Die MNB hat eine neue Aufsichtsstrategie definiert. Wozu war das nötig?

Die Bewahrung der Stabilität des Finanzsystems ist unsere grundlegende Aufgabe. Deshalb hielt ich es für wichtig, dass wir eine Vision hinsichtlich der Finanzmärkte Ungarns und der diese beaufsichtigenden MNB haben. Wie soll der Finanzsektor nach unserer Meinung in sechs Jahren aussehen? Die Grundwerte der Aufsichtsstrategie für den Zeitraum 2020 bis 2025 bleiben wie gehabt Stabilität und Vertrauen. Wir müssen die stabile Kapitaldecke des Finanzsektors bewahren und weiter stärken. Das Wunschbild sind Marktakteure, die mit einem ständig verbesserten Service um die Gunst der Verbraucher buhlen, gesunde Geschäftszahlen vorweisen und sich entwickeln. Schließlich wollen die Bürger ihr Erspartes in sicheren Konstruktionen angelegt wissen, von der einfachen Geldeinlage und Versicherungsprodukten über Ansparmodelle für die Altersvorsorge und Gesundheitsleistungen bis hin zu Investmentfonds. Wir nehmen unsere Strategie und deren Aufgaben dermaßen ernst, dass die wichtigsten Punkte in den Aufzügen im Aufsichtsgebäude ausgehängt sind. So können neben unseren Mitarbeitern auch die Besucher von Seiten der beaufsichtigten Marktakteure sehen, welche gemeinsamen Zielstellungen wir verfolgen.


Apropos beaufsichtigte Marktakteure: Im vergangenen Jahr hagelte es nur so an Aufsichtsstrafen von zig Millionen Forint. Arbeiten denn die Banken und Versicherungen dermaßen regelwidrig?

Wir haben mit unseren gezielten Maßnahmen schon früher eindeutig deklariert, welche Art von Geldinstituten sich die MNB wünscht und welche Spielregeln diese einzuhalten haben. Wer diesen Anforderungen gerecht wird, gilt als zuverlässiger Marktakteur. Wer sich nicht daran hält, den nötigen wir mit immer drastischeren Zwangsmaßnahmen dazu, sich die durch die Rechtsnormen und die MNB repräsentierten Werte schrittweise anzueignen. Eine überwältigende Mehrheit der Banken und Versicherungen hierzulande agiert regelkonform und gleichzeitig profitabel. Es gibt aber auch immer wieder Akteure, die Aufsichtsstrafen gewissermaßen von vornherein einkalkulieren und ihren Profit über den korrekten Betrieb stellen. Damit ihre Rechnung nicht aufgeht, müssen die Sanktionen eine Dimension erreichen, die ihnen „wehtut“. Daneben tauchen immer neue Anbieter ohne irgendeine Genehmigung auf, die das Vertrauen in den Markt untergraben. Allein 2019 haben wir wieder 27 solche Akteure aus dem Verkehr gezogen. Diese wurden außer mit Geldbußen in Höhe von mehr als 60 Mio. Forint nicht selten auch mit Strafanzeigen von Seiten der MNB konfrontiert.


Derweil gibt es immer mehr sogenannte „verbraucherfreundliche Produkte“ am Markt…

Diese für die Kunden transparente Kategorisierung nahm ihren Anfang mit den Wohnkrediten. Seit Anfang Januar können sich nun auch Versicherungsgesellschaften um das Zertifikat „verbraucherfreundlicher Hausratversicherungen“ bemühen. Unter den ersten derartigen Versicherungsprodukten werden die Kunden ab dem Frühjahr wählen können. Wir erleichtern ihre Wahl mit einer vergleichenden Webseite. Die Marktakteure müssen entsprechende Produkte bei der Aufsicht anmelden – erst nach der Bewertung durch die MNB dürfen sie diese auch vertreiben. Natürlich befindet sich der Verbraucherschutz schon seit langem im Fokus. So legten wir beispielsweise 2016 unser Konzept „ethischer Lebensversicherungen“ nieder, woraufhin Unit-Linked-Versicherungen preiswerter und transparenter wurden.

Mit der Zertifizierung verbraucherfreundlicher Produkte wollen wir den lauen Wettbewerb intensivieren. Entscheiden sich die Kunden für diese Produkte, erhalten sie für das gleiche Geld bessere und berechenbare Dienstleistungen. Heute sind ungefähr 70-75 Prozent der Wohnungen am hiesigen Markt versichert. Das ist gar keine schlechte Quote, die aber weiter zunehmen kann, wenn sich die neuartigen Versicherungsprodukte ausbreiten.


