In der Kategorie „Fortwährende Vergangenheit“ präsentiert das Sehenswert-Filmfestival dieses Jahr drei historische Filme: Andreas Dresens „Gundermann“, die Verfilmung des österreichischen Bestsellers „Der Trafikant“ und den neuen Film von Florian Henckel von Donnersmarck „Werk ohne Autor“. Gundermann ist dabei zweifelsohne einer der Höhepunkte des gesamten Festivals.

Er erzählt die Lebensgeschichte der Ostlegende Gerhard Gundermann (1955-1998), der als singender Baggerfahrer und als Sprachrohr der Menschen im Lausitzer Braunkohlerevier in die Geschichte eingegangen ist. Regisseur Andreas Dresen trifft in seiner Verfilmung des Leben des bemerkenswerten Rockpoeten die feinen Zwischentöne und zeigt, dass man auch differenzierte Filme über die DDR drehen kann.

Nach filmischen Meisterwerken wie „Stilles Land“, „Halbe Treppe“ oder der tragikomischen Dokumentation „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“, trägt auch dieser Film die eindeutige Handschrift des Regisseurs, der auf berührende, komische, unprätentiöse und unverstellte Art die Absurditäten des alltäglichen Lebens und die damit verbundenen Konflikte zu erzählen vermag.

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ZUM FILM

GUNDERMANN erzählt von einem Baggerfahrer, der Lieder schreibt. Der ein Poet ist, ein Clown und ein Idealist. Der träumt und hofft und liebt und kämpft. Ein Spitzel, der bespitzelt wird. Ein Weltverbesserer, der es nicht besser weiß. Ein Zerrissener. GUNDERMANN ist Liebes- und Musikfilm, Drama über Schuld und Verstrickung, eine Geschichte vom Verdrängen und Sich-Stellen. GUNDERMANN ist ein Film über Heimat. Er blickt noch einmal neu auf ein verschwundenes Land. Es ist nicht zu spät dafür. Es ist an der Zeit.

Mit feinem Gespür, Zärtlichkeit und Humor wirft Regisseur Andreas Dresen in GUNDERMANN einen Blick auf das Leben von Gerhard „Gundi“ Gundermann, einem der prägendsten Künstler der Nachwendezeit. Er starb 1998, mit gerade einmal 43 Jahren. Das Drehbuch stammt von Laila Stieler. Die Hauptrolle spielt Alexander Scheer, der alle Lieder im Film selbst eingesungen hat. Anna Unterberger steht als seine Frau Conny Gundermann vor der Kamera. In weiteren Rollen sind unter anderem Axel Prahl, Thorsten Merten, Bjarne Mädel, Milan Peschel, Kathrin Angerer und Peter Sodann zu sehen.

Hollywood oder Hoyerswerda?

Bis auf „Goodbye Lenin“ und „Sonnenallee“ standen in der Tat sehr viele Filme über die DDR in den letzten 20 Jahren in der Kritik, das Leben im Osten sehr einseitig darzustellen – kaum einer von ihnen stammte übrigens von ostdeutschen Regisseuren. Donnersmarcks Film „Das Leben der Anderen“ brachte es international zu großem Ansehen und wird mittlerweile sogar in Schulen vorgeführt, damit die Schüler ein authentisches Bild von der DDR bekommen. Doch er spaltete auch das Publikum. Gundermann-Regisseur Dresen ist der Ansicht, dass der Film zwar ein gut gemachter Thriller sei, mit der DDR jedoch soviel zu tun habe, wie „Hollywood mit Hoyerswerda“. Oft sehe man einen „falschen Kino-Osten“.

Die Premiere von „Das Leben der Anderen“ (2006) gab Dresen deswegen auch den Anstoß, selber einen Film über die DDR zu drehen. Denn „wenn einem die Bilder der anderen nicht passen, dann muss man eben selbst welche dagegensetzen“. Gemeinsam mit Drehbuchautorin Laila Stieler und in enger Zusammenarbeit mit Conny Gundermann, der Witwe des früh verstorbenen Haupthelden, wagten sie sich an die Lebensgeschichte des Rockpoeten und „Maschinisten für Tagebaugroßgeräte“.

