Als deutscher Staatsbürger besitzen und managen Sie einen „ungarischen Multi“. Was verschlug Sie nach Ungarn?

Ich habe meine Schulen in Bonn, Köln, Oxford und Budapest absolviert, in der ungarischen Hauptstadt die Wirtschaftsuniversität. Anschließend bekleidete ich bei Großunternehmen in Ungarn Führungspositionen, meine Frau ist ebenfalls Ungarin. Alles zusammengenommen lebe ich nun bereits über 16 Jahre hier, also mehr als die Hälfte meines Erwachsenenlebens. Daher darf ich Ungarn getrost als meine zweite Heimat betrachten und mich als „halber Ungar“ bezeichnen.


Dennoch führen wir dieses Gespräch auf Englisch, auf anderen Foren kommunizieren Sie auf Deutsch. In welchen Situationen schalten Sie endgültig auf Ungarisch um, das Sie ebenfalls perfekt beherrschen?

Im Geschäftsleben verhandle ich auf Englisch, ähnlich wie die meisten Chefs ungarischer Firmen mit Exportorientierung. Daneben ist es aber auch wichtig für mich, gut Ungarisch zu sprechen. Daheim unterhalte ich mit meinen Söhnen abwechselnd auf Deutsch und Ungarisch, mit meiner Frau auf Englisch – weil wir uns so kennenlernten. Da auch sie alle drei Sprachen spricht, kommunizieren wir manchmal beim Abendessen in Familie dreisprachig.


Wie würden Sie den Begriff „ungarischer Multi“ definieren, den Sie mit Vorliebe für Tungsram verwenden?

Tungsram ist ein mehr als 120 Jahre alter Traditionsbetrieb mit viertausend Mitarbeitern und fünf Betriebsstätten, der 2018 seine Wiedergeburt als Tungsram-Gruppe erlebte. Unsere Produkte sind in 110 Ländern der Welt anzutreffen, neben Europa auch im Nahen Osten und in Nordamerika. Nach dem Neuanfang konzentrieren wir uns zunächst einmal auf jene Märkte, auf denen Tungsram immer noch ein Markenbegriff ist beziehungsweise Ungarn und ungarische Produkte ein großes Prestige besitzen – beispielsweise im Nahen Osten. Was die traditionelle Beleuchtungstechnik und die LED-Lampen anbelangt, exportieren wir wie gehabt 95 Prozent unserer Fertigung. Daneben bleibt der Status als Zulieferer der Automobilindustrie im Fokus.

Zum anderen leitet sich der Innovationsgeist aus dem Erbe und dem Motto unseres Unternehmens ab. Die Tungsram-Gründer Lipót Aschner und Zoltán Bay verfügten über einen riesigen Wissensschatz, weshalb auch wir enorm viel Geld in Forschung und Entwicklung stecken.


Vor rund zwei Jahren konnten Sie GE die Tungsram-Gruppe abkaufen. Wie urteilen Sie heute: War es ein gutes Geschäft?

Ich bin ein Manager mit Unternehmergeist, weshalb ich die sich bietende Möglichkeit ergriff. Übrigens war dies das einzige Management Buy Out in der Geschichte von GE. Als vormaliger Vorstandsvorsitzender von GE Hungary übernahm ich das Geschäft von GE Lighting für Europa, Nahost, Afrika und Türkei sowie das globale Autolampengeschäft. Die Geschäftsentwicklung entspricht unseren Erwartungen, das Jahr 2020 verspricht schon bescheidene Gewinne. Darauf werden wir besonders stolz sein, weil das der Beleg für den Erfolg unserer Strategie sein wird. Um weiter auf dem Weg Richtung Weltniveau voranzukommen, müssen wir enorm viel investieren, in der Größenordnung von 50 Mio. Dollar. Der Umbau von Tungsram braucht seine Zeit, während die Kunden weiter das gewohnte Produkt- und Dienstleistungsniveau erwarten.


Wenn wir bei Tungsram schon vom ungarischen Multi sprechen, liegt die Frage auf der Hand, wie stark Sie auf einheimische Kleinfirmen und Mittelständler bauen?

Wir haben den ungarischen Zuliefereranteil von 30 Prozent zum Zeitpunkt der Übernahme mittlerweile auf über 50 Prozent gesteigert und haben heute ungefähr 750 einheimische Geschäftspartner.

Allerdings stellt die Größe der ungarischen Unternehmen allgemein ein Problem dar, wenn selbst Mittelständler nur 100 bis 200 Mitarbeiter zählen. Das Marketing wird vernachlässigt, die Innovationen erreichen nicht die kritische Masse. Obendrein befinden wir uns hierzulande inmitten eines Generationswechsels, denn die Firmengründer aus der Wendezeit gehen demnächst auf einen Schlag in den Ruhestand. An Kreativität mangelt es hierzulande nicht, doch die Produktivität muss auf ein internationales Niveau gehoben werden.


