Was hat Ihre Stiftung bisher erreicht?

Die BVK ist ein aktiver und mittlerweile auch auf internationaler Ebene anerkannter Akteur der Wirtschaftsförderung in Budapest. Unsere seit mehr als 25 Jahren bestehende Organisation haben wir seit 2013 vollständig modernisiert. Heute liegt unser Fokus auf lebensfähigen, innovativen, neuen oder sich erneuernden Budapester kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU), Unternehmen, deren Eigentümer jünger als 40 Jahre oder weiblich sind, zukunftsträchtigen Branchen des 21. Jahrhunderts wie der grünen Wirtschaft, Gesundheitsindustrie, Digitalisierung sowie KMU, die Smart-City-Lösungen anbieten. In den vergangenen fünf Jahren erneuerten wir die Budapester Mikrokreditierung von Grund auf und starteten die innovative Unternehmensentwicklung. In beiden Bereichen erzielten wir internationale Erfolge – ein Ergebnis jahrelanger systematischer Arbeit. Heute können wir mit Stolz behaupten, dass wir in Ungarn und in der Region die kosteneffizienteste Organisation für die Unternehmensförderung sind. Hinsichtlich des Lohnniveaus liegen wir nicht über dem von Zentralamt für Statistik (KSH) festgestellten hauptstädtischen Branchendurchschnitt, unser Personalstand macht einen Bruchteil ähnlicher Organisationen etwa in Wien aus, unsere Ergebnisse finden trotzdem internationale Beachtung.


Kann sich die BVK in den europäischen Kreislauf einklinken?

Ja, 2017 erhielten wir in den Bereichen Geschäftsinnovation beziehungsweise Startups den Titel „EU Business Innovation Centre“, die höchste Zertifizierung der Europäischen Union in diesem Bereich. Damit sind wir momentan in Ungarn das einzige EU-zertifizierte Geschäftsinnovationszentrum. Zudem sind unsere Programme „Be Smart“ 2016, sowie „Startup Budapest“ 2018 die ungarischen Gewinner des Europäischen Unternehmensförderpreises. In der Kategorie Beste Stadtverwaltung erhielten wir wiederum 2018 für Budapest den von der Europäischen Kommission gegründeten „Startup Europa Award“. Gewürdigt wurde die Arbeit der BVK in Verbindung mit der Entwicklung von Unternehmenskompetenzen, der Weitergabe von internationalem Know-how sowie der Verbesserung der Kapitalbeschaffungsfähigkeit von Startups.

In der Budapester Zeitung möchte ich auf jeden Fall auch unsere deutschen Beziehungen hervorheben. Seit 2017 gibt es unser Programm der digitalen Partnerschaft Budapest-Düsseldorf, in dessen Rahmen bereits elf ungarische Startup-Delegationen Nordrhein-Westfalen besucht haben. Neun Mal konnten wir wiederum unsere deutschen Partner in Budapest willkommen heißen. Kürzlich schrieb die dortige Lokalpresse, dass es kein zweites Land gäbe, dass so intensiv in der Düsseldorfer Startup-Szene vertreten wäre wie Ungarn. Wir wurden auch auf mehreren internationalen Foren als Beispiel hingestellt für die Stadt-Diplomatie mit Blick auf die Innovationen des 21. Jahrhunderts.


Wie unterstützt die BVK Budapester Startups?

In den letzten fünf Jahren boten wir 175 Budapester Startups in 19 Städten beziehungsweise 12 Ländern Präsentationsmöglichkeiten für ihren internationalen Markteintritt. An unseren Wettbewerben beteiligten sich mittlerweile mehr als 400 am Markt etablierte oder zumindest über einen Prototyp verfügende Startups. Von Peking bis Dublin kommen Fachdelegationen zu uns, um unser Programm kennenzulernen.


Die BVK beschäftigt sich auch mit der Mikrokreditierung…

Diesbezüglich erhielten wir gerade in den vergangenen Tagen eine weitere Anerkennung: Dank unserer mehrjährigen Vorbereitung bewertete die Europäische Kommission unsere Mikrokreditierung als mit den EU-Normen konform. Innerhalb der EU gibt es nur knapp 40 Organisationen, deren Tätigkeit dieser strengen Norm entspricht. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, dass Ungarn mit Hilfe der BVK bald auch dem Programm „EaSI Progress Microfinance“ beitritt, dem bereits 21 EU-Mitgliedsstaaten angehören.


Wie groß ist die Kreditnachfrage?

Die BVK betreut allein im Bereich Mikrokreditierung als Mentor jährlich fast 100 Budapester Mikrounternehmen und berät mehr als 200 Firmen. Zudem nehmen jährlich mehr als 1.000 Personen an unseren Wortshops teil. Dabei liegt unser Fokus auf jenen Unternehmen, deren Eigentümer jünger als 40 Jahre oder weiblich sind. Meines Wissens nach gibt es in Europa nur bei uns spezielle Kredite für weibliche Unternehmerinnen.

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Junge Unternehmer bei der „Nacht der Startups 2019“.


Allgemein bekannt ist, dass es in Ungarn mehr Unternehmen – zumindest auf dem Papier – gibt, als nötig wären. Wie sieht es diesbezüglich in Budapest aus?

Mit steht es nicht zu, die ideale oder optimale Anzahl der Unternehmen in Ungarn zu beurteilen. Unbestritten ist Budapest eine der bevölkerungsreichsten Städte Europas. Dem Eurostat-Jahrbuch der Regionen 2019 zufolge belegte Budapest den 14. Platz und war die einzige osteuropäische Stadt unter den Top20. In Budapest sind mehr als 400.000 Unternehmen registriert, fast 200.000 davon sind aktiv, das heisst, sie haben Mitarbeiter oder zahlen irgendeine Form von Steuern. 2018 arbeiteten rund 112.000 Budapester als Einzelunternehmer. In den vergangenen Jahren nahmen mehr als 16.000 Personen an den BVK-Programmen teil.


