Organisiert wurde die Veranstaltung von der Hanns-Seidel-Stiftung, dem Danube Institute und dem Institut für Strategische Studien der Nationalen Verwaltungsuniversität, in dessen Széchenyi-Festsaal sie auch stattfand. Als Titel hatten sich die Veranstalter die Fragestellung gewählt: „Wunder oder Notwendigkeit?“ Um es gleich vorwegzunehmen: Keiner der Redner versuchte, den Fall der Berliner Mauer als Wunder zu beschreiben, sondern eher als Ergebnis diverser Triebkräfte, die wiederum eine Reihe mehr oder weniger notwendig eintretender Ereignisse auslösten.

Wie ein Wunder wurde es von den Konferenzteilnehmern lediglich wahrgenommen, dass der CSU-Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber, obgleich sein Lufthansa-Flug am Vormittag des Konferenztages wegen Streiks gestrichen worden war, dennoch bei der Konferenz als Redner auftreten konnte – wenn auch mit einigen Stunden Verzögerung.


Unterschiedliche Triebkräfte

Unterschiede machten die Referenten lediglich hinsichtlich der Art dieser Triebkräfte und ihrer Gewichtung. Dabei gaben einige den anonymen Volksmassen den Vorrang, während andere die überragende Rolle von verschiedenen, liberaler gesinnten kommunistischen Machthabern betonten. Einige hielten gar den Sieg des Westens – also vor allem den der USA – beim Rüstungswettlauf für den entscheidenden Faktor. Dadurch sei die Wirtschaft im Ostblock derart lädiert worden, dass sich dies immer negativer in den Lebensbedingungen der Bevölkerung im kommunistischen Machtbereich niedergeschlagen habe und sie dieses Leben am Ende nicht mehr weiterführen wollte.

Auch Gergely Prőhle, der als Leiter des zuvor erwähnten Instituts wesentlich für die Organisation der Veranstaltung mitverantwortlich war, ließ bereits in seiner Eröffnungsansprache durchblicken, dass die Annahme eines „Wunders“ im Titel der Veranstaltung eher ein rhetorischer Kniff, denn eine ernsthafte Behauptung war. „Von einem Wunder zu sprechen, wäre doch leicht übertrieben.“ Vielmehr sei es um gewisse ökonomische und vor allem gesellschaftliche Prozesse gegangen, von denen die Entscheidungsträger einfach keine Kenntnis nahmen, und zwar weder auf der einen noch auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs. Mit der Konferenz wollte man der Frage auf die Spur kommen, warum die Veränderung damals so plötzlich und so überraschend erschien. „Wir möchten aber auch erkunden, wie man unter den heutigen gesellschaftlichen und politischen Veränderungen vermeidet, dass die Entscheidungsträger nur nach den eigenen Vorstellungen und in eigener Engstirnigkeit handeln, ohne die realen Abläufe zu berücksichtigen“, schlug Prőhle einen Bogen in die Gegenwart.


„Große, große Dankbarkeit“

Nach den Eröffnungsansprachen der anderen Organisatoren und eines Referats von Imre Kónya, einem wesentlichen Exponenten der friedlichen ungarischen Wende, gehörte dem deutschen Historiker Hubertus Knabe das Wort. Seine frei vorgetragene Rede war gleichermaßen von persönlichem Erleben, intellektueller Durchdringung und emotionaler Betroffenheit getragen.

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Historiker Hubertus Knabe:„Ich schäme ich mich für die deutsche Berichterstattung über Ungarn.“


Eingangs zeigte sich Knabe tief beeindruckt von der Entwicklung des Gebiets rund um die neue Universität. Ende der 1980er Jahre hatte Knabe in Budapest gelebt. Wo einstmals nur Schmutz und Verkehr gewesen seien, erinnerte er sich, habe sich nun ein „lebendiges Viertel“ entwickelt. Und wenn man ihn heute frage, ob der Systemwechsel auch Nachteile mit sich gebracht habe, käme ihm lediglich die Änderung der Straßennamen in den Sinn. Als Beispiel erwähnte er den heutigen Oktogon-Platz, der – in Erinnerung an die Machtübernahme durch die kommunistischen Bolschewiki in Russland – jahrzehntelang den Namen „Platz des 7. November“ trug. Allerdings, betonte Knabe mit einem Augenzwinkern, würde er diese Änderung sehr gerne in Kauf nehmen.