Conny Gundermann brachte Dresen dabei vollstes Vertrauen entgegen: „Ich hatte das Gefühl: Der verletzt meinen Gundi nicht, der liebt den auch.“ Im Gegensatz zu Donnermarcks „Werk ohne Autor“, der insbesondere von seiner Inspirationsquelle Gerhard Richter viel Kritik erntete. Der Dresdener Maler hegt große Abneigung gegen den Film und den Regisseur, verbot ihm seine Werktitel und seinen Namen zu benutzen, da Donnersmarck seine „Biografie missbrauche und übel verzerre“.



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Conny Gundermann: „Ich wünsche mir, dass seine Lieder auch uns überdauern.“

Zehn Jahre musste Dresen für sein Projekt kämpfen, für das sich anfangs keine Produktionsfirma begeistern wollte. Für die einen habe Gundermann im Drehbuch für seine Stasi-Tätigkeiten nicht genug Reue gezeigt, andere wiederum hätten gefragt: Wer ist eigentlich Gundermann? Am 23. August 2018 kam „Gundermann“ schließlich in die deutschen Kinos und wurde zu einem der Publikumslieblinge des letzten Jahres.

Die deutsche Filmakademie zeichnete ihn gleich in sechs Kategorien aus und kürte ihn damit zum erfolgreichsten Wettbewerbsbeitrag. Für seine glänzende Verkörperung des Gundermann gewann Alexander Scheer, der manchen noch aus der „Sonnenallee“ bekannt sein dürfte, die Herzen der Kritiker und auch Auszeichnungen wie den Bayrischen Filmpreis. Außerdem touren Hauptdarsteller Scheer und Regisseur Dresen mit Band durch Deutschland, um die Lieder auch in Konzerten darzubieten.

Gras

als wir endlich gross genug warn

nahmen wir unsre schuh

die bemalte kinderzimmertür

fiel hinter uns zu

vater gab uns seinen mantel

und seinen blauen hut

mutter gab uns ihre tränen und

machte uns ein zuckerbrot


immer wieder wächst das gras

wild und hoch und grün

bis die sensen ohne hass

ihre kreise ziehn

immer wieder wächst das gras

klammert all die wunden zu

manchmal stark und manchmal blass

so wie ich und du


als wir endlich alt genug warn

stopften wir sie in den schrank

die allzuoft geflickten flügel

und gott sagte gott sei dank

und nachts macht diese stadt

über uns die luken dicht

und wer den kopp zu weit oben hat

der findt seine ruhe nicht


immer wieder wächst des gras.

Liedtext: Gerhard Gundermann, Album: Einsame Spitze, 1992

Mehr intelligente Filme über den Osten!

Gundermann selbst war auch ein unkonventioneller, ehrlicher und interessanter Denker, dessen Gedankengut auch heute noch inspirierend sein kann, wie im Buch „Gerhard Gundermann: Rockpoet und Baggerfahrer – Gespräche mit Hans-Dieter Schütt“ klar wird. Für alle, die ihn kannten und gerade für jene, die seine Lieder noch nicht kennen, ist dieser Film ein absolutes Muss. Wünschenswert sind mehr solch intelligenter Filme über den Osten.

Man darf hoffen, dass es auch Andreas Goldsteins Spielfilmdebüt „Adam und Evelyn“ (2019) demnächst nach Ungarn schafft. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Ingo Schulze über eine Flucht aus der DDR und spielt größtenteils in Ungarn 1989. Diese Zeit, in der Ungarn und Ostdeutschland über eine sehr besondere und vielschichtige Beziehung verfügten, erzählt der Film auf ganz eigene, poetische Weise.


Gundermann-Vorstellungen: 27. September und 3. Oktober, jeweils 20 Uhr

Művész Mozi,VI. Bezirk, Teréz körút 30.

Die Musik zum Gundermann-Film ist auf CD und LP beim Buschfunk-Verlag erhältlich. Das Buch zum Film können Sie beim Ch. Links Verlag erwerben.

Das Sehenswert- / Szemrevaló-Filmfestival findet vom 26. September bis zum 6. Oktober in Budapest statt. Weitere Veranstaltungsorte sind Debrecen, Pécs und Szeged. Organisiert wird die Veranstaltung durch das Goethe-Institut Ungarn, das Österreichische Kulturforum und die Schweizerische Botschaft.

Für alle Filme gibt es Tickets zum Preis von 1.200 Forint auf: artmozi.hu.

Weitere Informationen auf: www.szemrevalofesztival.hu

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