Budapest, Januar 2017. Ein gemütlicher Abend der Gruppe „Deutsche Mütter Budapest“. Hier treffen sich die ehemalige Kommunikationsmanagerin Arabell Watzlawik, die jetzt als selbstständige Buchillustratorin tätig ist, und die ehemalige Personalleiterin Wentje Trautnitz zum ersten Mal. Beide gehören zu den Expats in Budapest. Beide sind Mütter, die mit ihren Männern erst kürzlich nach Ungarn gekommen sind. In ihrem Gespräch stellen sie fest, dass sie gemeinsame Interessen haben und sich vor allem auch während ihrer Elternzeit weiterhin einen fachlichen Austausch wünschen. Sie wollen nicht nur die „Frau von…“ sein, sondern selbst auch weiterhin etwas aus ihrem Leben machen. Mit dem zweiten Kind wollen beide nicht einfach wieder in die kleine, abgeschottete Welt von Haushalt und Kind zurückkehren. Dieses Bedürfnis nach einem Anschluss an die Arbeits- und Sozialwelt teilen sie mit vielen jungen Müttern, insbesondere

auch unter den Expats.


Spielplatz der Fachkräfte

Während die Männer durch ihre Arbeit oft viel unterwegs sind, bleibt den Frauen Haushalt und Kinderversorgung. Dabei sind die meisten Expatfrauen ebenfalls ausgebildete Fachkräfte, die vor der Kindergeburt über eine eigene berufliche Karriere verfügten. Mit der Geburt eines Kindes beginnt ein fundamental neuer Lebensabschnitt, der auch heute noch insbesondere für die meisten Frauen der einschneidendste Moment des Lebens ist. Eltern zu werden bedeutet oft, dass sich Weltanschauung und Lebensrhythmus grundlegend verändern. Die spezifische Situation der Expatfrauen verstärkt hierbei sogar noch die Herausforderungen dieser Zeit. Sie landen nämlich zudem in einem Umfeld, wo sie weder unterstützende Familie noch verständnisvolle Freunde haben, wo es zudem schwierig ist, aufgrund der neuen, vielleicht komplizierten, Landessprache Kontakte aufzubauen. Zudem haben die Frauen auch keinen Arbeitsplatz, der ihnen zu neuen Kontakten verhelfen könnte. So befinden sie sich in einer isolierten Situation.

Nachdem sich Arabell und Wentje 2017 kennenlernten, verbringen sie gemeinsam viel Zeit auf den Spielplätzen in der Budapester Innenstadt. Dabei staunen sie, wieviele Ingenieurinnen, Doktorinnen, Personalleiterinnen, Anwältinnen und andere Fachkräfte dort zu finden sind. Diese Frauen sind aufgrund ihres Mutterseins und auch aufgrund des Auslandsaufenthalts einfach vom Arbeitsmarkt verschwunden. Natürlich erfordert Kindererziehung viel Zeit und ist zugleich eine ungeheuer bereichernde Periode im Leben eines Menschen. Auf der anderen Seite vermissen diese Frauen aber, so Arabell, einen Teil ihres Selbst, wenn sie jahrelang nur noch mit den Kindern beschäftigt sind. Ihre Identität wird so plötzlich auf die Kindererziehung und das Eheleben reduziert. „Plötzlich ist man nur noch die „Frau von…“. Die „Frau von“ zu sein, das gab es vor dreißig Jahren oder so. Heute identifizieren sich Frauen doch auch mit ihrer Karriere. Wir erleben viele Frauen, die extrem mit sich im Zweifel sind: Wer bin ich? Was kann ich und wie kann ich mich organisieren? Das sind meist die zentralen Fragen.“


Fit bleiben für die Arbeitswelt

Außerdem ist ein beruflicher Wiedereinstieg oft schwer, denn die Frauen sind nicht mehr auf dem Laufenden über die neuesten Entwicklungen. Auf der anderen Seite gibt es aber viele Unternehmen, die händeringend nach eben diesem Fachpersonal suchen. Um dieses Potenzial, das sich ungenutzt auch auf den Budapester Spielplätzen tummelt, zu aktivieren, gründeten Arabell und Wentje 2017 die Wohnzimmer-Uni. Sie will Eltern mit Babys und Kleinkindern die Möglichkeit bieten, sich auf ihre weitere berufliche Entwicklung vorzubereiten.

