Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt, bekannt als Hitler-Stalin-Pakt, war ein auf zehn Jahre befristeter Vertrag zwischen der Sowjetunion und dem Deutschen Reich. Bei einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Polen und den Westmächten garantierte der Pakt dem Deutschen Reich die sowjetische Neutralität. Um diesem Pakt zu gedenken, lud das Danube-Institut, ein in Budapest beheimateter, transatlantischer „Think Tank“, fünf renommierte Historiker und Publizisten ein, die sich mit der Bedeutung und den Auswirkungen des Hitler-Stalin-Paktes befassen sollten.


Der lange Schatten des Hitler-Stalin-Paktes

Géza Jeszenszky, Ungarns erster Außenminister nach dem demokratischen Wandel, führte in die Konferenz ein. Dabei sprach er sich gegen die deterministische Geschichtsschreibung des Marxismus aus und betonte, dass der Pakt nicht unausweichlich gewesen sei. Heute müsse man seine Lektion daraus ziehen, worauf er auf die Notwendigkeit der NATO zu sprechen kam.

Anschließend sprach Andrew Roberts, ein angesehener britischer Historiker und Autor einer gefeierten Biographie über Winston Churchill, über die Grundzüge der Veranstaltung, wobei er seiner Überzeugung Ausdruck verlieh, Stalin sei aus rein ideologischen Gründen sicher gewesen, dass Hitler nicht angreifen würde.

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Historiker und Churchill-Biograph Andrew Roberts: „Stalin war sich aus rein ideologischen Gründen sicher, dass Hitler nicht angreifen würde.“ (Foto: Danube Institute / Tamás Schneider)


Nach ihm ergriff David Gress, ein dänischer Historiker und Autor des Buches „From Plato to Nato“ das Wort, um über die Auswirkungen des Paktes auf das damalige westliche und linke Denken zu diskutieren. Während auch die Kommunisten zunächst 18 Monate lang völlig verwirrt gewesen seien, sei man, so Gress, „regelrecht erleichtert“ gewesen, als Hitler die SU schließlich angriff. So sei alles „zurück zur Normalität gekehrt“.

Dann sprach der polnische Publizist Marek Matraszek. Er betonte die „katastrophalen Folgen“ des Paktes für Polen, der seinen „Schatten“ bis in die heutige Zeiten werfe. So könne man beispielsweise daraus ableiten, warum Polen gegen die Ostseepipeline „Nord Stream“ sei, die russisches Erdgas durch die Ostsee nach Deutschland transportiert.

Schließlich analysierte noch György Schöpflin, ehemals ungarischer EU-Abgeordneter und angesehener Politologe, wie der Pakt über viele Jahre hinweg die Zukunft Mittel- und Osteuropas bestimmt hat. Er ging dabei auf die Besetzung Ungarns zunächst durch die Deutsche Wehrmacht und anschließend durch die Sowjetunion, was zu einem großen „Trauma der Schwäche“ geführt habe.

Die Zusammenarbeit im Rahmen der Visegrád-Gruppe (V4), so Schöpflin, sei auch eine Reaktion auf diese Schwäche, zu der man heute entschieden „nein“ sage. Schöpflin betonte in diesem Zusammenhang, dass es überhaupt das erste Mal sei, dass die V4-Staaten Ungarn, Tschechien, Polen und die Slowakei eine gemeinsame Politik betreiben könnten.


Totalitäre Wesensverwandtschaft

Die Vortragenden vertraten die These, dass Faschismus, beziehungsweise Nationalsozialismus zwei „totalitäre“ Systeme darstellten, dass sie als „Twin Totalitarians“ wesensverwandt und in gleicher Weise menschenverachtend und verbrecherisch seien. In Bezug auf den deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag bestand der Grundtenor darin, dass er die Weichen für den Zweiten Weltkrieg gestellt habe. Implizit wurde der Sowjetunion damit in gleicher Weise die Schuld am Zweiten Weltkrieg gegeben.

Interessanterweise entsprachen die Vorträge im Danube-Institut einer Resolution des EU-Parlaments, die zum 80. Jahrestages des Beginns des Zweiten Weltkrieges erlassen worden ist. Darin heißt es unter Punkt zwei: „Das Europäische Parlament (…) betont, dass der Zweite Weltkrieg, der verheerendste Krieg in der Geschichte Europas, als unmittelbare Folge des auch als „Hitler-Stalin-Pakt“ bezeichneten berüchtigten Nichtangriffsvertrags zwischen dem nationalsozialistischen Deutschen Reich und der Sowjetunion vom 23. August 1939 und seiner geheimen Zusatzprotokolle ausbrach, in deren Rahmen die beiden gleichermaßen das Ziel der Welteroberung verfolgenden totalitären Regime Europa in zwei Einflussbereiche aufteilten.“


Ein blinder Fleck

Sowohl in der EU-Resolution als auch während der Veranstaltung des Danube-Instituts blieb der Umstand unerwähnt, dass Stalin – vor der unheilvollen Unterzeichnung – tatsächlich den Versuch unternahm, eine Anti-Hitler-Koalition mit Frankreich und Großbritannien zu schmieden. Diese wurde jedoch von den beiden Westmächten abgelehnt. So berichtet die britische Zeitung Daily Telegraph am 18. Oktober 2008, dass Stalin an die Briten und Franzosen ein Angebot übermittelt habe, etwa eine Millionen Sowjetsoldaten für ein gemeinsames Abwehrbündnis gegen Hitler bereitzustellen.

„Ein solches Abkommen“, so der Daily Telegraph weiter, „hätte den Lauf der Geschichte des 20. Jahrhunderts verändern können, indem es den Hitlerpakt mit Stalin verhindert hätte.“ Stattdessen sind London und Paris auf das Angebot jedoch nicht eingegangen. Kaum eine Woche später ist es dann zum Nichtangriffspakt zwischen der Sowjetunion und Nazideutschland gekommen. Es ist erstaunlich, dass man dieses Detail scheinbar für so unbedeutend hält, dass man es vollkommen unberücksichtigt lässt. Sollte sich an dieser Stelle nicht der Gedanke aufdrängen, dass die Schuldzuweisungen etwas einseitig sind? Und sollte man bei der Ursachenermittlung in Bezug auf den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nicht etwas vorsichtiger sein?


Kein vollständiges Bild

Irgendwann müsste man den Mut aufbringen, ein vollständigeres Bild der damaligen Geschehnisse anzustreben. Denn mit Einseitigkeiten ist Freiheit, Frieden und Demokratie wenig gedient. Ein nicht zu unterschätzender Faktor in der Beurteilung der Geschichte des Zweiten Weltkrieges könnte auch in dem liegen, was Thomas Mann, dem man nun wirklich nicht vorwerfen kann, Vorkämpfer des Kommunismus zu sein, schrieb: „In den Augen des konservativen Kapitalismus des Westens war der Faschismus schlechthin das Bollwerk gegen den Bolschewismus und gegen alles, was man darunter verstand.“

Siehe dazu auch unser Interview auf der folgenden Doppelseite.

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