Der nun wohl unmittelbar bevorstehende Brexit macht neben aller ihm innewohnenden Tragik vor allem eines deutlich: Ein geeintes Europa ist nicht selbstverständlich. Es braucht Menschen, die nicht schweigend zusehen, wenn in vielen Ländern von politischen Rändern Europakritik lauter wird. Es braucht Menschen, die im europäischen Sinne handeln, wenn die Stärken Europas in Gefahr geraten.


Wieder im Herzen Europas

Es ist gerade der Blick nach Osteuropa, der zeigt, was Europa für die Menschen erreichen kann. Mit den beiden Wellen der Erweiterung der Europäischen Union in den Jahren 2004 und 2007 sind die Länder Mittel- und Osteuropas wieder dort angekommen, wo sie schon immer hingehörten: im Herzen Europas.

Seit dem Zerfall des Eisernen Vorhangs haben die Länder in Mittel- und Osteuropa eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte vorzuweisen. Eine Geschichte, die nicht nur das Leben der Mittel- und Osteuropäer verbessert, sondern auch ganz Europa bereichert hat. Die Wirtschaft wächst im Osten stärker als im Westen, der Aufschwung ist immer mehr auch direkt bei den Menschen spürbar. Auch wenn die Löhne im Osten noch niedriger als im Westen Europas sind, so hat sich die Schere schon ein gutes Stück geschlossen. Die Arbeitslosenquoten in Ungarn, Tschechien und Polen gehören aktuell zu den niedrigsten in Europa. Insgesamt konnten die Länder in Mittel- und Osteuropa in der Europäischen Union Großartiges erreichen und haben für diese Leistung meinen höchsten Respekt.

Wir bei E.ON sind sehr stolz, Teil dieser Erfolgsgeschichte zu sein. Wir sind schon seit vielen Jahrzehnten in Ungarn, Rumänien, der Slowakei und Tschechien aktiv. Seit 1990 haben wir erheblich in den ungarischen Strom- und Gasmarkt investiert – das gilt auch für innogy, die jetzt ein Teil von E.ON ist. So haben wir einen bedeutenden Beitrag zum wirtschaftlichen Aufschwung der mittel- und osteuropäischen Länder geleistet. Und mehr noch: Wir fühlen uns in diesen Ländern genauso zuhause wie in Deutschland oder Schweden.


Optimal für den Wandel gewappnet

Die mittel- und osteuropäischen Länder haben die besten Voraussetzungen, ihre Erfolgsgeschichte weiter zu schreiben und ihrer Rolle in Europa und der Welt noch mehr Gewicht zu verleihen. Sie haben große Talente und hervorragende Technologien. Aber vor allem haben sie einen starken Veränderungswillen und sind damit optimal für den Wandel gewappnet, in dem wir uns gerade befinden: Das 21. Jahrhundert ist das erste Jahrhundert, in dem der Treibstoff der Zukunft Elektrizität sein wird. Alles, was elektrifiziert werden kann, wird elektrifiziert werden. Und alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden.

Wodurch wird das alles möglich? Wie immer − durch Technologie. Technologie hat schon immer neue Welten erschlossen, Fortschritt gebracht, das Leben der Menschen verbessert. So ist es auch diesmal wieder. Unsere ganze Welt wird vernetzt und elektrifiziert sein, es ändern sich die Energiequelle, der Energieverbrauch und die Art des Transports – nämlich hin zur Elektromobilität. Überall entstehen elektrische, digitale, vernetzte Umgebungen.

Wer in diesen Zeiten nicht nur bestehen, sondern den Ton angeben möchte, muss veränderungserprobt sein. Gerade deshalb bin ich davon überzeugt, dass die Menschen in den CEE-Ländern unser aller Vorbild sein können. Denn bei meinen zahlreichen Besuchen in diesen Ländern habe ich immer wieder erfahren, dass die Mittel- und Osteuropäer eine starke Fähigkeit und Bereitschaft zur Veränderung gelernt haben. Der Wandel in den letzten dreißig Jahren war in dieser Kernregion Europas allgegenwärtig und brachte sehr vielen Menschen ein besseres Leben. In westeuropäischen Ländern erlebe ich oft, dass Veränderung mit großen Ängsten verbunden ist, mit Vorsicht und Zurückhaltung. Die Geschichte prägt – im Osten wie im Westen. Und ich glaube, dass sie Ländern wie Ungarn, Tschechien oder der Slowakei die Vorteile des Wandels nähergebracht hat: Sie setzen auf das Neue, passen sich neuen Gegebenheiten schneller an. Ich glaube daher auch, dass gerade diese Länder optimale Chancen haben, Vorreiter der Digitalisierung zu werden – und diese Chancen sollten sie selbstbewusst nutzen.


