Die Berichterstattung in den ungarischen Medien versprach keine Überraschungen: Im linken Lager hörte man dem „Liberalismus-Kritiker“ Deneen in einer an seinen Aussagen zweifelnden Weise zu, während die regierungsnahen Medien einem Wissenschaftler ihre Ehre bezeugten, der die „liberale Elite“ in Grund und Boden stampft.


Vom Scheitern eines Ideals

Wer das Buch gelesen hat, kann erkennen, dass Deneens Bemühungen Respekt verdienen – selbst wenn er an vielen Stellen übertreibt und sich seine Gedanken ganz sicher nicht eins zu eins auf die Lage in Mitteleuropa und schon gar nicht auf Ungarn adaptieren lassen –, weil er zu verstehen versucht, was zum Scheitern dieses Ideals führte, von dem wir vor zwanzig und erst recht vor dreißig Jahren noch glauben wollten, es sei die entscheidende Triebfeder der Entwicklungen in unserem Umfeld. Selbstverständlich erhielten die ungarischen Verkaufszahlen des Deneen-Buchs Aufwind durch den Umstand, dass Ministerpräsident Viktor Orbán – der das Buch noch in englischer Sprache gelesen hatte – den amerikanischen Wissenschaftler in seinem Büro empfing. Die Meldung von dem Treffen hielt sich bedeckt, einzig Deneen ging in Interviews hier und da auf den Inhalt des Gesprächs ein, indem er ohne jede Ergriffenheit das recht selten anzutreffende politische Interesse an theoretischen Abhandlungen würdigte.

Dabei ist dieses Interesse – wenn man um den Ausgangspunkt des Fidesz und seiner führenden Köpfe sowie ihrer ideellen und politischen Entwicklung weiß – absolut verständlich, denn wen würde nicht eine Beschreibung auf wissenschaftlichem Anspruchsniveau von Prozessen interessieren, an denen man selbst praktisch und gestaltend beteiligt war. Selbst wenn sich jeder im Klaren über die brutal simplifizierte Methodik der politischen Kommunikation ist, sollte im gebildeten Zeitungsleser für Augenblicke der Gedanke aufblitzen, dass hier niemand voll und ganz seine liberale Vergangenheit zu negieren braucht, um sich in seiner bürgerlich-konservativen Haut wohl und heimisch zu fühlen.


Unverwüstlich und unermüdlich

Dabei kann uns das Gedenken an Otto Graf Lambsdorff helfen, der vor zehn Jahren, genau am 5. Dezember 2009 von uns gegangen ist. Der „Graf”, wie er auch häufig genannt wurde, verfolgte als Vorsitzender der bundesdeutschen Liberalen (der FDP) von Beginn an aufs engste die Entwicklung des Fidesz und ganz persönlich jene von Viktor Orbán, während er gleichzeitig auch mit dem liberalen SZDSZ ein gutes Verhältnis unterhielt. Er gehörte zu jener Generation, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte – wobei er ein Bein verlor. Lambsdorff schien unverwüstlich und unermüdlich.

In seinem preußisch diszipliniert organisierten Leben blieb neben der Politik noch Platz, um sich gründlich geschichtlich zu bilden, am öffentlichen Leben der bundesdeutschen Evangelischen Kirche teilzunehmen und den ständigen Kontakt zu den Wirtschaftslenkern zu suchen. Obendrein blieb er seinen adligen Familientraditionen eng verbunden: Die Verbindung seiner Vorfahren mit dem russischen Zarenhof sorgte dafür, dass ihm auch das Schicksal des östlichen Teils Europas am Herzen lag. Sein Liberalismus war somit bei weitem keine auf die Negierung sämtlicher Traditionen und Bindungen gerichtete Auffassung, sondern vielmehr eine Einstellung, die der Entfaltung des freien wirtschaftlichen Wettbewerbs am Markt Raum gibt, gleichzeitig aber der Bewahrung und Neuschöpfung der traditionellen gesellschaftlichen Bande eine große Bedeutung zukommen lässt.


