Ungarn ist nicht nur beim Wachstum Europameister. Doch während die Regierung die überragende Konjunkturzahl von fünf Prozent feiert, bieten die vier Prozent, wie sie im Dezember bei der Inflation gemessen wurden, keinen Anlass zum Jubeln. Erst recht nicht für den einfachen Bürger, dessen Warenkorb sich weitaus schneller leert, als die offizielle Statistik glauben machen will. Bekleidung und Heimelektronik gönnt man sich halt seltener, als Grundnahrungsmittel. Obendrein wird das Wohnen zur Miete für immer mehr Ungarn zur Existenzfrage.


Wenn die Preise explodieren

Das Zentralamt für Statistik (KSH) hat gleich zehn Warengruppen identifiziert, die sich im Jahresmittel 2019 zweistellig verteuerten. Absolut dominant sind in diesem Kreis Lebensmittel, aber auch beim Wohnen und beim „Genuss des Lebens“ stoßen die weniger gut betuchten Bürger schneller an ihre Grenzen. Im relativen Preisvergleich mit 2018 musste der Kauf von Schweinefleisch im vergangenen Jahr als Luxus anmuten, verteuerte es sich doch binnen Jahresfrist um ein Viertel! Ein Handicap für die gesündere Ernährung stellte dar, dass frisches Obst und Gemüse um ein gutes Sechstel teurer wurde. Wer sich mit den hierzulande überaus beliebten Wurstwaren, mit „kolbász“ und Speck vertrösten wollte, hatte immerhin ein Achtel mehr dafür auf den Tisch zu legen. Qualitätswaren wie Salami und Schinken zogen im Preis um ein gutes Zehntel an, doch selbst wer sich das Leben versüßen wollte, kam bei Zucker und Mehl auch nicht günstiger davon. Unter den „Genussmitteln“ waren Schmuck und Tabakwaren die erstrangigen Preistreiber; wegen der fortgesetzten Anpassung an Gemeinschaftsnormen der Europäischen Union werden zumindest die Raucher in diesem Jahr weiter steuerlich geschröpft.

Die Wohnungsmieten sollen sich laut KSH im Schnitt um 10,5 Prozent verteuert haben – wer zur Miete wohnt, wird am eigenen Geldbeutel erfahren haben, wie sehr Durchschnittswerte in Statistiken über Realitäten hinwegtäuschen können. Weil aber auch Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten von Wohnraum mit einem Zehntel mehr zu Buche schlugen, werden die Vermieter auch in diesem Jahr weiter an der Kostenschraube drehen. Im Übrigen ziehen die Mietpreise „ganz natürlich“ mit nach oben, indem sie den Horror der Preisexplosion bei Neubauwohnungen abbilden.

Als wäre das alles nicht genug, lassen sich die Marktakteure ihre Dienstleistungen anständig bezahlen, denn die dynamischen Lohnerhöhungen der jüngeren Vergangenheit haben eine zahlungskräftige Nachfrage generiert, wie sie Ungarn zuletzt um 2005/06 erlebte. Damit werden aber zunehmend mehr Bürger, die am Einkommensanstieg egal aus welchen Gründen nicht partizipieren, von Leistungen ausgeschlossen, die einst gewiss nicht als Luxus betrachtet werden mussten.


Rentner leiden besonders

Wenngleich die beispielsweise nach Bevölkerungsgruppen und Einkommensschichten aufgeschlüsselten KSH-Datenbanken noch in den Kinderschuhen stecken, verraten sie ungeachtet ihrer Unzulänglichkeit im Trend, wohin die Reise geht: Privathaushalte mit niedrigen Einkommen werden durch die Inflation weit überdurchschnittlich, Haushalte mit hohen Einkommen unterdurchschnittlich belastet. Die Differenz der spezifischen Inflationsrate dieser beiden Segmente der Gesellschaft erreichte wieder einen Prozentpunkt; zum ersten Mal seit 2011/12, als die Orbán-Regierung die Wirtschaftspolitik inmitten der Krise zu Lasten der schwächsten Gruppen umbaute.

Wie die Statistiker schon seit längerer Zeit nachweisen, leiden unter der Inflation allgemein besonders die Rentner. Der regierungskritisch eingestellte Gewerkschaftsbund MASZSZ spricht von „annähernd einer Million vor sich hin darbenden alten Menschen“, die mit weniger als einhunderttausend Forint im Monat auskommen müssen. Diese umgerechnet weniger als dreihundert Euro entsprechen auch unter ungarischen Verhältnissen einer Kaufkraft, die noch um ein Viertel unter der Kaufkraft in der einkommensschwächsten Kleinregion von Cigánd im nordöstlichen Dreiländereck Ungarns zur Slowakei und Ukraine rangiert. Staatliche Hilfsdienste versorgen offiziell annähernd zweihunderttausend alte Menschen mit warmem Essen; im Osten des Landes sind es vielerorten ein Viertel der Rentner, mitunter sogar die Hälfte. Laut KSH erreichte die durchschnittliche Altersrente 2019 übrigens 135.000 Forint.

