Umwidmen, statt umreißen: Aus dem Befreiungs- wurde ein Freiheitsdenkmal. (Foto: MTI / Zoltán Balogh)

Neue Nutzung für die Zitadelle auf dem Gellért-Berg geplant

Erneuerung über die Köpfe der Budapester hinweg

Im Gesetzblatt vom vergangenen Freitag stand zu lesen, dass die Erneuerung der Zitadelle und des Umfeldes zur „Investition von strategischer volkswirtschaftlicher Bedeutung” erhoben wurde. Mit dem neuen Status gehen für den Bauherren zahlreiche Erleichterungen einher.

An Objekten, über die es sich in den Augen von Hauptstadt- und Landesregierung zu streiten lohnt, scheint es derzeit nicht zu mangeln. Angefangen beim Liget Projekt, welches vorerst teilweise zum Stillstand gekommen ist, über die Kettenbrücke, deren Renovierung von besonderer Dringlichkeit wäre, aber an der Weigerung der Regierung scheitert, zusätzliche Finanzen zur Verfügung zu stellen, bis hin zur Zitadelle. Denn mit dem Festungsbau auf der Spitze des Gellért-Bergs ist nun ein weiteres Budapester Wahrzeichen ins politische Kreuzfeuer geraten.

Die Geschichte eines Bollwerkes

Der Gellért-Berg befindet sich im Grenzgebiet vom 1. und 11. Bezirk. Besucher wie Einheimische schätzen ihn vor allem wegen der großartigen Aussicht, die man von seinem Gipfel aus auf die Stadt genießen kann. Der nach Giorgio di Sagredo, besser bekannt als der Heilige Gellért, benannte Berg wurde bis ans Ende des 19. Jahrhunderts zudem als Rotweinanbaugebiet genutzt. Hier wurde einst der beste Kadarka des Landes angebaut, bis um 1875 die Rebenkrankheit Filoxera einen Großteil der Pflanzen zerstörte.

Rund zwei Jahrzehnte zuvor sollte jedoch ein anderes Ereignis das Angesicht des Berges für immer verändern. Als Reaktion auf die Erfahrungen der ungarischen Revolution von 1848/49 begannen die Habsburger 1850 mit dem Bau eines Verteidigungsbollwerkes auf dem Gellért-Berg. Dieses sollte nicht etwa vor Angriffen von außen schützen, sondern den „Feind im Inneren” einschüchtern. Das war auch an der Ausrichtung der Kanonen abzulesen, die unmissverständlich auf Pest zeigten.

Doch glücklicherweise kamen diese nie wirklich zum Einsatz. Nur ein einziges Mal wurden sie im Rahmen eines Geburtstagssalutes für Kaiser Franz Joseph abgefeuert. Einige Bewohner dürften trotz des friedlichen Grußes geschaudert haben, denn lange ging das Gerücht um, alle 60 Kanonen der Festung seien nach ihrem jeweiligen Zielobjekt benannt und ständig bemannt.

Mit dem österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867 verlor die Zitadelle jedoch vorerst ihre militärische Bedeutung. 1899 begann man daher mit dem symbolischen Rückbau der Festung. Dieser wurde jedoch bald aufgrund von Geldmangel eingestellt.

Regierungsbeauftragter Gergely Fodor bei der Präsentation der Umbaupläne für das UNESCO-geschützte Areal. (Foto: MTI / Zoltán Balogh)

Im Zweiten Weltkrieg diente die Zitadelle der deutschen Wehrmacht als Flak-Stellung und wurde auch nach ihrer Einnahme durch die Rote Armee weiterhin zu militärischen Zwecken genutzt. Lange Zeit fungierte sie als Kaserne für sowjetische Soldaten. 1947 wurde zu Ehren der vermeintlichen Befreier Budapests vor ihrer Tür eine Gruppe von Bronzestatuen errichtet, darunter die weithin sichtbare Freiheitsstatue. Erst 1957, ein Jahr nach dem blutig niedergeschlagenen 56er Aufstand, wurden die sowjetischen Truppen endgültig von der Zitadelle abgezogen.

Das einzigartige Panorama wurde sodann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Am 1. Mai 1961 empfing die einstige Festung erstmals Gäste. Restaurants und klassisch ungarische Weinlokale eröffneten, selbst eine Buslinie wurde eingerichtet.

