Am 21. Oktober 1982, also zu Zeiten, als im kommunistischen Ungarn noch gar nicht an eine Wende zu denken war und sich alle Gastronomiebetriebe fest in staatlicher Hand befanden, eröffneten Ilona und Péter Zsidai ihr erstes eigenes Restaurant. Dabei stieß das für damalige Verhältnisse ausgesprochen viel gereiste Unternehmerpaar fast zufällig auf ihr Glück. Bei einem Spaziergang im Burgviertel entdeckten die beiden im Tourismus- und Gastgewerbe tätigen Ungarn die zur Vermietung ausgeschriebenen Räumlichkeiten in der Fortuna utca. Eben jene Schicksalsgöttin muss wohl auch bei der Genehmigung für die Eröffnung des gastronomischen Lokals durch die Behörden ihr Händchen im Spiel gehabt haben. Denn ein privates Unternehmen wie dieses war im damaligen Ungarn ein absolutes Novum.


Eine Insel im kommunistischen Ungarn

So kam es auch, dass das Café Pierrot mit seinem mondän kontinentaleuropäischen Flair schnell zum Stammlokal der Künstler und Diplomaten aufstieg. „Überraschenderweise hat sich die Staatssicherheit jedoch niemals für uns interessiert. Wir waren eine Art Insel“, erinnert sich Ilona Zsidai zurück. Sie ergänzt: „Ein englischer Reiseführer schrieb damals über uns: ‚Das Pierrot ist eine Enklave im Herzen des mitteleuropäischen Kommunismus mit einer friedliche Atmosphäre und einem schwarzen Klavier.‘ Und so war das auch.“

Aus dem ursprünglichen Café- und Barlokal entwickelte sich nach der Wende ein florierendes Restaurant, das trotz seiner kompakten Küche eine abwechslungsreiche und anspruchsvolle Auswahl an Speisen bot und in dem Ungarn und Ausländer gleichermaßen zusammenkamen. Einen ähnlich guten Riecher für die Wünsche eines globalen Publikums bewies auch Sohn Roy Zsidai, unter dessen Ägide das Familienunternehmen nach 2007 massiv expandierte und der mit Neueröffnungen 2017 und 2018 sogar den Sprung in andere europäische Märkte wagte.

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Ilona Zsidai am Eröffnungstag.

Elegantes Ambiente in historischer Umgebung

Während die in der letzten Dekade eröffneten Zsidai-Restaurants sich vor allem durch ein hippes, zum Teil exzentrisches Interieur auszeichnen, mit dem sie innerhalb des gastronomischen Zeitgeists in Budapest durchaus Akzente setzen, ist das Pierrot noch immer ein sicherer Hafen für Fans klassischer Eleganz. Situiert in einem aus dem 13. Jahrhundert stammenden Gebäude, in dem sich ehemals eine große Bäckerei befand, hat sich das Lokal mit seinen gewölbeartigen Räumen, dem zum Teil nackten Mauerwerk und dem Holzdielenboden einen gewissen historischen Charme erhalten. Das schlichte Mobiliar besteht aus stets mit weißen Tischdecken versehenen Holztischen und roten Lederpolstern.

Bis heute hat sich das erste Lokal der Zsidai-Unternehmensgruppe seine Anziehungskraft beim internationalen Publikum bewahrt. Davon zeugen auch die vielen signierten Fotos an den Wänden des Pierrots, die zahlreiche Weltstars zeigen, die dem Restaurant bereits einen Besuch abgestattet haben. Darunter etwa Schauspiellegenden Christopher Plummer, Roger Moore und Robert De Niro, Musiker der Bands AC/DC, Depeche Mode und Deep Purple sowie der ehemalige Formel-1-Geschäftsführer Bernie Ecclestone.

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Von klassisch ungarisch bis international

Auch die von Chefkoch Lajos Lutz ausgearbeitete Speisekarte richtet sich verstärkt an ein Publikum aus aller Welt. Sie glänzt daher sowohl mit internationalen als auch ungarischen Spezialitäten. Insbesondere bei Letzteren bemüht sich Lutz über die üblichen Touristenschlager hinauszugehen. Natürlich dürfen eine Entenleber-Vorspeise oder eine Gulaschsuppe auch hier nicht fehlen, allerdings wird Letztere im Pierrot statt mit Rind mit Wild zubereitet. Auf dem aktuellen Herbstmenü stehen zudem confierte Schweinebäckchen, in Blätterteig gebackene Entenkeule sowie Wildbret-Lende zu Kürbisgemüse. Wer es etwas leichter mag, ist dagegen mit der Lachsforelle, dem Rote-Beete-Risotto oder den Kürbisravioli gut beraten.

Trüffelliebhaber dürften hocherfreut sein, dass alle Gerichte auf Wunsch und gegen Aufpreis auch mit einigen Spänen der aromatischen Knolle verfeinert werden können.

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Wer nach einem üppigen Hauptgang noch Raum für ein Dessert hat, sollte sich keinesfalls das Schokoladenfondant mit seiner delikaten Haselnussnote entgehen lassen. Besonders stolz ist das Lokal jedoch auf seine Auswahl ungarischer Käse, zu denen es nicht etwa einen gereiften Rotwein oder halbtrockenen Weißwein empfiehlt, sondern einen zuckersüßen Tokajer. Eine unerwartete Kombination, die aber doch viele Gaumen positiv überraschen dürfte.


Fazit

Wer nach einem Spaziergang im Burgviertel nach einer Stärkung sucht und dabei auf eine mondäne, aber doch ruhige Atmosphäre Wert legt, der ist im Pierrot genau richtig. Das erste unter den Zsidai-Restaurants strahlt eben jene unaufgeregte Gemütlichkeit aus, die Sie nicht nur für Sonntagsessen mit der Familie, sondern auch für Business Lunches mit Geschäftspartnern zu schätzen wissen werden. Sollte sich der Spätherbst noch einmal von seiner schönen Seite zeigen, lohnt sich auch ein Blick in den zum Teil unter offenen Himmel gelegenen, zum Teil überdachten Hof des Restaurants zu werfen. Dieser ist vor allem während der wärmeren Monate ein idealer Ort für Unternehmens- und Privatveranstaltungen mit 60 bis 70 Personen. Wer nach etwas mehr Intimität und Privatsphäre sucht, sollte bei der Reservierung auf einen Tisch im Hinterzimmer bestehen, in dem man bestens vor neugierigen Blicken geschützt ist.

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Pierrot

Budapest, I. Bezirk, Fortuna utca 14

Öffnungszeiten: täglich von 12 Uhr bis Mitternacht

Reservierungen unter +36-1-375-6971

Weitere Informationen finden Sie auf www.pierrot.hu/

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Preise

Vorspeisen und Suppen: 3.190 bis 5.480 Forint

Hauptgerichte: 4.880 bis 11.620 Forint

Beilagen: 1.620 bis 1.820 Forint

Desserts: 2.320 bis 4.680 Forint

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