Was ist Ihnen in diesem Jahr besonders aufgefallen?

Eine Tendenz der Vorjahre hat sich weiter verstärkt. Man kam sich in dem Ort vor, wie auf einer Startup-Messe in Las Vegas. Nur mit Schnee. Vom Hotel Seehof, also praktisch vom Anfang von Davos, bis zum Ende, zum Hotel Davos, wurde jeder Laden von irgendwelchen Startups, Banken oder Firmen angemietet, die sich präsentieren wollten. Auch einzelne Länder nutzten die Möglichkeit. Besonders kann ich mich an das Russland-Haus erinnern, das zufällig direkt neben dem der Ukraine lag. Auch das Polen-Haus war auffällig.


Was fiel Ihnen äußerlich noch auf?

Das ganze Forum wurde von sehr vielen US-Amerikanern besucht. Sowohl mit Blick auf die Gäste als auch auf die Journalisten.


Möglicherweise ein Trump-Effekt!

Nein, das war voriges Jahr auch schon so, als der US-Präsident nicht dabei war. 3.000 Gäste sind generell einfach viel zu viel für diesen kleinen Ort. Für die Amerikaner ist Davos natürlich eine attraktive Sache. Die Kosten dafür können sie von den Steuern abziehen. Geld spielt bei den meisten von ihnen keine Rolle. Die fliegen einfach mal mit ihren Jets rüber. Allein auf dem Flughafen in Friedrichshafen habe ich etwa 65 US-Jets gezählt.


Kamen Sie in die Nähe von US-Präsident Donald Trump?

Nicht nur das, ich konnte ihn sogar begrüßen. Bei der Veranstaltung saß ich dann etwa fünf Meter neben ihm. Seine Rede habe ich direkt im Saal mitverfolgt. Es war übrigens keine Wahlkampfrede, wie man hinterher teilweise in der Presse lesen konnte. Trump hat vielmehr sein Land mit seinen Vorzügen vorgestellt und dafür geworben, in den USA zu investieren.


OBO Bettermann musste er nicht mehr überzeugen…

Gewiss nicht! Wir sind bereits mit einem neu errichteten Werk in Cleveland/Ohio in den USA vertreten. Die Wirtschaft in den USA hat Hochkonjunktur. Das können wir deutlich vor Ort spüren. In den USA wird einfach eine gute Industriepolitik gemacht.


Wird OBO Bettermann auch in Ungarn weiter investieren?

Das haben wir ganz fest vor! Wir planen, an unserem ungarischen Standort in Bugyi eine Großgalvanik mit vorgelagerter Fertigung mit einem Investitionsvolumen von 30 Millionen Euro zu errichten. Wir mussten dazu noch 100.000 m² Grundfläche kaufen. Im Vorfeld der Investition hat übrigens Außenwirtschaftsminister Péter Szijjártó einen super Job gemacht. Ende November war ich zusammen mit meinem ungarischen Geschäftsführer Lajos Hernádi bei ihm und habe ihm unser Vorhaben beschrieben. Ende Januar bekam Szijjártó bereits unsere konkreten Pläne. Daraufhin meinte er, Mitte des Jahres könnten wir mit dem Bau beginnen. Er und seine Kollegen haben sich unheimlich für unsere Investition eingesetzt.


War für diese Investition auch Ihr deutscher Standort eine Alternative?

Natürlich haben wir auch diese Option kurz untersucht. Schnell wurde dabei allerdings klar, dass allein der Planungsprozess drei Jahre dauern würde. Und am Ende würden wir noch nicht einmal sicher wissen, ob wir auch bauen dürfen. Deutschland verwaltet sich tot. Auch mit Blick auf die deutsche Konjunkturentwicklung wäre eine ganz andere Haltung logisch. In den nächsten Monaten wird es in der Industrie zu einer ganzen Reihe an Entlassungen kommen. Erst hat man die Stromgewinnung aus Kernenergie kaputt gemacht, jetzt macht man der Kohle den Garaus. Daneben ist man dabei, die Automobilindustrie zu zerstören…


Wie sieht es bezüglich der Stromversorgung in Ungarn aus?

