„Ich bin seit 2001 DJ“, erzählt der geborene Ungar. Hört man seine samtig-weiche Stimme, möchte man fast meinen, Gesang oder Rap wären eher sein Metier, aber Kool Kasko ist DJ und Produzent aus Leidenschaft.


Aus Mittweida in die Urban Underground Szene

Alles begann während seiner Studienzeit in der sächsischen Kleinstadt Mittweida: „Klar, ich bin schon vorher Skateboard gefahren, habe HipHop gehört und war generell Teil der urbanen Underground-Szene in Ungarn, aber meine wirkliche Liebe zur Musik entdeckte ich erst, als ich zu studieren begann.“ Dies lag vor allem daran, dass in Deutschland die HipHop-Szene bereits zum Ende der 90er Jahre einen Boom erlebte, „und das Ganze in Deutschland einfach schon viel weiter war”.

Die erste musikalische deutsche Liebe von Kasko waren die Flatline Records, ein Underground-Label aus Deutschland. Durch ihre Mixtapes inspiriert schlossen sich er und ein paar Freunde zusammen, kauften erste Plattenspieler und Platten und begannen, sich selbst als DJs auszuprobieren. Nach dem Studium zog es Kasko für ein Jahr nach Köln, „da war natürlich alles noch viel stärker, lauter, größer in Sachen HipHop, ich war viel auf Konzerten, habe viel am Leben der Szene teilgenommen”.

Aber wirklich Fahrt nahm seine Karriere als DJ auf, als er wieder nach Ungarn zurückkehrte. „Ich hatte Freunde, die schon damals unter dem Namen Az Idő Urai (dt.: Die Herren der Zeit) aktive Musiker waren.“ Die Gruppierung gilt bis heute als einer der Wegbereiter des ungarischen Underground-HipHops. Ihnen präsentierte Kasko seine Mixtapes und gemeinsam mit ihnen gründete er schließlich auch sein eigenes Label namens Kriminal Beats.

„Wir wollten, was Berlin schon hatte, Mixtapes!“ Damals beschäftigte sich kaum ein großes Label mit HipHop und auch Az Idő Urai hatte eher wenig ernstzunehmende Angebote erhalten. Der Wunsch nach eigenen Releases, nach etwas Eigenem machte sich breit und so schloss er sich mit dem Kameramann und Grafiker Miki E57 zusammen. Seitdem hat sich das Tätigkeitsfeld von Kasko jedoch stark erweitert: „Ich arbeite mittlerweile nicht nur als DJ, sondern auch als Produzent, schreibe Texte für andere Künstler und eröffne demnächst eine DJ-Schule.“


„Scratchen lernen, ist wie ein Instrument lernen“

Eine DJ-Schule klingt im ersten Moment nach einem etwas gewagten Unterfangen, kann heute doch jeder mit der entsprechenden Software und seinem Laptop Songs mixen. Aber zum Einen geht es beim DJ-ing um viel mehr als nur Knöpfe drücken, zum Anderen ist HipHop auch heute noch die am weitesten verbreitete Subkultur unter Jugendlichen, „weil jeder den für sich passenden Stil darin finden kann“. Für Kasko ist HipHop noch untrennbar mit Beatboxing, Graffiti, MCs und Breakdance verbunden, „aber die Jugendlichen heutzutage sehen oft nur noch einen Teil der Kultur“.

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Die zweite künstlerische Leidenschaft von Krisztián Bognár gehört der Fotografie.


Wohl auch deswegen will der versierte Plattenjongleur sein Wissen an die nächste Generation weitergeben: „Heute kann sich fast jeder als DJ fühlen, oft fehlt aber das technische Wissen. Songs ineinander übergehen zu lassen, macht jede brauchbare Software heute automatisch, aber wenn man wirklich versteht, worum es beim DJ-ing geht, was das eigentliche Können dahinter ist, wird man nicht nur besser, sondern am Ende auch mehr gebucht.“

Dabei will Kasko seinen zukünftigen Schülern nicht nur beibringen, wie man elegant von einem Song zum nächsten alterniert, ohne dass dem Zuhörer der Gehörgang schmerzt, sondern auch wesentlich raffiniertere Techniken näherbringen: „Scratchen hat sich in Ungarn nie wirklich durchgesetzt, „vielleicht gerade deswegen, weil es technisch sehr anspruchsvoll ist“. Denn die im HipHop oft als musikalische Akzente eingesetzten Kratzgeräusche sind eine ganz eigene Kategorie, „die man ebenso erlernen muss wie ein Instrument“, weiß Kasko.

