CSŐ rettet Budapests Leuchtreklamen
Der neue Glanz der Neonlichter
30 Jahre sind seit dem Fall des Eisernen Vorhanges schon vergangen und viele Mementos aus der Zeit davor sind aus dem Stadtbild verschwunden. Statuen und Denkmäler wurden demontiert, Plätze umbenannt, Schaufenster und Fassaden renoviert. Man könnte es daher als einen natürlichen Teil der urbanen Evolution betrachten, dass auch die bunte Lichtwerbung, die das Stadtbild einst so sehr dominierte, dass Budapest in den 70ern und 80ern als die europäische Hauptstadt der Neonlichter bekannt war, langsam verschwindet.


Selbst die Schilder, die sich bis in das Jahr 2020 hinüberretten konnten, rotten heute vor sich hin. Für das ungeschulte Auge sind diese letzten Vertreter der Neon-Ära, die aufregende Produkte wie Früchte, Gemüse oder Gas bewerben, kaum mehr zu erkennen. Eine, die diese Relikte der Industriekunst vor dem Verfall retten möchte, ist die Designerin und Leuchtreklame-Enthusiastin Luca Patkós. Sie hat die Initiative CSŐ gegründet, die sich mit Gewinnen aus dem Verkauf von Postern für die Erhaltung der einst glanzvollen Ornamente einsetzt.
Das Verschwindender Neonschilder
Wie viele andere – vor allem jüngere – Bewohner Budapests wusste die 29-jährige Designerin bis vor einiger Zeit kaum etwas über die leuchtenden Wahrzeichen der Stadt. Erst als sich Patkós im Rahmen ihres Studiums auf die Suche nach einem Thema für ihre Diplomarbeit machte, entdeckte sie das außergewöhnliche Erbe der Neon-Ära. „Ich bin nur zufällig auf die Leuchtreklamen gestoßen, als ich einen Artikel im Internet gelesen habe. Ich dachte sofort: Wow, die sind ja großartig.“ Patkós nahm daraufhin Kontakt mit anderen Leuchtreklame-Enthusiasten auf, darunter etwa die Gründer der Initiative Neonon, die sich in den frühen 2000ern bereits um die Rettung der Neonlichter bemüht hatten, und der Leuchtreklame-Hersteller János Bácskai, der ihr dabei half, für ihre Abschlussarbeit eigene Neonschriftzüge zu fertigen.
„Zwei Jahre später habe ich dann gemeinsam mit der spanischen Fotografin Isabel Val, die schon früher eine Fotoserie zu Neonschildern in Budapest gemacht hatte, eine Broschüre zusammengestellt“, erzählt Patkós. „In dem zweisprachigen Heft mit dem Titel ‚Neon Budapest’ geht es um die Geschichte und die Fertigungstechnik hinter Leuchtreklamen. Es enthält sogar eine Karte, die die Standorte der noch existierenden Neonschätze in Budapest zeigt und ihre Geschichte erzählt.“
Patkós und Val, die niemals zuvor eine Publikation dieser Art verlegt hatten, bewarben ihre Broschüre ausschließlich auf Facebook. Daher überraschte es die beiden jungen Frauen umso mehr, als Ungarns größtes Online-Nachrichtenportal index.hu auf sie zukam, um über das Kreativprojekt zu berichten. Ihre Broschüre war daraufhin quasi über Nacht ausverkauft. Patkós nahm den Erfolg als Zeichen dafür, dass noch immer ein reges Interesse besteht an diesen leuchtenden Relikte einer anderen Zeit.
Doch erst als sie bemerkte, dass immer mehr der noch verbliebenen Neonschilder aus dem Stadtbild verschwanden, beschloss sie zu handeln. Der Budapester Zeitung erzählt sie: „Ich habe schnell gemerkt, dass es zwar ganz nett ist, an diesen Projekten zu arbeiten und viel Zeit in das Thema zu investieren, dass es aber das langsame Verschwinden der Leuchtreklamen nicht aufhält. Wenn eines der alten Geschäfte schließt, dann verschwinden binnen weniger Monate meist auch die Neonschriftzüge.”