Unsere neue Investition ist sehr energieintensiv. Wir werden speziell dafür eine 120kV-Luftleitung legen. Investitionsaufwand: 3 Millionen Euro. Aber das rechnet sich. Innerhalb von einem Jahr haben wir diese Investitionen aufgrund der attraktiven ungarischen Strompreise wieder rein. In unserem Werk im russischen Lipezk hätte es zwar noch günstigere Strompreise gegeben, aber mit Blick auf die bessere logistische Anbindung erhielt dann Bugyi den Zuschlag.


Ihr Werk im deutschen Menden hätte sicher auch mit Blick auf die dortigen Strompreise keine Chance gehabt, den Zuschlag für die Investition zu bekommen?

Nicht den Hauch einer Chance! In Deutschland haben wir durch die Energiewende inzwischen weltweit die höchsten Strompreise. Nicht weil die Herstellung so teuer ist – deren Preise sind ähnlich wie in Ungarn –, sondern weil der Strompreis durch Umlagen für erneuerbare Energiequellen drastisch verteuert wird.


Welche Rolle spielte die Klimaschutzpolitik in Davos?

Eine alles überragende. Einige Redner haben kaum noch von etwas anderem geredet. Beispielsweise die schweizerische Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, die kaum ein Wort zu den Vorzügen der Schweiz äußerte, sondern fast ausschließlich über den Klimaschutz redete. Ebenso die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und natürlich die Umweltaktivistin Greta Thunberg. Diesen ganzen Klima-Hype finde ich bedenklich. Das Klima ist ja nicht von gestern auf heute auf die Welt gefallen, das gibt es schon länger… Wir brauchen ein vernünftiges Gleichgewicht von wirtschaftlichem Wohlstand, sozialem Ausgleich und dem Schutz unserer Lebensgrundlagen. Wir müssen das Klimathema mit Augenmaß angehen und nicht mit der heißen Nadel, etwa indem Dieselfahrzeuge verteufelt werden – ausgerechnet in Deutschland, wo diese vorzügliche Antriebstechnik erfunden wurde und sich zu einem weltweiten Verkaufsschlager entwickelt hat. Wir sollten bedenken: Wenn wirtschaftliche Wertschöpfung vernichtet wird, dann ist es auch mit Wohlstand, Arbeitsplätzen und Sozialstaat schnell vorbei. Und überhaupt: Wenn ein politisches Ziel absolut gesetzt wird, dann wird es gefährlich, und totalitäres Herrschaftsdenken und Unfreiheit der Menschen sind nicht mehr weit entfernt.


Welche Themen mussten in Davos unter der Überbetonung der Klimadebatte leiden?

Etwa das ebenso wichtige Thema Frieden. Ich hätte es für sinnvoll gehalten, diesem Thema mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Immerhin kam es in der Rede der Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vor.



Welche Reden haben Ihnen noch gefallen?

Auf jeden Fall noch die des österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz. Sie war ausgewogen und passte einfach.


Hat sich Davos für Sie auch geschäftlich gelohnt?

So wie in jedem Jahr auch jetzt wieder. Mit australischen Vertretern konnte ich beispielsweise über mögliche Investitionen vor Ort sprechen. Das gleiche auch mit Vertretern aus Südamerika, wo wir ebenfalls aktiv sind, sowie mit dem albanischen Finanzminister, übrigens ein Jäger wie ich, was den Kontakt natürlich erleichterte.


Wird OBO etwa bald in Albanien investieren?

Das nicht, Albanien ist aber ein wichtiger Lieferstandort für uns.


Wie sehen Sie den Brexit?

Wir haben ein Werk in England. Wir müssen jetzt mal schauen, wie es mit dem Brexit weitergeht. Ich hoffe, dass es noch einen geregelten Brexit gibt. Aber das weiß man noch nicht. Derzeit steht ein ungeregelter im Raum.


OBO Bettermann ist weltweit in über 60 Ländern präsent. Das Produktspektrum umfasst 30.000 Artikel der Elektroinfrastruktur. Weltweit beschäftigt die Firma rund 4.200 Mitarbeiter, davon etwa 1.200 im Budapester Vorort Bugyi. Mit eigenen Werken ist OBO an acht Produktionsstandorten in Deutschland, Ungarn, Russland, Indien, Südafrika, den USA, Großbritannien sowie den Niederlanden aktiv. Das Unternehmen erwirtschaftet einen Jahresumsatz von mehr als 600 Millionen Euro.

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