Klára Rotschild behauptete selbst, dass sie „eigentlich direkt auf den Schneidertisch geboren wurde“. Tatsächlich wurde sie buchstäblich in die Branche hineingeboren: Beide Eltern arbeiteten als Schneider. Ihr Vater leitete einen Modesalon, der in den zwanziger Jahren einer der erfolgreichsten Budapests wurde, ihre Mutter half dort bis zu ihrer Scheidung im Jahr 1916 mit. Außerdem war es damals üblich, dass die Schneider den Salon an ihrem Wohnort unterhielten.


„Geniale Geschäftsfrau und kundige Modeexpertin“

„So hätte Klára tatsächlich in der Schneiderwerkstatt geboren werden können, aber Forschungen haben ergeben, dass das Geschäft und ihre Wohnung zwar nur einen Katzensprung voneinander, aber doch getrennt voneinander waren,“ erklärt die Modehistorikerin und Ausstellungskuratorin Ildikó Simonovics. Sie weist auch darauf hin, dass bis heute nicht geklärt sei, über welche manuellen Fertigkeiten die junge Klára Rotschild genau verfügt habe; man kann mutmaßen, dass sie – entgegen weit verbreiteter Legenden – das Schneiderhandwerk jedoch sehr früh erlernte.

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Die Modedesignerin kleidete auch sozialistische First Ladys ein.


Eines sei sicher: Der Schöpfer segnete sie mit großartigen Visionen und einem untrüglichen Geschäftssinn. „Sie war eine geniale Geschäftsfrau und eine Modeexpertin, die mit kundigem Auge abschätzen konnte, welche Pariser Modetrends auch etwa für die heimische Klientel sein konnten.“ Nach der Weltwirtschaftskrise hätten die führenden Pariser Modehäuser nicht von ihren eigenen Kunden überleben können, sodass sie ihre präsentierten Entwürfe an ausländische Schneider, die in die französische Modehauptstadt pilgerten, verkauften. „Diese nahmen sie dann in ihre Herkunftsländer mit, wo sie die Kleider für ihre heimischen Kunden anfertigten und auch anpassten“, erklärt Ildikó Simonovics, die auch die Autorin des kürzlich erschienenen Buches „Klára Rotschild – Die rote Modediktatorin“ ist. Die Modeschöpfer ließen sich auch von den Pariser Modenschauen inspirieren und kopierten einige Kreationen einfach.


Mode im Sozialismus

Die Buchautorin ist eine leidenschaftliche Klára Rotschild-Forscherin. Ihr Fachgebiet umfasst die Mode in den Nachkriegsjahrzehnten, worüber sie auch ihre Doktorarbeit geschrieben hat. Ein ganzes Kapitel widmete sie dabei Klára Rotschild. Innerhalb ihrer Forschung führte sie zahlreiche biografische Interviews mit damaligen Experten, Designern und Modells, darunter auch Magdolna Hellényi, die als Geschäftsführerin für Klára Rotschild arbeitete. Die Modehistorikerin organisierte bereits 2007 die Ausstellung „Schaufenster – Mode im Sozialismus“ sowie eine interdisziplinäre Konferenz zu diesem Thema.

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Außerdem verfasst sie ein Lehrbuch, das den Versuch unternahm, aufzuzeigen, dass die Modeliebhaberinnen damals nicht nur plumpe Ballon- und Lodenmänteln trugen, sondern auch wunderbare, maßgeschneiderte Kleider. Schließlich entwickelte sich damals sogar ein neuer Kreis von Designern, der an der Hochschule für Angewandte Kunst ausgebildet worden war und sich zum Ziel gesetzt hatte, „das Land neu anzukleiden“.


Auf selbstständigen Wegen

Durch einen Skandal wurde Klára Rotschild in den dreißiger Jahren berühmt und gewann in diesem Rahmen in einem Gerichtsprozess eine größere Entschädigungssumme. Dank dieser Finanzspritze konnte sie 1934 ihren eigenen Salon eröffnen, der aufgrund ihrer großen Geschäftstüchtigkeit und ihrer Fähigkeit, ein weitreichendes Beziehungsnetzwerk aufzubauen, schnell einen großen Erfolg hatte.

Unter anderem deshalb, weil ihre Kleider genauso aussahen wie diejenigen, die man in der Modehauptstadt Paris anpries. Mit Hilfe der Unterstützung durch ihre aristokratische Stammkundschaft, worunter sich auch die Schwiegermutter und Schwiegertochter von Reichsverweser Miklós Horthy befanden, konnte sie ihren Salon auch noch zu Zeiten offenhalten, als die antijüdischen Gesetze bereits in Kraft getreten waren.

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Klára Rotschild blieb auch in den schwersten Zeiten standhaft. Sie war regelmäßiger Gast im Büro von Raoul Wallenberg und verschaffte ihren Arbeitskollegen und Angehörigen schwedische Schutzpässe, sodass ihre ganze Familie überlebte. Einzig ihre große Liebe, der Handelsreisende Pál Glücksthal erlag am 24. Dezember 1944 unter widrigen Bedingungen und weit weg von ihr einer Lungenentzündung. Bereits im Sommer 1945 nahm sie ihre Arbeit wieder auf und eröffnete ihren Modesalon erneut, um die neuen aufstrebenden Eliten in feinste Stoffe einzukleiden.

