Hochkarätige Referenten und Teilnehmer aus Wirtschaft und Politik waren ihrer Einladung ins Haus der Deutschen Wirtschaft, unweit des wiederaufgebauten Berliner Stadtschlosses gefolgt, um ein wirtschaftlich wie sozial gleichermaßen bedeutsames Thema zu diskutieren. Unter den Gästen waren unter anderem anderen die Bundestagsabgeordneten Katharina Landgraf (CDU) und Karlheinz Busen (FDP), beide wie Marie-Theres Thiell Mitglieder der Deutsch-Ungarischen Gesellschaft in Deutschland, sowie DUG-Präsident Gerhard Papke. Sie alle erlebten eine hochinteressante Veranstaltung, die von Claudia Große-Leege moderiert wurde, der Geschäftsführerin des Verbandes deutscher Unternehmerinnen.

Dr. Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages und Dr. Péter Györkös, Botschafter von Ungarn, untermauerten in ihren Grußworten die herausragende Bedeutung der deutsch-ungarischen Wirtschaftsbeziehungen. „Durch den heutigen Austausch können wir voneinander lernen, wie wir durch eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie unter anderem mehr Frauen für den Arbeitsmarkt gewinnen“, so Treier.


Wirtschaft und Familie

Anschließend gab Katalin Novák, Staatssekretärin für Familie und Jugend, mit einem Vortrag über „Wirtschaft und Familie“ Impulse für die nachfolgende Diskussion. Darin verwies sie auf die soziale Dimension der ungarischen Wirtschaftspolitik, der es gelungen sei, die Arbeitslosigkeit von fast 12 Prozent im Jahr 2010 auf wenig mehr als 3 Prozent im vergangenen Jahr zu senken. Vorher, so die Staatssekretärin, hätte eine ganze Generation von Kindern ihre Eltern nie zur Arbeit gehen sehen.

Heute seien in Ungarn viele junge Frauen besser ausgebildet als ihre männlichen Altersgenossen. Diese Frauen wollten arbeiten, aber auch gerne früh eine Familie gründen. Die ungarische Regierung habe es sich zum Ziel gesetzt, die dafür nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen. „Eines der Hauptziele der ungarischen Familienpolitik sei es, Eltern mit Kleinkindern dabei zu unterstützen, ihr Familienleben, ihre Familienplanung und Kindererziehung so leicht wie möglich mit ihrer Arbeit zu vereinbaren“, unterstrich die Staatssekretärin. Dazu wurde unter anderem der Ausbau von Kindertagesbetreuungsstätten vorangetrieben. Außerdem, wurde zum 1. Januar 2020 ein Kinderbetreuungsgeld für Großeltern eingeführt. „Hinsichtlich flexibler Arbeitsbedingungen können wir sehr viel von Deutschland lernen und natürlich teilen auch wir gern unsere Erfahrungen mit Ihnen darüber, wie wir mit einem vielseitigen System von Familienunterstützungen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern können.“

Dass Deutschland und Ungarn viel voneinander lernen können, stellte auch DUIHK-Geschäftsführer Gabriel Brennauer heraus. Er erläuterte eine Initiative seiner Kammer zur besseren Vereinbarung von Familie und Beruf, der sich nach kurzer Zeit bereits 47 wichtige deutsche Unternehmen in Ungarn angeschlossen hätten. Es gehe, so Brennauer, nicht allein um bessere rechtliche Rahmenbedingungen für die Unternehmen, vielmehr müsse Familienfreundlichkeit zu einem selbstverständlichen Teil der Unternehmenskultur werden.


Mehr Rücksicht auf die familiären Interessen der Mitarbeiter

Diese Botschaft stand auch im Zentrum der Podiumsdiskussion („Vereinbarung von Beruf und Familie – Erfahrungen aus der Praxis“), an der neben Marie-Theres Thiell und Katalin Novák auch Kirsten Frohnert vom Unternehmensnetzwerk „Erfolgsfaktor Familie“ sowie Antje Kunkies teilnahmen, die Personalchefin von CLAAS.