In seiner langsam und fast schon bedächtig vorgetragenen Rede würdigte Knabe die Ereignisse, die schließlich zur Befreiung von der „sowjetischen Schreckensherrschaft“ geführt hätten. Wenn er nach 30 Jahren als Deutscher auf die friedliche Revolution zurückblicke, dann sei er als erstes von „großer, großer Dankbarkeit“ erfüllt, dass dieses „diktatorische Regime endlich gestürzt werden konnte“. Hier zitierte Knabe den von der DDR ausgebürgerten Liedermacher Wolf Biermann: „Für die Welt war es nur ein Seufzer. Aber alle meine schöne Zeit.“

Dabei betonte Knabe mit eindringlichen Worten, dass man eben sein Leben nicht noch einmal leben könne, wenn man im Kommunismus geboren worden sei: wenn man kein Abitur machen durfte, wenn man nicht studieren durfte, wenn man seinen eigenen Lebensentwurf nicht entwickeln durfte. Aus diesem Grund, wiederholte Knabe, sei er äußerst „dankbar, dass dieses Regime vor 30 Jahren gestürzt wurde“.


Stockholmsyndrom

Als Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen habe er sehr viele Menschen kennengelernt, die nachhaltig von dem Regime beschädigt worden seien, „denen Jahre ihres Lebens gestohlen und die durch die mit deutscher Perfektion durchgeführten Verhöre zerbrochen wurden“. Knabe beschrieb, dass die Vernehmungsmethoden so ausgefeilt gewesen waren, dass die Opfer schließlich das sagten, was die Folterer hören wollten.

Der Historiker ging aber auch auf die psychologischen Folgen dieser Methoden ein. „Diese Traumatisierung werfen Sie nicht so einfach ab“, erklärte er und verwies auf das „Stockholmsyndrom“. Dabei bauen die Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern auf. Dasselbe Phänomen sei bei vielen Menschen der DDR zu beobachten gewesen, die ihren Frieden mit denen geschlossen hätten, von denen „sie nicht herausgelassen worden seien“. „Sie konnten es nur ertragen“, erklärte Knabe, „wenn sie die ganze Situation bejahen.“


Eine geteilte Familie

Große Dankbarkeit äußerte Knabe auch für das Ende der deutschen Teilung, um anschließend auf eine sehr berührende Weise auf das persönliche Schicksal seiner eigenen „geteilten“ Familie einzugehen. „Ich habe das Jahrzehnte lang miterlebt“, erklärte er, während der ganze Saal gebannt zuhörte. Wenn er seine Tante oder seinen Opa in Ostdeutschland besuchen wollte, mussten sie ein Visum beantragen. Wenn er seine damalige Freundin in Ostberlin besuchen wollte, habe er um Mitternacht wieder ausreisen müssen. Knabe erinnerte sich auch an die Zeit, da er ein Einreiseverbot hatte und ohnmächtig vor der verschlossenen Grenze an der Bornholmer Straße stand. Die Teilung habe so viele Menschen traumatisiert und bis in die Gegenwart zerstört.

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Historikerin Mária Schmidt:„Wir sollten nicht so tun, als hätten wir die Freiheit geschenkt bekommen.“


Als Knabe dann am 10. November zur Mauer ging, seien ihm plötzlich Tausende von Menschen entgegengekommen – ein ganz unwirklicher Moment. Dabei sei er praktisch der einzige gewesen, der in die andere Richtung ging, nach Jahren des Einreiseverbots.

Akt der Zivilcourage

Schließlich kam Knabe auf Europa zu sprechen und drückte seine große Erleichterung für die „Wiedervereinigung Europas“ aus. In diesem Zusammenhang erinnerte er sich daran, wie umständlich es vorher war, nach Budapest zu fahren. Dass man heute ohne Kontrollen nach Budapest reisen könne, sei ein riesiger Gewinn.

Dankbar sei er auch denjenigen, die all dies möglich gemacht hätten: Die ostdeutschen Bürgerrechtler, die sich „unter großem Risiko im Schutzraum der Kirchen trafen, diskutierten, Pläne schmiedeten und sich für die Freiheit eingesetzt haben. Diese wurden dann plötzlich im Herbst 1989 zum Kristallisationskern einer neuen Opposition.“ Eine Opposition, wie Knabe betonte, die es rein theoretisch im Sozialismus gar nicht geben durfte, weil doch der Sozialismus angeblich für das Volk und mit dem Volk Politik machte.