Tatsächlich gibt es zahlreiche Privatleute und auch Unternehmen, die die Leuchtreklamen gerne in ihre Hände bekommen würden. Einer der größten Sammler verschiedenster Neonschilder in Mittel- und Osteuropa ist das Museum Neonow in Warschau. Schon früh zeigte man hier Interesse an den leuchtenden Werbetafeln in Ungarn und der Tschechischen Republik. Bald darauf begann das Museum, viele der Schilder zu erwerben. „Hier wird etwas aufgekauft und nach Warschau verschleppt, das für die Stadt Budapest und seine Bewohner von historischem Wert ist“, kritisiert Patkós. „Ich hatte dann die Idee, Poster zu machen, die Neonreklamen zeigen. Die Motive sollten cool und hip sein und von dem Erlös wollte ich die alten Schilder renovieren. So hat die Sache mit CSŐ begonnen. Das war im Dezember 2019.”
Die Geschichte der Leuchtreklamen in Budapest
Bereits in den 1930ern verfügte Budapest über zahlreiche Leuchtreklamen, von denen die meisten jedoch im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Als Ungarn infolge der sowjetischen Besatzung zur Volksrepublik ausgerufen wurde, besaß das Land nicht länger eine Marktwirtschaft im kapitalistischen Sinne. Daher gab es auch keine Produzenten, Unternehmen oder andere Dienstleister, die den Druck verspürt hätten, sich durch cleveres Marketing von ihren Wettbewerbern abzuheben. Deshalb war – abgesehen von politischer Agitation – Werbung Anfang der 50er in Budapest und dem Rest des Landes ein seltener Anblick.
Letztlich rief die Kommunistische Partei sogar ein Komitee ins Leben, dessen einzige Aufgabe es war, einen Plan zu entwickeln, wie man Budapest mit Neonlichtern überfluten könne. Der Zweck der Aktion sollte es sein, in der Öffentlichkeit das Image vom funktionierenden und leistungsfähigen Sozialismus zu vermitteln. Budapest sollte eine Metropole werden, die mit jeder anderen Hauptstadt der Welt mithalten kann. Der Plan wurde mit äußerster Hingabe umgesetzt. Innerhalb eines Jahres wurden gleich 60 große sowie mehr als hundert kleinere Leuchtreklamen an verschiedensten Orten der Stadt installiert.

„Natürlich gab es damals in Ungarn keine richtigen Marken, die beworben werden konnten“, erklärt Patkós. „Daher wurden stattdessen praktische Slogans wie ‚Vorsicht, Geduld, Höflichkeit‘, ‚Sicherheit‘, ‚Kauf Konfektionskleidung‘ oder ‚In der Tram bitte festhalten‘ genutzt.“ Aus westlicher Perspektive mögen diese kleinen Orientierungshilfen sicherlich seltsam anmuten, doch für Luca Patkós ist es genau das, was die Neonschilder so faszinierend macht. „Was ich an der ganzen Sache so liebe, ist die Alltäglichkeit der Warnhinweise, mit denen sich die Schilder an die Menschen richtet“, erzählt die junge Designerin. „Manchmal steht da auch einfach irgendwo nur das Wort Schuh, ohne eine weitere Erklärung.“
Alte Slogans neu in Szene gesetzt
Genau diese Schilder, deren Marketingwert eher zweifelhaft ist, waren es, aus denen Patkós bei ihrer Arbeit für CSŐ am meisten Inspiration schöpfen konnte. Wie sie erklärt, war es ihr nicht nur wichtig, „dass die Poster gut aussehen, sie sollten eine witzige oder interessante Botschaft vermitteln, die auch verstanden wird, wenn man nichts über die Hintergründe weiß.“ Zu den ersten Plakaten, die die Designerin entwarf gehörten daher Neonschriftzüge wie „Kedves“ (dt.: liebenswert) – der Name eines ehemaligen Bistros am Ferenciek tere, „Csemege“ (dt.: Delikatesse) – der Name eines Feinkostgeschäfts, „Kézimunka“ (dt.: Handarbeit), mit dem das Stricken und Sticken populärer gemacht werden sollte, und natürlich auch das bereits erwähnte „Óvatosság, Türelem, Udvariasság“ (dt.: Vorsicht, Geduld, Höflichkeit), das früher der Beruhigung des hauptstädtischen Verkehrs diente. Patkós versuchte dabei, die alten Slogans neu in Szene zu setzen: „Ich habe besonders strahlende Farben gewählt und versucht, das Ganze dekorativ zu gestalten“, erzählt sie. „Ich habe sogar extra eine fluoreszierende Beschichtung aufgetragen, sodass die Poster im Dunkeln leuchten.”
