Leslie Mandoki zusammen mit Kanzlerin Angela Merkel 2011 nach einem Konzert der Mandoki Soulmates im Konrad Adenauer Haus zu ihrem Geburtstag. (Foto: Red Rock Production)

Gastkommentar zum Verhältnis von Deutschland zu den V4-Staaten

Zurück zum Europa der gleichberechtigten Nationen

Im Editorial des letzten Magazins ging es unter anderem um die neuerliche Ost-West-Spaltung und das Verhältnis von Deutschland zu den V4-Staaten bei der Gestaltung Mitteleuropas. Von diesen Gedanken fühlte sich der Musiker und Produzent Leslie Mandoki derart inspiriert, dass er für die Budapester Zeitung selber einige Gedanken dazu zu Papier brachte.

Als Frau Dr. Merkel im November 2005 zum ersten Mal zur Kanzlerin gewählt wurde, sagte ich: „Ein Glücksfall für Deutschland“. Dieser Ausruf von mir wurde von vielen geteilt, mal ehrlich und aufrichtig, manchmal nur scheinheilig, um von der Aura der erfolgreichen Macherin zu profitieren. Als die schreckliche Pandemie über uns hereingebrochen war, schrieb ich in einem Essay im STERN noch einmal, dass Dr. Angela Merkel ein großer Glücksfall ist – in doppelter Hinsicht, da sie als Naturwissenschaftlerin die Komplexität der Herausforderung intellektuell tief zu durchdringen vermag. Jetzt, da Frau Dr. Merkel für sechs Monate die Ratspräsidentschaft der EU übernimmt, ruft mein Künstlerherz nun, dass dies ein Glücksfall für Europa sei.

Neues Kapitel der deutsch-­ungarischen Freundschaft nötig

Die nicht zu bändigende Sehnsucht der Ungarn nach Freiheit hat dazu geführt, dass der Eiserne Vorhang zerrissen wurde. Zuvor hatte dieses Volk an der Nahtstelle von Orient und Okzident in den letzten paar hundert Jahren die meiste Zeit unter dem Joch der Fremdherrschaft leben müssen. Unsere Generation hat die Zerstörung des Eisernen Vorhangs und die Wiedervereinigung Gesamt-Europas bewirkt, aber entlang der schrecklichen, überwunden geglaubten Trennungslinie entsteht eine erneute Spaltung zwischen Ost und West. Zur Überwindung dieser Spaltung wäre es wichtig, ein neues Kapitel der deutsch-ungarischen Freundschaft aufzuschlagen.

Während seines ersten Staatsbesuches in Ungarn im Jahre 1986 wies Bundespräsident Richard von Weizsäcker auf den historischen Umstand hin, dass man neben dem ungarischen und dem deutschen Volk vergebens nach zwei anderen Völkern in Europa suchen würde, die in den vergangenen tausend Jahren keinen Krieg gegeneinander geführt haben. Die bedingungslose Liebe zu Deutschland hat auch dazu geführt, dass vor 31 Jahren zehntausende DDR-Flüchtlinge in Budapester Familien aufgenommen wurden. Ungarn ist heute ein entscheidender Motor des Visegráder Staatenbündnisses, das mit Blick auf das Handelsvolumen für Deutschland inzwischen wichtiger ist als Frankreich.

Die Achse Berlin-Paris mag sich für eine prätentiöse Darstellung eignen, aber handfeste Fakten empfehlen immer mehr, auch das Verbindende und die Gemeinsamkeiten mit Ost- und Mitteleuropa zu berücksichtigen und Brücken über die ehemalige Ost-West-Grenze zu schlagen.

Viele Brücken

Als gebürtiger Budapester, als ehemaliger illegaler Einwanderer und Asylant und stolzer Bürger der ‚Bunten Republik Deutschland‘, wie mein Soulmate Udo Lindenberg es einmal nannte, spüre ich, dass die Zukunft Europas sich nicht nur auf der Achse Berlin-Paris entscheidet, sondern davon abhängt, ob es uns gelingt, viele Brücken zu bauen, das Gemeinsame und Verbindende wieder in den Vordergrund zu stellen und die trennenden Aspekte zu überwinden, zwischen Ost und West, zwischen Nord und Süd.