Knabe würdigte aber auch die Menschen, die „mit ihren Füßen abgestimmt haben“, indem sie „ihrem“ Staat den Rücken kehrten. In diesem Zusammenhang erinnerte er an Axel Hartmann, den damaligen Leiter der Konsularabteilung der Botschaft der Bundesrepublik in Budapest, der – ganz entgegen den Vorschriften – hunderten DDR-Bürgern, die im Botschaftsgebäude Asyl gesucht hatten, westdeutsche Pässe ausstellte und ihnen somit zur Flucht verhalf. Für Hubertus Knabe sei dies ein authentischer Akt der Zivilcourage gewesen. Er kritisierte, dass es in der Bundesrepublik bis jetzt versäumt wurde, Hartmann dafür entsprechend zu ehren.

„Ohne die Öffnung der Grenze in Ungarn im Sommer 1989“, sagte Knabe, „wäre das SED-Regime nicht so schnell zusammengebrochen, wie es dann tatsächlich der Fall war. Deswegen“, sagte er nach einer kurzen betonten Pause, „schäme ich mich für die deutsche Berichterstattung über Ungarn, die in den letzten Jahren eigentlich nur noch aus Negativartikeln besteht.“ Man müsse „schon fast erstaunt sein“, dass sich die deutsche Bundeskanzlerin mit dem ungarischen Ministerpräsidenten zum dreißigsten Jahrestag der Grenzöffnung getroffen habe.


Michail Gorbatschow und Helmut Kohl

In seinem Vortrag ging Knabe auch auf Michail Gorbatschow ein, der in deutschen Schulbüchern als Held glorifiziert werde. Es stimme zwar, dass Gorbatschow den Einsatz von Waffengewalt untersagt habe. Knabe musste allerdings zugeben, dass sich seine Dankbarkeit, dass man die Waffen nicht gegen eine demokratische Volksbewegung eingesetzt habe, doch in Grenzen halte. Die wahren Helden seien für ihn jedenfalls andere.

Anschließend kam er auf Helmut Kohl zu sprechen, der die Wiedervereinigung konkret umgesetzt habe, indem er zwischen Bush, Mitterand, Thatcher, Gorbatschow und den anderen „Vertrauen stiftete“. „Ich würde mir wünschen“, betonte Knabe, „wenn Deutschland in dieser Beziehung einiges von Helmut Kohl wiederentdecken würde.“


Kein wirklicher Elitenwechsel

Der plötzliche Sturz von scheinbar „unstürzbaren Diktaturen“ innerhalb weniger Wochen gebe Kraft für zukünftige Herausforderungen. Andererseits sei er auch skeptischer geworden, ob die Menschen wirklich fähig seien, aus der Geschichte zu lernen. „Die Täter sind nicht bestraft worden“, stellte er etwas resigniert fest. „Von der riesigen Zahl an Ermittlungsverfahren, die in Deutschland gegen ehemalige Täter eingeleitet wurden, endeten bisher nur etwa 40 mit einer Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe.“ Knabe kommt zu dem Schluss: „Der Elitenwechsel hat nicht wirklich funktioniert.“ Parallel dazu gebe es bis heute keine angemessene Würdigung der Opfer.

Dafür aber ganz andere Dinge. Er selbst habe lange mit der Stasiunterlagenbehörde über die Tatsache gestritten, dass man ausgerechnet am Einlass Stasileute platzierte. Leute, die ihre Akten einsehen wollten, mussten an ihnen vorbei. „Die verstehen was von Sicherheit“, habe man ihm als Begründung mitgeteilt. „Inzwischen“, sagte Knabe betroffen, „ist es fast so, als ob man sich für derlei Nachfragen schon rechtfertigen müsste!“

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CSU-Ehrenvorsitzender Edmund Stoiber:„Es kommt immer auf den Mut an, Dinge anzupacken, die mit einem Risiko verbunden sind.“ (Foto: MTI / Attila Kovács)

In diesem Zusammenhang erwähnte er auch einen Beitrag des Deutschlandfunks mit dem Titel „Die DDR neu erzählen“, in dem man sich darüber empörte, dass in der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen ausschließlich Opfer über die DDR sprechen würden. Da müssten doch auch andere reden. „Würden wir so auch gegenüber rechten Diktaturen vorgehen?“ – fragte Knabe. Wenn man dies verneinen würde, dann müsse es doch eine gewisse „Affinität gegenüber dieser linken Diktatur geben, die sich immer wieder an bestimmtem Punkten kristallisiere.“