Die Designerin ließ zunächst nur 30 Exemplare von jedem Poster drucken. Wie sie erklärt, finanzierte sie dies aus eigener Tasche. „Ich konnte es mir nicht leisten, mehr zu drucken. Außerdem wollte ich nicht auf dem Überschuss sitzenbleiben.“ Auftrieb erhielten die Poster, als sie ein Pop-up-Designerladen ins Sortiment nahm, der auf der Suche nach Produkten war, die typisch für Budapest sind. „Das hat mir die Motivation gegeben, weitere Ideen, auf denen ich schon länger gesessen habe, endlich umzusetzen. Außerdem war es gutes Marketing für CSŐ.“ Der Name der Initiative leitet sich aus dem ungarischen Wort für Röhre ab und erinnert an die klassischen mit Neongas gefüllten Leuchtstoffröhren, die bei Leuchtreklamen früher Verwendung fanden. In Ungarn wird das Wort im Slang aber auch oft als verkürzte Form für das italienische Ciao genutzt.
Neues Neonleuchten in der Kürt utca
Als die Poster anfingen, Gewinne zu erzielen, hielt es Patkós für an der Zeit, mit der ersten Renovierung zu beginnen. Dafür kontaktierte die Designerin Läden und Gebäude, die noch über eine Neonreklame verfügen und fragte nach, ob sie daran interessiert wären, die Schilder wieder instand setzen zu lassen. „Ich habe so viele Plätze persönlich besucht“, erzählt sie. „Es gab Fälle, wo die Leuchtreklame vor meinen Augen weggetragen wurde. Wahrscheinlich befindet sie sich heute in Warschau. Es gab Besitzer, die sich offen zeigten und solche, die sich weigerten, irgendetwas zu verändern.“ Ein weiteres Problem, dem Patkós häufig begegnete, ist, dass die Besitzverhältnisse insbesondere einiger älterer Neonschilder nicht genau geklärt sind. Wo es Klarheit gab, stieß die Designerin aber auch häufig auf Vorbehalte. Manche Besitzer hatten schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht, die sich die heute wieder trendigen Neonschilder einfach unter den Nagel reißen wollten. „Ich verstehe, warum die Leute so misstrauisch sind“, sagt Patkós. „Es klingt für viele natürlich erstmal etwas verdächtig, wenn ich ihnen erzähle, dass ich ihre Schilder renovieren möchte, ohne dass sie etwas dafür zahlen müssen.“
Letztlich gelang es der Designerin aber doch noch, einen Kooperationspartner zu finden – eine Wohltätigkeitsorganisation, die ein Obdachlosenheim in der Kürt utca betreibt. Das Gebäude selbst war schon immer ein Ort, an dem Menschen in Not Hilfe fanden. Lange Zeit fungierte es als öffentliches Badehaus, dass denen, deren Zuhause noch nicht über den Komfort eines eigenen Badezimmers verfügte, die Möglichkeit gab, sich zu waschen. Deshalb ziert noch immer ein Schild mit der Aufschrift „Fürdő“, also Bad, den Eingang. Ursprünglich warfen die Neonbuchstaben ein farbiges Licht in die sonst eher farblose Straße, hatten aber schon länger aufgehört, zu funktionieren. Nun wurde das Schild zum ersten Renovierungsprojekt für CSŐ.

