Wir treffen Julianna, die von allen nur Juli genannt wird, in einem Box-Club. Der Treffpunkt erscheint seltsam, doch Juli erklärt, warum sie hier ist: „Ich arbeite mit meiner Trainerin gerade daran, herauszufinden, welche Trainingsintensität- und Art mir am besten dabei hilft, mich auf eine Partie vorzubereiten.” Juli spricht aus Erfahrung, spielt sie doch bereits seit ihrem fünften Lebensjahr Schach.


Geschwisterliche Bande

Juli und ihre Zwillingsschwester Zsuzsanna begannen beide kurz vor ihrem fünften Geburtstag mit dem Schachspiel: „Unser älterer Bruder spielte viel und wir haben ihn in zahllosen Dingen kopiert, so eben auch darin.“ Schnell stellte sich heraus, dass die Schwestern talentiert sind. „Zuerst war es natürlich wirklich nicht mehr, als dass wir nur Figuren auf dem Brett hin- und hergeschoben haben. Aber unser Vater und auch unser Bruder begannen, uns systematisch zu unterrichten.“ So erhielten die Schwestern noch im Kindergartenalter erste Aufgaben, die ihr Vater kapitelweise aus einem Schachbuch entnahm: „Unser Vater war kein großer Schachspieler, doch er sah unser Interesse daran und wollte uns unterstützen. Aber wir hatten auch Glück, denn in unserer Gemeinde lebte ein Lehrer, der neben Mathematik eben auch Schach unterrichtete.“

Der Unterricht zahlte sich schnell aus, bereits mit sechs Jahren nahmen die Schwestern am ersten nationalen Turnier teil. Nur ein Jahr darauf gewann Zsuzsanna ihren ersten nationalen Wettkampf.

Ab dann nahm das Brettspiel einen prominenten Platz im Leben der Schwestern ein. Tägliches Training gehörte dazu. Selbst während der Sommerferien hieß es acht Stunden trainieren, erst danach durften sie sich ihren Freunden beim Spielen anschließen. Doch Julianna und Zsuzsanna scheinen dies nicht zu bereuen, denn bis heute sind beide aktive Spielerinnen – und trainieren inzwischen sogar den Nachwuchs.

Etwa in der 7. Klasse ließ die Begeisterung jedoch nach: „Wir waren finanziell in einer schwierigen Lage. Die Nationalmeisterschaften waren in der nächstgelegenen Stadt, so konnten wir dort teilnehmen, aber die Teilnahme an anderen Wettkämpfen, die mit weiteren Anfahrten verbunden gewesen wären, waren für uns nicht machbar.” Die Schwestern wollten nicht für ein oder zwei Turniere pro Jahr trainieren und den Rest des Jahres nur auf eben diese warten. So ließ das Interesse in der 7. Klasse nach. Doch mit dem Wechsel an ein Elitegymnasium in Debrecen kehrte auch die Liebe zum Spiel zurück und beide Schwestern stürzten sich wieder voller Elan ins Schachspiel. „Allerdings nahm Schach irgendwann so viel Zeit ein, dass wir ab der 10. Klasse zuhause unterrichtet wurden und nur zu Prüfungen in der Schule erschienen.“ Geschadet hat es ihrem schulischen oder spielerischen Erfolg jedoch keineswegs.

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Obwohl zuhause Schach stets präsent war, haben die Schwestern übrigens nur sehr selten gegeneinander gespielt: „Wir haben es versucht, aber das hat nie gut funktioniert, wir haben uns dann immer gestritten. Außerdem ist es auch nicht die beste Trainingsmethode ganze Partien zu spielen.“ Trainiert wurde und wird bis heute eisern. Doch wie sieht Training für Schachspieler aus?


Von hinten nach vorn – und anders herum

Wenn also keine kompletten Partien zur Übung gespielt werden, wie wird dann trainiert? Julianna erklärt: „Es gibt Trainer, die sich auf das Ende der Partie konzentrieren. Wenn nur noch wenige Figuren auf dem Spielbrett sind, muss man das Spiel einfach verstehen.“ Und während Juli bisher sehr ausgeglichen und unaufgeregt wirkt, entfacht das Gesagte plötzlich ein sichtbares Feuer in ihr. Denn Schach ist so viel mehr, als nur Züge und Schrittkombinationen auswendig zu lernen.

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In bestimmten Abständen setzt sich Julianna Terbe im Fitnessraum ans Schachbrett.


