Was haben Künstliche Intelligenz, Industrie 4.0, 5G und Wasserstoffwirtschaft gemeinsam? Die ungarische Wirtschaftspolitik möchte diese Felder bestellen, nicht um dem Flaggschiff Automobilindustrie das Wasser abzugraben, sondern um mit hierzulande entwickelter High-Tech stabilere Fundamente gesunder Volkswirtschaftsstrukturen anzulegen. Im Zeitalter des Klimawandels erscheint die (klassische) Automobilindustrie im Selbstverständnis mancher Mediengruppen bereits als totgeweiht. Diesem insbesondere in deutschen Landen weitverbreiteten industriepolitischen Selbstverstümmelungswahn kann Ungarn schon aus Kostengründen nicht folgen. Bemerkenswerter wirkt jedoch, dass die Ungarn ihrem großen Vorbild auch aus rationalen Überlegungen nicht folgen wollen.


Unsicherheit hat ein Ende

Der das Ministerium für Innovationen und Technologien (ITM) leitende Professor László Palkovics sorgte vergangene Woche für einiges Aufsehen, als er im Anschluss an Gespräche mit dem Bundesminister für Wirtschaft und Energie, Peter Altmaier, in Berlin erklärte: „Auf dem wichtigsten Gebiet der ungarisch-deutschen Industriekooperation, in der Automobilindustrie hat die für die jüngsten Jahre so charakteristische Unsicherheit nun ein Ende.“ Dementsprechend optimistisch schaue die Branche hierzulande in die Zukunft, die gestützt auf den deutschen Automobilsektor mit ihren Produktionszahlen im vergangenen Jahr großen Anteil daran hatte, dass die ungarische Wirtschaft wieder um fünf Prozent wachsen konnte.

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„Die deutsche Automobilindustrie hat mit Unterstützung der Bundesregierung jene Entscheidungen getroffen, mit denen die in der Vergangenheit im Zusammenhang mit der Dieseltechnologie geschürten Unsicherheiten ausgeräumt werden können. Es gibt nun eine eindeutige Orientierung, wie das Auto der Zukunft aussehen wird“, sagte der Minister. So wurden Grundsatzentscheidungen zu den Antriebsketten und dazu gefällt, welche alternativen Antriebstechniken neben dem Verbrennungsmotor zur Anwendung gelangen werden. Auch hinsichtlich der Entwicklung autonomer Fahrzeuge seien zahlreiche Fragen geklärt worden. „Dank dieser Weichenstellungen kann nunmehr die einfachere Aufgabe folgen, denn nun gilt es, die Ärmel hochzukrempeln und ranzuklotzen. Bekanntlich liegt das den Deutschen gleichermaßen wie den Ungarn“, meinte Palkovics.


Nationale Wasserstoffstrategie kommt

Wenig verwunderlich tauschten sich die Minister in Berlin auch über das Konzept Industrie 4.0 aus, denn gerade bei der Digitalisierung geht die Automobilindustrie voran. Für die Komplexität der Materie „Automotive“ spricht zudem die energiepolitische Komponente, wonach sich sowohl Deutschland als auch Ungarn für die Wasserstoffwirtschaft stark machen wollen. So komme Wasserstoff als Energieträger und Energiespeicher, als Kraftstoff oder als Komponente synthetischer Kraftstoffe in Betracht – konkret bis Oktober wollen die beiden Partnerländer ihre nationale Wasserstoffstrategie ausarbeiten, die anschließend in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe abgestimmt werden soll.

Im Zusammenhang mit der Energiespeicherung kam zugleich das Thema Batterien für Elektroautos auf den Tisch. Nicht von ungefähr, sind doch Deutschland und Ungarn jene europäischen Standorte, an denen die größten Kapazitäten auf diesem Gebiet geschaffen werden. Konzentrierte sich die bisherige Entwicklung jedoch auf eine möglichst hohe Effizienz der chemischen Komponenten, um Energiedichte und Leistung zu erhöhen, wollen die beteiligten Fachministerien beider Länder auf andere, weniger umweltbelastende Batterietypen umsteigen. Dazu sollen neuartige Technologien in Fertigung und Recycling gefördert werden.


