Der vom Pastor der reformierten Kirche Zoltán Balog gehaltene Gottesdienst wurde von einer Delegation aus dem Erzbistum Köln unter der Leitung von Willi Klinkhammer besucht. Die Anwesenden erlebten einen sehr besinnlichen Gottesdienstes, der von den deutschen Gästen mit erhebenden Arien von J.S. Bach bereichert wurde.


Nichts anderes als die Liebe Gottes

Zoltán Balog verwies zu Beginn auf die herausragende Rolle von Gottesdiensten, die Menschen zusammenbringen könnten, „auch wenn sie sonst nichts miteinander zu tun haben“. Das sei es ein großer Segen für die Menschen: eine wahrhaftige Wohltat, die mit speziellen Riten und kirchlichen Vorschriften einhergehen würde. Balog verwies auf eine „Ordnung des Lebens“, auf einen „heiligen Ort und eine heilige Zeit“, die es den Menschen wie vor 2000 Jahren ermögliche, zusammenzukommen.

Heute seien neue Risse entstanden und alte Risse zwischen dem sogenannten Osten und dem Westen, zwischen den Deutschen und den Ungarn wieder sichtbar geworden. „Das sind Risse, die immer größer werden können, wenn nicht irgendjemand da ist, der darüber und darunter steht,“ betonte Balog eindringlich. Aus diesem Grunde wolle die deutschsprachige Evangelisch-Reformierte Gemeinde auch eine „Begegnungsgemeinde von Menschen unterschiedlicher Sprachen und Kulturen sein“, kündigte der Pastor an.

In diesem Zusammenhang wolle die deutschsprachige Evangelisch-Reformierte Gemeinde die Unterschiede nicht negieren, sondern „Zeugnis ablegen, wie stark der Glauben sein kann“, um Menschen, Ungarn, Deutsche, Schweizer, über alle Grenzen hinweg zusammenzubringen. „Die Differenzen werden nicht bedeutungslos, aber es gibt jemanden, der uns erhebt und uns sagt: Ihr gehört zusammen. Wir sind hier alle zusammen, weil wir zusammen gehören“, so Balog. „Weil unser Leben einen gemeinsamen Sinn hat. Was uns zusammenbringt, ist nichts anderes als die Liebe Gottes“, erläuterte Balog weiter.


Ein weiterer Schritt hin auf Europa

„Ich halte es für eine sehr große Ehre, die ungarische Staatsbürgerschaft zu erhalten“, betonte Willi Klinkhammer während der feierlichen Verleihung der Staatsbürgerschaft. Zunächst auf Ungarisch, dann nochmals auf Deutsch sagte er: „Irmgard Keun, eine Kölner Schriftstellerin aus dem 20. Jahrhundert, hat einmal erwähnt, dass das Zuhause der Ort ist, wo man gut behandelt wird. Die Menschen hier in Ungarn haben mich immer gut behandelt. Deshalb bin ich hier, voller Dankbarkeit.“ Dann wurde gemeinsam die ungarische Nationalhymne gesungen.

Auf die anschließende Frage der Budapester Zeitung, ob ihm Ungarn fehlen würde, meinte Klinkhammer, dass er tatsächlich sehr viel an Herzlichkeit von Menschen, die ihm in all den Jahren in Ungarn entgegengebracht worden sei, vermisse. Die ungarische Staatsbürgerschaft bedeute für ihn „ein weiterer Schritt auf Europa und die europäische Gemeinschaft hin“. „Wir Europäer haben ja die Möglichkeit, die doppelte Staatsangehörigkeit zu führen“, sagte er. Das sei eine große Chance. In den knapp 13 Jahren, die er in Ungarn lebte, habe Klinkhammer sehr viele Erfahrungen gesammelt und besonders die „Herzlichkeit und Grundanständigkeit der Menschen“ zu schätzen gelernt.

Nach Ungarn sei er gekommen, als er im Zuge der deutschen Bischofskonferenz gefragt wurde, ob er„die Budapester Stelle besetzen könne“. Man habe in seinem Lebenslauf gesehen, dass er Ungarisch gelernt habe. Darüber hinaus habe seine frühe Beziehung zu Ungarn auch private Zusammenhänge: „Meine Geigenlehrerin war Ungarin und dadurch habe ich ihre Familie schon damals als junger Mensch kennen gelernt“, erklärte er.