Wie beliebt ist denn das Prädikat „verbraucherfreundlich“?

Die Popularität derartiger Wohnkredite zeigt das Vertrauen in die Schutzmarke: Bereits sechs von zehn neuen Wohnkrediten tragen das Prädikat „verbraucherfreundlich“. Ein positiver Effekt ihrer zunehmenden Verbreitung zeigt sich darin, dass die Kunden mittlerweile 99 Prozent aller Wohnkredite mit Festverzinsung aufnehmen.


In Verbindung mit der Digitalisierung werden gerne die positiven Effekte betont. Welche Rolle spielt die MNB als Finanzaufsicht in der digitalen Welt?

Was uns betrifft, untersuchen wir schon seit langem, auf welche Weise wir moderne digitale Methoden wie Big Data-Analysen, Künstliche Intelligenz oder neuartige Kontrollmechanismen in der Informatik in unsere Aufsichtspraxis integrieren können. Gleichzeitig stimulieren wir den Finanzsektor als Ganzes, kontinuierlich die neuesten digitalen Lösungen anzuwenden. In diesem Sinne schafft die MNB derzeit eine digitale Datenbank auf Basis der Blockchain-Technologie und ein System der Sofortzahlungen. Man muss einsehen, dass die Finanzmärkte zur digitalen Entwicklung gezwungen sind. Weil diese Dienstleistungen keine Grenzen kennen, müssen die angestammten Marktakteure jederzeit mit dem Auftauchen neuer Anbieter rechnen, die einfachere und vor allem preiswertere Leistungen offerieren werden.


Das geht freilich mit ungewünschten Nebenwirkungen einher. Wie steht die Aufsicht zu den sogenannten Kryptowährungen?

Bitcoin und anderes Kryptogeld wird in der Zukunft sehr wahrscheinlich den Begriff des Geldes neu definieren. Dennoch ist es wichtig zu betonen, dass Kryptowährungen heute noch in weiten Teilen der Europäischen Union und ebenso in Ungarn nicht als Geld angesehen werden. Das erklärt sich damit, dass der Emittent nicht eindeutig definiert werden kann und es keine institutionellen Garantien bei Rechtsverstößen gibt. Unter dem Stichwort Kryptowährungen versuchen immer wieder auch Verbrecherbanden, die Verbraucher in die Irre zu führen. So hatte Facebook das geplante virtuelle Zahlungsmittel Libra noch gar nicht eingeführt, als bereits ein „Vorverkauf“ im Internet begann. Die Verbraucher dürfen nicht auf solche Webseiten hereinfallen, die leider den Originalseiten der Finanzmarktakteure immer wieder sehr ähneln.


Besteht diese Bedrohung auch schon in Ungarn?

Wir haben vorläufig nur von einigen wenigen ausländischen Portalen Kenntnis, wobei nicht ausgeschlossen werden kann, dass diese Trickbetrüger demnächst auch in Ungarn aktiv werden. Das aber lenkt die Aufmerksamkeit auf das weitaus größere Problem: Kryptowährungen sind in ihrer heutigen Form außerordentlich gefährlich. Es gibt nämlich keine Institution hinter ihnen, die Transparenz und Fairness sicherstellt. Jeder sollte sich also genau überlegen, wo er sein Geld anlegt. Die Notenbank in ihrer Eigenschaft als Finanzaufsicht veröffentlicht eben deshalb tagesaktuell – und auch online – ein Register jener Akteure, die ihre Produkte in Ungarn legal vertreiben.

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Csaba Kandrács ist seit dem 2. Oktober 2019 Vizepräsident der MNB für die Beaufsichtigung der Finanzmarktakteure und den Verbraucherschutz.

Der Absolvent der Verwaltungsuniversität Budapest (2003), der Universität Pécs (2007) und der Szent-István-Universität Gödöllő (2014) war mehrere Jahre im Finanzministerium und später als Unterstaatssekretär im Wirtschaftsministerium tätig. Bevor er in den Aufsichtsrat beziehungsweise als externes Mitglied in den Währungsrat der MNB wechselte, war er Präsident des Ungarischen Schatzamtes. Vor seiner aktuellen Ernennung war er seit Juni 2016 bereits als Geschäftsführender Direktor der MNB für die Finanzmarktaufsicht und den Verbraucherschutz zuständig.


Das hier in Auszügen wiedergegebene Interview erschien zuerst im Wirtschaftsmagazin Figyelő.

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