Als weiteres Beispiel erwähnte er die Feier zum 200. Geburtstag von Karl Marx in dessen Heimatstadt Trier. Dort habe es Fußgängerampeln mit Karl Marx gegeben, ein Karl-Marx-Brot für 2,55 Euro, eine riesige Ausstellung mit dem Titel „Leben, Werk, Zeit“. Als er die Veranstalter nach den Folgen des Marxismus fragte, habe man ihm geantwortet, dass dies am Thema der Ausstellung vorbei gehe. „Das Highlight war“, fügte Knabe hinzu, „dass sich die Stadt Trier, die Geburtsstadt von Karl Marx, von chinesischen Kommunisten eine fünf Meter hohe Karl Marx-Statue mitten in die Innenstadt hat stellen lassen.“

Gegen das Vergessen

Dass manches wieder in Mode komme, was er von damals her nur allzu gut kenne, mache Knabe besonders Sorge. „Da wird in Berlin nach Enteignungen gerufen“, sagte er. „Man will staatliche Mieten festlegen wie in der DDR, Fridays for Future-Anhänger skandieren vor dem Reichstag: Capitalism kills!“ Leider sei den jungen Leuten in der Schule nicht beigebracht worden, dass der „größte Klimakiller“ ausgerechnet die DDR gewesen sei.

Knabe kam zu dem Schluss, dass die Geschichte nicht wirklich in den Köpfen und Herzen der Menschen angekommen sei. „Und das ist“, fügte er hinzu „mein einsamer Kampf, aber ich habe ja gute Freunde in Ungarn, die mir dabei mithelfen, diesem Vergessen entgegenzuwirken.“ Letztendlich gehe es darum, „uns alle davor zu bewahren, dass es noch einmal ein solches Regime in Deutschland oder sonst wo auf der Welt gibt.“

Als Gergely Prőhle im Anschluss an den Vortrag fragte, wie es in Deutschland zu einer solchen Amnesie habe kommen können, antwortete Knabe nachdenklich, dass linke Diktaturen in Deutschland wohlwollender betrachtet würden als rechte. Vielleicht sei das eine Folge des Nationalsozialismus. Knabe betonte, dass dies schon vor dem Mauerfall zu beobachten war. Wer heutzutage in Deutschland den Sozialismus kritisiere, werde als Rechter diffamiert. Wer die DDR kritisiere, dem werde mangelnde Objektivität vorgeworfen. Man würde sogar ein altes Argument wieder reaktivieren, demzufolge man die DDR nur „immanent kritisieren“ dürfe, also nach ihren eigenen Maßstäben.


Die Saat geht wieder auf

Im Vergleich zur „Qualität linker Ideologien“ seien die rechten, darwinistisch geprägten Ideologien nicht „besonders attraktiv“, erklärte Knabe. Die linken Ideologien würden dagegen das „Paradies auf Erden“ versprechen. Der Kampf gegen die Profitgier der Individuen und der Konzerne treffe nun einmal auf recht große Unterstützung.

Diese Tradition gebe es seit den 1960er Jahren. Viele der heute tonangebenden Journalisten und Lehrer seien in ihrer Jugend eindeutig linksradikal gewesen. Es liege in der Natur des Menschen, dass er seine politische Prägung erhalte, während er jung sei. Linke Ideen und auch der Sozialismus als solcher, meinte Hubertus Knabe, seien immer noch positive Utopien. Letztendlich werde, da die Irrtümer der linken Einstellungen im Westen nicht aufgearbeitet würden, „die alte Saat heute wieder fruchtbar.“


„Nationale Befreiungskämpfe“.

Im weiteren Verlauf der Konferenz würdigte die ungarische Historikerin Mária Schmidt mit Blick auf die Ereignisse von vor 30 Jahren die Rolle des nationalen Elements und der Kraft der Nationen. Für sie sei der Zusammenbrauch des Ostblock ganz wesentlich ein Ergebnis „nationaler Befreiungskämpfe“.