Frau Dr. Merkels Erwägung eines Europas der zwei Geschwindigkeiten ist geradezu genial. Weil sie Naturwissenschaftlerin ist, wird sie sich nicht gegen die Einsetzung eines wissenschaftlichen Rates verschließen, der die ökonomisch-ökologischen, politischen, bildungstechnischen etc. Kriterien für diese zwei Geschwindigkeiten definiert und untersucht, wie zwischen den beiden Geschwindigkeiten Brücken gebaut werden können. Kriterien für die genaue Zuordnung zu einem der beiden Lager könnten etwa sein: Gleichberechtigung der Frau, Integration von Einwanderern, Bekämpfung von Antisemitismus und Rassismus, Einhaltung des Pariser Klimaabkommens, Vertragstreue gegenüber den Maastricht-Kriterien, Bildungs- und Aufstiegschancen unabhängig von sozioökonomischer und soziokultureller Herkunft, Familienförderung. Und natürlich Meinungsfreiheit. Eine vielfältige Medienlandschaft ist nur dann zu haben, wenn sie auch Meinungen zulässt, mit denen man nicht übereinstimmt. Es gilt also neu zu lernen, die Welt aus unterschiedlichen Blickwinkeln und gar mit den Augen unserer Widersacher zu betrachten.

Mit Markus Söder am Mischpult im Studio von Leslie Mandoki: „Gerade in Krisenzeiten qualifiziert man sich für Höheres.“ (Foto: Red Rock Production)

Wenn wir nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten vorgehen, dann werden wir feststellen, dass es für die Bewältigung der Wirtschaftskrise nach der Pandemie keine Alternative gibt, als die Abkehr vom spekulativen Casinokapitalismus, in dem Geld schneller Geld verdient als Arbeit, und die Hinwendung zu einer auf gesellschaftlichen Mehrwert setzenden sozialen Marktwirtschaft, die den Menschen und die Menschlichkeit in den Mittelpunkt rückt.

In diesem Sinne lassen sich sicher von Soziologen, Wirtschaftswissenschaftlern, Philosophen und Politologen sachliche Argumente anführen, Lösungen in der Sache finden und Brücken bauen. Es darf unterschiedliche Ansichten geben, aber die Basis müssen wissenschaftliche Sachargumente sein.

Kraft durch Vielfarbigkeit und von unten

Die Verbindungsbrücken zwischen der ersten und der zweiten Geschwindigkeit werden nicht von Bürokraten gebaut oder gar verordnet, sondern von freien, europabegeisterten Völkern, die sich in vielem durch ihre Geschichte und daraus resultierende Mentalitäten unterscheiden dürfen. Aus dieser Vielfarbigkeit und von unten wächst diese europäische Kraft, und nicht durch die Gleichmacherei des Brüsseler Diktats.

Insbesondere die Nationen, die vor 31 Jahren selbst die Befreiung von der Diktatur und somit auch die Einigung Europas erkämpft haben, würden sich gern erst einmal auf sich selbst besinnen, aus ihrer völlig unterschiedlichen geschichtlichen Erfahrung ihre Lehren ziehen und gleichzeitig ihre volle Kraft als überzeugte Europäer einbringen, aber dennoch in dem einen oder anderen Punkt anders sein und anders handeln dürfen.

Die EU hat nur dann eine Chance, wenn wir zu Dr. Helmut Kohls Europa der gleichberechtigten Nationen zurückkehren, die auf Augenhöhe miteinander umgehen.

Vor allem in den signifikanten Krisen der letzten drei Jahrzehnte, in der Finanzkrise, in der Flüchtlingskrise, der Klimakatastrophe und nun angesichts der Pandemie mit der damit einhergehenden Wirtschaftskrise, behalten sie sich das Recht vor, unterschiedlich zu reagieren.

Wie Recht hat Dr. Markus Söder mit seiner Ausführung, dass man sich gerade in Krisenzeiten für Höheres qualifiziert. Das gilt in Deutschland wie in ganz Europa. Und nach einer scharfen, wissenschaftlichen Analyse stellt sich vielleicht heraus, dass die Achse München-Budapest mindestens ebenso bedeutsam ist, wie die Achse Berlin-Paris.

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29. Juni 2022 12:10 Uhr