Sollten sich die Märkte wegen des Coronavirus sorgen?

Die Ausbreitung des Virus kann schon allein psychologisch bedingt für Aufregung sorgen, wenn die Menschen aus Angst zu Hause bleiben, nicht einkaufen oder nicht mehr zum Friseur gehen. Heute ist eine schnell verlaufende Rezession in der Weltwirtschaft denkbar, womit vor einem Monat noch niemand gerechnet hat.


Sie prognostizierten 2013 sieben reiche Jahre. Könnten daraus vielleicht acht oder gar neun Jahre werden?

Wegen der EU-Fördermittel könnte sich diese Periode noch länger hinziehen. Die Regierung meint, diese Gelder hätten nicht signifikant zum Wachstum beigetragen. Ich denke aber doch, dass der belebende Effekt der 2020/21 auslaufenden Gelder fehlen wird. Zudem neigt sich der internationale Konjunkturzyklus seinem Ende entgegen. Ungarn droht zwar nicht ein „plötzlicher Tod“, wie 2008 geschehen, als die Wirtschaft zusammenbrach und viele Menschen ohne Arbeit blieben. Das Wachstum könnte aber über drei und später zwei Prozent im schlechtesten Fall gegen null tendieren.


Müssen wir 2020 mit einer Krise rechnen?

Schocks wie von Seiten des Coronavirus sind nie auszuschließen, aber vorhersagen kann das niemand. In den vergangenen zwei Jahren gab es eine Art Minikrise, auf die sich Ungarn seit Anfang 2019 mit der Bildung von Rücklagen einstellte. Ich denke, ohne externe Schocks dürfte die Weltwirtschaft in absehbarer Zeit auf der Wachstumsbahn verbleiben.


Nach der großen Finanz- und Schuldenkrise und dem Regierungswechsel erklärten Sie, Ungarns Lage könne mit einer vernünftigen und verantwortungsbewussten Politik stabilisiert werden. Ist nicht genau das eingetreten?

In vielerlei Hinsicht schon. Die Regierung hält das Defizit seit 2012 souverän in dem von der EU vorgeschriebenen Rahmen. Wir sehen eine verantwortungsbewusste Haushaltspolitik, und auch die Politik der Notenbank funktionierte lange Zeit gut. Heute hat es jedoch den Anschein, als wollten sowohl Zentralbank als auch Regierung die Wirtschaft bewusst ein wenig überhitzen, mit dynamisch steigenden Löhnen, einer schwachen Währung und niedrigen Zinsen. Das ist aber riskant, weil es die Inflation lostreten könnte. Und weil uns der Kraftstoff womöglich ausgeht, bevor wir wieder so richtig aufs Gaspedal treten müssen. Auf keinen Fall ist die Lage mit jener von vor 2007 zu vergleichen, denn die Wirtschaftspolitik agiert sorgfältiger und trifft großartige Entscheidungen, wie bei der Zurückdrängung der Schattenwirtschaft oder der Effizienz des Steuereintreibens.


Die starke Lohndynamik lässt sich gut damit erklären, dass der Anteil der Löhne an der Wirtschaftsleistung früher zu niedrig ausfiel.

Absolut! Die Löhne lagen unter dem Gleichgewichtsniveau, weshalb ihr intensiver Anstieg auf kein Hindernis stieß. Wenn die Löhne jedoch dauerhaft schneller steigen, als die Produktivität, führt das zu Inflation.


Sind die Besteuerung von Kapital und Arbeit im heutigen Ungarn im rechten Lot?

Das ist eine Frage der Wirtschaftsphilosophie, die ich nicht beantworten kann. Die Logik der Regierung, die Akkumulation des Kapitals zu beschleunigen, lässt sich nachvollziehen. Der Westen hatte dreihundert Jahre Zeit, seine Kolonien auszubeuten, uns war das nicht gegeben. Weltkriege und Kommunismus warfen Ungarn weiter zurück. Die Regierung möchte ein Bürgertum schaffen, eine obere Mittelschicht mit Ersparnissen und Bereitschaft zum Unternehmertum. Niedrige Gewinnsteuern und Staatsanleihen für die privaten Haushalte sind eine logische Konsequenz. Die andere Seite fordert, die Ärmsten sollten mehr vom Aufschwung profitieren. Man kann es aber nicht allen recht machen. Ökonomie handelt von der Gesellschaft und kann deshalb nicht objektiv sein.