„Die neuen Zeiten forderten auch von der Modebranche ihren Tribut. In Ungarn stellte sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg auf Konfektionsproduktion um. Salons, die maßgeschneiderte Kleider anfertigten, gab es aber auch noch. Inmitten der sozialistischen Mangelwirtschaft mussten sie sich nicht einmal Sorgen um die Nachfrage machen.“ Klára Rotschild konnte die sozialistischen Bedingungen sehr gut für ihre Zwecke nutzen. Ihr Modesalon schlug sich im „Wettkampf ohne Konkurrenten“ – wie es die Expertin nannte – hervorragend. Dabei verlief natürlich nicht immer alles glatt. Auch sie traf 1949 die Verstaatlichungswelle. Vorübergehend tauschte sie ihren Salon gegen einen Posten als Versicherungsangestellte ein, bis sie 1956 ihren „Salon für spezielle Damenbekleidung“ wieder eröffnen konnte.


Mit westlichen Augen

Die Genossen ließen sie nicht nur still gewähren, sondern rühmten sich auch ihres Talents. 1967 bewilligten sie dem amerikanischen Life-Magazin eine ausführliche Reportage über Klára und ihre Arbeit. In dieser schreibt der Autor: „In Osteuropa ist Klára Rotschild Christian Dior und Yves Saint-Laurent in einer Person. Sie kleidet die Gattinnen der Parteiführer ein. Und das nicht billig: ihre prunkvollen Kleider kosten 120 bis 400 Dollar, während der Durchschnittslohn bei 80 Dollar liegt und die Frauen normalerweise Konfektionskleidung für etwa 7 Dollar tragen.“ „Kláras Name stand in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre in Ungarn für Mode, Geschmack und Wohlstand“, merkt Ildikó Simonovics an. Natürlich ließ sich auch Mária Tamáska, die Frau von János Kádár, bei ihr einkleiden.

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Plagiat oder nicht

Real existierender Sozialismus hin, Kommunismus her; dank einflussreicher Beziehungen konnte Klára Rotschild ungehindert mehrmals im Jahr die Pariser Modenschauen besuchen. „Bei ihren Besuchen kaufte sie nur ein, zwei Modelle, aber mit ihrer jungen Mitarbeiterin, die sie eigens dafür mitnahm, hielt sie auch noch alle möglichen Entwürfe fest, die sie auf den Modenschauen gesehen hatten. In Ungarn fertigte sie auf dieser Grundlage, aber auch nach Entwürfen aus Modezeitungen, aber auch basierend auf eigenen Vorstellungen ihre Kleider an. Mehrmals verkaufte sie ihre Entwürfe auch nach Übersee für die serienmäßige Anfertigung in Konfektion,“ erzählt die Modehistorikerin.

Ob das in Paris nicht aufgefallen sei? „Natürlich, aber die paar tausend Kleider, die Klára verkaufte, beeinflussten den Riesenmarkt, den die USA oder Südamerika für die großen Pariser Modefirmen ausmachten, kaum.“

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Noch bis zum 30. April kann man sich im Nationalmuseum davon überzeugen, dass es auch im kommunistischen Ungarn Mode von Weltruf gab.



Den Esprit internationaler Modenschauen brachte Klára Rotschild auch nach Budapest mit. Mit ihren bekannten Mannequins, den ins Korsett gezwängten „Rotschild-Mädchen“, ließ sie vor ausgewähltem Publikum einen Hauch von Pariser Esprit aufleben. Die Modenschauen fanden in ihrem Salon, aber auch manchmal im Gundel, im Gellért oder in ihrer Wohnung am Petőfi tér statt.


Tragisches Ende

Klára Rotschild war verrückt nach Hunden, dem Kartenspielen und Pferderennen. Sie trug nichts anderes als ihre eigenen Kleider und ging täglich zum Friseur. Unangenehm war der Dame von Welt, als sie im Alter von 71 Jahren ihre gesamte obere Zahnreihe ersetzen lassen musste. Doch ihr Immunsystem nahm das Implantat nicht an, wodurch sie mit unmenschlichen Schmerzen zu kämpfen hatte und ihr Zahnfleisch zudem Krebsgeschwüren ausgesetzt war. Deswegen stürzte sie sich nach einer ihrer erfolgreichsten Modenschauen am 13. November 1976 aus dem Küchenfenster in den Innenhof ihres Hauses.

Die Ausstellung ist noch bis zum 30. April im Nationalmuseum zu besichtigen. Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage des Museums: mnm.hu

Rotschild oder Rothschild?

Klárás Vater Ábrahám schrieb seinen Namen noch mit th, so wie die renommierte Rothschild-Bankendynastie. Eine Anekdote besagt, dass der Autorennfahrer, Dramatiker, Drehbuchautor, Dichter, Filmproduzent und Winzer Philippe de Rothschild in Budapest einmal dem bekannten Salon einen Besuch abstattete und seine Namensverwandte fragte, von welchem Rothschild-Zweig sie wohl abstammen würde. Klára Rotschild soll darauf geantwortet haben: „Betrachten Sie mich einfach als Modekönigin.“

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