Mitte November luden die Konrad-Adenauer-Stiftung und die Andrássy Universität Budapest (AUB) zur Präsentation des frisch veröffentlichten Werkes ein. Nach einem kurzen Grußwort der österreichischen Botschafterin Elisabeth Ellison-Kramer wurden die im Buch behandelten Ereignisse von der AUB-Historikerin Dr. Krisztina Slachta vorgestellt. Anschließend diskutierten der Autor und die Historikerin gemeinsam mit László Nagy, Sekretär der Stiftung Paneuropäisches Picknick ’89 und einer der damaligen Picknick-Organisatoren, über die Ereignisse der Wendejahre.


Lokalgeschichte und gleichzeitig Weltgeschichte

Wolfgang Bachkönig arbeitete 41 Jahre lang bei der österreichischen Polizei im Burgenland, zuletzt als Chefinspektor. Seit seinem Ruhestand ist er als Autor tätig und hat bereits fünf Bücher veröffentlicht, die sich allesamt mit der Geschichte des Burgenlandes beschäftigen. In seinem sechsten Werk geht es nun um den Sommer 1989, in dem sich die Augen der ganzen Welt auf die kleine Region richteten.

Seit dem Frühjahr ließ Ungarn dort die Grenzbefestigung des Eisernen Vorhangs abbauen. Über diese neue grüne Grenze erfolgten zahlreiche missglückte und geglückte Fluchtversuche. Auch die symbolträchtige Grenzöffnung des Paneuropäischen Picknicks im August, die sich in eine Massenflucht von DDR-Bürgern verwandelte, blieb im Gedächtnis der Weltöffentlichkeit. Schließlich wurde die Grenze am 10. September gänzlich geöffnet und das Burgenland mit einer enormen Masse an DDR-Flüchtlingen überschwemmt.

Wie dies bewältigt wurde, was die Menschen erlebten, aber auch wie es nach der Grenzöffnung weiterging, wird in dem Buch auf Grund von Zeitzeugenberichten anschaulich erzählt. Für Bachkönig selbst ist das Thema Flucht ein Teil seiner eigenen Familiengeschichte und stellt auch die Motivation zu diesem Buch dar, wie er bei der Buchvorstellung berichtete. Heute wohnt er grenznah im kleinen Örtchen Rust am Neusiedler See, aber seine Großeltern stammten ursprünglich von der anderen Seite, aus Ungarn. Sie wurden 1946 aus dem ungarischen Ort Balf vertrieben, als sie 1949 wieder nach zurückkehren wollten, war der Eiserne Vorhang bereits dicht, sodass sie sich als Fremde in Österreich niederließen.


Geschichte besteht aus Geschichten

Prof. Dr. Ellen Bos, die Prorektorin der Andrássy Universität und Forschungsspezialistin für DDR-Geschichte, zitierte die Rede des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier zur Friedlichen Revolution: „Geschichte besteht aus Geschichten“. Dies wurde zum Leitmotiv des Abends, denn sie trifft äußerst passend auf Bachkönigs Buch zu.

Gegliedert in dreizehn Kapitel beleuchtet das Buch mit Hilfe der verschiedenen Interviews als auch zusätzlichen Erklärungen und Fakten verschiedene Aspekte und Ereignisse. Gleichzeitig liege mit dem Buch, wie auch Frank Spengler von der Konrad Adenauer Stiftung in seiner Begrüßungsrede betonte, „nicht nur ein Geschichtsbuch, sondern eine Denkschrift über Demokratie und Rechtsstaat“ vor. Es kann auch heute noch als Inspirationsquelle für Zivilcourage dienen, denn das Buch verdeutliche, dass „die Menschen in Europa lange auf Freiheit warteten und viele Opfer für sie brachten“.

#

Botschafterin Elisabeth Ellison-Kramer: „Das gemeinsame europäische Haus hat uns Wohlstand und Sicherheit gebracht, und wir sollten am Friedens- und Freiheitsprojekt Europa festhalten.“


Die Geschehnisse von 1989 zeigten, so Bos, dass auch kleine Gruppen, Einzelpersonen und zivile Akteure weitreichende Änderungen erreichen konnten. László Nagy, der damals das Paneuropäische Picknick mitorganisierte, ist hierfür das beste Beispiel und schildert seine persönlichen Eindrücke jenes Sommers. [Mehr über das Paneuropäische Picknick finden Sie im ausführlichen Interview mit László Nagy im BZ Magazin Nr. 29/2019].

