Polen hat die große Weltwirtschaftskrise von 2008 weitgehend unbeschadet überstanden, weil man auf den Inlandsverbrauch setzte. In ganz Europa standen die Polen mit dieser Leistung praktisch alleine da. Ungarn hat sich dieses Modell vor Jahren bei den polnischen Freunden abgeschaut. Jetzt, da der Investitionsboom zu Ende geht und der Strom an Fördergeldern aus Brüssel versiegt, gelangt es auf den Prüfstand. Besitzt ein Markt mit weniger als zehn Millionen Menschen Chancen, glücklich zu werden, wenn man sich nicht länger auf Impulse vom größten Wirtschaftspartner Deutschland stützen kann?

Seit ungefähr sechs Jahren wächst Ungarns Wirtschaft nun ziemlich dynamisch, in den letzten zwei Jahren erreichte die Dynamik sogar sensationell anmutende fünf Prozent. Die ins Extreme gesteigerte Investitionsquote ist dabei zur tonangebenden Konjunkturlokomotive avanciert. Als stabiler Anker erweist sich daneben der Privatverbrauch, der seit 2016 Quartal für Quartal solide zwei Prozentpunkte zum ungarischen Wachstum beisteuert. Die Experten der Ungarischen Nationalbank (MNB) sehen mindestens drei Faktoren im Hintergrund dieser Erscheinung. Klar auf der Hand liegt der Zusammenhang mit der günstigen Einkommensentwicklung. Unterstützt wird dieser Prozess aber auch wieder durch eine zunehmende Kreditaufnahme der Privathaushalte. Dass dies in diesem Land nur ein Jahrzehnt nach der verheerenden Katastrophe mit den Fremdwährungskrediten wieder möglich wird, hängt mit dem dritten Faktor zusammen, dem auf einem ausgesprochen hohen Niveau verharrenden Konsumklima.


Konsumquote unter 50 Prozent

In den Mitgliedstaaten der Europäischen Union machen die Konsumausgaben der privaten Haushalte gewöhnlich die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus, hierzulande waren es nach den frischesten vorliegenden Zahlen für 2018 etwas mehr als 47 Prozent. Der Inlandsverbrauch steuerte im selben Jahr derweil 68 Prozent zum BIP bei. Weniger als die Hälfte der auf den Privatkonsum draufgepackten Prozentpunkte rührte dabei von der öffentlichen Hand her, erklärt sich somit aus dem typischen Gebaren des Staates auf Feldern wie öffentlichen Versorgungsleistungen, in der Verwaltung oder bei der Gewährleistung von Ordnung und Sicherheit mittels Polizei und Armee. Neben den dafür gemessenen neun Prozentpunkten summierten sich die Transferleistungen für die privaten Haushalte auf insgesamt zwölf Prozentpunkte, an denen die durch den Staat gewährten Leistungen des Gesundheitswesens, in Bildung, Kultur und Sozialem das Gros bildeten. Auf jeden Fall dienen diese Leistungen der Wohlfahrt der Bürger und tragen dementsprechend zum Lebensniveau bei.

Die MNB verweist bei der Betrachtung dieser statistischen Zusammenhänge auf die häufig anzutreffende Fehlinterpretation, wonach selbst der Bau von Straßen, Krankenhäusern und Stadien den Inlandsverbrauch bereichern würde. Tatsächlich finden sich diese Ausgaben im Kapitel der Investitionsquote. Methodisch unterscheidet sich der private vom Verbrauch der öffentlichen Hand durch die Finanzierung, denn für den Privatverbrauch zahlen die Haushalte unmittelbar, für die staatlichen Leistungen indirekt, über ihre Steuern. Vom Umfang der durch den Staatshaushalt finanzierten öffentlichen Leistungen hängt ab, wie groß die Abweichungen zwischen einzelnen Ländern ausfallen können.