Verfolgt Tungsram abgesehen vom enormen Geschäftspotenzial auch eine gesellschaftliche Mission?

Ich denke, es gehört dazu, als guter Manager abgesehen von den Produktionszahlen auch im Sinne der Gesellschaft zu handeln und mit den Partnern Win-Win-Situationen auszugestalten. Tungsram war in der Vergangenheit das Flaggschiff der ungarischen Innovation, dahin wollen wir zurück. Parallel dazu nehmen wir in den fünf Städten, in denen sich Produktionsstätten der Gruppe befinden, unsere gesellschaftliche Verantwortung wahr, beispielsweise mit unserem preisgekrönten „Future Talents“-Programm, bei dem wir Mittelschülern Business English und Management-Know-how vermitteln, um sie global fit zu machen.


Wie beeinflusst die Digitalisierung Ihr Geschäftsprofil?

Unsere Zukunft ist zweigleisig: Neben der angestammten Wertschöpfungskette von Weltniveau arbeiten wir für unsere Kunden an komplexen Lösungen, die auf Daten basieren. Dabei wird die Beleuchtungstechnik immer mehr Teil einer Gesamtlösung. So haben wir den Hersteller der Software ArchiFM übernommen, weil wir uns längst mit Smart Citys befassen.

Es ist unsere Mission, Lösungen für die größten Herausforderungen zu finden, denen sich unser Planet stellen muss, wie Ernährungssicherheit, lebenswerte Gigastädte, intelligente Gebäude und Kommunen. Mit unseren ungarischen und globalen Partnern bieten wir komplexe Lösungen an – ob bei Trink- und Abwasser, erneuerbaren Energien, in Bildung und Gesundheit –, die allesamt als intelligente Plattform mittels Beleuchtungstechnik miteinander verknüpft sind. Tungsram versteht sich dabei dank seiner Unternehmensgröße und globalen Vernetzung als Integrator. Ein gutes Beispiel ist die sogenannte vertikale Landwirtschaft. Agraringenieure erforschen längst, welche Strahlen des Lichts für die Entwicklung der Pflanzen besonders relevant sind. Als Lampenexperten können wir hier eine Brücke zwischen Wissenschaft und Markt bauen.


Wie profitieren Sie vom dynamischen Wachstum der ungarischen Wirtschaft?

Für uns ist insbesondere relevant, dass der Wandel von „Made in Hungary“ zu „Invented in Hungary“ erfolgreich vollzogen wird. Erfolgsgeschichten wie Südkorea oder Irland basieren auf Innovationen. Die ungarische Wirtschaft befindet sich auf einem guten Weg. Die Herausforderungen für Ungarn sind die gleichen wie für Tungsram: Wir müssen uns auf unsere wahren Stärken und jene Märkte konzentrieren, auf die wir einwirken können.


Da ist es wohl kein Zufall, dass Tungsram strategischer Partner der Regierung ist.

Richtig, diese Vereinbarung unterzeichneten wir Anfang 2019. Die Regierung hilft einheimischen Firmen mit verschiedenen Institutionen wie HIPA, HEPA, Exim und auf diplomatischem Wege, Präsenz auf Außenmärkten zu zeigen. Dabei rücken wir als eine Art Brückenkopf der ungarischen Industrie im Ausland ins Bild. Uns schwebt eine „ungarische Freihandelszone“ unter der Ägide von Tungsram vor, wo andere Firmen die von uns bereits ausgestalteten Infrastrukturen und Regierungsbeziehungen für einen gemeinsamen Markteintritt nutzen könnten.


Zur Person

Vor dem MBO leitete Jörg Bauer GE Hungary mit mehr als 10.000 Mitarbeitern an 12 Standorten. Bevor Bauer als Finanzdirektor zu GE Healthcare kam, war er teils im Ausland, teils in Ungarn in verschiedenen Managementpositionen bei Audi und Mettler-Toledo tätig.

Neben weiteren Auszeichnungen erhielt er das Ritterkreuz des Ungarischen Verdienstordens. Er engagiert sich bei der AmCham und an der Corvinus-Universität, an der Universität Debrecen unterrichtet er Innovation und Managementkenntnisse.

Das hier in Auszüge wiedergegebene Interview erschien zuerst im Wirtschaftsmagazin Figyelő, wo es aus Anlass der Wahl von Jörg Bauer zum „Mensch des Jahres“ geführt worden war.

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