Manchmal lacht einer und meint, es wäre wohl ein Spruch aus der kommunistischen Ära, so wie „Arbeit macht frei“ bei den Nazis. Die Antworten sind zumeist tragisch-komisch und hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack.


Nur ein freier Geist kann dem Menschen dienen

Dabei strahlte das bildungs- und wissenschaftspolitisch nach dem Vorbild der Pariser École Normale Supérieur geschaffene Kollegium jahrzehntelang diese von Desző Keresztury so prägnant formulierte Lebensphilosophie aus: diese Forderung nach einer absolut persönlichen und intellektuellen Unabhӓngigkeit, nach einem Leben, das ausschließlich nach dem Maßstab der edelsten Ideen gestaltet werden darf. Nachdenken, Argumentieren und Debattieren sollten in diesem Sinne jenseits der unmittelbaren politischen, wirtschaftlichen, ja sogar jenseits der persönlichen Interessen stehen oder zumindest auch das jeweils anders Denkende mit einbeziehen. Der Geist, oder wie wir heute sagen würden, der Intellekt, sollte frei von allem sein dürfen, was er wahrnimmt und zu verstehen glaubt, damit er überhaupt erst dem Menschen dienen kann.

Dies ist keine leere Floskel. Dieser Gedanke stammt auch nicht aus der Epoche der Aufklärung, sondern kam in der europäischen Renaissance auf. In jener Zeit bestand die Elite aus einem sehr kleinen Kreis von Klerus und Adel und jenen Gelehrten aus diesen beiden Ständen, deren Denken an den Fakultäten geschult wurde: Logik, Kasuistik, Patristik und Theologie rangen um die feinsten Begrifflichkeiten des Denkens und unterschieden zwischen „Verstand“ und „Geist“. Beides würden wir heute zusammenfassend als „Intellekt“ bezeichnen. Der Verstand, so die Vorstellung damals, ordnet die unmittelbaren konkreten Sinneseindrücke. Der Geist sucht im systematischen Nachdenken darüber eine ihm wahr erscheinende Bedeutung. Und dieser Erkenntnisfluss zwischen Wahrnehmen und Nachdenken sollte nicht starr sein, er sollte nichts Unveränderbares produzieren. Er hat sich zu bewegen, sich den vielfältigsten Veränderungen, neuen Fragen und Aspekten zu stellen, denn erstarrt er erst einmal, ist er außerstande, den Wandel in der Welt wahrzunehmen und neu zu bewerten. Und dann kann der Erkenntnisfluss dem Menschen nicht mehr dienen, da er nicht mehr frei ist.


Vorgefertigte schnelle Wahrheiten

Es ist schon frappierend, wie genau man in der Renaissance die Gefahr des unbeweglichen Denkens erkannt hat und dass selbst der ungarische Dichter und Politiker Desző Keresztury sich noch in der zweiten Hӓlfte des 20. Jahrhunderts darauf beruft. Heute ist dieses Wissen jedoch verloren gegangen. Jedwede Form von Erkennen, ja selbst das Lernen sind zu einem nicht mehr umkehrbaren, fest umrissenen und inhaltlich klar definierten Konsumgut geworden, eingebettet in eine mediale Rundumversorgung, die den Bürgern mit ihren Tablets, Laptops, Smartphones, Computern und Fernsehern ohne Unterbrechung vorgefertigte schnelle Wahrheiten liefert, was sowohl das eigene Wahrnehmen, als auch das eigene, nicht mehr geschulte Nachdenken überflüssig macht.

Wie einfach so etwas funktioniert, war besonders in diesem Sommer zu beobachten. Alle Medien bewegten sich wie abgesprochen in ein und demselben Themenkreis: Migration, Flucht, Rassismus. So wurde in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift GEO-Epoche unter dem Untertitel „Die Welt im Griff Europas“ ausführlich die schreckliche Zeit des europäischen Kolonialismus thematisiert. Erstaunlich, weshalb dieses Thema gerade in diesem Sommer aufgegriffen wurde, zumal Deutschland wohl kaum als bedeutende Kolonialmacht bezeichnet werden kann. Immerhin erlaubt eine solche Veröffentlichung das schlechte Gewissen der Europäer und ganz besonders der Deutschen wach zu halten.


