Schon von Beginn an war aus Anlass des 100. Jahrestags des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges seitens des zuständigen Komitees eine komplexe, aus mehreren Teilen stehende Ausstellung geplant, erinnert sich Gábor Tallai, der als Kurator mit Márton Békés unter der Leitung der Historikern und Chefkuratorin Mária Schmidt bei der Planung mitwirkte „Es war nie eine Frage, dass wir eine Ausstellung präsentieren wollten, die neue Deutungsversuche unternimmt.“ Im Gegensatz zu vielen europäischen Initiativen wollte man in Ungarn den Akt der Erinnerung nicht nur einfach und schnell hinter sich bringen und dabei eingebranntes und allgegenwärtiges, durch die bis Heute lebendige Nachkriegslogik geprägtes Wissensgut wiederholen, sondern mit frischen Augen und dem Abstand von einem Jahrhundert neue Perspektiven einer Interpretation eröffnen. „Es wäre auch intellektuell einfach unwürdig gewesen die verrosteten Dichotomien einer alten Erzählungsart weiterzuführen und diese ohne neue Erkenntnisse zu wiederholen“, erklärt Tallai den hohen Anspruch der Kuratoren. Die zahlreichen aus Anlass des Zentenariums geschaffenen Ausstellungen in mehreren europäischen Großstädten standen laut Tallai im Zeichen einer als nicht mehr hinterfragbar erklärten, als einzig akzeptabel dargestellten Narrative der einstigen Siegermächte. „Was dort zu sehen war, hat uns nachträglich darin bestätigt, dass wir den Mut gefunden und uns die Zeit genommen hatten, den üblichen Interpretationsrahmen zu verlassen“, resümiert er zufrieden.


Differenzierte Betrachtungsweise

Angetrieben von der Entschlossenheit, neue oder zumindest bisher weniger beachtete Interpretationen darzustellen – „Das schulden wir der neuen Zeit“ –, begann das Ausstellungsteam, geführt von Mária Schmidt, die einzelnen Themen auszuarbeiten. Auf eine differenzierte Betrachtungsweise wurde insbesondere hinsichtlich der wirklichen Ursachen und Triebkräfte des Ersten Weltkrieges Wert gelegt. Außerdem schenkten man der Tatsache eine größere Beachtung, dass das Jahr 1917, als die USA kriegsentscheidend das europäische Schlachtfeld betraten und in Russland die Revolution ausbrach, gleichzeitig die Geburt eines ideologischen Machtkampfes zweier Weltansichten und so die Geburt der bis 1990 existierenden bipolaren Weltordnung markierte.

Wichtig war den Kuratoren weiterhin, auf die „Scheinheiligkeit und Verlogenheit“ der westlichen Demokratien hinzuweisen. „Einerseits schwadronierten deren Vertreter bei jeder Gelegenheit vom Selbstbestimmungsrecht der Nationen, andererseits traten sie es insbesondere bei den Pariser Vorortverträgen brachial mit den Füßen.“ Jenseits aller schöner Lippenbekenntnisse sei es den Westmächten in erster Linie darum gegangen, das traditionell multinationale Mitteleuropa mittels zahlreicher instabiler Staatskonstrukte nachhaltig zu schwächen, um eigene geopolitische Ambitionen noch besser durchsetzen zu können. Dabei habe übrigens nicht nur Frankreich eine besonders unrühmliche Rolle gespielt, sondern – was bislang weit weniger betont wird – auch Großbritannien. Auch auf diese Tatsache wird in der Ausstellung hingewiesen.


Erinnerung an die erfolgreiche Stabilisierung Ungarns

Neben diesen geopolitischen Aspekten wollten die Macher der Ausstellung nach den Worten von Tallai aber auch an die „gewaltige historische Leistung der Stabilisierung Ungarns unter Horthy, Betlen und Teleki“ erinnern. Nachdem sich Ungarn durch die maßlose Strafaktion im Rahmen des Friedensdiktats von Trianon quasi am Boden zerstört wiederfand, habe das Land nach einer neuen Identität gesucht. Erst wurde – wie in so vielen Fällen auf dem Kontinent – erfolglos die Staatsform einer Republik ausprobiert, dann testete das Land ebenso erfolglos und noch dazu sehr blutig die Räterepublik, eine proletarische Diktatur nach dem Vorbild von Sowjet-Russland.

Nach diesen beiden Versuchen und trotz der desolaten Lage des Landes konnte Ungarn danach unter Horthy und seinem Premierminister Betlen jedoch überraschend schnell stabilisiert werden. Während andere Länder in den 1920ern und 1930ern kaum noch zur Ruhe kamen, kehrten in Ungarn recht bald stabile Verhältnisse ein. „Dieser, wenn natürlich nicht fehlerlosen, doch trotzdem großen historischen Leistung wollen wir im Rahmen der Ausstellung ein Denkmal setzen“, unterstreicht Tallai. In diesem Zusammenhang würdigte er gegenüber der Budapester Zeitung auch, dass den damals herrschenden Kräften mit der von Unkundigen häufig belächelten Lösung mit einem „Königreich ohne König“ und der Bezugnahme auf die Heilige Stephans­krone ein „genialer Schachzug“ gelungen sei. Bei einer wie auch immer gearteten Republik wäre nämlich die juristisch-historische Verbindung zu den traditionellen Gebieten des einstigen Ungarischen Königreichs gekappt gewesen. Durch die gewählte neue Staatsform und die identitätsstiftende Kraft der Heiligen Stephanskrone konnte hingegen eine historische und verfassungsbedingte Verbindung zu allen Angehörigen der ungarischen Nation aufrechterhalten werden.


Enge Zusammenarbeit mit Künstlern

Bei der visuellen Umsetzung der historischen Tatsachen, aber auch der damaligen Gefühlslage arbeitete das Kuratorium unter der Leitung von Frau Professor Schmidt eng mit verschiedenen Künstlern zusammen. Zunächst wurde ihnen der Rahmen erläutert und mögliche Ideen für die Gestaltung der einzelnen Räume vorgeschlagen. Anschließend machten sich die Künstler an die Ausarbeitung von Entwürfen, die dann über mehrere Konsultationsrunden gemeinsam mit den Kuratoren sukzessive bis zur Endreife weiterentwickelt wurden. „Bevor die endgültigen Entwürfe fertig waren, gab es viele Runden, große Diskussionen, aber so läuft es nunmal“, erinnert sich Tallai an diese Arbeit. Für die künstlerische Gestaltung der ersten beiden Teile der Ausstellung war Attila F. Kovács verantwortlich, für den dritten Anett Ficzere.

Die Ausstellung wurde zunächst nicht als Daueraustellung konzipiert. Mit Blick auf die gewaltige investierte Arbeit, ihre neuartigen, relevanten Inhalte und die Tatsache, dass Räumlichkeiten und Ausstellung letztlich eine so ideale Symbiose eingehen, rechnet Tallai jetzt allerdings damit, dass die Ausstellung noch einige Jahre lang im Burggartenbasar zu sehen sein wird.

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