Die Historikerin sprach sich auch entschieden gegen die Formulierung vom „Fall der Mauer“ und Ähnlichem aus. „Die Mauer und der Eiserne Vorhang sind nicht einfach nur umgefallen. Sie wurden von den Menschen zerstört“, unterstrich Schmidt. „Wir sollten nicht so tun, als hätten wir die Freiheit quasi wie ein Geschenk bekommen“, appellierte sie an die Zuhörer. „Wir sollten stolz auf unsere damaligen Leistungen sein“, meinte die Historikerin.

Sie vermisse aber nicht nur diesen Stolz, sondern auch einen angemessenen Respekt gegenüber den damals positiv handelnden Politikern. Konkret sprach sie an, dass es im Gegensatz zu Budapest bis heute in Berlin auf keinem öffentlichen Platz eine Statue zur Erinnerung an Ronald Reagan gibt. (Nachdem entsprechende Initiativen von Seiten der USA immer wieder ins Leere liefen, wurde schließlich in der vergangenen Woche auf der gleichnamigen Terrasse der Berliner US-Botschaft, also auf exterritorialem, nicht-öffentlichem Gebiet eine Statue von Reagan eingeweiht. Anmerkung / JM) Weiterhin kritisierte Schmidt, dass in Deutschland die Erinnerung an Helmut Kohl, den „Kanzler der deutschen Einheit“, immer mehr in den Hintergrund gedrängt würde. „Das Ansehen von Helmut Kohl ist in Ungarn inzwischen größer als in seiner Heimat“, mutmaßte die Historikerin.


„Europa der Nationen“

Zum Abschluss des ersten Konferenztages gab es dann noch eine, ursprünglich für den Anfang geplante, etwa dreiviertelstündige Rede des CSU-Ehrenvorsitzenden Edmund Stoiber. Eingangs berührte er darin die wichtigsten Stationen, die zum Fall des Eisernen Vorhangs führten. Er begann beim 17. Juni 1953 und setzte bei der Aufzählung mit dem Freiheitskampf der Ungarn von 1956 fort. Besonders widmete er sich dann natürlich den Ereignissen, bei denen er persönlich zugegen war. So etwa einem Gespräch zwischen dem sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow und dem damaligen bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. „Den Kommunismus mit Glasnost und Perestroika modernisieren zu wollen, sei, als wolle man Schneebälle rösten“, soll Strauß dabei Gorbatschow ins Gesicht gesagt haben.

Die CSU sei unter allen deutschen Parteien immer am intensivsten für die deutsche Einheit eingetreten. So habe etwa Strauß ungeachtet aller Angriffe auch stets gegen den Grundlagenvertrag Stellung bezogen. „Es kommt immer auf den Mut an, Dinge anzupacken, die mit einem Risiko verbunden sind“, würdigte Stoiber.

Bezüglich der Zukunft der EU sprach er sich für ein „Europa der Nationen“ aus. Ein Vergleich mit den USA könne nicht gezogen werden, da es sich bei den Teilstaaten der USA um relativ junge Staaten mit einer ähnlichen Entwicklungsgeschichte handeln würde. Das sei in Europa mit seinen jahrhundertealten Nationalstaaten anders. Die Europäische Union könne daher nicht gegen die Nationen, sondern nur mit ihnen errichtet werden, schloss er.

Hubertus Knabe wurde 1959 in Unna, Westfalen geboren. Er forschte in Budapest (1983-85), bevor er als Dozent an der Universität Bremen tätig wurde. 1988 war er Studienleiter der Evangelischen Akademie Berlin (West) und Anfang der 1990er DAAD-Lektor an der Universität Ljubljana in Slowenien. Von 1992 bis 2000 arbeitete Knabe in der Forschungsabteilung des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU). Von 2000 bis 2018 war er Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Ende 2018 wurde Knabe unter ominösen Umständen entlassen – „verfassungswidrig“, wie der CDU-Abgeordnete Arnold Vaatz befand. Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats der zuständigen Stiftung bezeichneten Knabes Kündigung in einem offenen Protestbrief als eine „politische Strafaktion“. Sie erklärten die Kündigung aus politischen Interessen der CDU an einer Zusammenarbeit mit der Linkspartei. Nachdem Knabe vergeblich versucht hatte, bei einer bundesdeutschen Universität eine Anstellung zu finden, wurde er in diesem Frühjahr beim Budapester Institut des XXI. Jahrhunderts unter Vertrag genommen.

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