Nachdem man sich mit dem Besitzer geeinigt hatte, begannen die Vorbereitungen. Patkós erklärt: „Wir sind zusammen mit Mihály Hallgas, einem Fachmann für Leuchtreklamen, hingegangen. Er hat uns einen Voranschlag darüber erstellt, mit welchen Kosten wir zu rechnen hatten. Als wir durch den Posterverkauf endlich genug Geld gemacht hatten, haben wir mit dem ersten Schritt begonnen: Wir haben den Schriftzug von der Wand genommen.“ Wie Patkós lernen musste – ein keinesfalls einfaches Unternehmen. Die fragilen Leuchtstoffröhren waren derart kompliziert befestigt, dass für den Abbau sogar eigens ein Gerüst angebracht werden musste, um die prekären Arbeiten mit der nötigen Sorgfalt auszuführen. Als das geschafft war, konnte die eigentliche Renovierung beginnen. „Bei diesem Schild waren einige Buchstaben gebrochen, andere waren intakt, leuchteten aber nicht mehr, außerdem war der Untergrund verrostet und der Transformator, der daran angeschlossen war, war natürlich auch schon dahin“, erzählt Patkós. „Mihály hat zunächst die einzelnen Buchstaben repariert und dann die Röhren wieder mit Gas gefüllt. Als alles fertig war, brauchten wir natürlich erneut ein Gerüst, um das Schild wieder anzubringen.” Heute leuchtet Fürdő erneut im schönsten Neonrot und -blau.
Objekte von Wert
Seit Beginn des Projektes hat CSŐ viel Aufmerksamkeit erhalten, sowohl in den sozialen als auch in den klassischen Medien wurde darüber berichtet. „Vielen Menschen gefallen die Neonschriftzüge – der älteren Generation, weil es sie nostalgisch stimmt, und der jüngeren, weil retro gerade cool ist“, erzählt Patkós. Allerdings ist sie trotz des überwältigend positiven Feedbacks auch skeptisch: „Jedes Jahr erscheinen irgendwelche Artikel, in denen steht, wie schade es ist, dass all diese großartigen Schilder einfach verschwinden. Jeder stimmt dem zu und die Artikel werden oft geteilt, doch dann passiert nichts. Ich finde es problematisch, dass sich die Stadt- oder auch die Bezirksregierungen nicht damit auseinandersetzen und etwas gegen das Verschwinden unternehmen.“ Laut Patkós täte Budapest gut daran, dem Vorbild anderer europäischer Metropolen zu folgen und sich zu dem Wert dieser industriellen Kunstobjekte zu bekennen. Ein gutes Beispiel dafür ist etwa die Löffelfamilie in Leipzig. Diese Leuchtreklame der VEB Feinkost Leipzig wurde bereits 1993 durch das Land Sachsen unter Denkmalschutz gestellt.
Patkós betont: „Diese Objekte haben einen künstlerischen und historischen Wert. Doch wer noch nie etwas über die Neonkunst in Budapest gehört hat, mag sich ihrer Präsenz vielleicht gar nicht bewusst sein. Wenn man aber einmal auf das Thema gestoßen ist, realisiert man, wie viele wirklich schöne Neonreklamen es in unserer Stadt gibt.“
Wer noch mehr über die Arbeit von CSŐ erfahren will, kann der Initiative auf Facebook folgen oder die Webseite budapestneon.hu besuchen. Hier kann man auch die von Patkós gestalteten Poster erwerben und so die Renovierung weiterer Neonschilder unterstützen.
