Der international erfolgreiche Regisseur Milo Rau sorgt in der Theaterszene immer wieder für Furore und zählt zweifellos zu den wichtigsten zeitgenössischen Theatermachern. Die Stücke seines „Real-Theaters“, wie Alexander Kluge es nannte, sind Erkundungsfeldzüge ins politische Minenfeld der brisantesten und explosivsten Themen neuerer Zeitgeschichte. Für die Produktion seiner Werke begründete er 2007 seine eigene Produktionsgesellschaft, das IIPM – International Institute for Political Murder, das seine Werke international verwertet.

Bereits eines seiner ersten Stücke löste 2010 eine große öffentliche Debatte aus. Anlässlich des 20. Jahrestags re-inszenierte Milo Rau damals anhand von authentischen Videodokumenten und Augenzeugenberichten in „Die letzten Tage der Ceausescus“ detailgetreu den erschütternden Schauprozess und die Aburteilung des rumänischen Ehepaars, die viele Menschen am ersten Weihnachtstag 1989 live im Fernsehen verfolgen konnten. Doch neben dem internationalen Presseecho auf die Inszenierung und der Nominierung zum Berliner Theatertreffen hatte das Stück auch einen Prozess des letzten lebenden Sohnes des Diktatorenpaars gegen das IIPM zur Folge. Dies löste Diskussionen über die Freiheit der Kunst und den Umgang mit Geschichte aus, die sich auch heute noch intensiv über die weiteren Stücke Milo Raus fortsetzen lassen. Milo Raus Stücke sind heiß diskutiert und werden immer wieder im Superlativ als das „Relevanteste“, „Innovativste“, „Politischste“ aber auch als das „Umstrittenste“ gepriesen, was derzeit auf europäischen und internationalen Bühnen zu sehen ist.


Ein Stück über einen Kindermörder von Kindern erzählt

Auch „Five Easy Pieces“ (Uraufführung: 2016 beim Kunstenfestivaldesarts Brüssel) legt den Finger wieder einmal in eine Wunde der europäischen Kultur. Es geht um den Fall des belgischen Kindermörders Marc Dutroux. Milo Rau arbeitete hierfür mit Kinderdarstellern zwischen 8 und 13 Jahren und stellt die Frage, wie man das Leben des Kindermörders mit Kindern auf die Bühne bringen kann.

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Kann man mit Kindern das Leben und Wirken des Kindermörders Marc Dutroux darstellen?


Grundsätzliche ästhetische und theatrale Fragen verbinden sich mit moralischen: Wie können Kinder verstehen, was Erzählen, Einfühlung, Verlust, Unterwerfung, Alter, Enttäuschung und Rebellion bedeuten? Wie können sie es auf der Bühne darstellen? Und was geschieht mit uns selbst, wenn wir sie dabei beobachten? Mit „Five Easy Pieces“ unterzieht das IIPM seine Ästhetik des realistischen Erzähltheaters und der Grausamkeit einer theatralen Untersuchung. Gemeinsam mit dem durch Kinder- und Jugendtheaterproduktionen wie „That Night Follows Day“ (Tim Etchells, 2007) und „Before Your Very Eyes“ (Gob Squad, 2011) europaweit gefeierten Produktionshaus CAMPO fokussiert die Produktion „Five Easy Pieces“ das Leben und die Verbrechen von Marc Dutroux und mit ihm verschiedene Tabus und Schmerzpunkte des privaten wie politischen Lebens.


Kolonialgeschichte Belgiens

In fünf Übungen größter Einfachheit – Kurzszenen und Monologe für die Kamera – schlüpfen die jugendlichen Schauspieler in verschiedene Rollen: die eines Polizeioffiziers, des Vaters von Marc Dutroux, eines der Opfer, der Eltern eines der toten Mädchen. Gemeinsam mit erwachsenen Schauspielern einstudierte Reenactments – eine Tatortbegehung, die Unabhängigkeitserklärung des Kongo, eine Beerdigungszeremonie, eine Szene aus dem Alltag von Marc Dutrouxs Vater – führen sie hin zu ihren Rollen und Schicksalen. Gleichzeitig verwebt Rau die Erzählung mit der Kolonialgeschichte Belgiens.

Übrigens empörten sich belgische Radiohörer über die Ankündigung des Stückes dermaßen, dass sie es bereits vor der Premiere verbieten lassen wollten. Das überwältigte Premierenpublikum hingegen feierte die Inszenierung und seitdem ist sie in über dreißig Ländern auf Tournee. Theaterkritiker Dirk Pilz schrieb in der Berliner Zeitung: „Selten ist Theater derart vielschichtig, ohne belehrend zu werden. Es zeigt die Wirklichkeit wie sie ist – schroff, himmelhoch abgründig, aber nicht unbegreiflich. Das braucht es.“ Die internationale Theaterproduktion bekam 2016 den Spezialpreis der Jury der Belgischen Theaterkritik verliehen und wurde 2017 zum renommierten Berliner Theatertreffen eingeladen.

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„Der Schweizer Milo Rau ist einer der erfolgreichsten und radikalsten politischen Theatermacher unserer Zeit.“ (Foto: IIPM)


Five Easy Pieces

Milo Rau / The International Institute of Political Murder / CAMPO (CH/DE/BE)


Am 1. und 2. November im Trafó – Haus der Zeitgenössischen Künste

Tickets für 3.600 Ft (Studenten 2.900 Ft)

Flämisch mit ungarischer und englischer Übertitelung

Ab 16 Jahren

Weitere Infos und Tickets unter: trafo.hu

Kritiker bezeichnen Milo Rau als den „einflussreichsten“ (Die Zeit), „meist-ausgezeichneten“ (Le Soir), „interessantesten“ (De Standaard) oder „ambitioniertesten“ (The Guardian) Künstler unserer Zeit: Der Schweizer Regisseur, Autor und künstlerischer Leiter des NTGent Milo Rau (*1977). Rau studierte Soziologie, Germanistik und Romanistik in Paris, Berlin und Zürich u. a. bei Pierre Bourdieu und Tzvetan Todorov. Seit 2002 veröffentlichte er über 50 Theaterstücke, Filme, Bücher und Aktionen. Seine Produktionen waren bei allen großen internationalen Festivals zu sehen, darunter das Berliner Theatertreffen, das Festival d'Avignon, die Biennale Venedig, die Wiener Festwochen und das Brüsseler Kunstenfestivaldesarts und tourten auf allen Kontinenten durch über 30 Länder. Rau hat viele Auszeichnungen erhalten, u. a. den Peter-Weiss-Preis 2017, den 3sat-Preis 2017, die Saarbrücker Poetik-Dozentur für Dramatik 2017und 2016 den renommierten ITI-Preis des Welttheatertages. 2017 wurde Milo Rau bei der Kritikerumfrage der Deutschen Bühne zum „Schauspielregisseur des Jahres“gewählt, 2018 erhielt er den Europäischen Theaterpreis, 2019 wurde er zum ersten Ehrendoktor des Theaterdepartments der Lunds Universitet (Schweden) ernannt. Rau ist auch Fernsehkritiker, Dozent und ein überaus produktiver Schriftsteller.

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