Die Fürsprecher eines europäischen Bundesstaates bringen vor, dass die globalen Herausforderungen lediglich in einem starken Staat aller europäischen Völker mit einer zentralen Regierung bewältigt werden können. Sie sind überzeugt, die Zeit der Nationalstaaten und der damit einhergehenden Egoismen und Konflikte hätten ein historisches Ende zu finden. Die Verteidiger der Nationalstaaten halten dagegen, dass es sich bei einem europäischen EU-Superstaat um ein Gebilde ohne historische Wurzeln handeln würde, dass die Souveränität der Völker und Nationen darin verloren gehen würde und damit auch die kulturelle Vielfalt, welche die europäische Zivilisation überhaupt erst ausmacht.


Das Christentum als letzte Hoffnung

In seiner Rede zur Lage der Nation vom 18. Februar 2018 stellte Viktor Orbán fest, dass fast 80 Prozent der Ungarn die Bewahrung der christlichen Kultur Ungarns befürworten würden. Das bedeutet, sie möchten nicht nur ihre Nationalkultur bewahren, insofern sie dezidiert ungarisch ist; sie sind sich dabei auch der spezifisch christlichen Prägung ihrer Kultur bewusst. So führt man hierzulande auch die Geburt des Staates Ungarn auf den zum Christentum konvertierten Staatsgründer König István zurück, der im 11. Jahrhundert nach Christus die heidnischen Magyaren-Stämme vereinigte und christianisierte.

Aufgrund solcher Aussagen wird dem ungarischen Ministerpräsidenten gerne eine nationalistische Gesinnung attestiert. Dabei sollte man jedoch nicht übersehen, dass er Ungarn immer als Teil Europas begreift. In seinen verschiedenen Reden hat er immer auch die europäische Zivilisation als solche im Blick. Auch wenn er sagte, dass für Europa das Christentum die „letzte Hoffnung“ sei, scheint ihm Europa ganz offensichtlich am Herzen zu liegen.

Nun kann man sich mit Anat Kálmán zurecht fragen, ob es bei dieser „Hoffnung“ eigentlich um eine Wiedereinführung christlicher Traditionen, um die Wiederbelebung des traditionell religiösen Glaubens gehe. „Wie kann die zunehmende Bedeutungslosigkeit der Kirchen aufgehalten werden?“, fragt sie in ihrem Essay über die christliche Identität im Zeitalter der Globalisierung. „Welche Bereiche sollen von einer solchen Christianisierung betroffen sein?“


Europa als Entwicklungsströmung

Zunächst könnte man vermuten, dass es für Viktor Orbán bei der Verteidigung des Christentums und der europäischen Zivilisation in ihrer christlichen Prägung auch darum geht, die europäischen Grenzen „hermetisch zu verteidigen“, die muslimische Einwanderung aufzuhalten und die damit verbundene Islamisierung zu verhindern. Darüber hinaus könnte man, wie Anat Kálmán schreibt, den „engen Bezug zur europäisch-christlichen Geistesgeschichte in der gesamten Bildung und Kultur wiederherstellen und das transzendente Denken im gesamten Bildungsbereich wieder mitaufnehmen“.

Doch bevor man sich weiter an konkrete Vorschläge macht, könnte es vielleicht auch hilfreich sein, einen Schritt zurückzugehen und sich zu fragen, was dieses Europa eigentlich in seinem Wesen ausmacht? Woher kommt es, was bringt die viel zitierte „christliche Prägung“ mit sich und welche Rolle nimmt das Christentum in der Geschichte der europäischen Zivilisation ein?

Wie der Philosoph Herbert Ludwig feststellt, bezieht sich der Begriff Europa „primär auf einen historisch gewachsenen kulturellen Raum, in dem die verschiedensten Völker bei aller Vielfalt doch eine gemeinsame Entwicklung genommen haben und in ihrer Gesamtheit eine gewisse Einheit bilden.“ Von daher kann man sagen, dass auch Politik und Wirtschaft nur die Außenseite einer geistig-kulturellen Entwicklungsströmung bilden, „die in Griechenland begann, sich in Rom fortsetzte, die tiefe Spiritualität und Humanität des Christentums in sich aufnahm und schließlich die entstehenden Völker Europas ergriffen und bis heute in unterschiedlicher Weise geprägt hat“.

Dieser Darstellung liegt der Gedanke zugrunde, dass die Vielfalt der geschichtlichen Ereignisse jeweils Ausdruck einer Entwicklung des menschlichen Bewusstseins ist – ein Bewusstsein, das sich im Laufe der Zeit immer weiter verändert hat und auch heute noch im Werden begriffen ist.


