Der Regensburger Vortragsabend mit Prof. Dr. habil. Andrea Pető DSc (Central European University, Budapest) am 23. Januar 2020 lieferte den neuerlichen Beweis dafür, dass das Ungarische Institut der Universität Regensburg zur letztgenannten Gruppe von Veranstaltern wissenschaftlicher-kultureller Lesungen gehört.


Wissenschaft ungeachtet links- oder rechtsideologischer Stromlinien

Bereits Ankündigung dieses Ereignisses sorgte im Kreis der Studierenden der vom Institut angebotenen Zusatzausbildung „Hungaricum“ für Überraschung: „Was, Andrea Pető in diesem konservativen Institut?“. Nach einer weiteren Stimme im engeren Umfeld des Veranstalters, aber aus einer anderen ideologischen Grundrichtung, habe mit der Einladung der Budapester Wissenschaftlerin am Ungarischen Institut „ein neuer Wind“ zu wehen begonnen.

Diese Manifestationen hinter den Fassaden bezeugen nur, wie es einer Einrichtung ergehen kann, wenn sie Wissenschaft ungeachtet links- oder rechtsideologischer Stromlinien, also im altmodischen Sinn betreibt: Sie setzt sich dem Argwohn jener Kollegenschaft aus, die sich im Grunde von außerwissenschaftlichen Interessen leiten lässt, ohne wahrhaben zu wollen, dass dieser Unsitte nicht alle Beteiligte an der universitären und außeruniversitären Forschungs- und Lehrlandschaft folgen.

Der Vortrag „Genderforschung in Ungarn. Geschichte und Themenschwerpunkte“ erfüllte schließlich die Erwartungen, die er bei den Zuhörern auf unterschiedliche Weise geweckt hatte. Im Publikum saßen Gegner und Freunde der ungarischen Geschlechterstudien – sowie Personen, die aus kollegialer Solidarität um sie besorgt sind. Der Facebook-Blog der Referentin lässt sich nur über eine gegnerische Stellungnahme aus, obwohl die anderen beiden Arten der Rezeption in der Mehrheit waren.


Über weite Strecken gesittete Diskussion

Es entspann sich jedenfalls eine über weite Strecken gesittete Diskussion zwischen drei Auffassungen. Nach der einen sei das Fach keine Wissenschaft, sondern Vehikel des politischen Linksaktivismus. Aus der anderen Sicht handele es sich um ein Arbeitsfeld der Sozialgeschichte, das sich mit dem Ziel begründet habe, Ungerechtigkeiten gegenüber dem weiblichen Geschlecht objektiv zu ergründen und sachlich zu analysieren, um Reformvorschläge gesamtgesellschaftlicher Reichweite zu erarbeiten.

Der dritte Standpunkt warnt vor der Vereinfachung des Phänomens: Gender Studies sind in Ungarn kaum drei Jahrzehnte alt, und ihre Etablierung forderte sie zu einer Selbstdarstellung und Eigenpositionierung heraus, die sich naturgemäß auch in der außerwissenschaftlichen Szene abspielte. Doch der Faktor, der sie voranbrachte – ihr politischer Einsatz –, hinderte sie zugleich daran, zu einer Disziplin auszureifen, deren kompromisslose Wissenschaftlichkeit allenthalben als unbezweifelbar angesehen wird.

Die ungarische Genderforschung trug ihre Kinderschuhe in der späten Kádár-Zeit. Andrea Pető war schon damals ihre prägende Gestalt. Mit sechs Monografien, über 30 herausgegebenen Werken und weit mehr als 200 Artikeln, zahlreichen redaktionellen Mitwirkungen, Gastdozenturen, Interviews, öffentlichen Events und – nicht zuletzt – Lehrveranstaltungen als Professorin am Department of Gender Studies an der Central European University verkörpert sie im heutigen Ungarn wie kaum eine zweite Person die Idee von der Wissenschaftlichkeit der Frauenforschung.


Übergangslose Wechsel

Umso mehr fiel auf, dass sie in ihrem Regensburger Vortrag gleichsam übergangslos aus der wissenschaftlichen in die politische Begrifflichkeit (und zurück) wechselte, während sie die Gattungen ebenso miteinander vermischte: Mal referierte sie forschungsgeschichtlich – wie vom Veranstalter erbeten –, mal sprach sie so, als befände sie sich auf einer Kundgebung gegen die „illiberale“ Wende Ungarns unter Viktor Orbán, als würde sie die Keynote Speech auf einer Wahlkampfveranstaltung gegen die „politische Mobilisierung der Frau im konservativen Diskurs mit der Familie“ halten, die überdies den „Angriff auf Gender“ als „nationalistische, neukonservative Antwort“ der ungarischen Regierung entlarven will.

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Die Regensburger Kollegenschaft, die am Schicksal der Central European University ansonsten lebhaftes Interesse bekundet, blieb dem Vortrag der Gender-Forscherin geschlossen fern.