Ein Aufsatz, der die Koalition beendete

Seit 1977 war Lambsdorff Wirtschafts- und Arbeitsminister in der sozialliberalen Koalition der Bundesrepublik, der ausgerechnet ein von ihm im September 1982 geschriebener wirtschaftspolitischer Aufsatz ein Ende bereitete. Darin definierte er die notwendige Konsolidierung des Haushalts, die Stimulierung von Investitionen zur Schaffung von Arbeitsplätzen und das Einfrieren der sozialen Ausgaben als die wichtigsten Punkte, um die Wirtschaft der Bundesrepublik zu beleben und dabei dem von Thatcher und Reagan vorgegebenen Kurs zu folgen.

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Der spätere Fidesz-Vorsitzende Viktor Orbán Anfang der 1990er-Jahre mit seinem politischen „Ziehvater“ Otto Graf Lambsdorff. (Foto: Screenshoot / Fidesz-Youtube)


Weil die Sozialdemokraten nicht bereit waren, dieses neuartige Konzept in der Wirtschaftspolitik mitzutragen, verließen die von den Freien Demokraten gestellten Minister das Kabinett von Helmut Schmidt und öffneten damit den Weg zu 16 Jahren Kanzlerschaft von Helmut Kohl. Der Begriff „Wende” stand bis 1989 für diesen Koalitionsbruch in der bundesdeutschen Politik, denn der christdemokratische Bundeskanzler beschrieb sein Programm als „geistige und moralische Wende“, mit dem offenkundigen Ziel, die von den 68ern in der Gesellschaftspolitik erreichten Veränderungen zurückzudrehen. Man muss sich einmal auf der Zunge zergehen lassen, welchem Programm die Liberalen in der Bundesrepublik – freilich erst nach heftigen internen Debatten – ihren Namen und ihre Unterstützung gaben.


Parteichef im idealen Augenblick

Lambsdorff war ein ausgezeichneter Redner, ein Meister starker Sätze und humorvoller Zwanglosigkeit, einer, der die aktuellen politischen und Wirtschaftsfragen auf eine geradezu faszinierende Art allgemeinverständlich erklären konnte und dabei noch immer eine Anmerkung zu globalen und historischen Zusammenhängen parat hatte. Die FDP wählte den Grafen 1988 – also an der Schwelle zu der von niemandem erahnten weiteren und noch viel größeren Wende – im idealen Augenblick zu ihrem Vorsitzenden. Dazu bedurfte es durchaus Mutes, denn Lambsdorff hatte zu jenem Zeitpunkt bereits den Parteispendenskandal um den Industriellen Flick hinter sich und eine hohe Geldstrafe auf sich geladen. Das bei den Bundestagswahlen 1990 erzielte Ergebnis von 11 Prozent für die Freien Demokraten war jedoch eine glanzvolle Bestätigung des Kurses unter Parteichef Lambsdorff und stattete die Koalitionsregierung unter Bundeskanzler Kohl für die zu Beginn der 90er Jahre anstehenden weitreichenden Entscheidungen mit dem notwendigen Rückhalt aus.

Die Popularität von Lambsdorff als Parteichef schmolz aber rasch dahin, was sich am ehesten damit erklären lässt, dass ihn der gewiefte Taktiker Kohl simpel ausgedrückt aufrieb. So verschwanden die salbungsvollen Versprechungen wirtschaftspolitischer Projekte wie die einer einstelligen Steuer in den neuen Bundesländern schon im Verlauf der Koalitionsverhandlungen in der Versenkung; die FDP konnte noch so viel drohen, letztlich blieb sie doch in der Koalition. Abgesehen vom Kanzler ist auch die Rolle eines Parteikollegen von Lambsdorff nicht unwesentlich in diesem Prozess: Hans-Dietrich Genscher durfte als Vizekanzler und Außenminister die Sternstunden der bundesdeutschen Außenpolitik durchleben. Da muss es nicht verwundern, dass Genscher dieser Rolle nicht einfach so für Konflikte wirtschaftspolitischer Art entsagen wollte.


