Noch heute werden die Ereignisse um den Ersten Weltkrieg allzu oft einfach als ein Ringen zwischen Gut und Böse beschrieben. So wie der gleichnamige Essay der Historikerin Mária Schmidt unternimmt die Ausstellung jedoch den Versuch, den tieferen Ursachen der europäischen Urkatastrophe auf den Grund zu gehen.

Abschied von der alten Welt

Während man den ersten Raum betritt, schaut man zu einem auf einem Pferd sitzenden Husaren in blau-roter Uniform hinauf. Hinter ihm eine Wand voller Postkarten aus einer Zeit, in der der Krieg noch als romantisches Abenteuer betrachtet wurde – ein buntes Kaleidoskop aus Kameradschaft und Heroismus, Patriotismus und Opferbereitschaft. Dramatische Musik, blauer Himmel… Man sollte sich Zeit nehmen, die Installationen auf sich wirken lassen…, wie in einer von Symbolen erfüllten Traumkulisse…

In einer Vitrine sieht man dann auf einem Foto des Attentäters Gavrilo Princip einen alten Revolver: den Auslöser des „europäischen Bruderkrieges“, nicht die Ursache. Dreht man sich wieder um, sieht man vor dem Hintergrund des blauen Himmels, wie die Postkarten davonfliegen und sich der Himmel verdüstert. Schon hier findet der Übergang statt von der alten in die neue Welt.

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Die geopolitischen Ambitionen der Kriegsherren wurden auf dem Rücken der Frontsoldaten verwirklicht, von denen viele dafür mit ihrem Leben bezahlten.

Ein weiterer Soldat erscheint vor einer zerbombten Landschaft. Wie er selbst trägt auch sein Pferd eine Gasmaske. Alles ist grau, schmutzig und deprimierend – „die Zeit des vom Individuum losgelösten und mechanisierten Blutvergießens war angebrochen“, schreibt Mária Schmidt. „Die bunten Paradeuniformen der Soldaten der Doppelmonarchie wurden gegen ein Feldgrau eingetauscht, Lanzen und Säbel gegen Gasmaske und Maschinengewehr.“ Zusehends wurden automatische Waffen eingesetzt, das Morden verlor seinen individuellen Charakter, es wurde anonym.

Nun begannen die Materialschlachten des modernen Industriezeitalters unter Einsatz sämtlicher Errungenschaften der modernen Zeit: Telefon, Fernschreiber, Radio, Tanks, Flugzeuge, Automobile, Motorräder, U-Boote und Chlorgas. „Millionen von bis an die Zähne bewaffneten Menschen wurden zu einem Dasein gleich den Maulwürfen genötigt: In ihre Stellungen eingegraben mussten sie ohne wahres Ziel und ohne die Hoffnung auf einen Sieg Monate, ja sogar Jahre verbringen.“


Die Fronten verhärteten sich

Über einen Holzsteg gelangen wir in einen der Schützengräben von Verdun. Vier Meter hohe Wände aus Sandsäcken. Über uns fliegt ein Zeppelin. Der Steg führt über dunkle Erde, in der Stahlhelme, Kisten und Stiefel begraben liegen…

Die anfänglichen militärischen Erfolge der Mittelmächte fanden schnell ein Ende. „Die Fronten verhärteten sich, es folgte ein nervenaufreibender Stellungskrieg, der sich über Jahre in die Länge ziehen sollte.“ Tausende von Männern lebten fortan in Schützengräben, in denen Seuchen, Läuse und Ratten genauso zum tristen Alltag gehörten wie die ständige Lebensgefahr, Langeweile und Frustration.

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Nur wenige Schritte weiter gelangen wir in ein Militärkrankenhaus. Ärzte und Schwestern im Gesundheitswesen mussten mit Schusswunden, offenen Brüchen und zertrümmerten Gliedmaßen, Gasvergiftungen, Infektionskrankheiten und Seuchen gleichermaßen fertigwerden. Man hört das Gurren von Tauben, trampelnde Pferdehufe und Hundegebell. Neuartige Verletzungen und Krankheiten sollten auch zu einem Durchbruch im Umgang mit Epidemien, beim Verwundetentransport, bei der Ersten Hilfe und der Rehabilitierung von Patienten führen.