An unsägliche Stereotype zum Beispiel aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges erinnerte und für deutsche Ohren besonders irritierend klang die Bezeichnung „illiberaler oder polypore-Staat“, nämlich für das von „Fidesz-KDNP in der letzten Zeit“ ausgebaute System, in dem der gesunde Baum der Demokratie von Pilzen, von parasitären Feinden, von innen angegriffen und langsam zerfressen werde: es seien Schmarotzer, „Pilze, die am Baumstamm schmarotzen und nichts Anderes zustande bringen, als einen neuen Porling, sie verfügen über keine eigenständige Existenz. Aus dem Stamm des Baumes saugen sie heraus, was sie brauchen, und sorgen knallhart ausschließlich für die eigene Existenz“.


Doppeltes Rollenbild der Genderforschung

Andrea Pető stellte die „Hassrede“ als ein Mittel der Anti-Gender-Bewegung heraus. Schon ein Blick in die einschlägige Publizistik überzeugt den nüchternen Betrachter davon, dass dieser Vorwurf wohl auch in die Gegenrichtung erhoben wird. In der inzwischen auf beiden Seiten kämpferischen Rhetorik wird der Begriff Gender, der durch rechtskonservativen Gebrauch zu einem Schimpfwort verkommen ist, dem der Nation als ebenso schillernder Begriff entgegengesetzt. Und schon begibt sich die ungarische Genderforschung in den Mittelpunkt des politischen Geschehens, wo sie – wenig verwunderlich – als Gegenspielerin der Budapester Regierung auftritt und auch als solche wahrgenommen wird. Aus diesem doppelten Rollenbild ergeben sich wohl auch ihre aktuellen Konflikte im Hochschulwesen Ungarns.

Die auch international tonangebende Hauptströmung der ungarischen Genderforschung verwendet gleichzeitig zwei Sprachen – eine wissenschaftliche und eine politisch-ideologische. Folglich trägt sie zwei Identitäten – eine sozialwissenschaftliche und eine linksaktivistische/linkspopulistische –, die aber erst noch miteinander in Einklang gebracht werden müssten.

Sollte, so der nachdenkliche Zuhörer, das Fach weiter auf diese innere Harmonisierung hinarbeiten – oder sich lieber für eine der beiden Identitäten entscheiden und die andere abstreifen? Der in seinen beiden Gattungen gleichermaßen gedankenreiche Vortrag von Andrea Pető hinterließ noch weitere Kernfragen, die bei unvoreingenommener Betrachtung gewiss fruchtbringend abgewogen werden könnten.


Paradoxon der Genderforschung

Diese Aufgabe drängt einem beispielsweise ein ureigenes Paradoxon der Genderforschung auf: Wie wäre der Widerspruch aufzulösen, der sich auftut, wenn einerseits die – auch von Pető hervorgehobene – „individuelle Freiheit“ eben einer Frau oder von Angehörigen einer sozialen Minderheit gefordert, andererseits aber mit der verallgemeinerten Befindlichkeit einer Gemeinschaft wie jener der Frauen oder der Homosexuellen argumentiert wird? Und wenn somit nicht alle ihre Brücken zu einem Kollektiv abgebrochen sind, woraus erklärt sich dann die Abneigung der Genderforschung ausgerechnet gegenüber dem Begriff der Nation? Und wie wirkt sich diese Eigenschaft auf ihren Stellenwert in der Gesellschaft Ungarns aus?

Die Regensburger Kollegenschaft, die am Schicksal der Central European University ansonsten lebhaftes Interesse bekundet, blieb diesem Vortrag geschlossen fern. Auch dies ist ein beredtes Zeichen für grassierende Dialogunfähigkeit ausgerechnet von Kreisen, die das Hochschulwesen anderer Staaten gerne abschätzig beurteilen, während sie im eigenen Gefilde das Grundprinzip der universitären Autonomie für sich und botmäßige Mitstreiter vereinnahmen.


Dialog über Grenzen hinweg

Dabei betonte Andrea Pető zum Abschluss ihres Vortrags gerade die Notwendigkeit des Dialogs über vermeintliche oder tatsächliche Grenzen jedweder Natur hinweg. Sie mahnte Bündnisse für „eine demokratische Wissenschaft“ an und kündigte dazu eine „kritische Selbstprüfung der Genderwissenschaft“ an, um „mit neuen Verbündeten dem zunehmenden Hass und der Ausgrenzung den gesellschaftlichen Raum zu nehmen“.

So führte der Abend ungeplant und unverhofft Befindlichkeiten aus Budapest und aus Regensburg in einem Gefühl der Beklommenheit zusammen. Diese Unruhe könnte schöpferische Kräfte entfalten, wenn die Forderung der Referentin, „Unterschiede anzuerkennen und zu akzeptieren“, an beiden Orten für alle Seiten gelten würde.

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