1987 wurde die Bergspitze mitsamt den darauf befindlichen Bauten, der Zitadelle und der Freiheitsstatue zum Teil des UNESCO-Weltkulturerbes erklärt. Sie ist fester Bestandteil eines jeden Touristenführers und noch heute ein Ausflugsziel für In- und Ausländer.

Allerdings zeigen sich heute an der einst mächtigen Festung die Spuren der Zeit. Es ist daher keineswegs überraschend, dass es Pläne für eine Rundumerneuerung des Objekts gibt. Zuletzt wurde die Zitadelle kurz nach der Wende umfassend saniert.

Was jedoch überrascht, ist, dass es nicht etwa die Bezirke sind, zu denen der Gellért-Berg gehört, oder die Hauptstadt, die sich hier ans Werk machen wollen. Die Regierung selbst will Hand anlegen.

Dazu erklärte sie die 220 Meter lange und bis zu 60 Meter breite Zitadelle und das Umfeld zur „Investition von strategischer volkswirtschaftlicher Bedeutung”. Das linke Nachrichtenportal merce.hu stellte zusammen, was dies de facto bedeutet. Grundsätzlich geht es um eine Reihe von baurechtlichen Erleichterungen, die die Renovierungsarbeiten nicht nur beschleunigen, sondern auch das endgültige Aussehen des Projekts beeinflussen könnten. Viele Regulierungen dürften dank des Sonderstatus außer Acht gelassen werden.

Der Regierungsbeauftragte Gergely Fodor sprach auf einer Pressekonferenz zu Beginn der Woche darüber, dass die Spitze des Gellért-Bergs als „Treffpunkt und Gemeinschaftsraum” neukonzipiert werde. Künftig solle es im westlichen Kanonenturm der Zitadelle ein neues Museum geben, in dem, so Fodor, die ungarischen Freiheitskämpfe vorgestellt werden. Die Fertigstellung ist für 2023 geplant.

Bereits in dieser Woche hat die Bestandsaufnahme begonnen, und auch die archäologische Erschließung und architektonische Planung ist bereits im Gange.

Die Pläne sehen vor, dass der Gellért-Berg noch an touristischer Attraktivität gewinnen soll. Denn bislang strömen Ausflügler zwar in Scharen hierher, verweilen jedoch oft nur für wenige Minuten und ein paar Schnappschüsse. Grund hierfür ist vor allem der Mangel an Infrastruktur. Es gibt kaum gastronomische Angebote und es stehen auch keine öffentlichen Toiletten zur Verfügung.

In der Mitte der Zitadelle, wo bislang ein Betonbunker den Platz belegt, soll in Zukunft ein öffentlicher Park zum Verweilen einladen.

Doch genau daran stören sich Kritiker des Bauprojektes. Die Merce-Autorin Zsófia Varga kritisiert, dass die Gefühle der Hauptstadtbevölkerung nicht genügend in die Planung einbezogen würden. Denn in Vargas Augen könnte gerade in der vorbelasteten Geschichte des Ortes und in dem durchgehend negativen Gefühl der Budapester im Zusammenhang mit der Zitadelle der Grund dafür liegen, dass diese bisher noch nicht touristisch oder stadtplanerisch erschlossen wurde. „Sollte ein Ort von so immenser symbolischer Bedeutung, der in seinen 170 Jahren in der Bevölkerung keinen Moment lang wirkliche Liebe genossen hat, erneut nicht aus dem Willen der Stadtbewohner, sondern der gegenwärtigen Machthaber umgestaltet werden?“ – fragt sie. Varga misstraut auch den Museumsplänen zutiefst: „Da plant nun eine Regierung die Einrichtung einer ‚Dauerausstellung über die Freiheitskämpfe der Ungarn‘, die für ihre problematische und aggressive Erinnerungspolitik und Geschichtsfälschung bekannt ist.“

Mit dem Status als „Investition von strategischer volkswirtschaftlicher Bedeutung” besteht für die Regierung kein Zwang, sich beim Umbau mit der Hauptstadt oder den betroffenen Bezirken abzustimmen. Dies könnte jedoch auch nach hinten losgehen, wie die Regierung laut Varga schon am Widerstand gegen das Liget-Projekt erfahren konnte. Schließlich habe dem oppositionellen Gergely Kará­csony bei seiner Wahl zum Oberbürgermeister auch geholfen, dass er mit dem Versprechen angetreten ist, das vielen unliebsame Großprojekt im Budapester Stadtwäldchen zu stoppen.

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25. Februar 2026 9:15 Uhr