Kindheit im Krieg

In einer Ecke steht ein kleines Mädchen mit einer Gasmaske – eine der wohl emotionalsten Installationen der Ausstellung. In der Nähe steht eine Jesuskrippe, ganz so, als sei Gott noch nie so weit entfernt gewesen. Die Wände sind überschrieben mit den schriftlichen Zeugnissen von Soldaten: Worte und Gedanken an die Heimat, an die Liebsten, an ihre Frauen, Kinder und Mütter.

„Männer und Jungen mussten an die Front“, schreibt Mária Schmidt, „während es den Frauen oblag, die zurückgebliebene Familie zusammenzuhalten und sich um die Daheimgebliebenen zu kümmern.

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Weil sich der Stellungskrieg jedoch über Jahre in die Länge zog, mussten die Frauen auf immer mehr Gebieten die verwaisten Plätze der Männer einnehmen. So mussten die Frauen nunmehr auch in der Wirtschaft, auf den Feldern, im Geschäft oder Handwerksbetrieb und später in der Kriegsindustrie ihren Mann stehen.“


Pattsituation

Riesige Glocken liegen auf dem Boden umher. Soldaten sitzen in Zügen oder auf deren Dächern. Viele lächeln, als befänden sie sich auf einem angenehmen Sonntagsausflug. Das Rattern der fahrenden Züge führt uns direkt in einen unterirdischen Graben, meterhohe Wände, ein modriger Geruch, es ist dunkel, finster und schmutzig. Man hört den Einschlag von Granaten, und immer wieder fallen Schüsse… Eine einsame Gaslampe brennt…

„Bereits 1915 verhärteten sich die Fronten, womit der Ausbau von Schützengräben auf beiden Seiten seinen Anfang nahm, die mit dichten Stacheldrahtverhauen geschützt wurden, sich für die Verteidigung genauso wie für Angriffe eigneten und die sich in Tiefe wie Breite zu teilweise mehrstöckigen Stellungssystemen entwickelten. Die Schlachten bestanden aus mehrstündigem Trommelfeuer, gefolgt von Bajonettangriffen, die in ein sinnloses Gemetzel ausarteten. Für Raumgewinne von wenigen Metern wurden hunderttausende Menschenleben aufgeopfert. Das Kräftegleichgewicht an Menschen und Material führte zu einer anhaltenden Pattsituation.“So geht es von Raum zu Raum weiter. In vielen stehen Touchscreens zur Verfügung, mittels derer man sich gezielt über eine Vielzahl von Themen informieren kann. Immer im Vergleich: die Entente und die Mittelmächte – Krieg, Wirtschaft, militärische Stärke, Demographie, Frauen, Arbeitsmarkt, sexuelle Krankheiten, Ungarn vor und nach Trianon, historische Fakten, die für sich selbst sprechen.


Gräber, soweit das Auge reicht

Zum Ende des ersten Teils betreten wir einen Raum mit 27 Grabsteinen, alle ganz in Weiß, die sich durch die Spiegel rundherum bis in die Unendlichkeit vervielfältigen. Der Preis für die Geburt einer neuen Welt? Ein Zitat erinnert an die bittere Wahrheit, dass Ungarn, gerade als es eine relative Autonomie erlebte, die zu einer wirtschaftlichen, politischen und geistig-kulturellen Blüte führte, in einen Krieg hineingezogen wurde, den es nicht wollte und der nicht sein Krieg war.