Manipulation der Wirklichkeit

Das Wiener Leopoldmuseum hatte bis zum 8. Juli eine Ausstellung zu Oskar Kokoschka organisiert, unter dem Titel: „Oskar Kokoschka, Expressionist, Migrant, Europäer.“ Es ist dabei wohl kein Zufall, dass hier der Begriff Emigrant durch „Migrant“ ersetzt wurde. Ersterer bezeichnet die Emigrationen jüdischer und deutscher Intellektueller in der Zeit zwischen 1933 und 1945, während „Migrant“, für die aus den nicht-europäischen Ländern stammenden, häufig illegalen Einwanderer steht. Diese Vermischung der beiden Begriffe soll wohl dem Leser eine vermeintliche Schicksalsgemeinschaft zwischen diesen beiden Gruppen nahelegen.

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Philosoph Alain Finkielkraut warnt vor einer „Niederlage des Denkens“. (Foto: Wikipedia)


In der Ausgabe 4/2019 von Spiegel Geschichte, in der es um das Jüdische Leben in Deutschland ging, musste unter anderem auch die Jüdin Jutta Ruhemann warnend den Zeigefinger erheben: „Ich habe Angst“, sagt sie auf Seite 90. „Hier haben 17 Prozent AfD gewählt und (…) neulich hat mich eine Frau gefragt, warum ich ausländischen Kindern Deutschunterricht gebe, wo die doch eh so schnell wie möglich abgeschoben gehörten. So geht’s los!“ Dabei ist der in Deutschland wieder aufflammende Antisemitismus bewiesenermaßen muslimischer Provenienz und hat weder etwas mit der AfD, noch mit der Aversion einiger Deutscher gegenüber Migranten zu tun. Darum bleibt eben unklar, wovor Jutta Ruhemann tatsächlich Angst haben muss.

Selbst das ZDF bemühte sich in diesem Sommer in seinem Fernsehfilm „Stunden der Entscheidung“ um das Thema „Flüchtlinge“, geprägt von dem strahlenden Humanismus einer Angela Merkel, gespickt mit falschen Tatsachen und einem vollkommen verzerrten Bild vom bösen Ungarn. Obwohl der Drehbuchautor und die Journalisten, die an diesem Film mitgewirkt haben, vorgaben, alles „akribisch mitverfolgt und protokolliert“ zu haben, wurden Daten verwechselt und tatsächlich stattgefundene Ereignisse einfach umgeschrieben.

Und pünktlich vor Ferienende erschien das kleine Opus „Sag was“, eine pädagogische Anleitung für Schüler, „radikal höflich gegen Rechtspopulismus“ zu argumentieren. Auch in diesem kleinen Büchlein gibt es nur eine einzige legitime Einstellung, sowie eine fest umrissene kollektive Moral. Man stützt sich auf angeblich rechtspopulistische Sprachbilder, wie dem Begriff „Flüchtlingsflut“, „Grenzen schützen“ „Islamismus und Terror“ und so kann man lesen: „Rechtspopulisten setzen die Felder innere Sicherheit und soziale Ungleichheit als Rahmen für das Thema Flucht und Asyl. Dies vernachlässigt aber das Schutzbedürfnis von Menschen in Not.“ Und weiter: „Wer also zusammenpasst und wer nicht, das wird nicht von der religiösen Zugehörigkeit bestimmt. Mit meiner muslimischen Kollegin zum Beispiel habe ich vermutlich mehr gemeinsam als mit dem Chef der deutschen Bank.“ Auf rund 78 Seiten soll Schülern nun beigebracht werden, den falschen Vorstellungen der sogenannten Rechtspopulisten argumentativ zu begegnen.


Differenziertes Denken wird systematisch nivelliert

Sicherlich ist es richtig, dass man sich seine Freunde nicht nach der Konfession aussucht und selbstverständlich gibt es auf der Welt viele wunderbare Menschen. Natürlich hat die Mehrheit der Muslime auch nichts mit Terrorismus zu tun, aber die Geschichte der Diktaturen zeigt deutlich: es reicht eine Minderheit an Fanatikern und Ideologen, um eine Mehrheit zu beherrschen und zu terrorisieren. Von daher sollte man vielleicht doch besser kontrollieren, wen man sich ins Land holt. Natürlich gehört es zu den Grundwerten des heutigen Europas, Flüchtlingen in Not zu helfen, diese aufzunehmen und zu unterstützen. Aber es gibt Fassungskapazitäten, die nicht überschritten werden dürfen, wenn man die Gesellschaften stabil halten will.