Gleicher Trend wie im Westen

Im europäischen Vergleich erwies sich Ungarns private Konsumquote mit 47 Prozent wie erwähnt als unterdurchschnittlich. Das allein sagt aber noch nicht allzu viel über den Lebensstandard der Menschen in den betreffenden Ländern aus. Die niedrigsten Konsumausgaben der privaten Haushalte am BIP verzeichnete nämlich ausgerechnet das reiche Luxemburg, mit einer Quote von 28,7 Prozent, in deren Nähe einzig noch Irland gelangte. Ungarn weiß sich hinsichtlich dieser Statistik in feiner Gesellschaft solcher EU-Länder wie Schweden, die Niederlande oder Dänemark. In Deutschland wurde 2018 eine Konsumquote von 50,7 Prozent gemessen, in Österreich waren es 49,5 Prozent und in der Schweiz 52,0 Prozent. Unter den Visegrád-Staaten legte Tschechien mit knapp 47 Prozent die niedrigste und Polen mit 57,5 Prozent die höchste Konsumquote vor. Mehr als 60 Prozent am BIP erreichten die privaten Konsumausgaben derweil in Italien, Großbritannien und Griechenland, während auf dem Westbalkan im Reigen der potenziellen EU-Beitrittskandidaten Quoten zwischen 65 Prozent (Nord-Mazedonien) und 84 Prozent (Kosovo) ermittelt wurden.

Offenbar spielen die privaten Konsumausgaben an der Schöpfung des Nationaleinkommens mit steigender Wirtschaftskraft eine zunehmend untergeordnete Rolle. Trifft diese These zu, wirkt schon gar nicht mehr so erschreckend, dass die ungarische Konsumquote seit dem Krisenjahr 2008 um exakt fünf Prozentpunkte am BIP zurückfiel. In der Schweiz und Österreich stagnierte dieser Anteil, in Deutschland fiel die Quote um drei Prozentpunkte, ähnlich wie in Luxemburg. In den 28 EU-Mitgliedstaaten sank die Quote innerhalb des letzten Jahrzehnts von 55,1 auf 53,8 Prozent, im Euroraum von 54,1 auf 52,3 Prozent. Derweil bringt eine Analyse der Verwendungskomponenten des BIP zutage, dass die Konsumausgaben zwischen 2008 und 2018 in der EU-28 um annähernd neun Prozent zulegen konnten, ergo eine allgemeine Entwicklung stattfand, von der die Bürger in den Ländern der Gemeinschaft auch ein wenig profitieren durften.

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Den Spielraum der privaten Haushalte für ihr Konsumverhalten verdeutlicht ein Vergleich der Kaufkraftstandards, die innerhalb der Europäischen Union mit der Gemeinschaftswährung gleichgesetzt werden. Demnach beliefen sich die Konsumausgaben eines Luxemburgers im Jahre 2018 bereinigt auf 22.600 Euro und lagen ein gutes Drittel über der Pro-Kopf-Kaufkraft aller Bürger der EU-28, die von Eurostat mit 16.600 Euro beziffert wurde. Diesen Standardwert konnte übrigens auch Frankreich erreichen, während Ungarn, das kaufkraftbereinigt gleichauf mit Montenegro rangiert, mit seinen 10.300 Euro noch weit vom Mittel entfernt ist. Die Schweizer können derweil 24.300 Euro pro Kopf und Jahr ausgeben, die Österreicher und die Deutschen immerhin noch 19.500 versus 19.300 Euro. Im Wettstreit der Visegrád-Gruppe liegen die Tschechen einmal mehr vorne (13.200 Euro), gefolgt von den Slowaken (12.800 Euro) und den Polen (12.600 Euro).


