürjés, als Staatssekretär verantwortlich für Buda­pests Entwicklung, hart mit dem neuen Oberbürgermeister ins Gericht. Er sprach ebenfalls davon, dass Karácsony die Renovierung verzögere. Der seit gerade einmal zehn Monaten im Amt befindliche Karácsony reagierte entschieden auf diese Vorwürfe: „Wir werden die Kettenbrücke selbst dann renovieren, wenn wir daran zugrunde gehen.”

Nicht besser wurde die finanzielle Lage der Brückensanierung auch dadurch, dass die finanziellen Mittel der Hauptstadt (und der Kommunen) durch während der Pandemie erlassene Gesetze massiv beschnitten wurden. Derzeit wird gerade diskutiert, Gelder, die sonst für das traditionell pompöse Feuerwerk am 20. August, Ungarns Nationalfeiertag, bereitgestellt werden, für die Brückenarbeiten zur Verfügung zu stellen. Eine entsprechende Petition zählte zu Beginn der Woche bereits mehr als 32.000 Unterschriften.

 

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