Dabei muss ein Scratch nicht einmal technisch sonderlich kompliziert sein, um „funky“ zu sein, wie er lachend erklärt. „Der Scratch muss eine gute Dynamik haben und sich gut im Ohr anfühlen.“ Natürlich gibt es Beispiele, in denen ein Plattenritter sein ganzes technisches Können in einem Scratch zur Schau stellen will, das ist aber eher weniger nach dem Geschmack von Kasko: „Ein Trick, den man akustisch kaum oder gar nicht mehr nachvollziehen kann, ist kein Genuss mehr fürs Ohr. Das ist ähnlich wie im Free Jazz, wo einfach zu viel an Informationen und Eindrücken dem Musikgenuss eher schadet.“ Als Produzent weiß er, ein Scratch kann den Song wundervoll ergänzen, aber es gibt mittlerweile auch sogenannte Turntablist Platten, die komplett durch DJ Techniken musikalisch wertvoll aufgebaut sind.


Was ist eigentlich ein Mixtape?

Im Gespräch fallen immer wieder die Begriffe Mixtape und Platten, aber was ist eigentlich der Unterschied? „Ein Mixtape ist eher etwas lose Zusammengeworfenes, ohne Konzept.“ Wie so vieles in Sachen HipHop kommt auch das Mixtape aus New York. „Damals gab es noch kein Spotify oder Youtube, DJs waren es, die neue Songs bekannt machten.“ Ein DJ mixte seine Lieblings- oder eben gerade neuen Tracks und nahm dies auf Kassetten auf. Diese wanderten dann von Hand zu Hand oder wurden aus den Kofferräumen heraus verkauft.

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„Wenn man wirklich versteht, worum es beim DJ-ing geht und was das eigentliche Können dahinter ist, dann wird man nicht nur besser, sondern am Ende auch mehr gebucht.“


Der Begriff Mixtape schwappte auch nach Europa über, aber bis dahin hatte sich der Inhalt des Mixtapes bereits stark verändert: „Mixtapes lösten sich irgendwann von DJs. 50Cent beispielsweise hat bevor er von einem großen Label gesigned wurde, fast wöchentlich Mixtapes veröffentlicht. Oft waren das mehr oder minder unausgegorene, halbgare Songs oder Raps auf fremde Beats.“

Platten, oder heute eher Alben, hingegen sind Gesamtkunstwerke, hinter denen Intention und oft gar Dramaturgie steckt; die Songs sind bis ins Detail komponiert und produziert, es wird nichts dem Zufall überlassen. Ganz anders verhält es sich bei der zweiten großen Leidenschaft von Kasko, der Fotografie. Dort ist der Zufall ein essentieller Bestandteil seiner Kunst.


Pfützen als Spiegel der Stadt

Eher zufällig kam der Musikconnaisseur zur Fotografie: „Ich hatte gerade ein Mixtape fertig und suchte nach einem Fotofilter.“ Und wie er so 2011 auf seinem iPod Touch durch den App-Store suchte, stieß er auf die damals noch fast vollkommen unbekannte Instagram-App. Lachend erinnert sich Kasko an diese Zeit: „Ich hab dann zwei, drei Musiker auf der Plattform ‚gefollowed‘ und einer meiner Lieblingskünstler, ein bekannter Rapper, der selbst fotografierte und diese Bilder auf der noch jungen Plattform teilte, inspirierte mich dazu, mich auch in diesem Bereich zu versuchen.“

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Was Kasko an dieser Art der urbanen Fotografie besonders gefällt, ist die Unmittelbarkeit: „Ich kann Fotos machen, editieren und sofort veröffentlichen. Das hat mir einen ganz neuen kreativen Raum eröffnet.“ Die Stadt als Leinwand, das ist es, was die Bilder von Kasko ausmacht. Wer durch seinen Instagram-Feed scrollt, der sieht ein immer wiederkehrendes Thema: Pfützen. Warum gerade dieses Sinnbild städtischer Imperfektion? „Weil sie zufällig sind und ich Reflexionen mag.“

Ganz so viel Zufall ist dann aber nicht mehr dabei, denn mittlerweile weiß Kasko, wo seine Lieblingsschlaglöcher sind, aus denen sich besonders schöne Bilder komponieren lassen. Was ihn an der Pfützenfotografie besonders fasziniert, ist, dass es keine „sauberen“ Spiegelungen gibt, sondern die Wirklichkeit, bei der selbst dem schönsten Motiv immer auch ein wenig der Dreck und das Raue einer Großstadt anhaftet. Aber selten kommt dies so poetisch daher, wie in den Bildern von Kasko. Den passenden Soundtrack liefert er mit Ultra K gleich dazu.

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