Die griechisch-römische Antike

Die europäische Geistes- und Kulturströmung führt uns also zurück bis in die Antike: zunächst nach Griechenland, wo man wie aus einem Traum erwachte, in dem sich die Wirklichkeit noch in mannigfaltigen Bildern, Helden- und Göttergestalten zeigte. Wenn nun Philosophen wie Sokrates, Platon und Aristoteles die Welt in klaren Gedanken vor sich hin stellen und die Wahrheit im eigenen Denken zu ergründen suchen, so liegt es generell auch daran, dass im antiken Griechenland überhaupt die Fähigkeit geboren wurde, die Wirklichkeit gedanklich zu erfassen.

Diese neue Fähigkeit führt mit der Zeit auch zur Entstehung einer völlig neuartigen Gesellschaftsform, in der die Möglichkeit besteht, sich von nicht hinterfragten Traditionen und Autoritäten zu befreien. So ist es auch kein Zufall, dass bei den Griechen, so wie auch bei den späteren Römern, die ethnische Zugehörigkeit in den Hintergrund tritt. Stattdessen fühlten sich die Menschen wie in Griechenland durch die gemeinsame Sprache miteinander verbunden, in Rom durch die politisch definierte Zugehörigkeit zum Römischen Reich.

Es sind also keine Abstammungsgemeinschaften, welche die kulturelle Grundlage des werdenden Europas bilden – es sind keine in sich geschlossenen Gemeinschaften, Familien, Sippen oder Stämme, in denen der Einzelne keinen Eigenwillen haben darf, keine Kollektive, denen der einzelne Mensch weitgehend untergeordnet beziehungsweise unterworfen ist. Vielmehr ist es das Vermögen des logischen Verstandesdenkens und die Ausbildung der in sich gegründeten Rechtspersönlichkeit, die der späteren Entwicklung zugrunde liegen.


Die Völker Europas

Ganz im Sinne dieses Individualisierungsprozesses, der mit einer Loslösung des Einzelnen aus vorindividuellen Abstammungsgemeinschaften einhergeht, bewegt sich die europäische Entwicklungsströmung in Richtung Norden, wo sich im Zuge der Völkerwanderung die germanischen Stämme, die noch reine Blutsgemeinschaften waren, mit der jeweils einheimischen Bevölkerung vermischen, wodurch nach und nach die europäischen Völker entstehen.

Von Anfang an beruhen die Völker Europas also nicht auf Abstammungsverhältnissen: Stattdessen sind sie Kultur- und Sprachgemeinschaften, die bald auch das sich ausbreitende Christentum in sich aufnehmen und im Laufe ihrer Entwicklung permanent dem griechisch-römischen Einfluss unterliegen. Als solche gestehen sie dem Einzelnen eine sehr viel größere Selbstständigkeit zu: bis zu dem Punkt, da sich der Einzelne aus seiner eigenen Kultur hinausentwickeln kann, um sich eines Tages als Individuum selbstbestimmt weiterzuentwickeln.


Die geistige Individualität

„Nun ging vom Christentum“, wie Herbert Ludwig schreibt, „der stärkste Impuls für das Loslösen der Individualität von den Blutszusammenhängen aus.“ So tritt Christus sehr bezeichnend dem Selbstverständnis des damaligen Judentums, das seine Wurzeln auf seinen Stammvater Abraham zurückführte, mit dem Satz entgegen: „Ehe Abraham war, war das Ich-bin.“ An einer anderen Stelle sagt Christus: „Wenn jemand zu mir kommt und sich nicht frei machen kann von seinem Vater und seiner Mutter, von seinem Weibe und seinen Kindern, von Brüdern und Schwestern, ja sogar von seiner eigenen Seele, der kann nicht mein Jünger sein.“ Damit ist nicht etwa die berechtigte Liebe und Verbundenheit zur eigenen Familie gemeint – vielmehr geht es um eine radikale Absage an die Abstammung, wenn es um die Frage nach dem eigenen Wesen geht!

Was aber tritt dann an deren Stelle? Es ist das bewusste und freiheitliche Ich, die geistige Individualität, der eigene schöpferische Wesenskern. So richtet sich Christus an das Allgemein-Menschliche, das geistige Selbst, das jeden von uns zu einem Menschen macht.


Eine individualistisch geprägte Zivilisation

Die europäische Zivilisation als Ganzes trägt eine individualistische Prägung – von der Kultur über die Politik bis hin zur Wirtschaft. Die europäische Malerei, insbesondere seit der Renaissance, unsere Romane mit ihren psychologischen Analysen und Charakterdarstellungen sind nicht weniger Ausdruck einer individualistischen Kultur als die demokratische Staatsverfassung, die auf einem humanistischen, also individualistischen Menschenbild beruht, oder auch der Kapitalismus, der auf dem Gedanken beruht, das jeder Einzelne bestrebt ist, seine ganz ureigensten Interessen zu verfolgen.