Den Polen nachgeeifert

Eurostat hat mit einer realen Verkettung der Volumenindexe belegt, welche Konsumeinbußen die Bevölkerung in den europäischen Ländern im Zuge der Weltwirtschaftskrise hinnehmen musste. In den ersten fünf Jahren, also zwischen 2008 und 2013, zeigte sich eine negative jährliche Wachstumsrate, die im krisengeschüttelten Griechenland im Durchschnitt nahezu sechs Prozent erreichte. Demnach mussten die Griechen unter dem internationalen Rettungsschirm eines Drittels ihres Konsums entsagen. In Zypern war es binnen fünf Jahren ein Fünftel, in Spanien ein Siebtel, in Kroatien ein Achtel. Das 2008 ähnlich wie das bankrotte Griechenland angeschlagene Ungarn kam letztlich mit einem Zehntel Einbußen relativ glimpflich davon und fand sich in einer Gruppe der Krisenländer mit Portugal, Italien und Irland wieder.

Nur wenige Länder wie Norwegen und Schweden zeigten sich von der Krise unerschüttert, zu denen sich ein Deutschland gesellte, das von dem riesigen Binnenmarkt profitieren durfte. Europameister bei der Zunahme der Konsumausgaben der privaten Haushalte war freilich kein westeuropäisches Land, sondern das eingangs erwähnte Polen. Der über die Krise gerettete Privatverbrauch bescherte dem bevölkerungsreichsten Land Mittelosteuropas bis 2013 einen Modernisierungssprung, dem die Ungarn – nachdem sie ihre Staatsfinanzen saniert hatten – gerne nacheifern wollten.

Und genau das ist seit 2013 gelungen, denn die privaten Konsumausgaben konnten hierzulande im jährlichen Durchschnitt um 4,4 Prozent und somit über den Zeitraum von fünf, sechs Jahren hinweg um ein sattes Viertel hochgeschraubt werden. Weil die gleiche Zahlenreihe in Österreich seit 2013 stagnierte und auch in Deutschland nicht wirklich an Fahrt aufnehmen konnte, hat Ungarn seine Talfahrt gegenüber den großen Vorbildern im Westen beendet und mittlerweile immerhin 53 Prozent ihres Kaufkraftstandards erreicht.


Risiken für die Euphorie

Eine dynamische Entwicklung der Kaufkraft lässt sich auch an der ungarischen Einzelhandelsstatistik ablesen. Das Einzelhandelsvolumen nahm in den jüngsten Jahren regelmäßig um mehr als fünf Prozent zu und somit dynamischer, als die allgemeine Konjunktur. Im Nonfood-Segment gaben die Ungarn immer wieder zweistellig mehr aus, als im Basisjahr. Dezenter ging es da an den Tankstellen und erst recht im Lebensmittel-Einzelhandel zu, welche Segmente nur halbwegs von den praller gefüllten Portemonnaies profitieren konnten.

Wurde ein Umsatzvolumen des Einzelhandels von mehr als 1.000 Mrd. Forint in den vorigen Jahren aber erst im Weihnachtsgeschäft erreicht, meisterte der Einzelhandel diese Klippe im abgelaufenen Jahr bereits ab April beständig. Daraufhin setzte das Weihnachtsgeschäft 2019 mit einem Gesamtvolumen von rund 1.250 Mrd. Forint zu laufenden Preisen einen würdigen neuen Rekord. Dessen ungeachtet fiel das Wachstum des Einzelhandels 2019 mit sechs Prozent bereits moderater aus, als ein Jahr zuvor.

Im Finanzministerium merkte man dazu an, die Bürger hätten sich weitgehend mit den teureren Haushaltsgeräten eingedeckt, auf die man krisenbedingt lange hatte verzichten müssen, weshalb dieser Bedarf nunmehr zyklisch zurückfalle. Im Einklang mit dieser Einschätzung erwarten Analysten für 2020 ein Einzelhandelsplus von weniger als fünf Prozent und somit auch bescheidenere Impulse für das Wirtschaftswachstum. Die Konsumeuphorie trübt ein, dass die Unternehmen nicht länger zweistellige Lohnerhöhungen tragen wollen. Außerdem gehört Ungarn beim offiziell gemessenen Preisverfall mal wieder zu den Spitzenreitern in Europa. Da kommt es höchst ungelegen, dass der schwache Forint von einem Tief zum nächsten taumelt und damit Importgüter unnötig verteuert.


