Es begann damit, dass der Ministerpräsident auf niederträchtigste Weise und gemessen an den bisherigen Hasskampagnen auf niedrigem Niveau die Wut seiner Gläubigen auf die Roma aus Gyöngyöspata lenkte, die so vermessen und selbstgefällig gewesen waren, ein Verfahren wegen schulischer Segregation gegen den ungarischen Staat anzustrengen und dann auch noch zu gewinnen. Er sprach von ethnischen Gruppen und berechtigter Empörung, als ob rechtskräftige Urteile in einem illiberalen Staat aufgrund von Emotionen überschrieben werden könnten.


Propagandistische Verknüpfung

Währenddessen hat in Nagykata ein Schüler seinen Lehrer angegriffen, davor hat ein anderer in Győr seinen Erzieher niedergestochen. Es war also alles gegeben, um die Stimmung noch anzuheizen. Die staatliche Abteilung für Verbalkarate begann denn auch sofort mit der Vermischung von Gewalt an Lehrern und dem Problem der Segregation an Schulen. Angefangen von angeblich unentschuldigten Fehlzeiten bis dahin, dass das Video des einen Lehrer schlagenden Schülers mit dem dazugehörigen Text veröffentlicht wurde.

Darin wird betont, dass schlicht nicht jeder integrierbar sei und, dass die Zigeuner ihre Lehrer schlagen und dafür auch noch Geld wollten, was ihnen dank der von György Soros finanzierten Zivilorganisationen und „ausgefuchster“ Anwälte vom Gericht auch tatsächlich zugesprochen wurde. Genau, wie auch im Falle der Gefängnisse wurde betont, dass die anständigen Bürger, tagaus, tagein arbeiten und trotzdem nicht genug Geld bekommen würden.

Natürlich fällt kein Wort darüber, dass das ungarische Bildungssystem seit 2010 eine Spielwiese von KDNP-Dilettanten ist und in Gyöngyöspata das Niveau seit 2010 in unermessliche Tiefen gesunken ist. Dabei hat diesen Ort schon vorher niemand mit Oxford verwechselt.


Verschlechterte Gesamtsituation

In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Situation angefangen von den Grundschulen bis hin zu den Universitäten überall verschlechtert. Der jeweils aktuelle Verantwortliche hat sich je nach Laune einen Teilbereich ausgesucht und dort jegliche Chance zunichte gemacht, dass sich die ungarische Bildung in die Richtung bewegen könnte, wo sie am Ende des 20. Jahrhunderts hätte stehen müssen.

Stattdessen wurde das Gesamtbild Jahr für Jahr verschlechtert, ganz bis zu dem Punkt, dass der neue Nationale Grundlehrplan mitten in der Nacht veröffentlicht wurde und das Drehbuch eines Überlebenstrainings eines Horthy-Anhängers mit den Anforderungen des Mihály Szabolcska-Lesekreises vereint. Noch dazu – selbst an den Maßstäben der Regierung gemessen – in dilettantischer Form.

Dabei gibt es einen Zusammenhang zwischen der Gewalt an den Schulen und der Segregation, zwischen dem schlechten Lehrplan und der Absenkung des schulpflichtigen Alters und den Lebensumständen der Roma. Um das zu erkennen, braucht man aber etwas im Kopf. Und für Lösung des Problems wiederum enorm viel Arbeit unter Einbeziehung von Fachleuten, die eventuell nicht Viktor Orbán für den Heilsbringer der Ungarn halten, dafür aber schon mal ein funktionierendes pädagogisches System gesehen haben.


Aber das wäre dann schon ein anderes Land.

Der hier wiedergegebene Kommentar erschien am 17. Februar auf dem Onlineportal des linksliberalen Wochenmagazins 168óra.

Aus dem Ungarischen von Elisabeth Katalin Grabow

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