„Erst einmal müssen die Helden tot sein“, hat Wofgang Joho zu den Risiken des autobiographischen Schreibens gesagt, und Tagebuchschreiber wie Thomas Mann haben sehr genau gewußt, warum sie ihre Tagebücher mit Veröffentlichungssperrfristen versehen haben. Diese Skrupel hat Paetzke offensichtlich nicht, und wenn es – was zu vermuten ist – ein nahes Verwandtschaftsverhältnis zwischen Ich-Erzähler und Autor gibt, könnte es Ärger geben, denn manche Mitakteure werden mit Klarnamen benannt, andere sind so durchsichtig kostümiert, dass man hinter der Maske die Person leicht entdecken kann. Aber das Publikum freut es – hat doch so eine Autobiographie immer auch etwas Voyeuristisches, und manch einer hebt ja ganz gerne auch die Zipfel der Bettdecke, um einen Blick auf das (oder die oder den) Darunterliegende(n) zu werfen.


Ein Kapitel Zeitgeschichte

Wäre das der einzige Lektüreanreiz – es wäre zu wenig, um für das Buch zu werben. Neben einem Liebesroman mit zahlreichen Episoden ist es nämlich ein Kapitel Zeitgeschichte zwischen Kriegsende und den 1990er Jahren; es ist die Zeit, da ein Eiserner Vorhang Ost und West voneinander trennte. Es ist die Zeit, in der man Ungarn als Land des „Gulaschkommunismus“ in der DDR öffentlich abqualifiziert und innerlich ob seiner vergleichsweisen Weltoffenheit bewundert hat.

In diesem Land spielt sich das Leben des Ich-Erzählers vorwiegend ab, und wenn ein Autor bis in die topographischen Bezeichnungen hinein Wert auf Authentizität legt, ist man geneigt, ihm auch in anderer Hinsicht zu glauben – so unglaublich Familiengeschichte und das promiskue Liebesleben des Protagonisten auch anmuten. Ganz nebenbei erfahren wir, wie ein geschasster Oberschüler, studierter Schauspieler, abtrünniger Priester und ungarisch-deutscher Journalist zum gefragten (und vermutlich meistbeschäftigten) Übersetzer ungarischer Belletristik ins Deutsche geworden ist.

Diese Wandlungen sind erstaunlich, ja mitunter märchenhaft. Sie dennoch glaubwürdig darzustellen, ist eine beachtliche persönliche Leistung – und damit meine ich nicht in erster Linie das künstlerische Vermögen Paetzkes, sondern eine Darstellungsweise, die den Leser mitnimmt und ihm den Eindruck vermittelt: Da schreibt jemand, der zu sich eine hinreichend große Distanz herstellen kann. Es gehören schon Mut und eine gehörige Portion Selbsterkenntnis dazu, nicht nur die sympathischen Eigenschaften seines Alter ego dem Urteil des Lesers auszusetzen.


Rückhaltlose Generalbeichte

Wieviel liegengelassene Geliebte, Bräute und Ehefrauen den Lebensweg des Ich-Erzählers säumen – das will man ja gar nicht zählen. Aber auch die geohrfeigte Schwiegermutter erspart uns (und sich) der Berichterstatter nicht: Wenn schon Generalbeichte – dann soll sie offenbar rückhaltlos sein, und sei es um den Preis sinkender Sympathiewerte.

Bekanntlich kann man sich sowohl Schwiegermütter als auch seine Herkunftsfamilie nicht aussuchen. Die des Ich-Erzählers ist nach Abstammung, Status, politischem und religiösem Bekenntnis so heterogen, wie man es sich kaum vorstellen und schon gar nicht erfinden kann – es sei denn, man hätte sich bei einem Kitschpoeten bedient, dem die Mischung aus Imitation und Illusion leicht aus der Feder fließt. So ungewöhnlich das Personal, so wechselhaft die Schauplätze – beides ist nicht untypisch für das Jahrhundert der Völkerwanderung. Um auch die Nebenfiguren genauer zu konturieren sind sie zu zahlreich – aber sie haben eine Funktion im familiären Figurenensemble, das an Tucholskys Bonmot denken läßt: Das Wort Familienbande hat gelegentlich den Beigeschmack von Wahrheit.


Großes Figurenensemble

Nicht nur das Figurenensemble, sondern auch die mehrfachen Wechsel des Handlungsortes verbinden große Welt und kleine, private immer wieder miteinander. Da nebenbei auch diverse Personen der Zeitgeschichte auftauchen, denen der Ich-Erzähler begegnet ist, schwillt das Figurenensemble gehörig an. In solchen Fällen wäre ein Personenverzeichnis (möglichst als Beilage oder Klappentext) hilfreich – einem studierten Schauspieler sollte das nicht fremd sein. Auch wenn es sich um einen Text an der Grenze zwischen fiktionaler und Sachliteratur handelt, wäre eine solche Orientierungshilfe sinnvoll.

Apropos Übersichtlichkeit: Die hätte man sich bei machen Satzungeheuern gewünscht, die zwar grammatisch ordentlich zu Ende gebracht werden, aber die Lesbarkeit nicht befördern. Die profitiere – so sagen manche Lektoren – von Zwischenüberschriften. Aber auch hier gilt: Die Dosis macht den Erfolg. Und 83 Zwischentitel sind für 312 Textseiten doch reichlich viele – kein Wunder, dass manches Teilkapitel nicht länger ist als eine Seite. (Das Inhaltsverzeichnis ist leider auch keine Orientierungshilfe – es listet die bisweilen kryptischen Zwischentitel lediglich noch einmal auf. Wäre es so schwierig, die Kapitelchen in einigen wenige(re)n Kapiteln zusammenzufassen ?)


Fazit

Freilich sind meine Einwände marginal, und das Recht der Gestaltung liegt nicht bei den Beckmessern, sondern beim Autor, der schon die schwierige Entscheidung zwischen Faktenauswahl und Fiktion zu treffen hatte. Dass ihm dabei ein sowohl zeitgeschichtlich wie personalgeschichtlich interessanter Text gelungen ist, steht außer Frage.

Was gebe ich Autor, Buch und Leser nun mit auf den Weg?

Zunächst eine freundliche Leseempfehlung, an alle diejenigen gerichtet, die über Irrungen und Wirrungen im 20. Jahrhundert Authentisches erfahren wollen. Diesen Lesern kann ich Belehrung und Vergnügen versprechen – und das soll ein Buch ja leisten, dem wir einen bleibenden Platz im Bücherregal einräumen. Dem Autor wünsche ich liebevollere Gestaltung der zweiten Auflage seines Werks durch den Verlag; ein Buch von 320 Seiten ist als Paperback keine editorische Meisterleistung – es sei denn, man hätte es als „Verbrauchsmaterial“ mit geringer Halbwertzeit konzipiert. Einer solchen Klassifizierung aber würde ich laut und deutlich widersprechen.

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