Die österreichische Botschafterin Elisabeth Ellison-Kramer betonte, dass das Werk mit seinen über 700 Seiten, 320 Bildern und 53 Interviews einen wertvollen Beitrag zur Historie liefere und ermahnte auch, die Bestrebungen der damaligen Revolution fortzusetzen: „Das gemeinsame europäische Haus“, so Ellison-Kramer, „hat uns Wohlstand und Sicherheit gebracht, und wir sollten am Friedens- und Freiheitsprojekt Europa festhalten.“


Monatelange Rechtslücke

Die Historikerin Dr. Krisztina Slachta, deren Forschungsgebiete das Paneuropäische Picknick und die Geschichte der ungarischen Grenzöffnung umfassen, beleuchtete einige weitere Aspekte der Grenzöffnung. Ein interessantes Detail ist beispielsweise, dass es auf ungarischer Seite eine „monatelange Rechtslücke“ im Umgang mit den DDR-Flüchtlingen gab.

#

Die Gesprächsrunde mit László Nagy, Dr. Krisztina Slachta,Wolfgang Bachkönig und Prof. Dr. Ellen Bos (von links) stellte vor allem fest, wie nützlich Zeitzeugen für die Vermittlung von Geschichtswissen sind.


Ungarn unterzeichnete nämlich am 12. Juni die Genfer Flüchtlingskonvention. Dies geschah eigentlich aufgrund der rumänischen Flüchtlinge, hatte aber große Auswirkungen auf die DDR-Flüchtlinge, da diese nun unter zusätzlichem Schutz standen und nicht mehr in die DDR ausgeliefert wurden. Außerdem teilte Slachta neue Fakten aus ihrer aktuellen Studie mit, der zufolge nicht nur – wie bisher angenommen – neun Todesopfer entlang des ungarischen Teils des Eisernen Vorhangs zu beklagen sind, sondern noch mindestens fünf weitere, die beim Versuch die Donau zu durchschwimmen, ums Leben gekommen sind.


Die Jugend durch Zeitzeugen begeistern!

Vor allem die Jugend kann von diesem Buch profitieren, meint auch László Nagy, der auf seinen Vorträgen immer wieder feststellt, dass sich gerade die heutigen Teenager wieder vermehrt für diese europäischen Umbruchsjahre interessieren. Weniger das Geschichtsbuch oder ein belesener Historiker wären hier richtig am Platze, vielmehr schaffen es eher die lebendigen Berichte der Zeitzeugen, die jüngere Generation in ihren Bann zu ziehen.

#

Auf ungarischer Seite gab es 1989 eine monatelange Rechtslücke bezüglich des Umgangs mit den DDR-Flüchtlingen. (Foto: Polizei Burgenland)


Bachkönig appelliert am Ende des Abends noch einmal an das Publikum im Saal der Andrássy Universität: „Die Freiheit ist neben der Gesundheit das höchste Gut der Menschen. Die Freiheit muss man jeden Tag leben und jeden Tag pflegen! Sonst verwandelt sie sich immer wieder in eine Diktatur.“


Sommer 1989…

… durch den Eisernen Vorhang in die Freiheit

p.p1 {margin: 0.0px 0.0px 0.0px 0.0px; font: 9.0px Times}

Innsalz-Verlag, 2019, 743 Seiten,

gebundenes Buch: 24,50 Euro,

E-Book: 14,90 Euro

#

Konversation

WEITERE AKTUELLE BEITRÄGE
„Freizeitpark der Zukunft“ in Budapest eröffnet

Zeitreisen am Westbahnhof

Geschrieben von Redaktion

Gegenüber dem Budapester Westbahnhof eröffnete letzten November auf 2.000 m2 ein auch in Europa…

Deutsch-ungarische Diskussionsveranstaltung zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Familienfreundlichkeit wird zum Wettbewerbsfaktor

Geschrieben von K.E./E.R.

„Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als gemeinsame Aufgabe von Wirtschaft und Politik“, so…

Konflikt zwischen Fidesz und EVP

Drohgebärden und Friedenssignale

Geschrieben von Boris Kálnoky

Regierungschef Viktor Orbán hielt seine Jahrespressekonferenz. Der Bogen war groß – vom Klimaschutz…