Sie alle konnten interessante Beispiele aufzeigen, wie in ihren Unternehmen die Rücksicht auf die familiären Interessen ihrer Mitarbeiter wachse, etwa durch flexiblere Arbeitszeiten. Gerade junge Frauen, so Antje Kunkies, schauten sich die soziale Kompetenz ihrer künftigen Arbeitgeber heute sehr genau an. Wer dabei als Unternehmen schlecht abschneide, werde es angesichts des Fachkräftemangels in Zukunft immer schwerer haben, qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen. Familienfreundliche Politik, so die einhellige Botschaft der Wirtschaftsfrauen, werde zu einer Frage, die mit über den Erfolg eines Unternehmens entscheide.

Und wo liegen dabei die Unterschiede zwischen ungarischen und deutschen Unternehmen, wo können beide voneinander lernen? In Ungarn, so erläuterte Marie-Theres Thiell, sei der Zusammenhalt der Familien besonders stark, und das Verantwortungsbewusstsein für die eigenen Angehörigen reiche stärker in den Betriebsalltag hinein als in Deutschland. Dabei gehe es nicht etwa nur um Fragen der Kinderbetreuung, sondern auch um die Pflege hilfsbedürftiger Angehöriger.


Enttabuisierung des Themas Pflege von Familienangehörigen

Nachdrücklich plädierte die DUIHK-Vizepräsidentin dafür, das Thema Pflege von Familienangehörigen in den Unternehmen zu enttabuisieren und sich auf Seiten der Unternehmen damit auseinanderzusetzen, wie man durch mehr Arbeitszeitflexibilität Mitarbeiter bei der Betreuung von Angehörigen unterstützen kann. Die Bedeutung dieses Themas werde in den alternden Gesellschaften Europas von Jahr zu Jahr wachsen. Die Unternehmen, so Thiell, müssten lernen, damit umzugehen. Und die Politik, so lautete eine der Botschaften von Staatssekretärin Novák, sei darüber hinaus in der Pflicht, wirksame Maßnahmen umzusetzen, die eine Entscheidung junger Menschen für Beruf und Kinder möglich machen. Denn nur so hätten die europäischen Gesellschaften überhaupt eine Zukunft.


Gemeinsam für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf

„Das ungarische Familienministerium und die Deutsch-Ungarische Industrie- und Handelskammer (DUIHK) haben mit ihrer Vereinbarung ‚Gemeinsam für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf‘ eine Plattform für das Thema und seine Herausforderungen geschaffen“, erinnerte auch Marie-Theres Thiell an diese wichtige Kooperation ihrer Kammer. „Ich freue mich, dass heute auch dazu ein internationale Austausch erfolgt.“ Um das gegenseitige Kennenlernen von guten Praxisbeispielen zu fördern, seien Unternehmensvertreterinnen, der Verband deutscher Unternehmerinnen und das Unternehmensnetzwerk „Erfolgsfaktor Familie“ aktiv in die Veranstaltung eingebunden.

Die Konferenz ist eine Kooperation des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, des Unternehmensnetzwerks „Erfolgsfaktor Familie“, der Deutsch-Ungarischen Industrie- und Handelskammer sowie des Verbands deutscher Unternehmerinnen (VdU). VdU-Bundesvorstand Elizabeth Lehnich beobachtet: „Gerade in kleinen und mittelständischen Unternehmen gibt es viele kreative Lösungen bei Arbeitszeitmodellen, um in der angespannten Arbeitsmarktlage die Wünsche der Mitarbeiter nach einer guten Vereinbarkeit zu erfüllen.“ Bereits im Vorfeld der Konferenz hatte sich die Staatssekretärin bei einem Besuch beim Unternehmensnetzwerk „Erfolgsfaktor Familie“, einem gemeinsamen Projekt von DIHK und dem deutschen Familienministerium, intensiv über die Aktivitäten dieser Institution, der 7.000 deutsche Unternehmen angehören, informiert.

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