Voraussichtlich wird der BIP-Anstieg 2019 mit rund fünf Prozent erneut herausragend gewesen sein. Welchen Anteil haben daran die hauptstädtischen Unternehmen?

An der Wirtschaftsentwicklung Ungarns haben die Budapester Unternehmen einen sehr hohen Anteil. Ohne die Budapester Unternehmen wäre das Wirtschaftswachstum über dem EU-Durchschnitt nicht vorstellbar. Gleichwohl müssen in Budapest völlig andere Methoden und Instrumente bei der Unternehmensförderung angewandt werden als in den anderen Landesteilen, in denen die KMU deutlich besseren Zugang zu EU-Förderungen haben. Wir möchten auch künftig solche Lösungen entwickeln, deswegen haben wir uns zahlreichen Brüsseler Programmen angeschlossen und wollen dies auch weiterhin tun.


Die BVK nimmt relativ häufig an Ausstellungen und Messen im Ausland teil. Macht dies in der heutigen Internet-Welt überhaupt noch Sinn?

Das Internet kann wohl kaum ein persönliches Treffen und Präsentation ersetzen. Gleichgültig wohin wir im Ausland reisen, unsere Startups kehren von überall her mit Aufträgen zurück. So stammen die Rollstuhl-Wegekarte Dublins ebenso wie die Erneuerung der App des E-Auto-Ladenetzes von Wien von ungarischen Startups. Voraussichtlich im I. Quartal 2020 eröffnen zahlreiche portugiesische Hotels mit einer ungarischen Smarthotel-App. Im vergangenen Jahr organisierten wir den ungarischen „Startup Europe Award“. Wir konnten in insgesamt 19 Kategorien – so etwa Gesundheitswesen, Finanzwesen, grüne Wirtschaft, Industrie 4.0, Smart-City und Bildung – Gewinner küren. Dadurch werden die Entwicklungen der ungarischen Startups noch bekannter. Auch hier gibt es eine frische deutsche Aktualität: für den 13. Februar hat der Oberbürgermeister von Düsseldorf, Thomas Geisel, in der Kategorie Industrie 4.0 zwei ungarische Gewinner zum Digital Demo Day in seine Stadt eingeladen. Auf diese Weise sind wir am Stand von Düsseldorf auf der größten Startup-Expo von NRW vertreten.


Holen Sie auch ausländische Startups nach Budapest?

Die BVK spielt eine wichtige Rolle als Plattform-Errichter, in der Koordinierung und Organisation des Ökosystems. 2019 wurde bereits zum fünften Mal die „Nacht der Startups“ veranstaltet, bei der sich Mitglieder des lokalen Ökosystems und ausländische Interessenten trafen, aber auch interessierte Budapester die aufregendsten Entwicklungen kennenlernen konnten. Im vergangenen Jahr kamen bereits Teilnehmer aus 14 Ländern, darunter natürlich auch aus Deutschland. Es wurden mehr als 1.200 Interessenten und 110 Aussteller registriert, darunter 80 Startups – 70 ungarische und 10 ausländische. Heutzutage ist unsere Sorge nicht mehr, dass Budapest auf die internationale Startup-Landkarte kommt, sondern dort bleibt.

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Paneldiskussion „From Budapest to the World“bei der „Nacht der Startups 2019“,bei der Düsseldorf der Ehrengast war.


Wo platziert sich Budapest auf dieser Startup-Landkarte?

Britische Analysten merkten im Januar des vergangenen Jahres an, dass Budapest die beste europäische Stadt für Startups unter 80 Städten in 30 Ländern ist. Einer Erhebung von Cities Today im März 2019 zufolge gehört Budapest zu einer der weltweit 100 innovativsten Städte – darunter sind 33 europäische Städte. 2018 war in Budapest unter den Regionen der EU der Anteil der Beschäftigten in der Spitzentechnologie und bei wissensintensiven Dienstleistungen mit 10,2 Prozent der zweithöchste, lediglich Oxford lag Eurostat zufolge vor Budapest.


Wie „smart“ ist Budapest?

Der Anteil der Personen mit einem mittleren oder Hochschulabschluss ist in Budapest im Vergleich zum europäischen Durchschnitt relativ hoch. Im vergangenen Jahrzehnt erstarkten der IT- und Telekommunikationssektor sowie wissenschaftliche Dienstleistungen. 30 Prozent der Budapester Unternehmen sind im wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungssektor tätig. Dem vor Weihnachten vom Zentralamt für Statistik (KSH) herausgegebenen Statistischen Jahrbuch Budapests zufolge erwirtschaftete Budapest 2017 73,2 Prozent des Umsatzes des gesamten ungarischen IKT- Sektors.


Was sieht es finanziell für die BVK aus?

Die Grundlage für die Arbeit der BVK bilden bis Ende März die im Budget der Hauptstadt im vergangenen Jahres festgelegten Mittel. Auch unsere gegenwärtigen Aufgaben hat die Hauptstadt in Verträgen vom vergangenen Jahr festgeschrieben. Ab April beginnt bei uns ein neues Geschäftsjahr. Wir vertrauen darauf, dass die neue Budapester Stadtführung unsere Arbeit wie bisher finanziell unterstützt.


Das leicht gekürzte Interview, das zuerst im ungarischen Wirtschaftsmagazin Figyelö erschien, führte Csaba Szajlai.

Konversation

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