Wie das Schicksal so spielt

Der unverwüstliche Graf aber blieb auch nach seinem Rücktritt als Parteivorsitzender ein angesehener Akteur der bundesdeutschen und sogar der Weltpolitik. Er hatte ein Gespür für die internationalen Entwicklungen und reiste viel. Auch seine Ungarnbesuche warfen stets einen großen intellektuellen Ertrag ab. Heute, da der Begriff der „christlichen Freiheit“ eine spektakuläre Karriere ansteuert, darf daran erinnert sein, dass der liberale Lambsdorff einer der besonders charismatischen Redner der von der Friedrich Naumann-Stiftung im Februar 1994 ausgerichteten Konferenz „Kirche und moderne Gesellschaft“ war, indem er die Bedeutung des Dienstes der Kirchen in unserer heutigen Zeit hervorhob. Das war zugleich jene Beratung, bei der Viktor Orbán zum ersten Mal vor einer großen Öffentlichkeit vom persönlichen und dem Verhältnis seiner Partei zu den Kirchen sprach.

Lambsdorff verfolgte mit reger Anteilnahme die halbe Wendung des Fidesz, die schon zum Zeitpunkt der Tagung der Liberalen Internationale 1993 in Budapest absehbar war und die sich nach 1994 immer markanter abzeichnete. Er verstand sehr gut den Effekt des Vakuums, das sich nach dem Tod von József Antall im bürgerlich-konservativen Lager herausbildete, und somit das Streben des Fidesz in Richtung der Europäischen Volkspartei. Er verstand diese Entwicklung, ohne sie willkommen zu heißen. Es war eine Enttäuschung für ihn, dass sein persönlicher Zögling nicht mehr die eigene, konservativ-liberale Ausrichtung im Lager der Freiheitlichen stärken wollte, sondern diese hinter sich lassend Ausschau nach neuen Partnern hielt. Es ist das eigenwillige Spiel des Schicksals, dass man heute, in der Beziehungskrise des Fidesz und der Europäischen Volkspartei sehr ähnliche Töne hören kann, die von in Anstand und Würde ergrauten christdemokratischen Staatsmännern geäußert werden.


„Ein Auto braucht keine fünf Räder“

Der Graf stand dem Fidesz jederzeit näher als dem SZDSZ, betrachtete es aber nur als natürlich, dass die ungarischen Mitgliedsparteien der Liberalen Internationale gleichermaßen Beachtung verdienen, weshalb er die Kontakte zu den ungarischen Freien Demokraten genauso pflegte. Zur Zeit der Regierungsbildung 1994 in Ungarn kristallisierten sich dann auch innerhalb der FDP eindeutige Differenzen bezüglich des Rollenverständnisses des SZDSZ heraus. Während Genscher – schon allein aus Loyalität gegenüber seinem früheren Amtskollegen, dem sozialistischen Außenminister Gyula Horn – für einen Koalitionsschluss mit den Sozialisten argumentierte, lehnte Lambsdorff diesen eindeutig ab. Seine Begründung: Ein Auto braucht keine fünf Räder, die Sozialisten könnten nämlich sehr gut alleine regieren. Er machte kein Hehl aus seiner Meinung, dass die Koalition das Ende des SZDSZ bedeuten wird. Und er sollte Recht behalten.

Unter den neuartigen Umständen verstand er die Logik hinter der Strategie des Fidesz zunehmend besser, sein Kontakt zum späteren Ministerpräsidenten riss nie ab. Ja, mehr noch, bereits zwei Tage nach dem Wahlsieg des Fidesz 1998 half Lambsdorff in Bonn bei der Kontaktanbahnung mit führenden Vertretern der deutschen Wirtschaft – obwohl er doch nur zu gut wusste, dass der wichtigste politische Gesprächspartner für Viktor Orbán von da an Bundeskanzler Helmut Kohl war. Auch in den darauffolgenden Jahren besuchte er Ungarn regelmäßig.

Bei einer solchen Reise suchte Lambsdorff die Kirche der Deutschsprachigen Reformierten Gemeinde in der Hold utca auf, deren Gebäude damals noch als Requisitenlager des Ungarischen Fernsehens herhalten musste. Als er aus dem mit Kleidungsstücken vollgestopften, im Inneren vollkommen entweihten Gebäude hinaustretend auf das frisch renovierte Bankgebäude auf der anderen Straßenseite blickte, sagte er kurz und bündig: „Es kann nicht sein, dass der Tempel des Geldes erneuert ist, während die Kirche Gottes noch immer in Trümmern liegt.“ Dieser eine Satz reichte aus, um die in Ungarn angesiedelten deutschen Großunternehmen zur großzügigen Unterstützung des Wiederaufbaus der Kirche zu veranlassen.