Ist die Wirtschaftspolitik eher eine Kunst, als eine Wissenschaft?

Ich fürchte, ja. Man kann genauso argumentieren, die Steuern zu senken, wie die Steuern zu erhöhen. Beides lässt sich rechtfertigen, ohne jedoch Gerechtigkeit zu schaffen.

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Wenn Ungarn ein Rekordwachstum in der EU vorgelegt hat, muss die Wirtschaftspolitik wohl alles richtig machen…

Ungarn muss sich an den anderen Ländern des früheren Ostblocks messen, die ebenfalls mit EU-Geldern gefördert werden. Da waren wir lange Zeit nur Mittelfeld. Ungarn erhielt die höchsten Fördermittel pro Kopf der Bevölkerung, hatte aber auch den größten Schuldenberg abzuarbeiten. Hinzu kam die verfehlte Wirtschaftspolitik eingangs des neuen Jahrtausends. Natürlich hat uns Rumänien noch nicht eingeholt, wo zuletzt brutale Ungleichgewichte entstanden. Aber genauso wenig haben wir die Tschechen eingeholt, während uns die Polen längst das Wasser reichen.


Die Slowakei erhielt ebenfalls enorme Gelder und stützt sich ähnlich auf die Automobilindustrie, hat aber unter dem deutschen Abschwung eindeutig gelitten, im Gegensatz zu Ungarn.

Diesen Widerspruch kann ich mir noch nicht erklären.


Dass eine Mittelschicht aufgebaut wird, ist also verständlich. Warum aber begleiten diesen Prozess so viele Kritiken?

Wollen Sie mich das wirklich fragen?


Würde das zu weit führen?

Jetzt im Ernst: Wenn ich in den 1990er Jahren zu schnell fuhr, hielt mich ein Polizist an und stellte die klassische Frage, wie wir das Problem lösen wollen. Diese Korruption auf der untersten Ebene trifft man heute kaum noch an, und das ist gut so. Auf der höchsten Ebene aber existiert Korruption, die nur sehr wenige betrifft und von gewaltigen Beträgen handelt. Mir braucht keiner zu erzählen, dass da jemand aus dem Nichts kommt, von allen Dingen Ahnung hat und plötzlich der reichste Mann Ungarns ist.


In diesem Sinne waren Südkorea und praktisch die gesamte westliche Welt ebenfalls korrupt.

Südkorea war schwer von Korruption befallen, natürlich. Ungarn zeigt heute sehr viele Gemeinsamkeiten mit dem Südkorea der 80er/90er Jahre. Es gab dort einige auserwählte Familien mit besten politischen Kontakten, denen die Regierung mit niedrigen Zinsen, billigen Krediten, einer schwachen Währung und vielen anderen Instrumenten half. Aber später wurden dort gleich mehrere Ministerpräsidenten ins Gefängnis gesteckt! Oder einst die Briten: Der Großvater war noch Pirat, der spanische Galeeren ausraubte, der Enkel trank seinen Tee bereits mit gespreizten Fingern aus Porzellantassen. Wirtschaftsmacht wurde an vielen Orten in der Welt so erschaffen, aber deshalb stört es doch unseren Gerechtigkeitssinn. Niemand schreibt vor, dass immer nur einer die öffentlichen Aufträge gewinnen kann.


Glauben Sie, dass diese Probleme das langfristige Wachstumspotenzial belasten?

Ich denke, unser Potenzial liegt ohne jeden Rückenwind bei ein bis zwei Prozent. Von fünf Prozent fallen wir aber nicht gleich bis zum potenziellen Niveau durch, nur weil eine Flaute einsetzt. Wir sollten uns glücklich schätzen, wenn die ausfallenden EU-Gelder die Konjunktur nur auf zwei, drei Prozent abbremsen, um von dort den nächsten Aufschwung anzugehen.


Wie werden sich die Reallöhne entwickeln?

Das hängt neben den Institutionen vom Entwicklungsstand des Humankapitals ab. Da ist Ungarn historisch bedingt weit von Deutschland entfernt, was uns eher einen Platz an der Peripherie der EU zuweist. Wenn wir das ändern können, haben wir Chancen, zu Österreich aufzuschließen – was ich übrigens seit meiner Kindheit höre, nur dass es noch immer nicht gelungen ist.