Die junge Frau weiht uns in den Unterschied zwischen „Züge lernen“ und „Verständnis des Spiels“ ein. „Klar, viele Zugkombinationen lernt man auswendig. Diese Abfolgen können aber nur dann sinnvoll eingesetzt werden, wenn du das Spiel wirklich verstehst und wenn Du mit Blick auf eine bestimmte Stellung erkennst, welche Taktik gewählt wurde. Mit jedem Zug ergeben sich zahlreiche neue Varianten, jeder Zug ist wie eine kleine bunte Scherbe und nur, wenn man das Spiel wirklich versteht, ergibt sich aus diesen Bruchstücken ein Mosaik.” Daneben müssen aber auch Eröffnungen und Taktiken gepaukt werden. Außerdem werden zu Trainingszwecken oft nur bestimmte Situationen nachgestellt und durchgespielt. „Oft gehen wir auch bekannte oder wichtige Partien durch, um aus ihnen zu lernen.“ Ebenso werden Partien vom Ende, also rückwärts durchgegangen, denn – ebenso wie jeder andere Muskel – muss auch das Gehirn auf vielfältige Weise trainiert werden, um die maximale Leistungsfähigkeit zu erreichen.


Schach in Ungarn

Julianna ist aktive Wettkämpferin und Profi-Schachspielerin, ihre Schwester, die an der Uni studiert, trainiert weniger für Wettkämpfe, ist dafür aber sehr aktiv in der Nachwuchsförderung. „Mittlerweile bekommen wir Frauen auch von der Schachföderation mehr Unterstützung und auch in der Nachwuchsförderung tut sich jetzt zum Glück mehr.“ Insbesondere wenn es um Teilnahme an Wettkämpfen geht, ist die Unterstützung für Julianna besonders wichtig: „Ich bin viel unterwegs, mein Abitur habe ich beispielsweise zwischen drei Wettkämpfen geschrieben.“ Geplant war es anders, geplant hatte die junge Schachspielerin nur zwei Wettkämpfe, doch sie qualifizierte sich noch für einen dritten landesweiten Wettkampf. Am Ende verbrachte sie 20 Tage im Mai bei Wettkämpfen und legte in der restlichen Zeit die Matura ab – mit beachtlichem Erfolg, wohlgemerkt.

Tatsächlich sind Frauen sehr präsent in der Schachnation Ungarn, man denke nur an die berühmten Polgár-Schwestern, bisher erhielten sie jedoch nicht annähernd so viel Unterstützung wie ihre männlichen Kollegen. Dabei kann Julianna selbst eine beachtliche Karriere vorweisen. Gemeinsam mit ihrer Mannschaft belegte sie 2017 bei der Schacholympiade den fünften Platz, damals war sie gerade einmal 20 Jahre alt und auch heute ist sie auf internationalen Wettkämpfen unterwegs. Vor nur wenigen Wochen war sie beispielsweise in Monaco.

Dass sich drei Wettkämpfe über drei Wochen hinziehen können liegt in der Natur des Spiels. Denn obwohl es sogenannte Blitzpartien gibt, in dem jedem Spieler beispielsweise nur fünf oder acht Minuten zur Verfügung stehen, bevorzugt Julianna Partien mit normalen Tempo: „Es ist nicht ungewöhnlich, dass eine Partie etwa vier Stunden dauert, aber auch mehr als sechs Stunden sind möglich.” Und so zieht sich ein Wettkampf auch über mehrere Tage hin. Um dieser enormen mentalen Herausforderung auch physisch gewachsen zu sein, hat Julianna begonnen, mit einer Boxtrainerin zu arbeiten: „Schon die alten Großmeister gingen vor Partien zwei, drei Stunden spazieren. Andere Spieler gehen heute laufen oder spielen Tennis.“

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Um der enormen mentalen Herausforderung auch physisch gewachsen zu sein, hat Julianna begonnen, mit einer Boxtrainerin zu arbeiten

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Sie selbst sucht für sich mit ihrer Trainerin jetzt nach der optimalen Kombination aus leichter körperlicher Anstrengung und repetitiver Bewegung, die ihre geistige Leistungsfähigkeit maximalisiert. Dies geschieht momentan übers Versuchen: Julianna trainiert nach einem von ihrer Trainerin erstellten Plan und setzt alle paar Minuten aus, um Schachübungen auf ihrem Telefon zu lösen. Je mehr Aufgaben sie in einer gegeben Zeit lösen kann, umso besser ist ihre mentale Leistung. Doch körperlich fit zu sein hilft Julianna auch, sich besser konzentrieren zu können und natürlich ebenso, nach einem geistig anstrengenden Tag zu entspannen. Und während wir aufbrechen, ist Julianna schon wieder auf dem Cardiotrainer. Schach in Ungarn ist eben doch mehr, als alte Herren in Thermalbädern.
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