Man könnte also sagen, dass die europäische Zivilisation auf allen Ebenen ein individualistisches Werte- und Ideensystem zum Ausdruck bringt, das aus einer Entwicklungsströmung hervorgegangen ist, in der die griechisch-römische Antike und das Christentum ineinander geflossen sind. Somit zeugt die europäische Zivilisation – trotz aller Rückschläge – tatsächlich von einem „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“, wie der Philosoph Hegel sagt. Die gesamte europäische Zivilisation wäre ohne die freiheitliche Entwicklung des Ich-Bewusstseins unmöglich gewesen.


Eine über die Zeiten wirkende Kraft

Wenn wir uns also die Geschichte Europas ansehen, wenn wir beobachten, wie sich über all die Jahrhunderte, über all die Errungenschaften und all die Schrecknisse auch eine von der individuellen Persönlichkeit getragene Zivilisation ausbildet, in der das Individuum den höchsten und zentralen Wert darstellt, so können wir nur davon ausgehen, dass vom Christentum, letztlich also von Christus selbst, ein fortdauernder Impuls zur Ich-Werdung waltet, eine über die Zeiten wirkende Kraft, die der freiheitlichen Entwicklung der Menschheit zugrunde liegt.

Mit anderen Worten: Es geht – wenn sicherlich nicht immer vom Christentum als institutionalisierte Religion so doch von Christus selbst – ein freiheitlicher Impuls aus, ein Ich-Impuls, der, wie Herbert Ludwig schreibt, „als innere, gegen alle Widerstände gärende und treibende Kraft der ganzen geistigen und gesellschaftlichen Entwicklung der europäischen Völker und ihrer amerikanischen Ausgliederungen zugrunde liegt.“ Allen europäischen Völker wohnt also ein gemeinsamer Zug inne, der zur Herausbildung eines individuellen Ich-Bewusstseins, einer freien Individualität führt.

Letztlich können wir davon ausgehen, dass alle Menschen berufen sind, die Erfahrung ihres innersten geistigen Wesens zu machen, ihrer geistigen, rein menschlichen Individualität. Dies aber sollte unweigerlich dazu führen, dass die innere Freiheit jedes Menschen als Geist geachtet wird. Der Einzelne sollte dann auch nicht mehr der Gemeinschaft untergeordnet werden – vielmehr sollte die Gemeinschaft für den Einzelnen da sein, damit er sich individuell zu Freiheit und Selbstbestimmung entwickeln möge.

Wenn also für Europa wirklich das „Christentum die letzte Hoffnung“ ist, dann sollte es heute nicht darum gehen, auf allen Ebenen des Landes, die christlichen Traditionen und den religiösem Glauben wiedereinzuführen. Eine Religion, die in Kirchen aus Stein ihren Gottesdienst feiert, gehört weitgehend der Vergangenheit an.


Vertrauen in den christlichen Ich-Impuls

Denken wir zurück an den anfangs erwähnten „Kulturkampf“ zwischen Internationalisten und Befürwortern der Nationalstaaten. Um den teils kulturauflösenden Tendenzen der Globalisierung, um den neoliberalen, postmodernen und kulturmarxistischen Tendenzen im Bildungsbereich entgegenzuwirken, könnten die Souveränisten leicht der Versuchung erliegen, das Bildungswesen, aus dem die Kultur letztlich hervorgeht, noch stärker zu reglementieren, also staatlich zu bevormunden. Man würde sich dabei des Staates bedienen, um dem Bildungswesen eine dezidiert patriotisch-konservative und traditionell christliche Richtung einzuprägen. Die damit einhergehende Gefahr liegt sicher auf der Hand: Man würde die Kultur nolens volens an ihrer freien Entfaltung hindern.

Sollte es jedoch nicht stattdessen um genau diese freie Entfaltung gehen? Sollte man dem Einzelnen – speziell im Bildungsbereich – nicht sämtliche Werkzeuge zur Verfügung stellen, die er braucht, um auf seine individuelle Art „immer umfassender in seinem Denken, immer liebevoller in seinem Herzen, immer zielbewusster in seinem Willen zu werden“, wie der Autor Pietro Archiati schreibt? Würde man nicht auch die europäischen Völker und ihre Kulturen zutiefst fördern, wenn man sie speziell auch vom Bildungswesen her in Freiheit entlassen würde?

Wenn das Christentum wirklich die letzte Hoffnung für Europa ist und wenn dem Christentum der Impuls zur freien Ich-Entwicklung zugrunde liegt, dann könnte es doch auch sein, dass die Gesellschaft alles daran setzen sollte, die individuelle Entwicklung eines jeden Menschen zu fördern – seine Kräfte und Begabungen, die auf einzigartige Weise in jedem Menschen schlummern, damit sie der Gesellschaft als Ganzem, schließlich der gesamten Menschheit zugutekommen.

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