Der besagte Gewerkschaftsbund fordert deshalb ein gerechteres Rentensystem, mit der Einführung einer Grundrente, der Ankopplung der jährlichen Rentenerhöhungen an Wirtschaftswachstum und Lohnerhöhungen sowie einer allgemeinen Korrektur, in deren Ergebnis die Rentenbezüge binnen fünf Jahren 70 Prozent des durchschnittlichen Lohnniveaus erreichen sollten. Wenig überraschend gefällt den Kritikern ganz und gar nicht die heutige Praxis, wonach die Regierung die erwartete Inflation bewusst zu niedrig ansetzt. Diese Fehlkalkulation geschehe absichtlich, glauben die Gewerkschafter, damit der Staat bei der gesetzlich vorgeschriebenen Korrektur am Jahresende in die Rolle des Gönners schlüpfen könne, der „Geschenke“ an die Rentner austeile. In Wirklichkeit aber würden die alten Menschen dem Staat einen Teil ihrer Bezüge über lange Monate ausleihen, während sie die Folgen der Inflation Tag für Tag ertragen müssen.


Szenario wiederholte sich nicht

Im Dezember erreichte der Auftrieb bei den Verbraucherpreisen vier Prozent – eine dermaßen heftige Teuerung hatte es seit sieben Jahren nicht mehr gegeben. Der oberste Währungshüter befasste sich derweil bei seinen letzten öffentlichen Auftritten mit den Wachstumsreserven der ungarischen Wirtschaft, der Wohnungspolitik und der Euroreform. Notenbankpräsident György Matolcsy kümmert sich weiter vordergründig um die Wettbewerbsfähigkeit und redet mehr über die Gemeinschaftswährung, als über den Forint – siehe dazu auch unseren Artikel auf Seite 20. Ganz zu schweigen vom Thema Inflation, das er lieber seinen Experten überlässt.

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Der fachliche Stab der Ungarischen Nationalbank (MNB) verwies in seiner Bewertung der aktuellen KSH-Daten auf den Umstand, dass die grundlegenden Teuerungsprozesse keinen steigenden Trend erkennen lassen. Während die vom KSH ausgewiesene Inflationsrate binnen eines einzigen Monats um 0,6 Prozentpunkte auf 4,0 Prozent in die Höhe schoss, korrigierte die Kerninflation bereits wieder leicht um 0,1 Prozentpunkte auf 3,9 Prozent. Die für die MNB relevantere, von den indirekten Steuereffekten befreite Kerninflation landete derweil bei 3,5 Prozent. Für die Preissteigerung am Jahresende waren in erster Linie die Kraftstoffpreise verantwortlich, die Ende 2018 massiv gefallen waren, was sich ein Jahr später nicht wiederholte. Tatsächlich lagen die Preise an den Tankstellen laut KSH im Dezember um 7,7 Prozent höher, als zwölf Monate zuvor. Somit avancierten die Kraftstoffe zum zweiten Preistreiber neben der Warengruppe „Tabakwaren und Spirituosen“ (+8,4 Prozent) und noch vor den Lebensmitteln (+5,9 Prozent).


Kein Zwang zu Interventionen

Die mittlere Jahresinflation wurde schließlich mit 3,4 Prozent berechnet. Damit befindet sich dieser Indikator ebenso wie die gefilterte Kerninflation, die 2019 exakt den gleichen Mittelwert erzielte, noch nicht wirklich am äußeren Rand des Toleranzbandes der Notenbank von zwei bis vier Prozent. Ein weiterer Aspekt, der die relativ gelassene Haltung von Seiten der MNB untermauert, ist die weitgehend austarierte Inflation von Produkten, die sensibel auf Veränderungen in der Nachfrage reagieren. (Für diesen Indikator ziehen die Experten noch den Effekt der weiterverarbeiteten Lebensmittel von der Rate der Kerninflation ab.) Die Preise für sensibler auf Kostensprünge reagierende Produkte wie Grundnahrungsmittel und Kraftstoffe hielten sich derweil auf einem hohen Niveau, ohne die allgemeine Inflation deshalb entscheidend anzuheizen. Unterm Strich ist die Inflationsrate im Jahresverlauf 2019 jedoch gleich dreimal an die kritische Obergrenze von vier Prozent angestoßen, wofür es seit 2012, dem Jahr der Minikrise, kein Beispiel gab.

Die MNB hatte zuletzt in ihrem Inflationsbericht vom Dezember 2019 festgehalten, dass die Verbraucherpreise bis einschließlich Januar 2020 vorübergehend steigen werden. Anschließend würde der Preisdruck aber schrittweise nachlassen und sich um das Niveau des langfristig angestrebten Inflationsziels von drei Prozent ansiedeln. Hinsichtlich ihrer ultralockeren Geldpolitik fühlt sich die MNB aber ganz offensichtlich nicht mehr so wohl in ihrer Haut, wie dies noch vor Monaten der Fall schien.

Am Jahresende sprachen die Experten der Notenbank erstmals von „symmetrischen Risiken“ bezüglich der im weiteren Verlauf erwarteten Inflation, nachdem der MNB-Stab lange Zeit an der These festgehalten hatte, die äußeren Faktoren würden insgesamt eher für einen schwindenden Preisdruck sorgen. Die durch dynamisch steigende Löhne untermauerte, starke Inlandsnachfrage und der schwache, nahe am historischen Rekordtief taumelnde Forint heizen diese wiederum an, während die Preisbremse der importierten Inflation auch nicht mehr so richtig wirkt. Gerade die für die MNB ausschlaggebende steuerbereinigte Kerninflation wird wohl am längsten auf dem hohen Niveau verharren. Die Analysten rechnen dennoch mit keinem Interventionszwang in der Folge einer in Schwung kommenden Inflationsspirale. Solange aber der Markt das Inflationsziel von drei Prozent als glaubwürdig empfindet, können sich die Währungshüter in der Tat zurücklehnen.

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