Nun geht es im Grunde aber weder um Inhalt, noch um persönliche Überzeugung, es geht lediglich darum, dass im Rahmen der Migrationsthematik differenziertes Denken systematisch nivelliert wird und zwar durch ein aktives und absichtliches Angleichen und Übertragen von Bedeutungen, die nicht zusammengehören. Dadurch entsteht eine Ideologie, nämlich die der perfekten Wahrheit des einzig Guten, zu der alle Menschen getrieben werden sollen. Aktivitäten, die diesem Guten nichts nutzen, müssen dagegen eliminiert werden. An oberster Stelle steht Aktivität Nummer 1: Fragen. Präzise Fragen nach der Sicherheit in den Aufnahmeländern, ebenso wie Fragen nach Finanzierbarkeit und Logistik sind moralisch verboten, wodurch wir zumindest in diesem Themenbereich uns dem annähern, was der Philosoph Karl Popper eine „totalitäre Demokratie“ nannte.

Wie konnte es dazu kommen? Wieso darf es Nachdenken, Kritisieren und Infrage-stellen plötzlich nicht mehr geben?


Deintellektualisierung

Es ist der französische Philosoph Alain Finkielkraut, der bereits 1987 in seinem Buch „Die Niederlage des Denkens“ hierzu eine plausible Erklärung anzubieten hatte, damals noch in Form einer Prophezeiung. Er sah eine Entwicklung voraus, die erst Ende der neunziger Jahre die Medien und die Bildungsanstalten ergriff.

Kommunikation und Lehre verwandelten sich in diesen Tagen in pure Unterhaltung. Mit einem Mal galt jeder Witz, jede Schnapsidee, jeder Aufschrei und jedwedes verbale Anderssein als originelle Provokation und damit bereits als kritisches Denken. Stars und Sternchen saßen plötzlich in Talkshows neben Politikern und Wissenschaftlern. Musikproduktionen auf YouTube entsprachen von da an in ihrem künstlerischen Wert Kompositionen eines Bach oder Mozart. Intellektuelle Themen mussten im Hörfunk wie im Fernsehen fortan „heruntergebrochen“ und dem Hörer, Leser oder Zuschauer möglichst leicht verständlich vermittelt werden.

Das Genießen an sich wurde somit zu Bildung und bewegt seither alles auf einer immer gleichen Ebene. Die Folge dessen ist, dass mittlerweile auch Quoten orientierte Erzeugnisse als „Kulturgut“ gelten und, viel wichtiger, dass die Kommunikation auf dieser „heruntergebrochenen Ebene“ kein Instrument mehr zur geistigen Befreiung aus dem Griff der Zeit ist. Präzision und Unterscheidung werden als nutzlose „akademische“ Details zur Seite geschoben. Was zählt, sind „Fakten“ und der große Bogen.


„Gegenrenaissance des 21. Jahrhunderts“

Alain Finkielkraut nannte diese Entwicklung die „Gegenrenaissance des 21. Jahrhunderts“. Dafür verantwortlich machte er das postmoderne Denken und den in den siebziger Jahren einsetzenden Kulturrelativismus, den Vorreiter des Multikulturalismus. Dieser Kulturrelativismus begann als Antikolonialismus, dessen Ziel die Unabhängigkeit anderer Völker war. Sein berühmtester Vertreter war der französische Anthropologe Claude Lévy-Strauss, der im Auftrag der UNO postulierte, dass die europäische vernünftig-kognitive Kultur den indigenen, naturangepassten Kulturen keineswegs überlegen sei.

Eine Idee, die in den Jahrzehnten des Wirtschaftswachstums und der Hippie-Bewegung großen Anklang fand, die aber, so Finkielkraut, nicht einzuschätzende politische Konsequenzen hatte. Denn ganz unbemerkt bildete diese eigentlich gut gemeinte Vorstellung zusammen mit der Kommerzialisierung von Kulturgut die Grundlage für eine Relativierung jedwedes vernunftbetonten Denkens als etwas rein „europäisches“. Und was nur relativ gültig ist, hat keinen universellen Wert mehr. Was wurde stattdessen universell? Die Vorstellung, dass alles und alle „gleich“ sind.

Diese Betrachtungsweise ist sicher nachdenkenswert.



Zitierte Publikationen:

  • Alain Finkielkraut, La défaite de la pensée, Folio, Gallimard, Paris 1987

Auf Deutsch: Die Niederlage des Denkens, rororo, Frankfurt 1997

  • Spiegel Geschichte, cf: SPIEGEL GESCHICHTE 4/2019 „Jüdisches Leben in Deutschland“, Einzelheft-Magazin – 30. Juli 2019
  • GEO Epoche, Der Kolonialismus, Die Welt im Griff Europas, September 2019
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