Durch gesunde Strukturen geprägt

Die MNB sieht natürlich auch die guten Seiten dieses Konsumverhaltens, das überhaupt nicht mit dem ungezügelten Konsumrausch bis 2006/07 zu vergleichen sei. Dass Ungarn beim offenen Ausbruch der Weltwirtschaftskrise „nackt“ dastand, hatte es neben vielen Fehlern der Wirtschaftspolitik auch dem Umstand zuzuschreiben, dass die Privathaushalte rund 90 Prozent ihrer Einkommen verkonsumierten und eine extrem niedrige Sparrate produzierten. Obendrein wurden nicht nur Wohnungskäufe, sondern immer häufiger das neue Familienauto und sogar Urlaubsreisen mit Fremdwährungskrediten finanziert. Als die Finanzkrise die Realwirtschaft zu Boden warf, gerieten viele dieser Haushalte in eine brutale Schuldenspirale.

Die aktuell wieder dynamischere Kreditaufnahme verfolgt die Notenbank verständlicherweise aufmerksam, sieht die Entwicklung aber noch immer entspannt. In 2019 verdreifachte sich der Saldo des Neukreditbestands gegenüber 2018 und näherte sich 1.000 Mrd. Forint an. Die Gesamtschulden der Privathaushalte wurden am Jahresende auf 7.100 Mrd. Forint beziffert und hatten sich im Jahresverlauf um ein Sechstel gemehrt. Zur gleichen Zeit nahm der Einlagenbestand nur um 650 Mrd. Forint zu, so dass die Sparrate wieder sank. Das geschah freilich zum ersten Mal seit Jahren – allein 2018 hatten die Haushalte ihre Rücklagen noch um netto 750 Mrd. Forint mehren können. Nicht nur das Volumen der Kreditaufnahme bleibt weit hinter den Auswüchsen aus der Vorkrisenzeit zurück, auch die Zinsbelastung stellt sich heute grundlegend anders dar. So verringerten sich die durchschnittlichen Belastungen von Wohnungskrediten im vergangenen Jahr erneut um nahezu 100 Basispunkte auf weniger als viereinhalb Prozent.

Zumindest auf Systemebene gibt auch das rasant steigende Vermögen an Staatsanleihen in Händen der Bevölkerung Anlass zur Entspannung. Diese steigerte ihren Bestand in 2019 um mehr als 2.250 Mrd. Forint und hält mittlerweile mehr als ein Viertel aller Staatsanleihen. Diese Geldanlage lohnt sich in Niedrigzinszeiten ganz bestimmt, verspricht doch die attraktivste Konstruktion MÁP+ über den Zeitraum von fünf Jahren einen Ertrag jenseits von 27 Prozent. Kein Wunder, dass die erst seit Jahresmitte erhältliche „Superanleihe“ schon bislang im Volumen von 3.200 Mrd. Forint gezeichnet wurde – bei einem Gesamtbestand von Staatsanleihen bei der Bevölkerung in Höhe von rund 9.000 Mrd. Forint.

Die MNB ist jedenfalls der Überzeugung, dass ein langfristiges und nachhaltiges Wohlstandswachstum neben einer gesunden Investitionsquote sehr wohl durch angemessen hohe inländische Sparrücklagen gewährleistet wird. Die Investitionsquote ist 2018 auf den historischen Spitzenwert von 25,5 Prozent geklettert, der Ungarn neben Tschechien und Schweden gleich noch an die Spitze der Europäischen Union führte. Gepaart mit einer gesunden Sparrate konnte die ungarische Wirtschaft auf Makroebene infolgedessen auf ein hierzulande vollkommen neuartiges Finanzierungsmodell umstellen. Der 2013 eingeschlagene Weg in die Wohlstandsgesellschaft ist somit durch gesunde Strukturen geprägt.

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