Wenn Ungarn Amerikaner überzeugen

Während in Berlin die Brennstoffzelle als Batteriealternative bei der Elektromobilität zunehmend Akzeptanz gewinnt, haben die Ungarn soeben mit der Präsentation der weltweit ersten von einer Brennstoffzelle angetriebenen Drohne für Furore gesorgt. Obendrein handelt es sich nicht um irgendeine Drohne, sondern um einen helikopterartigen Flugtransporter für mehrere Personen – kurz gesagt um ein Flugtaxi. Beim Stichwort Kecskemét fällt den meisten Ungarnkennern heute an erster Stelle das Mercedes-Benz-Werk ein, das sich südlich der Puszta-Stadt angesiedelt hat. Von dort sind es nur wenige Kilometer bis nach Jakabszállás, wo die Genevation Aircraft Kft. seit 2014 moderne Leichtbauflugzeuge entwickelt. Mit dem Einsitzer-Modell GENPRO etwa zog Kunstflugweltmeister Péter Besenyei bereits so manche Schleifen am Himmel über der Puszta. Vor knapp zwei Jahren gewährte die Regierung der innovativen Firma 250 Mio. Forint an Zuwendungen für die Entwicklung eines neuen Prototyps und dessen Vorbereitung zur Serienfertigung. Das Geld schien bei einem marktorientierten Unternehmen, das mit Hochschulen und Forschungsinstituten kooperiert, ideal angelegt.

Offenbar hat die spezielle ungarische Hybridbauweise auch die Amerikaner überzeugen können: Das von ehemaligen Mitarbeitern der NASA und des US-Verteidigungsministeriums gegründete Startup Alaka'i Technologies holte die Ungarn für sein Flugtaxi Skai mit ins Boot. Seit dem Herbst ist Genevation Partner bei den Entwicklungsaufgaben für den europäischen Markt. Als die Amerikaner im vergangenen Sommer erstmals ihre Fühler nach Europa ausstreckten, war davon noch keine Rede. Da wurde der gemeinsam mit BMW Designworks konzipierte Entwurf betont. Alaka'i setzt beim Antrieb auf mit Wasserstoff betriebene Brennstoffzellen, mit denen die Elektromotoren eine Strecke von 600 Kilometern souverän bewältigen sollen. Im autonomen Flugbetrieb kann Skai fünf Passagiere aufnehmen; rein aus regulatorischen Gründen wird aber wohl noch eine Weile ein Pilot zur Sicherheit mit an Bord sein. Um mit Effizienz bei Kurzstreckenflügen punkten zu können, geht es darum, das Eigengewicht des Fluggeräts möglichst gering zu halten. Die angestrebten 450 Kilogramm werden am ehesten mit Komponenten aus Kohlefasern erreicht, als deren Spezialist Genevation ins Bild rückte.

Ein Sprecher von BMW erklärte zu dem Projekt gegenüber dem Donaukurier: „Urbane Flugmobilität ist ein hochspannendes und faszinierendes Thema. Als Premium-Anbieter von Lösungen für die Mobilität von morgen beobachtet die BMW Group im Bereich der Forschung auch dieses Themenfeld mit großer Aufmerksamkeit. Flugtaxis oder Drohnen dürften in den meisten Städten jedoch keinen nennenswerten Teil des Mobilitätsbedarfs abdecken. Eine Verlagerung der urbanen Mobilität in die Luft kann die heutigen Verkehrsprobleme nicht sinnvoll lösen.“ Die Zeitung erinnert daran, dass diese Meinung nicht von allen Experten geteilt wird. So sind Stadt und Region Ingolstadt mit Partnern aus Industrie und Forschung, unterstützt vom Freistaat Bayern, längst an die Entwicklung und Erforschung innovativer Mobilitätskonzepte für den Luftraum gegangen.