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Lernen im gemeinsamen Wohnzimmer: „Man spricht normalerweise immer darüber,wie schwierig es ist, die Kinder in den Berufsalltag zu integrieren. Solange man aberdas Elterndasein und den Beruf als etwas Gegensätzliches betrachtet, macht man ein Umdenken nicht leichter,“ so Living Room Lecture Referent Oliver Beyer.


„Wir wollen Mütter auf die Veränderungen der Arbeitswelt vorbereiten. Das erleichtert ihnen den Wiedereinstieg, denn dann haben sie ein besseres Standing. Für viele ist es schwer, wieder in die Arbeitswelt zurückzukehren, weil sie für viele Personalleiter leider mit einem unvorteilhaften Stempel versehen sind.“ Das Projekt will in jedem Fall eine Brücke zwischen der Arbeitswelt und dem Fachwissen auf der einen Seite und dem Elternsein auf der anderen Seite bauen. Dafür organisieren sie nun monatlich Fachvorträge und Diskussionen rund um aktuelle Themen der Arbeitswelt und neue, digitale Arbeitsmodelle – unter Berücksichtigung der mit Baby- und Kleinkindbetreuung verbundenen Alltagsanforderungen.

Die Referenten sind Experten auf ihrem Gebiet und kommen aus der Community, aus dem Expatnetzwerk und mittlerweile auch von Extern auf pro bono Basis. „Wir haben überlegt, welche interessanten Frauen wir kennen. Es war erstaunlich, wieviel Potenzial und was für eine Vielfalt zusammengekommen ist“, berichtet Wentje. Die erste Präsentation hielt beispielsweise eine erfolgreiche Autorin, die über Selbstorganisation, über Ideenfindung und den Verkauf ihrer Buchideen referierte. Die nächste Lecture drehte sich um Business Storytelling. Wentje und Arabell sehen ihre Steckenpferde in Themen wie Digitalisierung, innovativen Arbeitsmodellen oder essential skills und leadership. Übrigens sei das Ganze nicht per se ein Frauenclub. Natürlich werden auch gerne Väter aufgenommen und es gibt auch männliche Referenten. Doch die Zahl der Väter in Elternzeit ist noch immer klein, denn „Väter, die es wagen, tatsächlich für mehr als zwei Monate in Elternzeit zu gehen, haben wahrscheinlich einen noch größeren Negativ-Stempel in Führungsebenen und Personalabteilungen.“

Die Teilnehmerinnen kamen zunächst aus der Expat-Community, doch mittlerweile erreicht die Veranstaltung auch ungarische Mütter. Aufgrund der Internationalität finden alle Veranstaltungen auf Englisch statt. Insgesamt geht es um ein Empowerment auf mehreren Ebenen. Man trifft andere Eltern mit einem ähnlichen Mindset und kann ein neues Netzwerk aufbauen. Man ist nicht mehr allein.


Empowerment der Eltern – Kinder stören nicht

Das Besondere an der Wohnzimmer-Uni ist, dass der Nachwuchs ebenfalls willkommen ist. „Wir wollen einen geschützten Raum schaffen. Das Wohnzimmer soll ein sicherer Raum für Mütter, gerne auch Väter und vor allem für die Kinder sein, wo es Spiel- und Wickelmöglichkeiten gibt und herumliegende Kindersachen nicht stören.“ Die ersten Lectures fanden in privaten Wohnzimmern statt, nun werden die Seminare aber auch im Marriott Hotel Budapest organisiert, das das Projekt unterstützt. Hierfür wird eigens ein eigentlich recht kühler Konferenzraum in ein gemütliches Wohnzimmer umgestaltet.