An einem besonderen Wendepunkt der Unternehmensgeschichte

Auch wir bei E.ON müssen veränderungsbereit sein. Denn wir stehen an einem besonderen Wendepunkt der Unternehmensgeschichte. Mit der Übernahme von innogy haben wir uns gerüstet für den Umbruch der Energiewelt, der bereits in vollem Gange ist. Der Energiemarkt sortiert sich neu – er wird grüner, dezentraler und digitaler. Wir bei E.ON haben diesen Wandel nicht nur angenommen, sondern möchten ihn maßgeblich gemeinsam mit unseren Kunden in 14 europäischen Ländern und der Türkei mitgestalten. Mit der Integration von innogy schaffen wir dafür die optimalen Voraussetzungen – auch und besonders in den mittel- und osteuropäischen Ländern.

Wir werden Energienetze und -lösungen intelligenter und damit Unternehmen ebenso wie Städte, Kommunen und Gemeinden leistungsfähiger machen. Und ihnen helfen, ihren CO2-Ausstoß zu senken. Energienetze werden zum Internet der Energie, das Menschen vernetzt und so immer wieder neue Horizonte eröffnet. Unsere Energienetze sind die Plattform für vielfältige Ideen und Lösungen, für unsere Kunden und Partner. So grün wie möglich, so schnell wie möglich. Das ist unser Leitmotiv.


In der Energiewirtschaft stehen wir dabei vor drei großen Herausforderungen:

Erstens: Der Stromhunger unserer digitalen Welt wird immer größer. Digitalisierung gibt es nicht umsonst. Wäre das Internet ein Land, dann hätte es von allen Nationen der Welt den sechstgrößten Energieverbrauch – Tendenz stark steigend.

Zweitens: In unserer elektrifizierten digitalen Welt kommt es auf eines ganz besonders an: Zuverlässigkeit. Wer seine gesamte Produktion mit digitalen Geräten steuert, der braucht Präzision. Gleichzeitig ist aber die grüne Energie stark schwankend – und damit alles andere als zuverlässig. Durch Digitalisierung ausgelösten Herausforderungen muss mit digitalen Lösungen begegnet werden: Eine übergeordnete digitale Steuerung wird es ermöglichen, alle digitalen Geräte bei Kunden miteinander zu vernetzen und so Zuverlässigkeit zu schaffen. Dass dabei Kundendaten höchsten Schutz genießen müssen, ist für uns selbstverständlich.

Drittens: Die Komplexität der neuen Energiewelt kann mit klassischen Technologien wie Umspannwerken, Leitungen oder Transformatoren allein nicht mehr beherrscht werden. Die Verteilnetze selbst müssen intelligenter und reaktionsfähiger werden. Sie müssen zu Smart Grids werden: Gibt es Engpässe im Netz, können viele kleine, dezentrale Erzeugungsanlagen untereinander koordiniert werden und wie ein großes Kraftwerk Energie in die Netze liefern. Ist zu viel Energie im Netz, sorgt intelligente Technik im Haushalt dafür, dass sich beispielsweise die Warmwasserbereitung einschaltet. Diese Flexibilität kann die Netzsteuerung immer besser nutzen, damit sauber produzierter Strom auch bestmöglich und zu den günstigsten Konditionen genutzt werden kann. Selbststeuernde und selbstlernende Prozesse werden in den Netzen nötig. Die Verteilnetze werden digitalisiert. So entsteht das Internet der Energie.


Schulterschluss zwischen Nationen, Forschung, Industrie und Politik

Die Herausforderungen der digitalen, elektrifizierten Welt können wir nur gemeinsam meistern – im Schulterschluss zwischen Nationen, Forschung, Industrie und Politik. Ich ermutige jeden Einzelnen, so offen wie möglich für neue Technologien zu sein. Ich rufe dazu auf, risikofreudiger zu sein – denn jede wertvolle Veränderung ist mit einem Risiko verbunden. Und ich plädiere für ein veränderungsfreundliches, regulierungsärmeres Umfeld mit Anreizen für intelligente Investitionen.

Wenn wir als Europäische Union gegen andere Wirtschaftsregionen bestehen wollen, dann müssen wir also die Fähigkeiten jedes einzelnen Mitgliedstaates nutzen und sie in der Europäischen Union verbinden. Wenn wir erfolgreich und schlagkräftig sein wollen, dann müssen wir uns auf unsere Stärken besinnen und weniger auf unsere Schwächen schauen. Unsere Vielfalt birgt kostbares Potenzial. Aber wir müssen uns trauen, dies auch zu nutzen. Gemeinsam, für ein starkes und selbstbewusstes Europa.


Der vorliegende Beitrag entstand auf der Grundlage eines Referats, das Johannes Theyssen am 31. Oktober bei der von Netzwerk Digital und United Europe organisierten Konferenz „The future made in CEE“ in Budapest gehalten hat. Weitere Beiträge von der Konferenz wird die Budapester Zeitung im ersten Quartal 2020 in loser Folge veröffentlichen.


Konversation

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