Drohnen über der ZalaZone

In Ungarn hat sich das Innovationsministerium für dieses Thema erwärmt, und zwar so sehr, dass Minister Palkovics bei der hiesigen Präsentation der besagten Drohne von einer „ungarisch-amerikanischen Kooperation“ sprach. Geflissentlich verschwieg er, dass die „weltweit erste mit einer Brennstoffzelle betriebene Verkehrsdrohne“ ein Verdienst der Amerikaner ist. Für den Minister war es ungleich wichtiger, die Betonung auf die Wasserstoffwirtschaft zu lenken, die ein „Grundpfeiler im Klimaschutz“ sei und in der neuen Energie- und Klimastrategie des Landes ein eigenes Kapitel erhalte. Grüne High-Tech aus Ungarn in der Luftfahrtindustrie, lautet ein Zukunftsszenario des Ministeriums für Innovationen und Technologien. Die eigentlich für autonome Straßenfahrzeuge ausgelegte Teststrecke ZalaZone in Zalaegerszeg bietet Palkovics nun auch als ideale Stätte für Interaktionstests von Drohnen an. Die Regierung steckt rund 150 Millionen Euro an öffentlichen Geldern in die Anlage, die zugleich auch als Versuchslabor für die 5G-Technologie eine wichtige Rolle spielt.

Gerade erst vor Jahresende ging das Innovationsministerium eine Kooperation mit dem steirischen Entwickler von Antriebssystemen, AVL, ein, um eine anständige Auslastung der ZalaZone zu erreichen. Schon die Philosophie der Österreicher muss der ungarischen Regierung sympathisch sein, denn AVL setzt bei Antriebssträngen auf alle Spielarten vom Verbrennungsmotor über den Elektromotor bis hin zur Brennstoffzelle – gemeinsam mit der TU Graz wird der wahrscheinlich innovativste Systemprüfstand für Brennstoffzellen in ganz Europa unterhalten. AVL hat ebenfalls dieser Tage mit dem ersten Wasserstoff-Elektro-Hybrid Österreichs für Schlagzeilen gesorgt, der bis 2023 Serienreife erlangen soll. In Ungarn beschäftigt das Unternehmen hauptsächlich in Forschung und Entwicklung rund 500 Mitarbeiter; neben dem bisherigen Standort Budapest ist nun ein neues Entwicklungszentrum in Zalaegerszeg geplant.


Daten vom Flaggschiff

All diese Entwicklungen bleiben natürlich auch den Akteuren der klassischen Automobilindustrie nicht verborgen. Audi, Mercedes, Opel, Bosch, Continental und viele andere Unternehmen aus dem deutschen Sprachraum haben diese Branche – neben den Asiaten – zum Flaggschiff der ungarischen Volkswirtschaft gemacht. Nach aggregierten Daten des Zentralamts für Statistik (KSH) für das Jahr 2018 sorgen rund 175.000 Mitarbeiter in der Automobilindustrie für eine Bruttowertschöpfung von 1.600 Mrd. Forint. Die ungefähr 700 Unternehmen der Branche investieren jährlich rund 2 Mrd. Euro, bauen 450.000 Autos und mehr als zwei Millionen Motoren. Ein Viertel der Industrieproduktion und ein Fünftel der Wertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes ist diesem Sektor zuzuschreiben. Der konzentriert sich enorm auf die vier Komitate Győr-Moson-Sopron, Vas, Komárom-Esztergom und Bács-Kiskun, die hinter 70 Prozent der branchenspezifischen Wertschöpfung stehen.

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Bei Audi in Győr werden Elektromotoren mittlerweile in Serie gefertigt. (Foto: Audi Hungária)