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„Wir wollen den Müttern zeigen, dass sie nicht allein sind. Innerhalb eines Netzwerks können sich die Teilnehmer gegenseitig stärken.“


Die letzte Vorlesung 2019 von Coach und Trainer Oliver Beyer drehte sich um die Überwindung des inneren Kritikers und die Stärkung des eigenen Selbstvertrauens. Der Living Room-Referent Beyer meint, dass der Ansatz der Wohnzimmer-Uni überaus produktiv ist: „Man spricht normalerweise immer darüber, wie schwierig es ist, die Kinder in den Berufsalltag zu integrieren. Solange man aber das Elterndasein und den Beruf als etwas Gegensätzliches betrachtet, macht man ein Umdenken nicht leichter.“

In der Tat läuft das Seminar sehr gut ab. Dabei stört es niemanden, dass die Kinder durch die Gegend krabbeln und bereits die Grundentspannung der Mütter, die sich hier nicht schuldig fühlen müssen, dass ihr Kind vielleicht stören könnte, trägt wahrscheinlich zur gelösten Atmosphäre bei, die sich wiederum auch beruhigend auf die Kinder auszuwirken scheint. Zusätzlich gibt es auch eine freiwillige Betreuerin, die bei Bedarf mit den Kindern spielt. Hin und wieder wechseln die Mütter aufgrund des Nachwuchses den Platz oder das Kind wird nebenbei im selben Raum gewickelt. Für Kinderlose mag das nach einem Alptraum klingen, tatsächlich ist die Atmosphäre jedoch konzentriert und produktiv. Es zeigt sich, wie gut die Präsenz der Kinder im Einklang mit der Lernlandschaft steht. Dabei ist auch das nicht frontale Format, das sowohl Gruppendiskussionen als auch Phasen von Kleingruppenarbeit umfasst, äußerst förderlich.


Zukunftsperspektiven für das neue Jahr

Die Wohnzimmer-Uni erfreut sich seit ihrer Gründung 2017 eines stetig wachsenden Zuspruchs und auch das Team wird sich dieses Jahr voraussichtlich vergrößern. Arabell und Wentje arbeiten derzeit am Schritt in die Digitalität, den sie gemeinsam mit Pilotfirmen unternehmen wollen. Sie haben die Wohnzimmer-Uni bewusst Offline angefangen, um einen Probierraum und einen Nährboden zu schaffen und erst einmal ein Netzwerk aufzubauen.

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Visualisierungen aus einem Workshop von Trainer und Coach Oliver Beyer zum Thema „Trust yourself “– how to overcome the inner critic“.


Nun soll eine digitale Lernlandschaft an das lokale Netzwerk gekoppelt werden, damit das Modell auch in andere Städte übertragen werden kann und diese Orte translokal vernetzt. Dies ermöglicht einen fachlichen Austausch jenseits der eigenen Stadt. Hierfür streben die Organisatorinnen die Zusammenarbeit mit Expats entsendenden Unternehmen an. Oft verfügten diese über Weiterbildungspakete für die Lebenspartner, die durch die Wohnzimmer-Uni optimal ergänzt werden würden. „Das Besondere ist hier, dass ich nicht alleine vorm Computer sitze, wie das bei den üblichen Weiterbildungen der Fall ist. Das ist oft schwer, insbesondere wenn man von Kindergeschrei umgeben ist und wenig Ruhephasen hat,“ so Wentje. „Da fällt die Motivation schwer. Aber wenn jemand da ist, mit dem man vor Ort oder per Computer reden kann, dann motiviert das und unterstützt das Lernen. Zu zweit ist man stärker.“ Das Pilotprojekt soll auch untersuchen, welche Themen für die Firmen relevant sind, damit auch diese durch das Projekt gestärkt werden können.

Ins neue Jahr startet die Wohnzimmer-Uni mit fünf Themenblöcken, für die man sich bis Ende Januar auch noch als Referent melden kann. Dies umfasst Themen wie Innovation, Technik und IT im Alltag, vernetzte Zusammenarbeit oder eine Toolbox für kreative Techniken. Zudem feilen die beiden Projektleiterinnen daran, die Seminare noch besser zu strukturieren. Konkrete Anwendungsteile sollen noch mehr Nutzen bringen. Außerdem ist die Vergabe von Zertifikaten am Ende der Lernblöcke geplant. Neben dem Marriott Budapest unterstützen inzwischen auch die Deutsche Botschaft Budapest und der Impact Hub das innovative Projekt.


Mehr Informationen finden Sie unter https://thelivingroomlectures.com/.

Aufgrund einer begrenzten Teilnehmerzahl ist eine Voranmeldung per Email erforderlich.

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