Ein Krieg, der schließlich auch zu unbarmherzigen Friedensverträgen führte. „Im Frieden von Versailles verlor Deutschland 13 Prozent seiner Gebiete, woraufhin sein Landesterritorium von 540.000 auf 472.000 Quadratkilometer sank, sowie ein Zehntel der Bevölkerung. Das Land wurde zur Wiedergutmachung der verursachten Kriegsschäden in der astronomischen Summe von 132 Milliarden Goldmark gezwungen, die man bis 1988 zahlen sollte.“ Ungarn musste durch den Vertrag von Trianon sogar noch mehr bluten: das Land verlor zwei Drittel seines Territoriums. Rund drei Millionen Magyaren gerieten durch die Gebietsabtretungen unter die Oberhoheit fremder Staaten.


Die Warlords

Am Fuße des Treppenhauses sitzt die Kaiserin Sissi und blickt den Besucher ernst und traurig an. Die Stufen führen hinauf in die Vergangenheit in den zweiten Teil der Ausstellung: die Warlords – elf Staatschefs an einem runden Tisch sitzend. Jedem von ihnen ist ein Raum gewidmet: in dem man einiges über sie lernen kann, was sie übereinander dachten, wovor sie sich fürchteten, wovon sie träumten.


Der eiserne Vorhang fällt auf Mitteleuropa herab

Das zweite und letzte Stockwerk schließlich ist dem eigentlichen Beginn der neuen Welt gewidmet. Geboren auf den Trümmern der alten Zeit zeichnet sich der große Konflikt zwischen Kapitalismus und Kommunismus ab, zwischen Individualismus und Kollektivismus, zwischen den USA und der Sowjetunion. Der Boden bricht unter einem weg; jeder Schritt wird von knarrenden Geräuschen begleitet. Die Forderung von US-Präsident Wilson vom Selbstbestimmungsrecht der Nationen wird mit Füßen getreten. Der Völkerbund ist ein Kartenhaus. Und die Bolschewiken erscheinen als selbsternannte Erlöser und Retter der Welt auf der Bühne.


Geschichte zum Anfassen

Die ungarisch- und englischsprachige Ausstellung „Geburt einer neuen Welt“ behält das ungewöhnlich hohe Niveau bis in den letzten Winkel der Räumlichkeiten. Man sollte Zeit mitbringen, um in die Geschichte einzutauchen und zu erleben, wie auf dem Scherbenhaufen des Weltkriegs eine neue Ordnung entsteht. Dabei wird Mitteleuropa auf grausame Weise gedemütigt und in Stücke gerissen. Auf den Ruinen Mitteleuropas entsteht eine duale Welt, die nach einem erneuten Weltkrieg durch einen Eisernen Vorhang voneinander getrennt wird.

Die Ausstellung macht Schluss mit einer selbstgerechten, von der Siegerperspektive geprägten Sicht. Auf ungemein kreative und inspirierende Weise versucht sie, den Mittelmächten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sie ist äußerst informativ und erklärt dem aufmerksamen Besucher, was sich damals ereignet hat. Durch symbolträchtige Installationen versetzt sie den Betrachter in die damalige Welt. Durch eine Fülle an historischen Ereignissen ist sie von einer unglaublichen Tiefe und Komplexität. So ist sie ideal, um den Übergang von der alten Welt in eine neue mitzuerleben und damit zu verstehen.

Die Ausstellung ist von hoher künstlerischer Qualität und ein bedeutendes Zeitzeugnis der europäischen Zivilisation. Gleichzeitig trägt sie auch zum Verständnis des gegenwärtigen Ungarns bei. Sie hilft, die Freiheitsliebe der Ungarn und ihren unbedingten Willen zu verstehen, die stets gefährdete, so fragile Geschichte ihres Landes fortzuschreiben.


„Eine neue Welt wurde geboren – 1914-1922“

Dauerausstellung im Burggartenbasar (Várkertbazár)

1013 Budapest, Ybl Miklós tér 2-6

Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr

Tickets: 4.000 Ft und 2.000 Ft (ermäßigt)

Weitere Informationen auch auf Englisch: varkertbazar.hu/en/exhibitions/a-new-world-was-born

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