Auf der Suche nach einem tieferen Sinn

„Wenn ich so an meine Arbeit denke, bin ich sehr froh, wie positiv die Menschen reagiert haben“, so Klinkhammer. „Es gab ganz viele Bereiche, wo Leute dankbar waren, dass auch eine deutschsprachige Seelsorge in Ungarn stattfindet.“ Aber auch privat habe er „eine ganze Menge“ mitgenommen. In diesem Zusammenhang sprach er insbesondere von den ungarischen Tugenden der Rechtschaffenheit und Verlässlichkeit. „Das ist etwas, was ich in den letzten Jahren in Deutschland ein wenig vermisse“, sagte er lächelnd. Da könnten die Deutschen „noch ein Schippchen drauflegen“.

Auf die Frage nach der Vitalität des Christentums in Ungarn verwies Klinkhammer auf die Predigt von Zaltán Balog. „Es braucht einen Raum und eine Zeit, damit Menschen ganz unterschiedlicher Zusammenhänge zusammenkommen können.“ Hier könnten die Kirchen einen wichtigen Dienst leisten.

Die Aussage Viktor Orbáns, „dass für Europa das Christentum die letzte Hoffnung sei“, hält Klinkhammer für „zugespitzt“. Vielmehr schließe er sich diesbezüglich dem zweiten vatikanischen Konzil an, „dass alle Religionen ihre Wahrheiten haben, die sie pflegen sollten“. So solle man sich auch auf die „Gemeinsamkeiten der verschiedenen Religionen“ konzentrieren. „Ohne Religionsfrieden gibt es keinen Weltfrieden“, betonte Klinkhammer auf den Schweizer Theologen Hans Küng Bezug nehmend.

Ob man in Europa den engen Bezug zur christlich-europäischen Geistes- und Kulturgeschichte in der gesamten Kultur und Bildung wieder herstellen müsse? Klinkhammer sei sich nicht sicher, ob es darum gehen könne, „etwas wiederherzustellen“. Seiner Ansicht nach sei es viel wichtiger, „die Werte, die im Prinzip von allen Menschen geteilt werden, immer wieder neu darzulegen oder begreiflich zu machen, damit das Alte neu gesagt wieder verstanden wird.“

Christus sei für Klinkhammer derjenige, der seinem Leben einen tiefen Sinn, eine Richtung, eine Orientierung verleihe. „Das wird für andere Menschen Mohammed sein können, oder Buddha, oder eine andere Religionsgründergestalt“, führte er aus. Es könne sogar sein, dass Menschen einen Sinn „in sich selbst“ finden könnten. Und auch das sei schließlich eine Sinnfindung. „In mir selbst“, sagte Willi Klinkhammer abschließend „kann ich keinen Sinn entdecken, aber ich möchte den Sinn, den ich in Christus finde, gerne anderen anbieten.“


„Der Begegnungscharakter ist auch sein Verdienst.“

„Ich war sogar selbst ein bisschen gerührt“, bemerkte Zoltán Balog in Anschluss an den Gottesdienst. Genau das sei es, was die Begegnungsgemeinde unterstütze. Deshalb habe er in seiner Rede auf „diese Risse in Europa“ hingewiesen. „Ich wollte nicht politisch werden“, unterstrich Balog. „Ich wollte jedoch auf all das eingehen, was daneben, darunter und darüber ist: die Gemeinschaft, die selbstverständlich ist.“

Danach gefragt, wie es eigentlich zur Verleihung der ungarischen Staatsbürgerschaft an Klinkhammer gekommen sei, erklärte Balog, dass es zunächst der persönliche Wunsch von Herrn Klinkhammer selbst war. Es gebe ein Sonderverfahren, „dass diejenigen, die auf besondere Weise mit Ungarn verbunden sind, die Staatsbürgerschaft erhalten können – auch wenn sie über „keine Blutsverwandtschaft“ verfügten.

Willi Klinkhammer habe an der Pázmány-Universität promoviert, er habe Ungarisch gelernt, und „zehn Jahre lang den Begegnungscharakter der deutschsprachigen katholischen Gemeinde und damit auch unsere Gemeinde sehr stark geprägt“, so Balog. „Unser Begegnungscharakter ist praktisch also auch sein Verdienst.“ Die Beziehung zwischen Willi Klinkhammer und Ungarn, die ihn berechtige, die ungarische Staatsbürgerschaft zu erhalten, beruhe also auf einer „geistige Verbindung“.

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