Der einzige ausländische Gast

Lambsdorff war keinesfalls unkritisch mit der ersten Orbán-Regierung, und auch in der ab 2002 folgenden Oppositionszeit des Fidesz blieb er nicht stumm, vor allem, wenn er von Seiten einiger seiner Spitzenpolitiker Aussagen vernahm, die dem Radikalismus vorbauten. Gleichzeitig betrachtete er die Wirtschaftspolitik der sozialistisch-liberalen Regierungen als fatal und bezeichnete die Ereignisse von 2006 als den Tiefpunkt der Nachwendezeit. Auch darin hatte er wieder Recht.

Sein achtzigster Geburtstag wurde zu einer großartigen Feier, denn seine weitreichenden internationalen Kontakte bekundeten Respekt vor seinem Lebenswerk, das noch im betagten Alter um eine Vereinbarung unter seiner Federführung zwischen den Repräsentanten der deutschen Industrie und den Nachfahren der Opfer des Holocaust gemehrt wurde. Bis zu seinem Tode besuchte er jedes Jahr für jeweils eine Woche die Vereinigten Staaten von Amerika und Russland, regelmäßig empfing er aktive Persönlichkeiten der Weltpolitik. Nach seinem unerwarteten Tod nahmen die Menschen im Brandenburger Dom, der ihm zutiefst ans Herz gewachsen war, Abschied von Lambsdorff. Es war jener Ort, der ihm in seinen Jahren als Gymnasiast eine Heimstatt bot und dessen Erhalt er während der Zeit der DDR regelmäßig unterstützte. In seinem Testament bat er, auf eine staatliche Beerdigung und Reden an seinem Grab zu verzichten; einzig der Pfarrer sollte für sein Leben Dank sagen. An der aller protokollarischen Vorgaben entbehrenden Trauerfreier, zu der keine gesonderten Einladungen hinausgingen, nahm die komplette Spitze der bundesdeutschen Politik und Wirtschaft teil. Der einzige ausländische Gast war Viktor Orbán.


Papst-Foto und Bismarck-Portrait

Es muss um die Jahreswende 1993/94 gewesen sein, als ich mit einer Delegation, die von der Naumann-Stiftung organisiert wurde, zusammen mit dem SZDSZ-Politiker Gábor Kuncze das Büro von Otto Graf Lambsdorff in Bonn besuchte. An den mit Bildern gepflasterten Wänden hing direkt über dem Eingang ein Foto, auf dem der Graf gerade Papst Johannes Paul II. die Hand reicht. Hinter dem Schreibtisch von Lambsdorff war wiederum ein überlebensgroßes Bismarck-Portrait zu sehen. Der SZDSZ-Politiker konnte seine Verwunderung kaum verbergen. Nachdem wir das Büro verlassen hatten, sagte Kuncze mit Hinweis auf diese Bilder und die Gründerväter seiner Partei: „Also mir haben sie etwas ganz anderes über den Liberalismus erzählt.”

Heutzutage wird viel über den Liberalismus geäußert. Für eine unverklärte Sicht der Dinge wäre es aber bestimmt nicht verkehrt, wenn der amerikanische Wissenschaftler sowohl die im Moment eher schwach aufgestellten deutschen Freien Demokraten, als auch die das Wort „liberal“ als Schimpfwort verwendenden ungarischen Politiker an das Vermächtnis von Graf Lambsdorff erinnern würde. Das würde sicher zu einer besseren ideologischen Klarsicht beitragen, und vielleicht sogar beim praktischen Politisieren helfen.


Das Essay erschien zuerst auf valaszonline.hu. Aus dem Ungarischen von Rainer Ackermann.

Der Autor war ungarischer Botschafter in Berlin und Bern, ist Leiter der Otto von Habsburg-Stiftung sowie Direktor des Instituts für strategische Studien an der Budapester Verwaltungsuniversität.

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