Laut KSH verdienten Vollzeitbeschäftigte in der Automobilindustrie 2018 im Schnitt brutto 410.000 Forint monatlich, mit einer Spanne von gut 500.000 Forint in der Hauptstadt bis unter 350.000 Forint im Nordosten des Landes. Das in der Produktion dominierende Komitat Győr-Moson-Sopron folgte mit 470.000 Forint auf Tuchfühlung zu Budapest, alle anderen starken Bastionen der Branche zahlten derweil um den Landesdurchschnitt. Aussagekräftiger ist jedoch, dass die Mitarbeiter von Mercedes-Benz in Kecskemét mindestens ein Drittel mehr verdienen, als den Arbeitnehmern im Komitat Bács-Kiskun allgemein gezahlt werden. Das Gleiche kann Audi in Győr von sich behaupten, mit dem Unterschied, dass im Nordwesten des Landes ein höheres Lohnniveau als im Landesosten Standard ist. Ein Job in der Automobilindustrie lohnt sich im Regionalvergleich außerdem ganz besonders in Veszprém und Nógrád. Im Nordosten Ungarns, wo Bosch als größter Arbeitgeber der Branche breit aufgestellt ist, rangiert das branchenspezifische Lohnniveau immer noch um mindestens ein Viertel über den üblichen Vergütungen.


Findige Ingenieure im Osten

Allein bei der Audi Hungaria in Győr sind knapp 13.000 Mitarbeiter beschäftigt, die im vergangenen Jahr wieder annähernd zwei Millionen Motoren und mehr als 160.000 Pkw bauten. Ein Novum stellten die 90.000 gefertigten Elektromotoren dar. Diese gelangen beispielsweise in den Audi Q3 mit Elektroantrieb zum Einbau. Beim Q3 handelt es sich um ein Modell, das mit einer Stückzahl von zuletzt 120.000 Einheiten auf den Sportwagen Audi TT und die A3 Limousine als „Massenmodell“ des Standorts folgt. Digitalisierung, Elektromobilität und Nachhaltigkeit sind auch für die 4.000 Mitarbeiter bei Mercedes-Benz in Kecskemét in den Vordergrund gerückt, wo für 1 Mrd. Euro ein neues Full-Flex-Werk in Planung ist, in dem 2.500 Mitarbeiter Kompaktmodelle mit unterschiedlichsten Antrieben fertigen werden. Das Unternehmen fährt sein ursprünglich auf 160.000 Einheiten ausgelegtes Automobilwerk seit Jahren am Limit: Zwischen den Produktionsjubiläen einer Viertelmillion und einer halben Million Fahrzeuge verstrichen anderthalb, bis zum Millionenjubiläum gerade mal zweieinhalb Jahre!

Ähnlich wie einst Győr und Kecskemét durchläuft nun die zweitgrößte ungarische Stadt Debrecen eine rasante Entwicklung: BMW hat die ersten Mitarbeiter für das auf 400 Hektar entstehende Werk eingestellt, wo in diesem Jahr bis zu 4.000 Bauarbeiter Hallen auf 460.000 Quadratmetern hochziehen werden. Auch dieses Automobilwerk wurde ursprünglich auf 1 Mrd. Euro veranschlagt, allein für den intensiven Ausbau der (Verkehrs-) Infrastruktur wendet der Staat umgerechnet rund 400 Mio. Euro auf. Die Pläne des dritten deutschen Premiumherstellers, der sich für eine Ansiedlung in Ungarn entschied, sehen die flexible Fertigung von Batteriefahrzeugen sowie von „klassischen“ Modellen mit Verbrennungsmotoren vor.

Die Automobilindustrie befindet sich in einem dramatischen Wandel, von dem der Standort Ungarn neuesten Studien zufolge sogar profitieren könnte. So gelangte die Beratungsfirma McKinsey zu der Schlussfolgerung, die großen westeuropäischen Automobilkonzerne könnten ihre Wettbewerbsfähigkeit gerade in Mittelosteuropa verbessern. Während jedoch andere Analysen gewöhnlich auf den Kostenvorteil in der osteuropäischen Serienfertigung von Automodellen mit geringerer Profitabilität verweisen, sprechen die Berater von den Herausforderungen auf dem Gebiet Forschung und Entwicklung (F+E). Die Nachfrage nach Software- Ingenieuren wird sich laut McKinsey in 15-20 Jahren mindestens verdoppeln, was den Druck auf die F+E-Abteilungen der Konzerne verstärkt, die bislang gewöhnlich am Stammsitz angesiedelt sind. Da sollte man aus der Not eine Tugend machen; schließlich ist Ungarn ja für seine findigen Ingenieure und Tüftler bekannt.

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