Die heutigen Lohnsprünge erklären sich grundlegend aus dem schwerwiegenden Arbeitskräftemangel. Dieser Prozess hält solange an, wie es die Profitrate der Unternehmen erlaubt. Viele haben genau deshalb Investitionen getätigt, weil sie nicht jährlich zehn Prozent mehr Lohn zahlen können. Daraus könnten sich ab 2021/22 Probleme ergeben.


Mit Auswirkungen auf die Parlamentswahlen 2022?

Wenn der Fidesz das dynamische Wachstum der Wirtschaft und insbesondere der Löhne aufrechterhalten kann, lässt sich dessen Macht kaum erschüttern. Danach strebt diese Regierung, das ist die Garantie für ihren Machterhalt. Bei einem Schock droht eine Niederlage. Ende 2012 gab es wegen der kurzfristig eingeführten Restriktionen einen Moment, als die Popularität des Fidesz auf das Niveau der Sozialisten sank.


Spielt denn keine Rolle, welche Visionen die Parteien von der Welt und der Wirtschaft haben?

Und ob! Die Opposition kann nur mit einem charismatischen Führer und einer alternativen Version für Wirtschaft und Gesellschaft gewinnen. Der Fidesz besitzt ganz klar eine Vision, auch wenn diese streitbar ist. Die andere Seite hat da noch erhebliche Defizite.

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Eine Vision der Regierung handelt von der Familienpolitik. Bei dieser Strategie haben auch Sie Orbán zugestimmt.

Auf dieses Land bezogen hat der Ministerpräsident vollkommen recht. Wenn die Bevölkerung schwindet, kann das etwa hinsichtlich der Stabilität des Rentensystems enorme Probleme verursachen. Weniger Beschäftigte erschweren die Rückzahlung der Staatsschulden, und der Konsum sinkt ebenfalls. Global betrachtet hat Orbán aber nicht recht, denn die Ressourcen der Erde sind beschränkt, weshalb eine Bevölkerungszunahme nicht eben glücklich ist. Aber da wären wir wieder bei den zwei Seiten der Medaille. Bei der Entscheidung solcher Fragen können Wahlen helfen. Die eine Partei plädiert für einen verminderten Konsum, um das Leben auf der Erde zu erhalten, die andere erklärt: Wir Ungarn dürfen nicht aussterben, wir müssen unsere Kultur bewahren. Und die Gesellschaft trifft die Wahl.


Sie haben 2013 den Immobilienboom vorausgesagt. Was würden Sie heute als Anlageform empfehlen?

Ich habe jederzeit bis zu zehn zentrale Faktoren im Auge. Es wäre ideal, wenn die meisten in die gleiche Richtung zeigen, doch das tritt nur alle 10-20 Jahre ein. Nach der Preisexplosion bei den Immobilien glaube ich, dass die Preise in den nächsten Jahren nur noch langsam zulegen werden, im Realwert um ungefähr ein bis drei Prozent jährlich. Meine Empfehlung mag langweilig sein, aber ich kann kaum zu etwas Besserem als den für private Haushalte aufgelegten Staatsanleihen raten.


Ist das wirtschaftspolitisch clever?

Diese Anlageform ist für private Sparer unschlagbar. Auch hier kann ich die Bestrebungen der Regierung verstehen, doch muss die Wirtschaftspolitik darauf achten, dass sich der Bestand an Staatsanleihen ähnlich wie Bankeinlagen verhält. Das Liquiditätsrisiko könnte rasant zunehmen, sobald die Anleger infolge externer Schocks nervös werden.


Aus dem Ungarischen von Rainer Ackermann

Das hier gekürzt wiedergegebene Interview erschien zuerst im konservativen Wochenmagazin Mandiner.

Viktor Zsiday befasst sich seit 1996 mit den Kapitalmärkten; damals investierte er sein Hochschulstipendium in Aktien. Die Börsenwelt faszinierte ihn, seit 1998 war er bei einer Brokerfirma tätig. Die russische Krise – oder wie er es formuliert: die eigene Dummheit – annullierte noch im Herbst jenes Jahres all seine Ersparnisse. Nach diesem Fiasko wurde er zu einem erfolgreichen Anleger: Sein seit 2009 aufgebauter Citadella-Derivatefonds verwaltet aktuell 54 Milliarden Forint, die von ihm gegründete Plotinus Holding Nyrt. wurde 2011 an die Budapester Wertpapierbörse gebracht und hat ihren Wert seither vervierfacht.

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